Heldinnenhafter Einsatz für den Artenschutz!

Zwei Frauen retten Jungvögel aus dem Landwehrkanal

Groteskes Fehlverhalten der Verantwortlichen

Buntspechte

Einen ganz außergewöhnlichen, gar nicht genug zu lobenden Einsatz für Stadtnatur und Artenschutz zeigten die Wildpädagogin, Kristina Roth, vom Projekt Wildpfoten und Dr. Franziska Münzner von der Trias-Planungsgruppe, als sie gestern (17.5.) kurz entschlossen in voller Montur nahe Ratiborstraße in Kreuzberg in den Landwehrkanal sprangen, um drei junge Buntspechte zu retten, die sich, nachdem Baumarbeiter ihre aufgebrochene Höhle halt wieder zunageln wollten, in Panik ins Wasser gestürzt hatten.

Die beherzten beiden Frauen waren erfolgreich und konnten die drei fast flüggen Vögel sicher an Land und in ihre von Baumpflegern halb zerstörten Nisthöhle zurückbringen. Zur allgemeinen Erleichterung nahmen die Elterntiere auch die Fütterung wieder auf. Anders als viele Säugetiere nehmen Vögel ihre Jungen auch wieder an, nachdem sie mit Menschen in Kontakt gekommen sind.
[Hinweis vom 18.5.: Da wir nur auf Basis eines einzigen Telefonats und einiger Mails diesen Artikel strickten, hat es Korrekturbedarf und Ergänzungen gegeben, was wir entsprechend kenntlich gemacht haben. −
Siehe auch Update vom 20.5. am Ende des Beitrags.]

Spechthöhlen

Spechthöhlen

Der Baumsachverständige, Dr. Barsig, hatte am 2. Mai (und kurz nach dem Remmidemmi, das Müll und noch mehr Müll hinterlassen hatte, vom Brutgeschehen aber nichts ahnen ließ: die geschockten Vögel waren offenbar noch in voller Deckung), in seinem Gutachten zu der bruchgefährdeten Weide mit der Nummer 51 mehrere Nisthöhlen fotografisch dokumentiert, ohnehin wegen der seltenen Baumpilze den Erhalt eines Hochstubbens angeraten und  dazu u.a. ausgeführt:

„Falls die Kappung in der erforderlichen Höhe von 4m aufgrund von artenschutzrechtlichen Vorgaben gemäß BNatSchG (Nest in der oberen Krone, Spechtlöcher in der mittleren Krone) ohne Gesetzesverstoß nicht durchführbar ist, sollte zunächst eine moderate Einkürzung erfolgen

  • Das Holzteil mit den Spechthöhlen sollte zum Erhalt der gesetzlich geschützten Lebensstätten an den Stamm eines stabilen Nachbarbaums umgehängt werden
  • Unmittelbar vor der Kappung ist die Weide auf den Besatz mit geschützten Tierarten zu prüfen, die Sägearbeiten sind zwingend mit lärmschonenden Akku-Motorsägen durchzuführen […]“

Besetzte Spechhöhle freigesägt

Obwohl es in F’hain-Kreuzberg unstreitig graduelle Verbesserungen in Bezug auf die Berücksichtigung gutachterlicher Empfehlungen gegeben hat, wurde, als das Sägekommando am , Montag15.5. [Freitag, 10.5.], zu Werke ging, nichts davon beachtet und ein Nest mit fast flüggen Buntspechten ungeachtet der lärmenden Elternvögel und der Proteste von Passant*innen brutal frei gesägt. Dass die Arbeiter erst auf Grund dieser Proteste schließlich von ihrem Tun abgelassen und die aufgebrochene Kinderstube mit einigen Zweigen notdürftig „getarnt“ haben, lässt darauf schließen, dass sie ohne Zeugen anders vorgegangen wären, denn dass die Bruthöhle besetzt war, kann ihnen kaum entgangen sein. [Ergänzung/Korrektur, 18.5.: Die Arbeiter hatten auch den Zugang zu Niststätte abgesägt und deswegen einen neuen anlegen müssen. Sie selbst haben die nassen Jungspechte wieder ins Nest gebracht, wobei auf Grund von Gesprächen fraglich bleibt, ob sie überhaupt wissen, welchen Schaden sie angerichtet haben.]

