Lokale Fischsterben im Landwehrkanal

Belüftungsschiff fährt erst wieder seit gestern (9.6.)

Mischwasser-Entlastung

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Angeschwemmte Kadaver im Urbanhafen

Nach einem Jahr Pause war’s Mitte der Woche mal wieder so weit: im Landwehrkanal erstickten die Fische. Die frühsommerlich warme Witterung hatte das Wasser immer mehr aufgeheizt, wodurch seine Fähigkeit, Sauerstoff zu binden, abnimmt, während infolge der Trockenheit organische Abfälle gehäuft auf dem Straßenland zurückblieben. Ein Übriges tun die sich für tierlieb dünkenden Mitmenschen, die Wasservögel säckeweise mit Brot und Ekmek füttern zu müssen meinen. Die Zersetzung der unvertilgt auf die Kanalsohle sinkenden Reste ist enorm sauerstoffzehrend.

Andererseits befuhr nach Aussage eines Mitarbeiters von SenGUV aber schon ab Mai  das Belüftungsschiff „MS Rudolf Kloos“ fünf Tage die Woche Nacht für Nacht den Kanal von Ober- bis Unterschleuse und pumpte Sauerstoff ins Wasser.

[Update, 11.6.: Inzwischen haben wir erfahren, dass es im Neuköllner Schifffahrstkanal (Zuständigkeitsbereich des Landes) ebenfalls ein Fischsterben gegeben hat, und zwar in Höhe Wildenbruchplatz. Dank @Martin!]

BürgerInnen schlugen Alarm

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Tote Plötze

Als dann jedoch mit Beginn dieser Woche teils heftige Gewitterregen einsetzten, zeigte sich die Mischwasserkanalisation von den Niederschlagsmengen mal wieder überfordert und „entlastete“ − welch schöner Euphemismus! − die Überschussmengen von Oberflächenwässern ungeklärt in den Kanal. Die bakteriologischen Abbauprozesse verbrauchen dort, wie gesagt, weiteren Sauerstoff, der schließlich unter den kritischen Wert von drei bis vier Milligramm pro Liter gefallen sein muss, denn Dienstagabend trieben Dutzende Barsche, Plötzen und Rotfedern kieloben.

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Erstickte Plötzen

Von AnwohnerInnen alarmiert, versuchten wir Dienstag spätabends die Wasserschutzpolizei zu informieren und vielleicht auf diesem Wege einen zusätzlichen Einsatz des Belüftungsschiffs zu veranlassen, doch waren damit wenig erfolgreich: „Der Senat weiß schon, was er tut!“ beschied uns ein strikt loyaler Beamter. Wir setzten also per Mail SenGUV von einem „massiven“ Fischsterben in Kenntnis, denn von vorrangiger Bedeutung ist ja nicht zuletzt die rasche Beseitigung der Kadaver, nicht etwa nur wegen der Geruchsbelästigung, sondern der Gefahr, dass weitere Wasserbewohner, z. B. Schwäne und Blessrallen, dem Botulismus zum Opfer fallen.

Kein „massives“ Sterben

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Fischskadaver

Anderntags fanden wir im Urbanhafen unweit des Restaurantschiffs van Loon jedoch „nur“ ca. vierzig bis fünfzig tote, größtenteils juvenile Fische (hauptsächlich Plötzen) vor, während die noch zahlreich überlebende Brut, die Mäuler über Wasser, panisch nach Luft japste, woraufhin wir unsere Aussage gegenüber der Senatsverwaltung korrigierten und nur noch von einem moderaten Fischsterben sprachen. Die Informationen des Fischereiamts, so wurde uns freundlicherweise mitgeteilt, deckten sich mit den unseren. Zusätzliche Fahrten der „Rudolf Kloos“ seien im Übrigen unmöglich, insofern sie ja schon die ganze Nacht hindurch im Einsatz sei.

Die „Kloos“ machte erst Donnerstag wieder die Leinen los

Das WSA meldet allerdings in seinem aktuellen Freitags-Newsletter, dass die Belüftungsfahrten nur vom 19. bis zum 25. Mai durchgeführt und erst seit gestern Nacht (9.6.) wieder aufgenommen worden seien. Inzwischen hat sich glücklicherweise auch wettermäßig die Situation entspannt.

