Nachklapp zur Wikingerufer-Rodung in Moabit

Worin bestand überhaupt der Kompromiss?

Bäume der 2. Reihe verschwunden

Bäume auch aus 2. Reihe verschwunden

Rückwärts immer!

Von einst 64 Bäumen stehen am Wikinger Ufer in Moabit noch zwanzig. Unter Einsatz schweren Geräts wurden auch Bäume gefällt, die in der Flucht der zweiten Reihe standen, so dass nun auch von dieser ein Drittel fehlt. Mittes Umweltstandträtin, Sabine Weißler (Grüne), ließ sich hingegen für jenen berüchtigten Kompromiss feiern, der durch besonders behutsames Vorgehen, Definition von „Tabu-Zonen“, Handschachtung bei dem Verdacht auf Wurzelcluster beider Reihen etc. wenigstens die Hälfte der Bäume erhalten sollte. Eine Fällgenehmigung habe sie indessen nicht erteilt und habe sie auch gar nicht erteilen müssen, insofern der Senat mit Gefahr im Verzug argumentiert und die Sache an sich gezogen habe −, wie so oft wenn es Widerstand der Anwohner*innen gibt oder der betreffende Bezirk Einwände und Bedenken aus der Bevölkerung, kurz: deren Beteiligung ernst nimmt. [Siehe auch unsere früheren Berichte, z.B. hier]

Ein Beleg, wonach das seit fünf Jahren gesperrte Ufer jetzt akut einsturzgefährdet gewesen sei, unterblieb, die acht Millimeter Bewegung der maroden Mauer sind bspw. völlig erwartbar und „normal“, da sie eben marode ist.

Dass hier nur mit Hilfsargumenten gearbeitet wurde, belegte dann drastisch das unbekümmerte Befahren der Böschung mit Bagger und Hubsteiger (die Arbeiter dabei barhäuptig, ohne Schutzhelm), was ferner und vor allem zeigte, dass es mit „Tabu-Zonen“ und akribischem Wurzelschutz doch nicht so ernst gemeint war.

Ökologische Baubegleitung Fehlanzeige!

Kahlschlag

Kahlschlag

Eine ökologische Baubegleitung sei Frau Weißler zufolge eingesetzt worden, doch die ÖBB ist z.B. laut Merkblatt DWA-M 619 ohnehin Bestandteil bei Eingriffen im Rahmen der Gewässerunterhaltung und sowohl vom Wasserhaushaltsgesetz als auch dem BNatSchG sowie zum Erreichen der Ziele der EU-WRRL gefordert.

Wer aber hatte die ÖBB im konkreten Fall inne? Wie kann es sein, dass erst nach Anrichten einigen Schadens durch Bodenverdichtung über den doch angeblich penibel zu schützenden Wurzeln die Arbeiten am 23.2. kurz eingestellt wurden, um anderntags von der gleichen Firma fortgesetzt zu werden? In diesem Zusammenhang muss doch der Inhalt der Auftragsbeschreibung interessieren, worin hoffentlich jener Kompromiss und die verabredete besondere Sorgfalt Niederschlag gefunden hat. Eine Firma, die sich so eklatant über zentrale Auflagen hinwegsetzt, sollte die Stornierung ihrer Beauftragung sowie Regresszahlungen zu gewärtigen haben!

Schwergeräte auf Wurzeln und einsturzgefährdeter Böschung

Schwergeräte auf Wurzeln (der 2. Baumreihe!) und einsturzgefährdeter Böschung

Und auf eine derartige ÖBB kann auch wahrhaftig verzichtet werden. All das sind nur schnell durchschaute Placebos zur Beruhigung der Anwohner*innen, von denen erst, als die Sägen schon ein Gutteil ihres Zerstörungswerks verrichtet hatten, entsetzte Anfragen kamen: sie hatten von nichts gehört. − Allerdings bleibt kritisch anzumerken, dass sich die Mobilisierung vor Ort als äußerst schwerflüssig erwies. Die allermeisten haben offenbar andere Sorgen als die Mitgestaltung ihres unmittelbaren Wohnumfelds und den Erhalt ihrer Bäume.

Warum Fällungen auch in Reihe 2?

Spuren verwischt

Spuren verwischt

Wie lautet nun also die Begründung für die Rodung von zwei Dritteln des gesamten Baumbestands, obwohl ein empirischer Nachweis für die Notwendigkeit nicht vorgewiesen werden konnte und Verkehrs-Staatssekretär Jens-Holger Kirchner (Grüne) anlässlich der Sitzung des Ausschuss für Umwelt, Verkehr, Klimaschutz am 9. Februar in einer Beantwortung einer Frage des umweltpolitischen Sprechers der SPD-Fraktion im AGH, Daniel Buchholz, auch noch definitiv falsche Aussagen traf, indem er lt. Inhaltsprotokoll behauptete, „teilweise brächen Wurzeln die Uferkonstruktion auf“. Dass dies eben nicht der Fall ist, wurde mit unterschiedlichen Methoden am Landwehrkanal nachgewiesen.

Auch darf die tatsächliche Umsetzung der Absicht, „auf Bitten der Initiativen werde man sich jeden einzelnen Baum angucken“, füglich bezweifelt werden.

Nichts wurde modifiziert

Beim Fräsen

Beim Fräsen

Der Projektleiter hatte sich vom empirischen Nachweis, dass Wurzeln die Stabilität einer Böschung vielmehr erhöhen und deshalb auf das Ausfräsen der Stubben zunächst verzichtet werden sollte, überzeugt gezeigt, doch leider wurde auch hier vorgegangen, wie von Anbeginn geplant, also alle Stubben beseitigt und die Spuren mit Aufbringen von Feinsplitt auch noch regelrecht verwischt, so dass es nun schwierig ist, die Anzahlt der Fällungen exakt zu bestimmen.

Drei Bäume in der Flucht von Reihe 2

Drei Stubben in der Flucht von Reihe 2

Vom BUND Berlin, der sich doch der Rettung von 32 Bäumen rühmte, die freilich nie zur Disposition standen, aber inzwischen, wie erwähnt, ebenfalls um ein Drittel dezimiert wurden, war im Hinblick auf jenen unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgehandelten „Deal“ gar keine Rede mehr. Wiederholte Anfragen, mit welcher (Einzelfall-)Begründung so viele Bäume auch der zweiten Reihe dran glauben mussten, bleiben denn auch unbeantwortet.

Diese weidlich bekannte Art von Pseudo-Bürgerbeteiligung, die wir vorschnell vergangen glaubten, erzeugt wie gewöhnlich einen bitteren Nachgeschmack. Nicht im geringsten wurden Kritik, Vorschläge oder Anregungen der Bürger*innen aufgenommen. Statt dessen wurde ein neues Negativbeispiel geboten, wie „gemeinsame“ Stadtentwicklung und -gestaltung gerade nicht gelingen kann.

Stubben

Stubben mit weitläufigen Wurzeln, welche das Ufer stabilisieren

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