Großstadtleben mit neuen Arten

Der Waschbär in Berlin

Ein mitreißender Vortrag von Derk Ehlert

Waschbär Alex

Perso von Waschbär Alex

Montag letzter Woche (also am 7. Januar), kaum war die Silvestersause verkraftet, drängten an die hundert Interessierte in die Geschäftsstelle des BUND Berlin in Schöneberg. Ein Vortrag des wohl mit Abstand bekanntesten Wildtierexperten der Stadt, Derk Ehlert, erwies sich erwartungsgemäß als Publikumsmagnet. Und das Thema, der Waschbär als Berliner Neubürger, tat ein übriges.

Es gibt, so Ehlert, neben dem Wolf kaum eine Tierart, die so heiß diskutiert wird, obwohl man ihrer selten ansichtig wird, die uns aber, anders als der Wolf, zugleich so nahekommt. So habe Ehlert bspw. die nächsten Spuren kaum hundert Meter vom Veranstaltungsort entfernt entdeckt.

Daten und Forschungsergebnisse gibt es in Berlin (noch) nicht so reichlich, so dass der SenUVK-Pressesprecher auf solche etwa aus dem Raum Kassel zurückgriff, einem Verbreitungsschwerpunkt des Waschbären, die ihm der deutsche „Waschbär-Papst“, Dr. Frank-Uwe Michler, zur Verfügung stellte. Der leitet zusammen mit seiner Frau, Dr. Berit Michler, auch das Waschbär-Projekt im Müritz-Nationalpark und beschäftigt sich bereits seit 18 Jahren mit dem Neusiedler.

Neozoen

Am Beispiel des Waschbären problematisierte Ehlert den Begriff des Neozoon bzw. bei Pflanzen des/r Neophyten oder allgemeiner der Neobiota, also der neuen Lebensformen, die vermehrt in unseren Breiten anzutreffen sind (das Bundesamt für Naturschutz [BfN] geht derzeit von ca. 800 aus), die also nicht natürlicherweise, sondern durch menschliches Zutun verschiedenster Art bei uns vorkommen. Da sind zunächst jene Arten, die, früher fast oder ganz ausgerottet, sich durch menschliche Hilfe wieder ansiedeln und ausbreiten konnten wie Seeadler, Wolf oder Luchs. Andere wandern auf natürlichem Wege, also zu Fuß ein, wie z.B. der Goldschakal, der es, von Südosten kommend, schon bis MeckPomm geschafft hat und künftig sicher noch von sich reden machen wird. Und dann gibt es die eigentlichen Neozoen, die entweder durch den Menschen bewusst ausgewildert wurden oder sich aus Gefangenschaft befreien konnten wie eben der Waschbär.

Die klassische Definition setzt relativ willkürlich die so genannte Entdeckung Amerikas durch Columbus als Grenze, ab der sich Pflanzen und Tiere aus der „Neuen“ in der „Alten Welt“ ausbreiteten und die es hier zuvor nicht gab, doch müssen wir bei dieser Klassifizierung natürlich auch Arten als Neobiota ansprechen, die zunächst niemand so betrachten würde wie z.B. die Türkentaube, so dass der Begriff ’nicht-heimisch‘ vorzuziehen ist.

Verbreitung

Der Waschbär, die häufigste Art der Kleinbären, ist auf dem gesamten amerikanischen Kontinent beheimatet, und die nordamerikanische Unterart verbreitet sich derzeit in Europa. In der BRD gibt es zwei Ballungszentren: wie erwähnt, im Kasseler Raum und östlich von Berlin. Am Edersee setzte 1934 ein Forstmeister eine heller gefärbte Art aus; bei Straußberg ließ gegen Ende von WW II ein Pelztierzüchter seine Tiere frei, weil er sie nicht mehr ernähren konnte. Diese waren wegen dem Zweck, ihr Fell zu Pelzen zu verarbeiten, von dunklerer Färbung.