Notdürftig verstopfte Spechthöhle

Am Dienstag selben Tag, also am Freitag, 17.5. [also eine volle Woche später!] nagelten sie auf Anweisung der zwischenzeitlich von der Wildpädagogin alarmierten Unteren Naturschutzbehörde (UNB) F’hain-Kreuzbergs mit natürlich schwer vermeidbarem Lärm Bretter über die Nisthöhle [und brachten nicht, worum ausdrücklich gebeten, schonend eine Holzplatte mit relativ leisem Akkuschrauber an.] Während dessen sprangen schließlich wenig überraschend die Jungvögel in panischer Angst aus dem [neuen] Flugloch hinaus direkt in den Landwehrkanal.

Als einer der drei bereits unterging, bedachte sich Kristina Roth nicht lange, sondern sprang, so wie sie war und ohne noch die Schuhe auszuziehen, hinterher, und Franziska Münzner [die die Schadensbegrenzung beaufsichtigen sollte] tat es ihr kurz darauf gleich. Wieder zurück am Ufer, trockneten die beiden Frauen die Spechtbabys notdürftig mit ihren Jacken. Anschließend brachten [wie schon oben korrigiert, die Arbeiter] die verängstigten Tiere zurück ins nunmehr wenigstens oben wieder abgedeckte Nest.

Wieder beim Füttern

Am besten aber lassen wir Kristina Roth selbst zu Wort kommen, indem wir aus ihrem Schreiben an die UNB vom Vortag, also Donnerstag (16.5.) zitieren, worin sie eine strafrechtliche Verfolgung dieses schon rekordverdächtig rücksichtslosen Vorgehens fordert:

„Die im Betreff bezeichneten Einkürzungsmaßnahmen wurden ohne Rücksicht auf die in der betroffenen Weide bereits brütenden Buntspechte radikal durchgeführt. Der Stamm, in dem sich die mit bereits hörbaren Jungvögeln besetzte Spechthöhle befindet, wurde direkt über dieser Höhle gekappt. Dabei wurde die Nisthöhle von oben eröffnet. Nachdem die Spechthöhle von den Arbeitern bemerkt wurde, haben diese die weiteren Arbeiten eingestellt. Die Nisthöhle wurde von oben provisorisch mit Zweigen verstopft. Das bedeutet, dass die Jungvögel ungeschützt Witterungseinflüssen wie Regen ausgesetzt sind. Zudem lassen meine Fotos vermuten, dass sogar am Nisthöhleneingang die Säge angesetzt wurde! Es sind deutliche Schnittspuren erkennbar. Außerdem ist anzunehmen, dass weitere Bruthöhlen bereits von anderen Vogelarten besetzt waren. U.a. wurden Weidenmeisen in heller Aufruhr beobachtet. Ein Stück Weide mit deutlichen Hinweisen auf die Bruttätigkeit kleiner Vögel wurde sichergestellt. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass das Nest bei den Arbeiten zerstört wurde.

Die Aufregung der Buntspechte und der anderen Singvögel wurde sogar von Passanten wahrgenommen, die einschritten.

Ergebnisse dieser radikalen und rücksichtslosen Arbeiten für die Spechte sind:

  • Die Nisthöhle besitzt keinerlei Sichtschutz mehr. Bruträuber (Nebelkrähe) sind bereits angelockt. Es ist zu verschiedenen Tageszeiten zu beobachten, dass ein Elterntier auf dem Stumpf oberhalb der Höhle sitzt, um diese zu bewachen.
  • erhöhter Stress für die Altvögel; Bewachen statt Futtersuche
  • Elterntiere sind erhöht der Bedrohung durch Beutegreifer (z.B. Habicht, Sperber) ausgesetzt.
  • In die Spechthöhle regnet es hinein.
  • Ganz sicher finden Fachleute weitere Aspekte. Durch den auffallend schnellen Abtransport des Schnittmaterials wurde es unmöglich gemacht, die Zerstörung weiterer Brutstätten nachzuweisen. […]“

