Validierung der „Baumarbeiten“ am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal

Gutachten attestiert schlimme Qualitätsmängel

Von Spaziergängern alarmiert, die auch gleich Fotos übersandten, gelang es uns, wie hier und hier berichtet, durch Intervention bei WSA-Leiter Scholz Mitte Februar die Fällungen und Kronenkappungen im wertvollen Uferbaumbestand entlang des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals zu stoppen. Wir wissen nicht, in welchem Ausmaß die Brachialpflege noch fortgesetzt worden wäre − insofern war es durchaus ein Erfolg −, aber die Maßnahmen standen angeblich schon kurz vor dem Abschluss und wurden denn auch am Folgetag noch zu Ende geführt.

Für die betroffenen Bäume entlang der Kieler Straße und am Nordhafen war es jedenfalls zu spät. Die werden, anders als Michael Scholz treuherzig versicherte, mitnichten wieder grün.

Unsinnige Fällung

Unsinnige Fällung am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal

Beauftragung externer Validierung wichtiger Schritt zur Transparenz

Ein wirklicher Erfolg für den „bestmöglichen Baumschutz“ und Schritt in Richtung höherer Transparenz des Amtshandelns war indessen die Beauftragung eines unabhängigen Gutachtens zu Evaluierung der fraglichen Baumarbeiten. Dieses knapp vierzig Seiten starke Gutachten, erstellt vom Sachverständigen für Statik und Verkehrssicherheit von Bäumen, Dr. Barsig, der auch das Vertrauen der BürgervertreterInnen genießt, wurde uns auf Anfrage vom WSA kürzlich zur Verfügung gestellt. Darin wird denn auch das Bemühen um Aufklärung der strittigen Eingriffe (insgesamt 47 Fällungen und 119 Schnittmaßnahmen), was Triftigkeit der Begründungen, sachliche Notwendigkeit des Ausmaßes und fachliche Durchführung angehen, ausdrücklich gelobt, doch kommt es insgesamt für den ABz Spandau zu wenig schmeichelhaften Ergebnissen und Empfehlungen.

Unsinnige Fällung

Unsinnige Fällungen am BSK

Überflüssige Fällungen, unfachgerechte bis versehentliche Kappungen

Einige Fällungen und massive Einkürzungen kann der Gutachter verkehrsicherungstechnisch zwar nachvollziehen, doch im weit überwiegenden Teil der Fälle, handele es sich nun um Kronenrückschnitte, Starkastkappungen oder eben die zahlreichen Fällungen, können die Verweise auf mangelnde Stand- und Verkehrssicherheit, notwendige Herstellung des Lichtraumprofils oder fortgeschrittene Fäulnis infolge Pilzbefalls nicht überzeugen: Wenngleich hier ein Rest Irrtumswahrscheinlichkeit bestehen bleibt, weisen weder die Stubben noch das am Ort vorgefundene Schnittgut die benannten Schadenssymptome auf, und schon gar keine, die solch rigoroses Vorgehen gerechtfertigt hätten; oft stehen die Bäume bspw. in der Mitte der Böschung, gefährden also weder den Schiffsverkehr noch die Menschen auf dem Uferwanderweg.

Die Stark- und Grobastschnitte wurden in den meisten Fällen nicht fachgerecht ausgeführt, die zugefügten Wunden erhöhen das Infektionsrisiko der betroffenen Bäume, reduzieren damit nicht nur ihre Lebenserwartung, sondern verursachen in der Folge vor allem einen erhöhten Pflegeaufwand und damit höhere Kosten.

Unsachgemäßer Lindenverschnitt

Unsachgemäßer Lindenverschnitt

Kompensations-Weiden gefällt!

Zudem zerstörten die Abholzungen und Auslichtungen streckenweise den natürlichen Schutz vor Feinstaub- und Lärmemissionen, haben damit die Aufenthalts- und Lebensqualität der NutzerInnen herabgesetzt, die Biotopvernetzung wie das Landschaftsbild stark beeinträchtigt, ja es wurden sogar eigens als Kompensationsmaßnahme angepflanzte und gut gedeihende Uferweiden rigoros gefällt, was schon rein rechtlich neuerliche Kompensation zur Konsequenz haben muss. Doch auch in Anbetracht der zahlreichen anderen Missgriffe (ein dreistämmiger vitaler Ahorn wurde gar irrtümlich gekappt) ist das WSA gut beraten, zeit- und ortsnah für angemessenen Ausgleich zu sorgen. Insofern das geplante Bauvorhaben Heidestraße die Fällung von Bäumen und daher entsprechende Ausgleichs- und Ersatzleistungen erfordert hätte, wurde ohne Not die Wertigkeit vorab vermindert.

