Dritter Anlauf Corneliusstraße

Spundwand soll nun auch Bäume in Mitte erlösen

Ortstermin Corneliusstraße

Ortstermin Corneliusstraße

Endgültig ist das Eis geschmolzen, alle Zeichen deuten auf Frühling, und so wird denn nach dem Abschluss der Baustelleneinrichtung am heutigen Montag der nunmehr dritte Anlauf unternommen, um auch die Verspundung entlang der Corneliusstraße in Mitte zu Ende zu bringen, auf dass nach erfolgter wasserseitiger Sicherung der maroden Uferbefestigung und nunmehr immerhin drei Wachstumsperioden auch noch die letzten Bäume von den „Brockelmännern“, jenen acht Tonnen schweren Betonwürfeln mitsamt dem Geschirr aus Balken und Bandagen befreit werden können. − Welche Lebenserwartung die aus ästhetischen Gründen ohnehin kandelaberartig und seinerzeit vorauseilend noch weiter als nötig zurückgeschnittenen Kastanien nach diesem Langzeitexperiment noch haben, bleibt abzuwarten. Auch die AnwohnerInnen werden sich freuen,  auf der von ihnen finanzierten Promenade in absehbarer Zeit wieder flanieren zu können.

Ein Hindernislauf

2008 war, wie vielleicht noch erinnerlich, herkömmliches Verpressen wie auch Einrammen der über zehn Meter langen Stahlbohlen sieben bzw. sechs Meter tief in die Kanalsohle an „Linsen“ oder doch eher ganzen Flözen von besonders hartem Sediment und Geschiebemergel gescheitert. Die Modifizierung der Planung, um in zwei Arbeitsschritten mit verrohrtem Bohren fortzufahren, war schließlich aufgegeben worden, auch nachdem von BürgerInnenseite beharrlich, nachdrücklich und immer wieder auf ein innovatives Verfahren, nämlich das von der japanischen Firma GIKEN entwickelte Verpressen mit integrierter Bohrschnecke durch ein High-Tech-Gerät namens Crush Piler ins Spiel gebracht worden war.

Mit streckenweise unterschiedlich weit aus dem Wasser ragenden rostenden Bohlen blieb die Baustelle zwei Jahre hindurch liegen und selbst die dünnste Kastanien korsettiert, denn 2009 hatte das WSA auch noch eine beschränkte Ausschreibung wegen nicht nachvollziehbarer Preiskalkulationen der um eine Angebotsabgabe ersuchten fünf örtlichen Baufirmen förmlich wieder aufheben und 2010 die Verspundung erneut und europaweit ausschreiben müssen, nachdem es sich leider wettbewerbsrechtlich als nicht machbar erwiesen hatte, den im Frühjahr 2010 auf einer 50m-Strecke am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer erfolgreich getesteten Crush Piler einfach an die Corneliusstraße umzusetzen und dort weiterpressen zu lassen.

Den Auftrag, mit integrierter Bohrhilfe zu verspunden, hatte schließlich die Firma Johann Bunte GmbH erhalten und auch noch im Herbst letzten Jahres mit GIKENs Crush Piler losgelegt, doch nach relativ problemlos bewältigter „Aufständerung“ der zur Erleichterung der Einbringung zweigeteilten Bohlen, sprich: dem Anschweißen des jeweiligen Teilstücks, und der Absolvierung des Abschnitts A nahe Herkulesbrücke konnte der Crush Piler im Abschnitt B, dem 34 Meter langen Bereich der unterschiedlich tief eingebrachten Bohlen, nur einen Teilerfolg erzielen.

Wie GIKEN-Vertreter, Dr. Naji al Arja, anlässlich eines Ortstermin bei frostiger Kälte am vergangenen Dienstag, 1. März, der aus VertreterInnen der WSA-Arbeitsgruppe LWK, des Bezirksamts Mitte, von BI/Verein BaL, AnwohnerInnen und dem Mediationsteam frisch formierten AG Pilotprojekt Corneliusstraße sowie Dr. Mittag vom Ingenieurbüro GuD Consult nochmals erläuterten, war bei der Arbeit im Bestand wegen der infolge vergeblicher Press- und Rammversuche deformierten Bohlen und der deswegen hohen Schlossreibung nach zwei Metern Schicht, wo deren vier erforderlich gewesen wären. Der beim Einpressen die Reaktionskräfte nutzende Piler hätte, statt die aufgeständerte neue Bohle in die Tiefe zu treiben, durch die notwendigen übermäßigen Kräfte vielmehr die Bohle, auf der er „sitzt“, herausgezogen, um anschließend mit ihr im Kanal zu versinken. − Die Arbeiten mussten abgebrochen werden, auch weil wegen des plötzlichen starken Kälteeinbruchs und drohender Vereisung Bunte ihr Equipment schleunigst bergen musste.