Ein Eltervogel muss derweil ständig wachen

So weit Kristina Roth am Vortag, noch vor ihrem beispielhaften Einsatz mit Franziska Münzner. Ob allerdings solch ein Schreiben an die UNB Folgen hat, müssen wir nach unseren Erfahrungen leider bezweifeln. Zu oft schon in den letzten Dekaden sind ähnliche Dinge vorgekommen, haben z.B. Arbeiter berichtet, sie hätten belegte Nester auf Balkonen „gesichert“ und werden artenschutzrechtliche Prüfungen nur in raren Ausnahmefällen und nach lautstarken öffentlichen Protesten Fachleuten überlassen, die ihre Arbeit dann jedoch ebenfalls vom Hubsteiger der jeweiligen Sägefirma aus verrichten müssen, während rechts und links das von ihnen „Freigegebene“ bereits lärmend und in Nichtachtung der gesetzlichen Vorgaben beschnitten [siehe z.B. hier] oder gefällt wird, ein haarsträubendes Vorgehen aus einem anderen Jahrhundert, und all die Fälle ohne Zeugen bleiben natürlich im Dunkeln.

Immer wieder haben z.B. der BaL angemahnt, der Bezirk möge mit anderen Bezirken einen eigenen Hubsteiger anschaffen oder halt leasen, ohne Erfolg. Doch das inzwischen das Artensterben, besser die rasante Artenvernichtung mit bis zu 200 Spezies Tag für Tag, nachdem sie schon seit vielen Jahrzehnten tobt, auch mal im breiteren öffentlichen Bewusstsein angekommen ist, verleiht diesem Vorfall noch besondere Brisanz.

Wir haben Kristina Roth geraten, Anzeige zu erstatten, am besten bei der Umweltkripo, die in Berlin ja noch nicht wie anderwärts (NRW z.B.) abgeschafft worden ist, doch nach unseren Erfahrungen hat auch eine Strafanzeige keinerlei Konsequenzen. Am Kurs des schwerfälligen Verwaltungstankers ändert sich jedenfalls auch unter einer R2G-Landesregierung nichts, auch wenn es unsere rigorose Artenvernichtung mal kurz und vorüber gehend in die Schlagzeilen schafft.

Weitere Fotos in Kristina Roths toller Foto-Dokumentation. Sie wirkt mit ihrem kleinen Unternehmen Wildpfoten als freiberufliche Wildnislehrerin und Stadtnaturführerin in Berlin. Im Namen des Bäume am Landwehrkanal e.V. bedanken wir uns ganz herzlich!

[Nachtrag, 18.5.: Uns stellt sich zunächst die Frage, ob die UNB bei Erteilen der erforderlichen artenschutzrechtlichen Ausnahmegenehmigung der Baumarbeiten in der Brutperiode auf die im Gutachten erteilten Empfehlungen überhaupt bekräftigt hat und ob die Baumfirma besagtes Gutachten über den ökologisch sehr wertvollen Biotopbaum (Lebensstätte geschützter Tiere) überhaupt zur Kenntnis bekommen hat und die Arbeiter entsprechend instruiert worden sind, und erlauben uns, schon mal vorweg zu vermuten, dass dies ganz offenkundig nicht geschehen ist.

Die beauftragte Firma ist zweitens schon im Nachbarbezirk Neukölln durch artenschutzrechtliche Verstöße aufgefallen, als sie in der zweiten Märzhälfte mit Schnittmaßnahmen an Bäumen auf dem Sportplatz Pflügerstraße beauftragt war. Diese erfolgten ebenfalls mit Motorsäge direkt neben einem Eichhörnchenkobel, weshalb Kristina Roth seinerzeit Umwelt- und Grünflächenamt Neukölln telefonisch informierte und die offensichtlich mangelnde fachliche Kompetenz der Firma kritisierte, doch diesbezüglich haben sie die die Neuköllner Behördenvertreter*innen „beruhigt“. − Und eben das ist ebenfalls ein gravierendes Problem: Nicht nur schicken die Gartenbaufirmen häufig unzureichend qualifiziertes Personal, das auch über die rechtliche Situation gänzlich ahnungslos ist (die Arbeiter zeigten keinerlei Unrechtsbewusstsein, sondern beharrten darauf, alles richtig gemacht zu haben), sondern dieselben Firmen werden weder gerügt noch gar in Regress genommen, sondern statt dessen immer wieder beauftragt.