Zahlreiche Verstöße gegen verbindliche Regelwerke

Diese Art von Baumpflege verstößt eklatant gegen verbindliche BfG-Vorschriften [„Leitbild der Gehölzunterhaltung an Bundeswasserstraßen in Verbindung mit der HANATSCH(= Handlungsanweisung Naturschutz)-WSV“] wie das sog. Vermeidungsgebot gemäß dem Grundsatz „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“; die Astschnitte erfolgten in den seltensten Fällen gemäß ZTV [die ZTV-Baumpflege ist das Standard-Regelwerk für Baumpflegearbeiten], und im Übrigen lässt sich über die fachliche Kompetenz der beauftragten Fremdfirma aus MeckPomm nicht viel Gutes sagen.

Irrtümliche Kappungen

Irrtümliche Kappung von Ahornbäumen

Zu fällende oder auch nur stark rückzuschneidende Bäume müssen, so fordert der „Leitfaden Baumkontrolle an Bundeswasserstraßen„, vorher extern mit entsprechenden Diagnosegeräten begutachtet werden, um die Resultate der VTA-Methode zu untermauern.

Ferner sind die Pflegearbeiten generell von qualifizierten WSA-Baumpflegern zu beaufsichtigen. Hier erkennt der Sachverständige einen erheblichen Fortbildungsbedarf, nicht zuletzt was die Anwendung der geltenden Regelwerke betrifft. Dafür zu sorgen, fällt wiederum in die Zuständigkeit des WSA-Leiters.

WSA-Baumpflegemaßnahmen 2010

AmtsvertreterInnen loben Kooperation mit Baumsachverständigen

Auf Grund der gemeinsamen Baumschau am 30.11., woran neben dem ABZ-Leiter, Jörg Augsten, der WSA-Baumkontrolleur Kasper sowie die Baumsachverständigen Dipl.-Biol. Hirschmann und Dr. Barsig teilnahmen, wurde Einvernehmen über die notwendige Bearbeitung von insgesamt 39 Bäumen erzielt, darunter auch vier Fällungen. − Über eine beschränkte Ausschreibung unter drei Baumpflegefirmen, mit denen das Amt schon gute Erfahrungen gemacht hat, wird nun das beste Angebot ermittelt und mit Beginn der Baumarbeiten ist ab der zweiten Januarhälfte zu rechnen. [Die aktuelle Liste findet sich hier und hier die Präsentation.]

Von den 4000 kartierten Bäumen entlang des Kanals stehen lediglich 900 im Zuständigkeitsbereich des WSA; die zu bearbeitende Quote beträgt damit nur 4,1 Prozent. Hier braucht das Amt mit den jeweiligen Bezirken nur ein Benehmen herzustellen, d. h. sie in Kenntnis zu setzen, doch sei dies dem Vertreter Charlottenbug-Wilmersdorfs zufolge zu über neunzig Prozent ein Einvernehmen, was freilich nicht weiter verwundern kann. − Es wird also im Januar, wie gesagt, auch vier Fällungen geben (darunter ein Eschenahorn sowie zwei Stechfichten, die einem Umbau an der Unterschleuse weichen müssen, doch unter Naturschützern soll diese Koniferenart eh „ein Hassobjekt“ sein, da sie für die einheimische Avifauna praktisch wertlos); sodann sieben Kronenreduzierungen, achtzehn Totholzschnitte und drei Lichtraumprofil-Herstellungen. − Im Fall der Faulstellen aufweisenden Stileiche nahe Interconti, einem Naturdenkmal [die Eiche, nicht das Hotel!], sei noch unklar, wer hier überhaupt verkehrssicherungspflichtig ist.