Wie viele Tiere es heute tatsächlich in den verschiedenen Regionen gibt, kann man nur anhand der Jagdstrecken sowie der überfahrenen oder u.a. an der Staupe verendeten Individuen abschätzen. Genaueres ist einfach nicht bekannt, und ganz ähnlich verhält es sich übrigens auch beim Zensus der Wildschweinpopulation. Man kann nur sagen, es werden ihrer mehr. Vor zehn Jahren waren es in der ganzen Republik rund 30.000 erlegte oder überfahrene Tiere, 2018 jedoch schon 170.000!

Ungeachtet ihres possierlichen Äußeren sind Waschbären Prädatoren mit einer beachtlichen Kompetenz, nicht nur wegen hoher Intelligenz, sondern v.a. auch dank iher taktil hochsensiblen und – im Tierreich einzigartig! – zum Riechen und Schmecken fähigen handförmigen Vorderpfoten und werden z.B. als Eierdieb nicht nur Hühnern, sondern oft auch gefährdeten Wiesen- und Höhlenbrütern zum Problem.

Ernährung

Waschbären sind Allesfresser (Generalisten), die auch pflanzliche Kost nicht verschmähen und je nach jahreszeitlichem Angebot, wirbellose und Wirbeltiere, aber auch Früchte und Sämereien auf dem Speisezettel haben. Im Frühjahr Würmer, Schnecken, Jungvögel und Frösche, was oft mit den Versuchen, Amphibien durch Stellzäune/Fangeimer und Tunnelanlagen auf ihrem Weg vom Winterquartier zum Laichgewässer vorm Tod im Straßenverkehr zu bewahren, fatalerweise konfligiert, indem im März den nach der Winterruhe ausgehungerten Waschbären durch derlei wohlmeinende Schutzanstrengungen Frösche, Kröten und Reptilien quasi frei haus geliefert werden. Ihre Vorderpfoten ermöglichen ihnen, nicht nur Insekten zu fangen, sondern auch sehr erfolgreich im Trüben zu fischen.

Populationsdichten

Die Weibchen leben in Gruppen mit Schwestern, pflegen ein intensives, sehr häusliches Familienleben, wogegen die Rüden meist Einzelgänger sind, nur ausnahmsweise bei den Fähen bleiben, welche aber i.d.R. die Aufzucht alleine vornehmen und auch nur ein relativ kleines Revier rund um ihren Bau beanspruchen, wobei sich sagen lässt: Je größer das Nahrungsangebot, umso kleiner das Revier. Die Männchen aber unternehmen ausgedehnte Wanderungen bis über 200km, um neue Lebensräume zu erschließen.

Die Populationsdichten sind sehr unterschiedlich, am höchsten nicht etwa im Wald, sondern im menschlichen Siedlungsbereich. Inzwischen sind alle Berliner Bezirke erobert und erwartungsgemäß kommt es zu Konflikten: verwüstete Gärten, Gebäudeschäden, aber auch wegen der [unbegründet] befürchteten Übertragung von Krankheitserregern (Spulwürmer), so dass sich die Frage stellt, wie man sich vor den immer weniger gelittenen Mitbewohnern schützt.

Allerdings hatte sich vor Jahren am Alexanderplatz ein Waschbär in der Tiefgarage eines großen Hotels niedergelassen, und da es verboten ist, Wildtiere aus der Stadt zu entfernen, zu fangen oder gar zu töten, wurde für ein halbes Jahr diese Garage gesperrt und angesichts überbordenden öffentlichen Interesses und großen Medienechos ein regelmäßiges Briefing gegeben, wie es dem Tier momentan gehe, ja er und sein Aufenthaltsort wurden sogar durchs Ausstellen eines Ausweisdokuments legalisiert [s.o.]. Etwa zwei Jahre nutzte das Tier dieses Domizil und die Bevölkerung war einhelliger Meinung, dass es keinesfalls getötet werden dürfe.

Waschbären sind auch schon auf Baukräne geklettert, was zu Feuerwehreinsätzen führte, um sie zu „retten“, doch dies ist Derk Ehlert zufolge absolut überflüssg: Wo ein Waschbär emporklimmt, gelangt er auch aus eigener Kraft wieder herunter, und das Ausleben des menschlichen Helfersyndroms ist in diesem Fall völlig deplatziert. Haustiere wie Katzen und Hunde gewahren die Anwesenheit eines Waschbären im Haus weit eher als die menschlichen Bewohner, doch werden die Eindringlinge bspw. Katzen nicht gefährlich, was sich umgekehrt nicht sagen lässt.