Wie inzwischen auf Bundesebene z.B. bei der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung begrüßenswerter Weise der Fall, werden Baumpfleger*innen regelmäßig fachlich kompetent weitergebildet, denn die Wissenschaften gelangen zu immer neuen Erkenntnissen. Diese Fortbildungen aber sollten auch und gerade auf kommunaler Ebene obligatorisch werden!

Ums zu wiederholen: Wir befinden uns inmitten des seit Jahrmillionen größten Artensterbens und sind diesmal höchstselbst der Asteroid: Hier müssen die zuständigen Ämter und Behörden unverzüglich reagieren und in der Pflege zumal von Stadtnatur auf Fachkompetenz bestehen und nicht zuletzt beim eigenen Personal sicherstellen! Sie handeln im Auftrag der Allgemeinheit, und diese wird von der Ökokatastrophe bekanntermaßen direkt tangiert, auch wenn sich die Mehrheit der Bevölkerung derzeit eher um soziale Probleme kümmert. Die gegenwärtige Krise ist eine sozial-ökologische und dass Natur- und Artenschutz politisches Stiefkind bleibt, während sich ausgerechnet die reichen, „entwickelten“ Länder anmaßen, Jahrmillionen alte Spezies für private Profitzwecke von der Erdoberfläche zu tilgen, ist eine Ungeheuerlichkeit und auch ein Verbrechen an unseren Nachkommen!]

Nasse Spechtjunge, gerade aus dem Landwehrkanal gerettet…

Update, 20. Mai: Leider kein Happy End!

Stare in Spechthöhle

Star in Spechthöhle

Während die jungen Buntspechte in ihrer am vorletzten Freitag (10.5.) aufgesägten Bruthöhle eine Woche lang von ihren Eltern weiter gefüttert wurden, was auch noch nach dem am letzten Freitag (17.5.) erfolgten brachialen Aufnageln von drei (!) Brettern nachmittags noch kurz zu beobachten war [siehe das Foto oben], ließen sich die Altvögel am Folgetag nur noch mal kurz  blicken, doch von ihren Jungen war schon nichts mehr zu hören, und kurz darauf wurde die Höhle von Staren besetzt. − Die Verantwortlichen der Unteren Naturschutzbehörde F’hain-Kreuzbergs haben keine gute Arbeit geleistet.

Stare in Spechthöhle

Stare in Spechthöhle

Ob allerdings der traurige Ausgang dieser Geschichte Anlass für eine Änderung des hier einschlägigen Verwaltungshandelns sorgt, müssen wir nach manchen Negativerfahrungen in den letzten Jahren dennoch bezweifeln. Es wird viel geredet, beteiligt, das Internet vollgeschrieben, Unterhaltungspläne werden partizipativ aktualisiert, bunte Broschüren über Stadtlandschaft, Schutz der natürlichen Vielfalt etc. pp. gedruckt, seit bald einem Jahr wird eine Charta zum Schutz des Berliner Stadtgrüns ausgehandelt [hier ist wieder Online-Umfrage: bei Interesse bitte trotz allem unbedingt mitmachen! Vielleicht sollten wir auch über den IPBES-Report abstimmen?🤔] − allein vor Ort steht die Zeit still, ist Brutperioden- und Kaputtpflege alle Jahre wieder zu beobachten, und die Fachkunde der mit der Grünpflege betrauten Billigfirmen ist allenfalls rückläufig. − Der Schutz der Stadtnatur ist einfach nicht prioritär. Vielleicht erreicht er in der genannten Umfrage ja nicht das Quorum und kann dann ganz weg.

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