Kurzfristige Maßnahmen im Umgang mit WSA Bäumen

Um bei latenter Gefahr (nicht jedoch bei beabsichtigten Fällungen!), wo kürzlich bereits die auf entsprechende Benachrichtigungen hin vereinbarte dreiwöchige Rückmeldefrist auf eine Woche verkürzt wurde, um künftig insbesondere aufwendige Verkehrsicherungen und regelmäßig zu kontrollierende Absperrungen zu vermeiden, eine neuerliche Modifizierung der Vereinbarung getroffen, wonach nun bei Entdeckung der Gefährdung das WSA eine E-Mail zeitgleich an die Mitglieder des AK Kurzfristig Maßnahmen und den Baumgutachter schickt, dieser sich baldmöglichst (bis maximal eine Woche) das Problem vor Ort ansieht, sein Urteil dazu abgibt und bei Einverständnis auch das Vorher-Nachher fotografisch dokumentiert und den AK-Mitgliedern zusendet.

Vereinbarungen und ihre Einhaltung

Eine Serie von Verstößen

Aus leidvoller Erfahrung wissen wir jedoch, dass gegen solche Routinen und Absprachen auch ab und an bedenkenlos verstoßen wird, wie z. B. hier, da oder dort, die „Wiedergutmachung“, sprich: der ökologische Ausgleich auf sich warten lässt oder, wie im Fall der unangekündigten und fachlich unbegründeten Pappelverkrüppelungen am Müller-Breslau-Ufer in Mitte (7./8. Juli ’09), überhaupt nicht als Verstoß gegen getroffene Vereinbarungen gesehen wird, deren Existenz die Verantwortlichen vielmehr einfach mal eben in Abrede stellen, während sie aber umgekehrt unseren Protest hiergegen als geeignet ansehen, die „gemeinsam erarbeitete und mühsam aufgebaute Zusammenarbeit für die Zukunft zu gefährden.“

Der Bezirk Mitte und die Mediation

Ebendieser Fall sollte in der 19. Forumssitzung nun endlich erörtert werden, doch da der Baumrevierleiter von Mitte und Mitglied des Mediationsforums, Wolfgang Leder, vorsorglich durch Abwesenheit glänzte, ja sein Vorgesetzter, der Leiter des Straßen- und Grünflächenamts, Hans-Gottfried Walter, die MediatorInnen auch noch wissen ließ, der Bezirk Mitte habe „all seine Ziele im Mediationsverfahren erreicht“ und gedenke, von einer weiteren Teilnahme abzusehen, wurde dieser eklatante Bruch von gemeinsam beschlossenen Vereinbarungen auch prompt nicht thematisiert.

Neu verhandeln!

Dies wiederum ist nach unserer Auffassung nicht dazu angetan, unser Vertrauen in einvernehmlich getroffene Vereinbarungen zu befördern! Vielmehr bedarf es hier offenkundig einer Neuverhandlung der mit den fünf Kanalanrainer-Bezirken getroffenen Vereinbarung, wonach es auch von ihrer Seite keine unabgesprochenen und schon gar keine unangekündigten Schnitt- und Fällmaßnahmen ufernahen Baum- und Vegetationsbestands geben darf!

Verstöße reihum

In diesen Kontext gehören auch die kürzlich ebenfalls unangekündigt erfolgten Kroneneinkürzungen von etlichen Birken und Graupappeln am Brachvogel in Kreuzberg, wovon bei der gemeinsamen Bereisung des LWK von WSA– und BezirksvertreterInnen sowie dem Baumsachverständigen, Dr. Barsig, im vergangenen Mai, die eben der Baumschau dienen sollte, keine Rede war. Der Verweis auf die Fällliste des Grünamts F’hain-Xberg im Netz, in der Fällungen oft erst nach Vollzug angekündigt werden (und sich über die in Rede stehenden Schnittmaßnahmen nichts findet), geht hier auch deshalb fehl, weil es ja gerade der Zweck solcher Bereisungen ist, mit dem dabei versammelten Sachverstand die Notwendigkeit von Schnitt- und Fällmaßnahmen sowie die Art ihrer Ausführung gemeinsam  zu erörtern. M.a.W., wäre es denn in irgendeiner Weise konsquent und sachgerecht, wenn es um die Pflege des ufernahen Baumbestands am LWK geht, dass das WSA auf Bundesflächen jede Schnittmaßnahme mit dem Forum abstimmen muss, derweil die bezirklichen Grünflächenämter mit „ihren“ Bäumen verfahren können wie sie wollen (und dabei pikanterweise Hinweise auf Totholz und abgestorbene Bäume, die durchaus ein Risiko für die Verkehrssicherheit bergen, mitunter monatelang beharrlich ignorieren)?