Zur Charta für Berlins Stadtgrün

Berlins Grüne Infrastruktur

Integrierte doppelte Innenentwicklung von Beton und Grün

Seit dem 12. Oktober, dem Tag der Auftaktveranstaltung, läuft nun der Online-Dialog zur Erarbeitung einer Charta für Berlins Stadtgrün, wird bis zum 23. November fortgeführt und bedarf noch deutlich regerer Teilnahme: diese Formate müssen, auch wenn hierzulande manches noch Jahrzehnte Neuland bleiben mag, in Beteiligungsverfahren von der Stadtgesellschaft unbedingt viel intensiver genutzt werden!

Impulspapier zur Charta Stadtgruen

Impulspapier zur Charta Stadtgrün

In diesen Tagen hat auch das Bundesumweltministerium den Entwurf zu einem ‚Masterplan Stadtnatur‘ samt Maßnahmenprogramm vorgelegt, d.h. zumindest auf der Verlautbarungsebene tut sich was in Richtung doppelter Innenentwicklung: Es kann und darf nicht nur um Wohnungsbau gehen, womöglich im gründerzeitlichen Blockrandstil, und auch nicht nur um den Ausbau der grauen, sondern mindestens ebenso wichtig ist die Sicherung, Entwicklung und der Ausbau unserer grünen Infrastruktur! Sie hat ihren Nutzen für den Klimaschutz, dient aber hauptsächlich der existenziell notwendigen Anpassung an die absehbaren Folgen der Klimakatastrophe, worauf der diesjährige, sicher schon halb vergessene Dürre- und Hitzesommer hindeutete, nicht zuletzt jedoch dem Arten- und Biotopschutz!

Deshalb seien zu jenem Auftaktkolloquium vom 12.10. noch einige Ausführungen nachgereicht, zumal es in der Presse leider keinen Widerhall fand und auch live neben Verwaltungsvertreter*innen und Fachpublikum nur wenig interessierte Öffentlichkeit in die Alte Zollgarage im THF-Gebäude lockte.

Natürlich ist uneingeschränkt zu begrüßen, dass der Charta-Prozess endlich gestartet wurde, nachdem der Beschluss des rot-rot-grünen Koalitionsvertrags, worin der Begriff ‚Stadtgrün‘ gleich sechzehn Mal prangt, auch schon wieder zwei Jahre zurückliegt. War seinerzeit in den Wahlveranstaltungen viel von ‚Grüner Infrastruktur‘ die Rede, die es zu fördern gelte, von Bodenfonds und Flächenkauf, blieb es in den Folgejahren auffallend still um dieses Thema.

Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, das Bevölkerungswachstum und die lahmende Bautätigkeit erhitzen die Gemüter und nicht selten werden Naturschutz wie Partizipation als Bauverhinderer geschmäht und währenddessen hochverdichtete Innenstadt-Kieze nachverdichtet − eben nicht ‚behutsam‘, mit größtmöglicher Rücksicht auf vorhandene Stadtnatur, Gehölzbestände und grüne Freiräume, sondern in hergebrachtem Rigorismus mit brachialer Baufeldfreimachung am besten Jahre im Vorfeld. — Über einige Kreuzberger und Schöneberger Beispiele hatten wir berichtet.

Langzeitwirkung

Die Finanzkrise von 2008 machte nicht nur Reiche noch reicher, befeuerte nicht nur Managergehälter und Boni und spreizte die Schere der Einkommens- und Vermögensverteilung in nie gekannter Obszönität, während niemand zur Verantwortung gezogen wurde, sondern schlug im Run auf sichere Kapitalanlage in Betongold neben der auch von geballtem volkswirtschaftlichem Sachverstand unbeirrbaren Austeritäts- und Sparpolitik (Schuldenbremse, Schwarze 0) als Mietenexplosion mit Macht nicht nur auf die Einkommensschwachen, sondern längst auch die Mittelschicht durch. So weit, so bekannt.