Belüftungsschiff "Rudolf Kloos"

Belüftungsschiff "Rudolf Kloos" © WikiCommons

Nachhaltige ökologische Verbesserung erfordert!

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Angeschwemmte Kadaver nahe "van Loon"

Davon ganz abgesehen, ist dieser Versuch, den Sauerstoffgehalt des Kanalwassers zu erhöhen, natürlich ohnehin nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Hier müssen wasserseitig ökologische Maßnahmen wie die Anpflanzung von Röhrichtbeständen als natürliche Kläranlagen und Sauerstofflieferanten sowie die Anbindung an die Tiergartengewässer endlich konkretisiert und vor allem Haushaltsmittel dafür eingeworben werden, sonst wird’s im Fall LWK nichts mit dem von der EU-WRRL bis spätestens 2020 geforderten Herstellung des „guten ökologischen Potentials“ in künstlichen Wasserstraßen.

Kadaver 01

Erstickte Plötze

Nicht nur mit niedrigeren Spreewasser-Zuflüssen ist zu rechnen, sondern die bevorstehenden neuen Versiegelungsmaßnahmen (diverse Baufelder z. B. im Umfeld des Gleisdreieckparks) dürfen unter keinen Umständen dazu führen, dass bei Starkregenereignissen in den Vorfluter, also den LWK „entlastet“ wird, sondern durch entsprechende Bauweise (bspw. Gründächer!) Niederschläge auf dem Gelände selbst versickern können.

Leider sind wir momentan nicht im Bilde, inwieweit auf Landesebene die seinerzeitigen Bestrebungen erfolgreich waren, die jährlich bereitgestellten Mittel von drei Millionen Euro (fürs gesamte Berliner Kanalnetz!) auf sieben Mio. pro Jahr aufzustocken, um das gemeinsame Ziel von SenGUV und BWB, die Zahl der Entlastungsfälle bis zum Stichjahr zu halbieren vor dem Hintergrund sich häufender Wetterextreme auch zu erreichen. Die Maßnahmen der Wasserbetriebe scheinen uns reichlich schleppend voranzugehen.

Japsende Fischbrut

Japsende Fischbrut im Urbanhafen

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3 Kommentare

  1. xonra said,

    12. Juni, 2011 um 20:07

    Sauberes Wasser in Spree und Landwehrkanal gehört nicht zu den originären Aufgaben des Wasser und Schifffahrtsamtes Berlin Brandenburg. Erst wenn den Berlinern die Gülle bis zum Hals steht, wird wohl etwas unternommen. Die Sanierung des Kanals muß selbstverständlich auch die Erneuerung der Überläufe beinhalten. Anstatt eine Bundesgartenschau auf dem schönen freien Feld Tempelhof zu veranstalten sollten sämtliche Kanäle und Flüsse mitsamt den Ufern saniert werden.

  2. 22. Juli, 2011 um 16:18

    […] Rechtsanwalt Arbeitsrecht Berlin Blog (3092) 156. Sneakerqueen (3099) 157. Hugo E. Martin (3114) 158 Landwehrkanal-Blog (3155) 159. Mauertaktik (3170) 160. Berlin Blawg (3271) 161. Maishion (3317) 162. Facetten _ Magazin […]

  3. 15. Juni, 2015 um 16:03

    […] Doch nicht allein die Wettereinwirkung ist ausschlaggebend: Das herrliche Wetter zieht die Bewohner nach draußen. Und wo möchte man dann lieber sitzen als am Wasser? Im Großen und Ganzen klingt das eigentlich nicht problematisch. Allerdings verhalten sich viele dieser Bewohner wie die Schweine die ersten Menschen! (Das Schwein möchte ich an dieser Stelle nicht durch den Dreck ziehen. Es ist weitaus reinlicher.) Essensreste, Verpackungen und sogar Getränkeflaschen und- dosen landen direkt nach dem Gebrauch im Kanal, auch wenn ausreichend Mülltonnen und Mulltüten zur Verfügung stehen. Und Nachts, im Schatten der Großstadt, dürfen dann auch die einen oder anderen Exkremente einen Schwimmeinlage im kühlen Nass darbieten. Den Rest geben dem Kanal die altbekannten Entenfütterer, so der Landwehrkanal-Blog: […]


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