Die Schlafplätze des Waschbären finden sich seltener im Erdreich (Fuchs- und Dachsbauten), im Wald eher in hohlen Bäumen, im urbanen Raum aber mit großem Abstand in Gebäuden, für die Tiere der ideale „Bau“ schlechthin. Sie klimmen alle Gebäudetypen und auch die glattesten Fassaden empor und wenn nötig bis ins zehnte, elfte Stockwerk.

Bejagen?

Brisante Frage bleibt, ob eine Bejagung den Bestand zurückzudrängen vermag, doch es verhält sich ähnlich wie bei den Wildschweinen, wo man vor zwanzig Jahren im gesamten Bundesgebiet rund 60.000 Tiere geschossen bzw. tot aufgefunden hat, sind es inzwischen 640.000! In Gebieten, in denen Waschbären bejagt werden, schnellt ihre Reproduktionsrate exponentiell in die Höhe, wie z.B. im Kasseler Raum wissenschaftlich nachgewiesen und diskutiert wurde, so dass sich, diese Anmerkung sei uns gestattet, umso mehr an der Kompetenz unserer Fachpolitiker*innen zweifeln lässt, indem in Hessen, wahrscheinlich als Zugeständnis an die werte Jägerschaft, in einer noch dazu schwarz-grünen Koalitionsvereinbarung erst kürzlich die Schonzeit für Waschbären aufgehoben worden ist, womit, vom ethischen Aspekt mal ganz abgesehen, das genaue Gegenteil des Beabsichtigten erreicht werden wird. Hier erweist sich einmal mehr die Beratungsresistenz der Politik, zumal immer dann, wenn Meinungsforschung den Ausschlag gibt. [Siehe dazu auch Wildtierschutz]

Besonders frappierend, dass die Waschbären bei entsprechendem Jagddruck sich nicht nur stärker reproduzieren, wie andere Tiere auch, sondern hormonell steuern können, welches Geschlecht der Nachwuchs haben soll! D.h. bei hohen Verlusten werden vermehrt weibliche Junge geworfen, bei Nahrungsmangel hingegen mehrt Rüden reproduziert, damit neue Reviere erobert werden.

Schutzmaßnahmen

Bejagen vermag also das Vorkommen der Waschbären gerade nicht nachhaltig zu dezimieren, weshalb im Berliner Raum auch darauf verzichtet wird. Der Fokus muss auf Schutzmaßnahmen liegen, wovon es inzwischen ein breites Spektrum gibt und der Markt vielfältige Angebote macht, bspw. Kletterhindernisse bei Obstbäumen im Garten oder spezielle Sicherungen der Müllcontainer [wobei wir aus eigener Erfahrung berichten können, dass keine noch so ausgeklügelte Verriegelung, sondern nur enormes Beschweren der Deckel aussichtsreich ist]. Die Fallrohre der Dachrinnen sind beliebter Aufstieg, und hier bietet der Handel mehr oder minder effektive Vorrichtungen an. Stacheldraht und derartiges bleibt jedenfalls absolut nutzlos.

Verwechslungsgefahr

Anhand der Trittsiegel in Schnee und Schlamm ist der Waschbär unschwer zu identifizieren, auch an den zahllosen Kratzspuren, die, da immer wieder genutzt, ein Aufstiegsweg aufweist, aber seine Erscheinung bietet besonders bei schlechter Sicht Verwechslungsgefahr mit Dachs oder Marderhund, aber es gibt auch eindeutige Unterschiede.

(An dieser Stelle gab Ehlert den Hinweis, dass es vom Marderhund [noch] keinerlei Vorkommen in Berlin nachgewiesen wurden, übrigens ebenso wenig vom Grauhörnchen!) Auch das Schadbild etwa im Rasen ähnelt dem von Wildschwein doch graben die Waschbären eher flach und eben nicht gleich ganz um sowie von Fuchs und Steinmarder. Zuweilen stellt sich allerdings heraus, dass alle Arten gewühlt haben. Am sichersten gibt da heute eine Kamerafalle Aufschluss.