Der Rückbau des Sozialstaats („Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt!“) und der Sündenbock-Fallout auf Migranten und Asyl suchende Geflüchtete sind ebenfalls bekannt. Dass aber und nicht zum wenigsten die urbane Natur und damit allgemeine Gesundheit und Lebensqualität sowie unsere tagtäglich dezimierte Artenvielfalt mehr oder minder direkt ebenfalls einem nach wie vor ungezügelten finanzgetriebenen Kapitalismus geopfert werden, wird weniger thematisiert. Was Reiz und Anziehungskraft der Stadt ausmacht, ausgedehnte Stadtwälder und ein (noch immer) hoher Grün- und Freiflächenanteil mit 20000 Tier- und Pflanzenarten, wird da in den Augen interessierter Kreise schnell zum Manko, und Berlin wird als „lückenhafteste Metropole Europas“ karikiert. (FDP-Fraktionschef im AGH, Sebastian Czaja)

Impulspapier und wenig überzeugendes Veranstaltungsformat

Dass ein 27seitiges sog. Impulspapier der Umweltverwaltung, das den Aushandlungsprozess strukturieren soll, dessen Voraussetzungen und Grundannahmen jedoch durchaus diskussionswürdig sind, zur Vorablektüre aufgegeben war, während seine Leitsätze und -linien schon den mittleren Teil der Veranstaltung im Format eines sog. World Cafés räumlich organisierte, war nicht jedermenschs Geschmack, doch Kritik daran wurde an einen Nörgel- oder Katzentisch draußen vor die Tür verbannt.

Anregungen, Ergänzungen und Lob wurden in Form einer unüberschaubaren Vielzahl verschiedenfarbiger Fähnchen auf Stadtkarten sowie auf Kärtchen an Stellwände gepinnt. Wir sind auf Kategorisierung und transparente Auswertung gespannt.

Die angekündigte Umweltsenatorin Regine Günther machte sich rar und hatte ihren Staatsekretär Stefan Tidow vorgeschickt. Die Gruppenleiterin „Gestaltung des öffentlichen Grüns“ bei der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz (SenUVK), Ursula Renker, tat einen Parforceritt durchs Impulspapier, nannte die Stadtgrün-Charta einen zu beschließenden Stadtvertrag und verglich sie mit einem Dach über all jene Strategien und Programme zu Stadtlandschaft, Biologischer Vielfalt, Klima etc. der letzten Jahrzehnte, ja Jahrhunderte [!], die bislang eher ein Schubladendasein führen, daraus befreit und in einem Aushandlungsprozess zwischen den unterschiedlichen Nutzungsgruppen endlich umgesetzt werden sollen.

Ein Vertreter von Urbanizers, die „gemeinsam mit bgmr Landschaftsarchitekten mit der Entwicklung einer ‚Charta für das Berliner Stadtgrün‘ beauftragt sind“, führte durch die Veranstaltung.

Nach den Ausführungen der beiden Senatsvertreter*innen gab es Statements von je fünf Minuten aus unterschiedlichen Perspektiven von Naturschutz über die Grünverwaltung bis zur Wirtschaft und im Anschluss ans World Café eine Podiumsdiskussion mit u.a. dem BDLA-Vorsitzenden Berlin-Brandenburg, Eike Richter, BWB-Vertreterin, Dr. Darla Nickel, Leiterin der Regenwasseragentur, und dem Landschaftsarchitekten Bernd Krüger, der als Mitglied der Freunde des Mauerparks für Berlins engagierte Zivilgesellschaft das Wort ergriff.

Die Publikumsdiskussion wurde in ganzen sieben Minuten und mit einer Handvoll Wortmeldungen abgehandelt.

Verschiedene Perspektiven aufs Stadtgrün

Tilmann Heuser, Landesgeschäftsführer des BUND, war die Erleichterung über den endlichen Start dieses Charta-Prozesses anzumerken, den Berlins Naturschutzverbände mit ihrer Immer.Grün-Kampagne und der Forderung eines Vertrags für die Sicherung von Berlins Stadtgrün nach dem Vorbild des Dauerwaldvertrag von 1915, der den Grunewald vor der Bebauung rettete, angestoßen hatten. Angesichts des vergleichbaren gegenwärtigen Drucks der Baubranche aufs Stadtgrün forderten sie einen Dauergrünvertrag.

