Pilotprojekt Schwimminsel im Landwehrkanal

Schirmherr*innen dringend gesucht!

Alles stellte sich mal wieder als Missverständnis heraus, aber bis es gehoben war, dauerte es ein Weilchen. — Als uns ein Tag vor Heiligabend aus dem Wasserstr.- und Schifffahrtsamt Spree-Havel (im folgenden WSA) unverhofft die Nachricht vom Pilotprojekt einer Schwimminsel in Kreuzbergs Urbanhafen erreichte – mit Ortstermin schon am 12.1. auf der Kreuzberger Admiralbrücke –, hielten wir die Sache für eine besondere Weihnachtsüberraschung.

Ortstermin des Expertkenkreises 'Zukunft Landwehrkanal'
Admiralbrücken-Treff am 12. Januar 2021

Ein solcher Vorschlag war ja immer wieder vorgebracht, doch aus verschiedenen Gründen stets abgelehnt worden: der Urbanhafen werde während der Instandsetzung als Bauhafen gebraucht; im „Studentenbad“ käme eine Insel der Schifffahrt ins Gehege.

Wieso also auf einmal doch eine künstliche Insel im Urbanhafen? Der kürzlich (leider nur befristet) eingestellte Umweltingenieur des WSA, Adrian Wagner, hatte zudem noch eigene Überlegungen zu weiteren Trittsteinen entlang des Landwehrkanals (LWK) angestellt und damit für einige Verwirrung gesorgt, denn fünf Projekte waren 2012 mit hochkarätiger fachlicher Unterstützung konkretisiert worden und sowohl Teil der genehmigten Haushaltsunterlage, der von allen Behörden und Stakeholdern unterzeichneten Mediationsvereinbarung von 2013 als auch des Unterhaltungsplans LWK von 2017. — Sollte, anstatt endlich loszulegen, das Ross noch mal neu aufzäumt werden?

Angesichts des schmalen Budgets von 1,5 Mio. € für Ökologie (bei 70 Mio. für die Sanierung) käme ohnehin nur die Realisierung von zwei bis drei der Kette ökologischer „Perlen“ in Betracht, und alles hat doch stark den Anschein, als würde die Sache sogar auf nur einen einzigen „Trittstein“ schrumpfen, nämlich die Anlage einer Flachwasserzone am Müller-Breslau-Ufer in Charlottenburg, was extra aus dem demnächst beginnenden Planfeststellungsverfahren herausgelöst werden muss, da sie sich im Bereich der instandzusetzenden denkmalgeschützten Regelbauweise befindet. Die Sanierung muss hier also vorausgehen, was bei allen anderen Vorschlägen peinlichst zu vermeiden versucht worden war. (Für die in diesem Jahr angekündigte Umsetzung wird inzwischen übrigens 2022 genannt.)

Floating Ecosystem by Biomatrix Water

Ein windiger Ortstermin

Trotz Wind, Wetter und Corona-Auflagen versammelten sich tatsächlich insgesamt 18 Personen auf der Admiralbrücke: Vertreter*innen von WSA, SenUVK, Bezirken und Naturschutzverbänden sowie Kleinreeder und Anwohner*innen. Anschauungsmaterial einer schottischen Firma namens Biomatrix Water waren uns kurz vorher zugegangen, das aus dem eher hochpreisigen Segment zu stammen scheint.

Manfred Krauß vom BUND drang auf ein wissenschaftliches Monitoring, da auch die Wirkung der Installation nach unten, also auf Makrozoobenthos und Fischfauna beobachtet werden müsse, worin ihm viele der Anwesenden lebhaft beipflichteten. Der Herr vom NABU erklärte, dass schwimmende Inseln und Vogelschutz ein alter Hut seien und erkundigte sich nach der besonderen Zielsetzung dieses Projekts.

Ziel des Projekts

Umweltingenieur Wagner konnte zum Fachlichen in diesem Stadium nur wenige Angaben machen: dass die Insel aus miteinander verbundenen Kokosmatten bestünden, mit heimischen Röhrichtpflanzen bestückt werden sollte und während der Anwachsphase zeltartig eingezäunt werden müsse, damit Schwäne und anderes Geflügel das Ausgebrachte nicht umgehend wieder vertilgten. Die Insel würde in einigem Abstand vom Ufer frei schwimmen, dabei aber an Stahlseilen in der Sohle verankert, und solle der Bereicherung der Artenvielfalt dienen, wobei er von Insekten sprach.

Diese, etwa Libellen, nutzen nach unserer Kenntnis Röhricht zwar als Überwinterungs- und Reproduktionshabitat. Wichtig aber ist ein solcher Lebensraum natürlich auch für Vögel als Nahrungsquelle und Brutgelegenheit sowie unter der Wasserlinie für die Reproduktion der Fischfauna, weshalb auch die Unterseite strukturiert sein müsse. Auch im Hinblick auf die Wasserqualität wirken Röhrichtpflanzugen als natürliche Kläranlage, aber diese eine Test-Insel ist lt. Wagner selbstverständlich kaum ein Tropfen auf den heißen Stein.

