Sechs Fällungen in Kohlfurter nur der Anfang?

Vor Kahlschlag Wiederaufnahme der Partizipation!

[Update: Inzwischen hat der Friedrichshain-Kreuzberger Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne) bestätigt, dass in Sachen Gehölzumbau in der Kohlfurter Straße eine Wiederaufnahme der BürgerInnenbeteiligung notwendig ist.]

Ortstermin leider ohne AnwohnerInnen

Dankenswerterweise lud uns der Leiter des Fachbereichs Naturschutz und Grünflächen, Hilmar Schädel, in die Kohlfurter Straße in Kreuzberg, die, beidseitig überwiegend von Pappeln gesäumt, eben drum Gehwegschäden aufweist. Die Flachwurzler heben, um an Wasser zu gelangen, bekanntlich auch Platten und Asphalt an, was vor einer Behindertenwerkstätte, wie sie sich in der Straße befindet (nämlich eine Zweigwerkstätte von Mosaik in der Nr. 10), tatsächlich unzumutbar sein mag, und deshalb wurden 2007 ja auch drei Birkenpappeln gefällt und später der Gehsteig saniert. Die verbliebenen sechs Pappeln haben jetzt wieder Schäden verursacht und sollen deshalb noch bis Monatsende fallen.

Fällkandidaten

Nächste Fällkandidaten in der Kohlfurter Straße in Kreuzberg

Zurück auf Anfang

Im Herbst 2007 hatte die damalige Baustadträtin, Jutta Kalepky, für die AnwohnerInnen, aber auch VertreterInnen von Naturschutzverbände und Initiativen einen Ortstermin angesetzt. Für die erwähnten drei Pappeln kam der Termin allerdings recht spät: ihre Fällung war längst beauftragt. Um verschiedene Varianten zu diskutieren, wie die Gehwege entlang der gesamten Straße sicherer zu machen wären, ohne gleich sämtliche Pappeln zu fällen, hatte Frau Kalepky einen weiteren Ortstermin zusammen mit dem technischen Leiter zugesagt, das Datum aber immer wieder hinausgeschoben, während aus dem Grünamt verlautete, es sei unredlich, den AnwohnerInnen nicht darüber reinen Wein einzuschenken, dass der gesamte Pappelbestand verschwinden müsse.

Natürlich stimmt es: Pappeln sind eigentlich keine Straßenbäume und wurden vielerorts in der Stadt nur gepflanzt, weil sie schnellwüchsig sind und den Standort rasch grün erscheinen lassen. Konkret in der Kohlfurter war die IBA in den 80ern der Anlass.

Exkurs zur Wichtigkeit jedes einzelnen Straßenbaums

Fällgrund?

Fällgrund?

Allein nun sind die Pappeln erwachsen und erfüllen eine Vielzahl ökologischer Funktionen, wo an erster Stelle − auch wenn wir es uns derzeit vielleicht kaum vorstellen können− die kühlende Wirkung aufs Kleinklima steht, nicht nur durch ihren Schattenwurf, sondern auch durch die Verdunstung über die Blattoberfläche. Bäume produzieren Sauerstoff, binden den Feinstaub in der engen Straße  und dämpfen den Lärm, der gerade infolge des Lieferverkehrs genannter Werkstatt nicht unerheblich ist. Auch sonst wird die Kohlfurter vom Autoverkehr gerne als Abkürzung vom Kottbusser Damm zur Skalitzer Straße benutzt.

Zu den positiven Wirkungen auf Wohlbefinden, Lebens- und Wohnqualität kommen natürlich die Funktionen für Vogelwelt und Insekten als Brut-, Rückzugs- und Lebensraum, was wiederum das Lebensgefühl der (meisten) AnwohnerInnen − wissenschaftlich-empirisch durchaus messbar − deutlich verbessert, die Erkrankungshäufigkeit senkt, ja sich sogar positiv auf die Lebenserwartung auswirkt.

Vier Bezirksamtsvertreter waren beim gestrigen Ortstermin, aber leider niemand von den AnwohnerInnen, womit wir echt nicht gerechnet hatten. Schließlich hatte die Amtsvorgängerin von Baustadtrat Panhoff auch einen E-Mail-Verteiler einrichten lassen. Dass der nun nicht weiterbenutzt wurde, konnten wir uns nicht vorstellen, ebenso wenig, dass der doch hoffentlich irgendwie per Aktenvermerk dokumentierte Zwischenstand der damals begonnenen BürgerInnenbeteiligung nicht weitergereicht worden ist.

Wahrscheinlich waren wir da noch immer oder schon wieder zu naiv, hätten wenigstens nachhaken müssen − sorry dafür!