Fazit

In seinem Fazit wies Derk Ehlert noch einmal darauf hin, dass der Mensch den Waschbär in unsere Breiten gebracht habe, dass Jagd kontraproduktiv wirke, der Waschbär extrem anpassungsfähig sei und aus naturschutzfachlichem Aspekt tatsächlich bedrohte Arten gefährden könne (Wiesenbrüter, Amphibien), dass er aber niemals der alleinige Verursacher des Artenrückgangs sei und wir in diesem Zusammenhang nicht selten Wertungen vornähmen: Wenn er in Linum Storchennester plündert, sich auf die letzten Vorkommen der Sumpfschildkröte spezialisiert oder Frösche an den Hinterläufen zerreißt, finden wir das gar nicht gut; wenn er allerdings in MeckPomm. Kormoraneier herausnimmt oder dem amerikanischen Flusskrebs im Tiergarten nachstellt, ist unsere Einschätzung eine ganz andere.

Für eine Bejagung oder ein ‚Herausnehmen‘ der Tiere durch (in Berlin ohnehin verbotene) Lebendfallen ist es definitiv zu spät, der Einsatz von Ovulationshemmern hingegen zu teuer.

Kontroverse Diskussion: Waschbär und Artenschutz

In der Diskussion schienen trotz des luziden Vortrags einige nach wie vor der Meinung, dass der Waschbär ein Schädling und als „Wirkfaktor“ im Artensterben zu berücksichtigen sei, auf den man womöglich eine Jagdprämie (Kopfgeld) aussetzen müsse, doch machten Ehlert und andere Naturschützer*innen dankenswerter Weise unmissverständlich klar, dass der Mensch (und vor allem in den „entwickelten“ Industriegesellschaften!) die Hauptursache der sechsten großen Artenvernichtung sei und insbesondere durch Flächenversiegelung, Landschaftszerschneidung und eine Gift- und Gülle-reiche Agrarindustrie alles durcheinanderbringe. In einem evolutionären Sekundenbruchteil von weniger als einem halben Jahrhundert hat er es vermocht, drei Viertel der Insekten- und fast zwei Drittel aller Wirbeltierarten auszutilgen, so dass also Agrar-, Mobilitäts- und Energiewende, kurz: einzig und allein die immer weiter verschleppte ‚Große Transformation‘ das Tempo des Artensterben allenfalls noch verlangsamen kann. Doch so lange das Landwirtschaftsministerium in ungenierter Offenheit von der Agrarlobby gesteuert wird, ist für Hoffnung kaum Anlass.

Gleichwohl kann es nur noch traurig stimmen, dass angesichts der bestechenden Intelligenz, Geschicklichkeit und Anpassungsfähigkeit dieser Spezies vielen auch um fünf nach zwölf nur wieder „Plage“, „Problembär“ und „Abschussprämie“ einfällt.

Wir schließen mit dem nachdrücklichen Aufruf, sich am Samstag, 19. Januar an der jährlichen Demonstration „Wir haben es satt!“ zu beteiligen, die für eine andere Subventionspolitik und Verteilung der 60 Milliarden Steuermittel innerhalb der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU votiert: nicht mehr nach Flächengröße, sondern nach Natur- und Umweltverträglichkeit und sich für eine Besteuerung der Gülle- und Methan-Emissionen der Massentierhaltung, ein Verbot des hemmungslosen Einsatzes sog. Totalherbizide usw. einsetzt.

Wir hams satt!

Wir hams satt!

Und nicht zuletzt rufen wir alle auf, sich am 31. Januar an der Veranstaltung zur Charta zum Schutz des Berliner Stadtgrüns zu beteiligen (und sich deshalb anzumelden) [vgl. unseren Bericht von der Auftaktveranstaltung] auf dass endlich dem jeglichem Maß spottenden Flächen- und Naturverbrauch gerade in der Großstadt, die bekanntlich etlichen gefährdeten Arten als letzte Zuflucht dient, vielleicht doch noch Einhalt geboten wird.

Charta für das Berliner Stadtgrün

Charta für das Berliner Stadtgrün

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