Wertvolle Altbäume unnötig gefällt

Entgegen behördlicher Zusage blieb fachliches Gutachten unberücksichtigt

Grünflächenamt Charlottenburg-Wilmersdorf beachtet Mediationsvereinbarung und Unterhaltungsplan zum Landwehrkanal höchst unzureichend!

 

Salzufer

Salzufer, von der Dovebrücke aus

Viel haben wir in den letzten fünf Jahren schon angeschrieben gegen die Nichtachtung von Verträgen zwischen Zivilgesellschaft und Verwaltung, die diese, und zwar auf allen Ebenen, ob nun kommunal, Land oder Bund, wenn’s drauf ankommt, also Geld, Zeit und/oder Mühe kostet, schlicht ignoriert.

Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf z.B. hat schon bei der Anlage des Spreeradwegs oder später bei der Vergabe einer Konzession für die Bespielung vom Alten Wiegehaus am Einsteinufer entweder gar nicht oder erst nach einiger Intervention des Expertenkreises die Mediationsvereinbarung ‚Zukunft Landwehrkanal‘, die Grünflächenamtsleiter Walter Schläger 2013 doch eigenhändig mitgezeichnet hat, allenfalls erst nachträglich und auch dann nur ein wenig beachtet.

Totholzentnahme im Verzug

Wenn jedes Frühjahr die Abstimmungsfahrt des WSA-Außenbezirks (Abz) Neukölln zu den Gehölzpflegemaßnahmen am Kanalufer stattfindet, sind Vertreter*innen aus Charlottenburg-W’df. gewöhnlich mit von der Partie, aber seit nunmehr neun Jahren immer relativ einsilbig, wenn’s zur Sache, also zu den am Uferabschnitt ihres Bezirks fälligen Gehölzarbeiten geht, nehmen die Ermahnungen des Abz-Leiters gelassen auf, so als wüssten sie nichts vom eigentlichen Zweck der Unternehmung: der Festlegung von Eingriffen in den Vegetationsbestand nicht nur des WSA sondern eben auch der Anrainerbezirke, und zwar nach transparenten, nachvollziehbaren Kriterien, fachgerechter Beurteilung und möglichst im Konsens. Deswegen sind auch immer zwei Baumgutachter mit an Bord: einer vom Abz und der langjährige, sog. Vertrauensgutachter der Bürgervertreter*innen im Expertenkreis.

Nach unserem Verdacht hält sich die Auffassung, dass die verschiedenen Stakeholder am Kanal das, was sie in ihrem Zuständigkeitsbereich durchführen, die anderen schlechterdings nichts angeht, weder das WSA noch Naturschützer* und gar Bürgervertreter*innen.

Im Protokoll des Abz Neukölln zur letzten Befahrung war allerdings vermerkt, dass nahe der Dovebrücke eine seit 2013(!) angemahnte Totholzentfernung in den Uferbäumen rechter Hand auch fünf Jahre später nach wie vor ausstehe.

Fällige Weiden

Fällige Weiden am nahe Dovebrücke am Salzufer in Charlottenburg

Lackporling-Befall

Lackporling-Befall

Spätes Entdecken angeblicher Schifffahrtsgefährdung

Als am 8. Oktober d.J., also nach weiteren fünf Monaten, SGA-Mitarbeiter*innen anlässlich einer Baumkontrolle bei einigen alten Weiden am dortigen, recht naturnah unterhaltenen Salzufer das „seit 2013 festgestellte Totholz“ in den Kronen (so hieß es in ihrer Mitteilung) nun doch zu viel schien, entdeckten sie nach „Auswertung von Planunterlagen und vermessungstechnischer Prüfung“ zunächst ihre Zuständigkeit und dann über die überfällige Totholzbeseitigung hinaus bei zwei schräg stehenden Bäumen auch noch durch Lackporling und Brandkrustenpilz [?] verursachte Stammfäule sowie die Notwendigkeit 25-30prozentiger Kroneneinkürzung bei noch zwei weiteren Bäumen und überaus plötzlich eine „Gefahr für den Schiffsverkehr“.

Ohne weitere Untersuchung erkannten sie bei den beiden ersten Weiden auf die Notwendigkeit einer finalen Lösung, also der Fällung, obwohl am LWK bei allen behördlich und gewerblich Beteiligten bestmöglicher Baumschutz und „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“ allgemeines Credo ist. Das Bundesnaturschutzgesetz kennt auch in § 15 ein Vermeidungsgebot.

Immerhin − und das müssen wir lobend erwähnen − wurde die Zentrale Anlaufstelle Öffentlichkeitsbeteiligung beim WSA (ZÖB) vorab von dieser Absicht und angeblichen Gefahr im Verzug unterrichtet, allerdings mit nur sehr lakonischer Schadensbeschreibung und ohne Fotomaterial, denn über das „Gremium ‚Zukunft Landwehrkanal'“ und die Existenz von Vorgaben der Mediationsvereinbarung war man sich ganz offensichtlich mal wieder im Unklaren, wenngleich es doch erst ein halbes Jahr früher wegen des Vorgehens am Alten Wiegehaus [s.o.] schon zu Unstimmigkeiten zwischen SGA und Expertenkreis gekommen war. ZÖB-Inhaber Björn Röske bat jedenfalls um weitere Informationen, die dann auch nachgereicht wurden.