GuD Consult hat nun mit den Bäumen als Bäumen Statik neu berechnet

Ortstermin Corneliusstraße

Ortstermin Corneliusstraße

Die modifizierte Ausführungsplanung des Ingenieurbüros GuD für die rund zweihundert Meter lange Strecke führte zunächst auf die Option [siehe ebenfalls hier], zumal vor dem 34m-Abschnitt mit den ungenügend eingebrachten Bohlen in Richtung Fahrrinne eine neue Spundwand vorzupressen, bei späterem Abbrennen der vorher eingebrachten Bohlen knapp über der Sohle − allerdings mit der Notwendigkeit einer weiteren Kampfmittelsondierung entlang der neuen Trasse, zusätzlichen statischen Problemen und solchen für den Schiffsverkehr −, doch insbesondere dank der Daten aus den geophysikalischen Untersuchungen Professor Weihs’ von der Göttinger HAWK zum Wurzelverlauf auch einiger Cornelius-Kastanien konnte das Ingenieurbüro die Verkehrslastannahmen zum Uferbaumbestand modifizieren, und zwar weg von der Annahme einer „Punktlast des Containerbaums“ hin zum „Akzeptieren des Baums als Baum“, wie es Dr. Mittag von GuD ausdrückte.

Niedrigere Verfüllung + geringere Lastannahmen = kürzere Bohlen

Die neue Statik aber erlaubt nun zur Sicherung des sog. Großen Gleitkreises zunächst eine geringere Höhe der Kiessand-Verfüllung des Raums zwischen maroder Ufer- und Spundwand, muss nur noch bis zur Ziegelflachschicht und nicht mehr über die Wasseroberfläche reichen (so dass auch kein Strand entsteht wie seinerzeit am Tempelhofer Ufer), sondern nur bis zur Höhe der nach Auflage des Denkmalschutzes ca. neunzig Zentimeter unter Wasser abzubrennenden Spundwand. Der sog. Kleine Gleitkreis kann dann durch Ertüchtigung der teilweise ausgewaschenen Ziegelflachschicht und Herstellen des verlorenen kraftschlüssigen Verbunds gesichert werden.

Durch die niedrigere Hinterfüllung aber verringert sich auch ihr Druck auf die Spundwand und damit die Hebelwirkung, weshalb die Einbringtiefe um just jene zwei Meter reduziert werden kann, woran der Crush Piler gescheitert ist, kurz: es bedarf keiner neuen Spundwand, die Bohlen brauchen nicht mehr 10,13 m, sondern nur noch acht Meter (7,81 m) lang zu sein, fünf Meter tief in die Kanalsohle getrieben und die schon teilweise eingebrachten nur noch um zwei Meter aufgeständert zu werden.

Am problematischen mittleren Abschnitt kann somit ab dem morgigen Dienstag, wenn Buntes Baustelleneinrichtung steht, weitergearbeitet werden. Und auf der Neubaustrecke, dem Abschnitt C, in Richtung Corneliusbrücke, der sich infolge eines neu entdeckten Einlaufbauwerks auch noch um einige Meter verkürzt hat, sollte es für den Crush Piler keine Probleme geben. − Professor Weihs hat den Auftrag, nun anhand der neuen Berechnungen von GuD und seinen eigenen Daten zu Einzelbäumen die konkrete statische Unbedenklichkeit zu attestieren, was generalisierend eben nicht möglich sei.

Pilotprojekt gemäß Forumsbeschluss fertigrechnen!

Spundwand Corneliusstraße

Spundwand Corneliusstraße

Eine Bürgervertreterin erinnerte daran, dass, nachdem nun die Fertigstellung des Unterwasserbereichs in greifbare Nähe gerückt sei, auch die Berechnungen für das eigentliche Denkmal oberhalb der Wasserlinie fertig zu stellen mit dem Ziel, die vor exakt zwei Jahren vom Forum beschlossene In-situ-Sanierung des Pilotprojekts zu planen, die ja „mit kleinem Besteck“ während laufender Schifffahrt, also der Sommersaison möglich ist − all dies nicht zuletzt mit Blick auf die Herleitung des SOLLs für die Entwicklung der Konzeption E-HU.

Dafür* hat GuD laut der Leiterin der AG LWK, Frau Dr. Ernst, auch bereits den Auftrag, doch die Mittel für die Ausführungsplanung zur Sicherung auch des Kleinen Gleitkreises, also des Überwasserbereichs, auf der 370 plus 50 Meter Pilotstrecke müssten aus verwaltungsrechtlichen Gründen neu beantragt werden. − Die Gebrauchstauglichkeit fürs Herkulesufer und die Abschnitte in Kreuzberg sei im Übrigen bereits gegeben und nach der wasserseitigen Sicherung mit kleinen Einschränkungen auch für die Corneliusstraße.

Zehn Doppelbohlen stehen im Abschnitt B noch aus, da ja wegen der Staffelrammung nur jede zweite aufgeständert werden muss. Dr. al Arja veranschlagt dafür zwei Wochen und weitere zwei für die Neubaustrecke, so dass die Verspundung noch vor Ostern fertiggestellt werden könne. Sobald dann noch hinterfüllt ist, kann voraussichtlich gegen Ende April die Baumsicherung endlich abgebaut werden – höchste Zeit angesichts des Beginns der Vegetationsperiode! Für den Fall, das ihm die Daten zu Bodenaufschlüssen und Uferbaumbestand übermittelt werden, hat Dr. al Arja angeboten, eine vorläufige Einschätzung hinsichtlich der einzukalkulierenden technischen Randbedingungen abzugeben.


*[Nachtrag: sowie für den Standsicherheitsnachweis bei unterschiedlichen Böschungshöhen in den sechs Abschnitten mit den gesicherten Bäumen und ihren nunmehr modifizierten Verkehrslastannahmen]

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