Aber bis jetzt ist ja noch nichts beauftragt. Die gegenwärtige, angeblich untragbar verkehrsunsichere Situation besteht seit langen Jahren, über Unfälle ist (zum Glück!) nichts bekannt −, aber ein aktuelles Verwaltungsgerichtsurteil, demzufolge einer Klägerin eine lebenslange Rente zugesprochen wurde, die über eine Gehwegplatte gestürzt sei, welche eine Baumwurzel angehoben hätte, mag den plötzlichen Tatendrang des Bezirksamts befeuert haben. Genaueres über dieses Urteil wissen wir auch nicht.

Alternativen

Eine Firma für Spezialversiegelungen, mit der ein BaL-Mitglied inzwischen gesprochen hat, meint, dass die Fläche zunächst 5 mal 10 Meter geöffnet werden sollte, um festzustellen, ob jüngere, dünnere Wasserwurzeln entfernt werden können, bevor man neu versiegelt. Diese Arbeit koste etwa 500 Euro pro Baum und müsse etwa alle fünf, sechs Jahre wiederholt werden. − Sollte das nicht der Erhalt der Bäume und des Charakters und Charmes der Kohlfurter Straße wert sein?

Wie viel aber gäbe es in der Stadt an unfallträchtigen Geh- und vor allem auch Radwegschäden zu sanieren, wofür keine Baumwurzel verantwortlich gemacht werden kann! Oder wenn umgekehrt alle Bäume, deren Wurzeln die Versiegelung um ihre winzige Baumscheibe anzuheben versuchen, deswegen gleich gefällt würden: die Stadt verlöre noch ein Vielfaches mehr als die derzeit rund 2000 jährlich nicht nachgepflanzten, und die Forderung der Natur- und Umweltschutzverbände nach 10.000 neuen Straßenbäumen, die es tatsächlich in den rot-schwarzen Koalitionsvertrag geschafft hat, müsste umgehend aufgestockt werden.

Der neue Stadtentwicklungs- und Umweltsenator Michael Müller (SPD) will für die Gesundheit von Berlins zu 75 Prozent kranken Wäldern kämpfen, da sie die grüne Lunge der Stadt seien, aber die Straßenbäume sind wegen falscher Pflege und mangelndem Schutz inbesondere bei Bauarbeiten mit Sicherheit noch kränker und nicht minder lungenhaft! Viele der Pappeln in der Kohlfurther aber sind relativ gesund und hier sollte durchaus auch um jeden einzelnen gekämpft werden!

Es dauert nämlich einige Dekaden, bis eine Neupflanzung die ökologische Serviceleistung eines erwachsenen Baums erbringt. Die Daten sind zwar vielen schon bekannt, aber sollten immer mal wiederholt werden: Die Blattoberfläche einer zwanzig Meter hohen Buche misst zwei Fußballfelder, verarbeitet sonnentäglich 18 kg CO2, produziert 13 kg Sauerstoff und verdunstet 400 Liter Wasser. Um diesen gratis Service mit Neupflanzungen sofort zu kompensieren, bedürfte es 2000 junger Bäume, also einer Investition von 150.000 Euro. Klar, im Fall Birkenpappel muss man die Angaben herunterbrechen, aber insgesamt handelt es sich entlang der Kohlfurter Straße doch um eine recht stattliche Anzahl.

Andernfalls muss man also zwanzig, dreißig Jahre warten und sollte das auch eingestehen, wenn für die Reparatur der Gehwege oder kreative baumfreundliche Lösungen angeblich das Geld fehlt. „Jeder ist Teil des Ganzen“, lautet das Motto der Mosaik-Werkstätten. Wir müssen begreifen, dass dies in nur immer wachsendem Maße auch für die Natur in unseren Städten gilt. Natürlich machen die Aspekte von Klima- und Umweltschutz nicht jeden Baum sakrosankt, aber eine Einzelfallprüfung und Abwägung haben selbst Hybridpappeln verdient.

Planungen müssen mit AnwohnerInnen diskutiert werden!

Baum weg, Gehwegschäden bleiben

Baum weg, Gehwegschäden noch da!

In dieser „Fällsaison“ sollen also sechs Bäume entlang der Behindertenwerkstätte dran glauben, auch jene große direkt am Platz mit den Admiralen auf der  Sanduhr und den sitzenden Figuren [siehe Foto ganz unten], wo die Kohlfurter die Admiralstraße kreuzt. Hier sollte u. E. in jedem Einzelfall nach Lösungen gesucht werden und die Fällung nur ultima ratio sein. 2013 ist geplant, jenseits des Platzes auf einer der beiden Straßenseiten Richtung Kottbusser Damm weiterzufällen und 2014 wieder retour auf der Straßenseite Mosaik gegenüber.