Antje Köhler, mit Matthias Rehfeld-Klein bei SenUVK u.a. für die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie (EU-WRRL) in Berlin zuständig, kann inzwischen auf eine zwanzigjährige Erfahrung mit Schwimminseln zurückblicken, in Berlin z.B. im Rummelsburger See, und warnte vorm Entstehen anaerober, also Sauerstoff-armer Verhältnisse unterhalb der Insel, die sie dann sowohl für Makrozoobenthos als auch als Fischunterstand selbstverständlich untauglich machten. Im Hinblick auf Insekten seien doch vor allem Blühpflanzen wichtig, bei welcher Gelegenheit sie auf „Vertikal Wetlands“ zu sprechen kam, woran auch das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) arbeite. Sodann seien die Auswirkungen der bei Starkregen regelmäßig auftretenden Mischwasserentlastungen auf eingebrachte natürliche Materialien zu prüfen, denn bei der nun mal gegebenen Wasserqualität im LWK sei hier ein allmählicher Abbau zu erwarten.

Gesponsertes Projekt sucht Pat*innen

Erst im zweiten Schritt erfuhren wir, dass die erwähnte schottische Firma mit der möglichen Realisierung einer Schwimminsel in Berlin eben ans IGB herangetreten sei und dieses sich wiederum ans WSA gewandt habe. Zunächst sei der Humboldthafen nahe Hauptbahnhof erwogen worden, aber angesichts des „starken öffentlichen Interesses“ sei man dann WSA-intern auf den Urbanhafen gekommen.

Alle Befürchtungen wegen der Kosten lösten sich damit in Wohlgefallen auf, denn Biomatrix wolle die Insel als PR-Projekt sponsern und selbst alle Kosten tragen. Problem sei nur, dass die WSV keine Geschenke annehmen dürfe, weshalb nun dringend jemand für die Schirmherr*innen- oder Pat*innenschaft benötigt werde: etwa eine Schule, ein Verein oder dergleichen.

Wir bekundeten für den Bäume am Landwehrkanal e.V. (BaL) sogleich Interesse, doch sind auch gerne bereit, diese Funktion mit anderen Initiativen oder Institutionen gemeinsam zu übernehmen.

Das Hauptinteresse bei diesem Testprojekt sei zunächst herauszufinden, wie so etwas von den Nutzer*innen von Wasserstraße und Grünanlagen überhaupt angenommen werde, also ob eine künstliche Insel in diesem urbanen Raum überhaupt Bestand haben könne. Angesichts ihrer Größe (nur ca. 20 m²) kam von Bürger*innenseite der Vorschlag, eine gleichgroße zweite Insel in einem weniger exponierten Teil des Kanals anzulegen, um dann zu vergleichen, welche Lage am besten geeignet sei. Adrian Wagner findet dies durchaus machbar.

Jetzt kommt es vordringlich darauf an, Biomatrix möglichst zeitnah ein Ja oder Nein zu übermitteln, weshalb sich Inis und/oder Einrichtungen bis Monatsende bei der Zentralen Anlaufstelle Öffenlichkeitsbeteiligung (ZÖB) im WSA ihr Interesse an der Übernahme einer solchen Patenschaft anmelden können. Dann werde ein Nutzungsvertrag abgeschlossen, der aber unentgeltlich sei, und auch Haftungsprobleme seien kein Thema. Die Reinigung erfolge wie die des LWK überhaupt von der Firma Wasser- und Kulturbau Leegebruch.

Der Inhaber des schwimmenden Restaurants van Loon im Urbanhafen, Karsten Sahner, der mit seinem Geschäftspartner auch zugegen war, bis 2012 an einigen Forumssitzungen teilgenommen und selbst schon Erfahrungen mit der Erstellung schwimmender Inseln hat, hatte ja für die Zustimmung des Forums zur Vergrößerung seiner Gastronomie seinerzeit die Zusage zu Protokoll gegeben, im Gegenzug ökologisch „etwas Schönes zu machen“ und bot nun an, wenn die Insel unweit seiner Restauration verankert werde, ein Auge darauf zu haben und evt. auch mal mit dem Schlauchboot rüberzufahren, wenn es z.B. zum Betreten der Insel oder gar zu Vandalismus kommen sollte bzw. den zuständigen WSA-Außenbezirk Neukölln zu informieren.

Offen blieb noch die Frage des wissenschaftlichen Monitorings, die Umweltingenieur Wagner sicher nicht allein bewältigen kann, muss es doch auch Tauchgänge beinhalten.

Der Beteiligungsbeauftragte des WSA, Björn Röske (ZÖB), stellte abschließend noch einmal klar, dass es sich bei diesem Piloten um keine Maßnahme aus dem beschlossenen Katalog handele, nichts mit den Trittstein-Konzept zu tun habe, in den es aber bei Gelingen integriert werde. Die „richtigen“ Maßnahmen kämen später.

Natürlich fragten wir uns hinter unseren FFP2-Masken, ob zur Vermittlung dieser Informationen unter den gegebenen Randbedingungen tatsächlich ein Ortstermin erforderlich war, aber da das WSA noch keine Videokonferenzen mit Externen durchführen könne, wurde er sicher aus eher performativen Gründen durchgeführt.

Kontakt

Interessierte Initiativen, Vereine, Schulen oder andere Einrichtungen wenden sich bitte bis zum
29. Januar 2021 an die Zentrale Anlaufstelle Öffentlichkeitsarbeit (ZÖB) des WSA unter
ZÖB <ZOEB.WSA-B[ät]wsv.bund[dot]de>

Admiralbrücken-Treff am 12. Januar 2021

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