Verfall eines Berliner Baudenkmals

Schwierigkeiten mit der Fugenpflege

Fahren auf Verschleiß

Da unser kritischer Beitrag zur undifferenzierten Propagierung wirtschaftlicher Partikularinteressen via Staatsfunk offenbar zu Missverständnissen führen kann, erinnern wir gern noch mal daran, dass die BürgervertreterInnen wie auch die Denkmalpflege im Mediationsverfahren „Zukunft Landwehrkanal“ schon länger dagegen protestieren, dass die WSV, welche im Mediationsforum ihre mangelhafte Unterhaltung der Wasserstraße über Jahrzehnte hinweg ja mehrfach offen einbekannt hat („Fahren auf Verschleiß“), infolge der bei dieser Art öffentlicher Vorhaben langwierigen, kafkaesk bürokratischen Prozeduren zur Bewilligung von Haushaltsmitteln den denkmalgeschützten Kanal unterdessen nur immer weiter verfallen lässt. (An Stadtspree und weiteren Berliner Kanälen liegen die Dinge tatsächlich nicht anders.)

Diesen Verfallsprozess aber verursacht und beschleunigt wie eh und je vor allem die so überdimensionierte wie profitable Fahrgastschifffahrt, durchaus auch im auf 6 km/h beschränkten Einbahnstraßenverkehr. Dass Land und Bezirke dieser Agonie einer innerstädtischen Lebensader mit Verweis auf die Bundeszuständigkeit Jahr um Jahr tatenlos zuschauen, weckt also nicht nur den Unmut der eigentlichen Schadensverursacher, nämlich der Großreeder, die auf Kosten der Allgemeinheit ihre Gewinnmarge weiter vergrößern wollen, sondern befremdet auch einfache SteuerzahlerInnen, die den Kanal und seine Ufer auf ganz unschädliche Art und Weise, nämlich als öffentliches Naherholungsgebiet nutzen möchten.

Die durch Sunk und Schwall, Sog und Wellenschlag der Ausflugsdampfer ausgekolkte (unterhöhlte) Uferbefestigung und ausgewaschene Ziegelflachschicht (die Achillesferse zwischen oberem und unterem Teil der Bauwerkskonstruktion) sind aber nur ein Faktor der Schädigung des Denkmals, wenn auch der gewichtigste.

Mangelhafte Fugenpflege

Ein anderer ist der Aufwuchs von Baum und Strauch aus den schadhaften, oft mörtellosen Fugen der Sandsteinquaderwand oberhalb der Wasserlinie.

Wieder und wieder erinnern die VertreterInnen der Zivilgesellschaft wie der Denkmalpflege, die erst kürzlich auf eigene Faust eine Bereisung per Wassertaxi unternahmen, im Mediationsforum die Mitglieder der WSA-AG LWK an die Wichtigkeit regelmäßiger Fugenpflege. − Und keine geringeren als die Statiker des Ingenieurbüros Krebs und Kiefer erläuterten in der Präsentation ihres Gutachtens, es sei zwar

„entscheidend, dass zunächst die untere Ufersicherung saniert wird. Unter Berücksichtigung der langen Standzeit und eines Bestandsschutzes ist dieses Sicherheitsniveau ausreichend, wenn:

  • die obere Ufersicherung beobachtet und gewartet wird und
  • lokale Schwachstellen, Mängel oder Schäden saniert werden, um die Oberflächensicherung zu erhalten (z.B. Erneuerung von schadhaften Fugen [S. 32; Hervorh. Verf.]“

Auch wenn es Außenstehenden leicht skurril vorkommen mag: es verhält sich dennoch so, dass der Hinweis eines Anwohnervertreters während der letzten Forumssitzung, es möge doch sichergestellt werden, dass nach der Befreiung der Fugen von Vegetation zeitnah, also bevor neuer Aufwuchs keimt, eine sachgerechte Verfüllung erfolgt, von den WSA-VertreterInnen als wertvoller Ratschlag an den Sachbereich 2 [SB 2] „mitgenommen“ wurde.