Ignorieren der Vorgaben des Unterhaltungsplans

Kappungsvorschlag

Kappungsvorschlag

Da es sich zumal gemäß neuem Unterhaltungsplan Landwehrkanal (von 2015 bis 2017 von der Bundesbehörde BfG zwar federführend, aber mit Bezirken, Senat, Naturschutzverbänden und Bürgervertreter*innen in partizipativem Verfahren erarbeitet und einvernehmlich beschlossen) um einen ökologisch besonders wertvollen Uferabschnitt und ebensolche Bäume handelt, beauftragte der BaL umgehend den Baumsachverständigen Dr. Barsig mit einer fachlichen Begutachtung, die dieser auch unverzüglich vornahm. Dabei musste er allerdings die mitgeteilten Standorte der Bäume wie auch ihre Nummerierung erst an die Gegebenheiten vor Ort „anpassen“: So standen die Bäume nicht am südwestlichen Einstein-, sondern, wie gesagt, am nordöstlichen Salzufer und wiesen zudem eine Nummerierung in umgekehrter Reihenfolge auf. Der Sachverständige telefonierte auch mit Zuständigen im SGA und erläuterte seine Stellungnahme.

Wie auch immer, mehrere Expertenkreismitglieder, vor Fehl- und Probefällungen seit langem auf der Hut, legten fristgerecht ein Veto ein, worauf es lt. erwähnter Mediationsvereinbarung (Abschnitt 4.2.1 B, S. 22) in einem sehr engen Zeitfenster zu einem Ortstermin mit Baumsachverständigen und Vertretern von Bezirk, WSA und Expertenkreis kommen soll. − Die gutachterliche Stellungnahme Dr. Barsigs war inzwischen SGA-Leiter, Walter Schläger, und seiner zuständigen Mitarbeiterin übersandt worden. − Auch Björn Röske telefonierte mit Angestellten des SGA C-W.

Einladung zur Benehmensherstellung

Weiden-Stubben

Weiden-Stubben

Zunächst hatte es den Anschein, als sei Michael Barsig mit seiner Argumentation durchgedrungen, nur eine der Weiden auf den Stock zu setzen, also zu kappen und als wertvollen Biotopbaum stehenzulassen, wie es nicht zuletzt der genannte Unterhaltungsplan in solchen Fällen vorsieht, beim anderen Baum aber eine, in solcher Situation auch vom VTA empfohlene eingehende Untersuchung vorzunehmen (z.B. Bohrwiderstandsmessung), ob tatsächlich Bruchgefahr bestünde; auch die ZÖB teilte mit, das SGA C-W wolle Dr. Barsigs Stellungnahme „berücksichtigen“.

Doch der schließlichen Einladung zu einem Ortstermin am 24.10. (tatsächlich ein langer Verzug!) war die Bereitschaft zu einem minimal ergebnisoffenen fachlichen Diskurs wahrhaftig nicht zu entnehmen: der Duktus wies nach Ansicht mehrerer Expertenkreismitglieder unmissverständlich in die Richtung reiner Benehmensherstellung, also bloßer Information über eine längst beschlossene, beauftragte, alternativlose und nunmehr auf den 1. November terminierte Maßnahme.

Zwischenzeitlich hatten die Bäume übrigens noch kräftigen Herbststürmen getrotzt, die etwa am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer eine große Linde glatt um- und auf den Uferweg geworfen hatten. Die „Presse“ berichtete.

Weiden-Stubben

Weiden-Stubben ohne Kernfäule

Mails an SGA-Leiter Schläger sowie den Leiter des bezirklichen Umweltamts, Graf zu Lynar, vermochten nichts auszurichten bzw. blieben im zweiten Fall gleich ganz ohne Rückmeldung. Walter Schläger bedauerte unseren Boykott des „fachlichen Austauschs“ vor Ort und versuchte ausgerechnet mit einem Foto besagter PLU-Linde [siehe die ausnahmsweise verlinkte BZ] die Notwendigkeit radikaler Maßnahmen zu belegen. Wir gingen immerhin davon aus, dass nun eben beide Bäume gekappt würden.

Wie sich jedoch später zu unserer Bestürzung herausstellte, wurden beide Weiden entgegen der Zusage nicht etwa in drei bis vier Meter Höhe nur auf den Stock gesetzt und als wertvolle Kopfweiden und sog. Habitat-Bäume für Fledermäuse, Höhlenbrüter bis hin zu holzzersetzenden Käfern, Pilzen, Moosen und Flechten erhalten [es herrscht rasante Artenvernichtung!], sondern ca. achtzig Zentimeter über dem Boden gefällt. Und die Schnittflächen zeigen: die Fällung geschah ungerechtfertigt! Ob eine artenschutzrechtliche Begutachtung aufs Vorliegen von Brut- und Aufenthaltsstätten (streng) geschützter oder gefährdeter Arten vorgenommen wurde und worauf wir Umweltamtsleiter Graf zu Lynar eigens hinwiesen, wissen wir nicht und wären über entsprechende Nachweise dankbar.

Wegen anderer Verpflichtungen konnte Dr. Barsig erst kürzlich unseren erneuten Auftrag der Begutachtung post festum wahrnehmen.

Hiermit bekräftigen wir das Ersuchen um Ersatzpflanzung von mindestens vier Weiden mit allem Nachdruck, da nicht zuletzt auch das Landschaftsbild erheblich beeinträchtigt worden ist.

Nachbemerkung
Vielleicht gibt ja folgende Äußerung in einer Mail einen Fingerzeig aufs Motiv: Bei Kopfweiden müsse man sich darüber im Klaren sein, dass sie regelmäßiger jährlicher Pflegeschnitte bedürften…

 

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