Die vielen so kleinteiligen wie aufreibenden Kämpfe um diesen Baum, jene Brache müssten in einer Gesamtstrategie aufgehoben werden, die verhindert, dass das Wachstum der Stadt allein auf Kosten ihrer Natur geht und dem ungebremsten Flächenverbrauch endlich Grenzen setzen.

Die Leiterin des Umwelt- und Naturschutzamtes Pankow, Dr. Maria Moorfeld, die auch für die Straßen- und Grünflächenämter sprach, betonte die Wichtigkeit der Stärkung der personellen und finanziellen Ressourcen, da Umwelt- und Grünflächeämter ja nicht nur für Pflege, Sanierung und Neubau von Grünanlagen zuständig seien, sondern durchaus auch auf bezirklicher Ebene für strategische Freiflächenplanung, Entwicklung von Klimaanpassungskonzepten bis hin zur Entwicklung von Biotopverbindungen, und sprach von zehn, zwanzig Jahren Planungsdefizit!

Für dieses breite Aufgabenspektrum gehörten Finanzmittel in den regulären Bezirkshaushalt eingestellt, doch zusätzliches Personal sei bislang wie immer am Grünbereich vorbeigegangen.

Wendy Brand, Juristin bei Berlins IHK, klagte, dass die Wirtschaft nie in die Grünplanung einbezogen werde, bezeichnete ein attraktives Stadtgrün als Standortvorteil und betonte die Wichtigkeit eines grünen Umfelds, da die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben fließend geworden seien, doch dürfe das Stadtgrün die wirtschaftliche Entwicklung nicht hemmen. Andererseits könne die Wirtschaft Partnerin bei der Umsetzung der Stadtgrün-Charta sein. Im Rahmen von Ausgleich- und Ersatzmaßnahmen schüfen Unternehmen Grünräume, sorgten für Dachbegrünung oder beteiligten sich am dezentralen Regenwassermanagement.

Wir möchten an dieser Stelle nur so viel sagen, dass jedenfalls eine fossile, einzig auf Steuervermeidung, Profitmaximierung und unendliches Wachstum fixierte und, wenn es um Emissionsreduktion und Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards in der Wertschöpfungskette geht, in großem Maßstab betrugsbereite Wirtschaft nie und nimmer Partnerin bei Erhalt und Förderung von Stadtnatur sein kann.

Gleichrangigkeit von grauer und grüner Infrastruktur

Mehrfach betonte Staatssekretär Tidow, dass der Bau von Wohnungen und grauer Infrastruktur dem von grüner gleichrangig sein und der Bau beider integriert erfolgen müsse. − Ist damit auch die vom Landesbeauftragten für Naturschutz, Professor Kowarik, seit langem erhobene Forderung einer Gleichrangigkeit von Flächennutzungsplan (FNP) und Landschaftsprogramm (LaPro) gemeint?

Zudem sei die Charta füs Stadtgrün kein Werk der Umweltverwaltung, sondern des gesamten Senats, und Stefan Tidow brach an dieser Stelle eine Lanze für die Trennung von Bau- und Umweltverwaltung − so als hätte es diese nicht unter dem rot-roten Senat längst gegeben: mit den bekannten, unerfreulichen Ergebnissen − und verspricht sich ausgerechnet davon eine Verhinderung neuerlicher Schubladenplanung.

Ein Vorteil der Trennung liege darin, dass die verschiedenen Verwaltungsrationalitäten in die Aushandlung eingehen und schließlich in einen Konsens münden müssten, um eine Umsetzung zu ermöglichen.