Quellenstudium

Das muss auch insofern erstaunen, als es bspw. bereits im 12. WSA-Newsletter vom 12.06.2009 zum Thema hieß: „Für die stringente Umsetzung des Unterhaltungsplanes LWK (erstellt von der BfG 2006 [richtig ist 2000/1]) ist das kontinuierliche Zurückschneiden/Entfernen des Fugenauswuchses erforderlich. Die Mitarbeiter des ABZ Neukölln werden künftig intensiver und vermehrter während der Kontrollfahrten oder anderer Unterhaltungsarbeiten die Auswüchse händisch entfernen. Da das Pflanzenwachstum die Fugen zerstört und Natursteinblöcke der Regelbauweise verschiebt, ist eine Dauerbeobachtung notwendig. […] Diese Unterhaltungsmaßnahmen sind nun auf unbefristet festgelegt.“ (S. 1f.)

Im 14. WSA-NL vom 26.06.2009 stand dann auf S. 1: „Ab dem 25.06.2009 beginnen die Pflegemaßnahmen mit vereinzeltem Zurückschneiden von Fugenauswuchs in Verbindung mit Verfugungsarbeiten durch die Wasserbauer des ABZ Neukölln. Die Arbeiten werden fortlaufend vorgenommen.“

Im 24. WSA-NL vom 2.10.2009 heißt es dagegen auf S. 3 „Die Ausschreibung zur Fugenpflege an der Regelbauweise − das Säubern und Verfugen des Mauerwerkes − befindet sich in Vorbereitung und wird noch im Oktober 2009 vergeben werden.“

In der WSA-Präsentation zur 36. Forumssitzung am 19.05.12 wird auf S. 13 präzisiert

  • „Erste Priorität der Fugenpflege 2012 haben die Bereiche:
    • Lohmühlenabschnitt LU und teilweise RU
    • Lützowufer ggü. Abschnitt 1 (Corneliusstrasse) LU
    • Lützowufer / Schöneberger Ufer ggü. Bendlerblock LU
  • Vorgesehene Maßnahmen in 2012 sind: Rückschnitt und Entfernung der aus den Fugen wachsenden Vegetation. Der SB 2 beauftragt den Außenbezirk Neukölln.“

Im jüngsten, dem 119. WSA-NL vom 19.07.2012, lesen wir schließlich auf S. 4, mit zwei Fotos illustriert, erneut: „Eine Beauftragung zur umgehenden Durchführung des Rückschnittes und der Entfernung von aus den Fugen wachsender Vegetation ist an den Außenbezirk Neukölln ergangen. Die Arbeiten erfolgen im Rahmen der fortlaufenden Fugenpflege“.

Diese akribische, etwas staubtrocken anmutende Quellenforschung, der sich dankenswerterweise ein Forumsmitglied unterzogen hat,  kann sehr gut veranschaulichen, wie kompliziert − mal ganz abgesehen von der dauerhaften Sanierung, die auf Grund verschleppter Erstellung einer Konzeption Entwurf-Haushaltsunterlage nun kaum vor 2014 in die Puschen kommt − Unterhaltung und Pflege unseres Baudenkmals doch sind, beginnend mit der Beauftragung notwendiger Pflegearbeiten, und jedenfalls bei weitem nicht so einfach, wie es sich amtsextern, draußen in der Stadt vielleicht ausnehmen mag.

Aber ernsthaft: Fakt ist, dass an zahlreichen Kanalabschnitten die Auswüchse schon seit Jahren nicht beseitigt, geschweige die schadhaften Fugen verfüllt worden sind, weshalb wir uns erlauben, mal wieder an die Notwendigkeit weiterer Optimierung von Kommunikation, Monitoring und Erfolgskontrolle zwischen bzw. hinsichtlich Mediationsforum, der WSA-AG LWK, dem SB 2 und dem Abz Neukölln zu erinnern sowie, nicht zu vergessen, Land und Bezirke, sich im Interesse der Allgemeinheit deutlich ambitionierter um Schutz und Erhalt dieses innerstädtischen Kleinods zu sorgen; dies umso mehr, als das Argument des Tourismusindustriestandorts doch auch jene von der Notwendigkeit einer zukunftsfähigen Lösung überzeugen muss, die sich tatsächlich von allem Verständnis der gegenwärtigen stadtplanerisch-ökologischen Herausforderungen völlig freihalten konnten.

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