Auf dieser Seite in Höhe der Werkstatt ist übrigens ein Baum schon vor einer Weile gefällt worden und soll im Zuge der Nachpflanzungen für die sechs jetzt anstehenden Pappeln ebenfalls durch einen schmalkronigen Ahorn (Acer platanoides ‚Schwedleri‘) ersetzt werden. − Die Gehwegschäden, welche die Wurzeln des verschwundenen Baums verursachten, sind noch nicht behoben [siehe Foto oben]. Und die vor drei Jahren gepflanzten Ahornbäume mickern vor sich hin. Eine 82jährige Anwohnerin, mit der wir sprachen, kennt die Unebenheiten auf dem Gehweg sehr wohl: „Die müssten mal wieder mit Asphalt ausgeglichen werden wie früher, aber man kann doch deswegen nicht die Bäume fällen,“ schüttelte sie den Kopf. Betagte Gehbehinderte in der Straße würden die kleinen Hindernisse kennen und auf sie achten, aber für Gesunde böten sie doch kein wirkliches Problem.

Die ganze Straße für Jahrzehnte quasi baumfrei zu holzen, wird auch durch eine „Staffelung“ um ein, zwei Jahre in keiner Weise abgemildert, aber davon ganz abgesehen, äußerten auch die Bezirksamtsvertreter, dass hier die Anwohner noch mal einbezogen werden müssten.

Das möchten wir natürlich ganz dick untersteichen: Die nach unserer Erinnerung nur unterbrochene Beteiligung der BürgerInnen sah zu keiner Zeit einen kompletten „Gehölzumbau“ in nicht mal fünf Jahren vor und muss bei einer solch tiefgreifenden Umgestaltung oder, ums klar zu sagen: mittelfristigen Abwertung des unmittelbaren Wohnumfelds schon von Rechts wegen wieder aufgenommen werden, wie viel mehr in Kreuzberg und so nah am Landwehrkanal.

Fällkandidat

Fällkandidat

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3 Kommentare

  1. ManoloB said,

    2. Februar, 2012 um 19:33

    Ich kann mich an den Vorgang von Damals gut erinnern. Von der IBA vorgesehen waren PRUNUS AVIUM ‚PLENA‘ eine gefüllt blühende Kirsche. (in Erinnerung an die Gärtnereien, die es hier vor Beginn der Ortsentwicklung gab).

    Wie in dem Artikel richtig dargestellt, wollte das NGA und Herr Schattner (letzter nicht gewählter Betroffenenvertreter SKS) schnellwüchsige Bäume haben. Der Konflikt von heute war damals schon absehbar.

    Die langweiligen und nur für wenige Insekten und Vögel interessanten Ahornbäume sind abzulehnen. Werden aber gerne gepflanzt, da teuer und angeblich pflegeleicht.

    Die Kirsche ist ein Herzwurzler und ist auch ziemlich wüchsig. Plädiere daher an die seinerzeit in der Erneuerungskommission mit den Bürgern erzielten Kompromiss anzuknüpfen und nach Notwendigkeit die Pappeln sukzessiv durch Kirschen in bezahlbarer Größe auszutauschen.

  2. jürgen julius irmer said,

    3. Februar, 2012 um 23:17

    …davon abgesehen wird munter drauflosgeholzt: rund um den grunewaldsee scheint „clearcut“ zu herrschen,läuft man durch den plänterwald hört man die kettensägen und staunt über die dann noch weiter markierten bäume&sieht dem trecker hinterher, der die alten geschundenen eichen abschleppt…
    ( nach dem letzten waldschadensbericht sind die eh‘ alle fällig…)..

  3. 7. Februar, 2012 um 15:28

    Als Anwohnerin der Kohlfurter Strasse und Beteiligte der Gespräche mit Frau Kalepky 2007 möchte ich an den damals festgeschriebenen Kompromiss erinnern, nach dem die betroffenen BürgerInnen schweren Herzens der Fällung von drei gesunden prachtvollen Birkenpappeln zugunsten von MOSAIK zustimmten. Im Gegenzug wurde der Erhalt der übrigen Bäume zugesichert. Wir sind sehr erstaunt darüber, dass sich der neue Baustadtrat Herr Panhoff an Vereinbarungen seiner Amtsvorgängerin nicht gebunden fühlt und bei einer so sensiblen Angelegenheit ohne die betroffenen Anwohner entscheiden möchte. Der Eigentümergemeinschaft am Wassertorplatz steht durch den geplanten Kahlschlag eine spürbare Entwertung ihrer Wohnlage bevor. Wir sind nicht bereit, das einfach so hinzunehmen. Bei der Suche nach für alle Anwohner tragbaren Alternativen sind wir Herrn Panhoff gerne behilflich.


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