Primat der Ökologie

Klimawandel und Adaption an seine Folgen sowie Eindämmung der sechsten, im Unterschied zu ihren Vorläuferinnen menschengemachte großen Artenauslöschung müssen jedoch u.E. für eine zukunftsfähige Politik oberste Priorität haben: da gibt’s nichts mehr zu verhandeln! Und jede Nutzung des Stadtgrüns, die dies missachtet, ist schädlich ohne Wenn und Aber. Insofern können wir uns Kompromisse nur schwer vorstellen, sondern hierüber muss fünf nach zwölf endlich ein gesellschaftlicher Grundkonsens erzielt werden. Wenn bspw. unser Wirtschaften weiter exzessiv auf Kosten von Natur und Ökologie geht, wie seit nunmehr zweihundert Jahren, gibt es keine Zukunft für die menschliche Zivilisation und alles höhere Leben auf diesem Planeten, vielmehr nur den Weg in den Abgrund (vgl. etwa den jüngsten IPCC-Report).

Drei harte Fragen

Demgegenüber gilt es lt. StS Tidow bei allen Aushandlungsprozessen jeweils drei harte Fragen zu beantworten: die nach der Flächenkulisse, also dem zu sichernden und zu erweiternden Grünraum, die Finanzierung und die Verteilung des öffentlichen Raums unter die verschiedenen Nutzungsgruppen.

Um mit dem, insbesondere wenn es um Soziales und Grün geht, reflexhaft ins Feld geführten Finanzierungsvorbehalt und den verschieden ausdifferenzierten Rationalitäten zu beginnen: Solches lässt vergessen, dass der großen Vernunft der Ökologie, die doch allem Leben und aller Ökonomie als Voraussetzung vorausgeht, endlich der Primat gebührt!

Und wenn ein Finanzierungsvorbehalt, der die ökologischen Kosten in der Preisbildung geflissentlich ausblendet: die Kosten für Leben und Gesundheit längst nicht mehr nur, aber vor allem unserer südlichen, für die Katastrophe am wenigsten verantwortlichen Mitmenschen, die Kosten für unsere natürliche Mitwelt und alle Zukunft schlechthin −, wenn dieser Vorbehalt unhinterfragt bleibt, obgleich die Kosten für unterlassene Emissionsreduktion, wirksame Adaption etc. mittelfristig explodieren werden (die Versicherungswirtschaft ist da bekanntlich schon weiter), frommen solche Vorbehalte nur einem kurzatmigen Denken in Konjunkturen und Legislaturen, bürden wir den Löwenanteil doch ohnehin unseren Nachfahren auf.

Die Eindämmung bspw. des Flächenverbrauchs, der Artenvernichtung, der Schadstoff-Emissionen, ob nun CO₂, Stickoxide, Feinstaub oder Methan, gebührt in einer verantwortlichen Politik höchste Priorität: Im Angesicht der Katastrophe gibt’s da nichts mehr auszuhandeln, wobei natürlich das Hauptproblem bleibt, dass da mitnichten auf Augenhöhe verhandelt wird.

Von verschiedener Seite wurde das Fehlen eines eingängigen Bilds bemängelt, wohin uns diese Charta überhaupt führen soll und was wir mit ihr erreichen wollen, wodurch vielleicht auch mehr öffentliches Interesse geweckt worden wäre. Dem Staatsekretär schwebte u.a. ein Wimmelbild à la Ali Mitgutsch vor, um die verschiedenen Wünsche, Ansprüche und Herangehensweisen ans Stadtgrün zu symbolisieren. Tatsächlich hätte dies die Übernutzung des Stadtgrüns eindrücklich illustriert.

Konflikte, die in der Aufmerksamkeitsökonomie oft allein Medieninteresse generieren, brauchen ja nun nicht gespielt zu werden, denn der Vorstoß von Bausenatorin Lompscher, für Neubau auch schon mal Wald zu roden, Bäume bereits vor erteilter Baugenehmigung zu fällen und dergleichen mehr birgt wohl Zündstoff genug.

Von Nutzen, Doppelnutzung bis Multicodierung

Dutzende Male gesellt sich im Impulspapier zum Begriff ‚Stadtgrün‘ quasi automatisch jener der Nutzung, der Nutzungsansprüche, der Nutzergruppen etc., und auch in der Mehrheit der Beiträge ging es um Doppelnutzung, Mehrfachnutzung, Multifunktionalität und Multicodierung, immerhin auch um Nutzungsdruck und Übernutzung.

Spricht aus diesem Nutzen-Paradigma nicht der gleiche Geist, der uns massenhaft Nutztiere und -pflanzen einzig auf unsere angeblichen Bedürfnisse und ökonomischen Notwendigkeiten hin zurechtschneiden und -züchten lässt? Die Anthropozentrik ist die Signatur des Anthropozän, führt unweigerlich ins Homogonozän und macht zusehends das Wunder der lebendigen Arten und ihrer Vielfalt zunichte.

Eigenwert hat das Stadtgrün selbstverständlich keinen, doch bei seiner Wertschätzung ist es vor allem auch um seine Sebstwertschätzung zu tun!

Urbane Wildnis

Kein einziges Mal kommt der Begriff ‚Wildnis‘ im Impulspapier vor, obwohl doch schon viel von der Notwendigkeit urbaner Wildnis zu lesen und zu hören war und anderswo auch umgesetzt wird. Denn Natur muss sich auch selbst überlassen, in Ruhe gelassen werden, sich eigendynamisch entwickeln dürfen, um etwa als Habitat und Refugium und als authentischer Naturerfahrungsraum zu funktionieren, und bezeichnender Weise kommen Bäume, Büsche, Kräuter, die sich selbst aussäten, also Prozessen der Naturverjüngung, der Ruderalisierung etc. entsprossen, bspw. mit den Unbilden der sich häufenden Extremwetterereignisse regelmäßig am besten zurecht, wogegen die Ware aus Baumschulen und Gärtnereien vielfach zum Eingehen neigt.

Sportflächen als Stadtgrün?

Stattdessen werden Sportflächen unters Stadtgrün subsumiert. Warum? Ja, weil sie der FNP so deklariert. Vielleicht aber gibt es hier Überarbeitungs- und Aktualiserungsbedarf. Fussball- oder gar Golfrasen sind nun mal das Gegenteil von Stadtgrün und ökologisch tot, von der Skater-Halfpipe, der Tartanbahn, dem asphaltierten Radweg, aber auch der wassergebundenen Decke der Spazierwege zu schweigen. Doch angesichts der sitzenden Tätigkeiten der meisten Städter*innen interessiert halt Stadtgrün primär unterm Aspekt gesundheitsfördernder Bewegung.

Verwaltungsebenen übergreifen!

Zurecht sieht StS Tidow die Erarbeitung der Stadtgrün-Charta als Querschnittsaufgabe, die abteilungs- und ressortübergreifend Synergien hebend gelöst werden müsse, doch wenn es um blau-grüne Infrastruktur, also um die zahlreichen Wasserläufe und ihre Ufer in dieser Stadt geht, erweist sich die Herausforderung sogar als Verwaltungsebenen übergreifend, da sich die Mehrzahl der Flüsse und Kanäle Berlins nun mal im Besitz des Bundes befindet.

Grün-blaue Infrastruktur

Über ein Jahrzehnt lang mühten sich vor allem die Beteiligten aus der Zivilgesellschaft so beharrlich wie umsonst, gerade unterm Aspekt der Entwicklung eines Biotopverbindungsnetzes, also Ausbreitungs- und Wanderkorridore für Flora und Fauna entlang der Flüsse und Kanäle auch die fürs Terrestrische zuständige Abteilung der Umweltverwaltung erst an den Mediationstisch, dann in den Expertenkreis des Partizipationsverfahrens „Zukunft Landwehrkanal“ zurückzuholen, zumal sie ja auch an der Konzipierung der Unterhaltungspläne der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) z.B. für den Landwehrkanal und den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal mitwirkten, doch wohlweislich immer getrennt und vor den Vertreter*innen der Stadtgesellschaft.

Nun ist von grün-blauer Infrastruktur die Rede, aber von der notwendigen Kooperation mit den zuständigen Bundesbehörden wie dem Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) ist nach wie vor keine Rede. Nur die für Wasserqualität zuständige Abteilung für integrativen Umweltschutz in der SenUVK beteiligt sich, weil diese nun mal Ländersache, am genannten Verfahren und gab bedeutsame Impulse!

Eine Einladung

Und um gleich einen passenden Werbeblock zu schalten: Am

Donnerstag, 15. November, ab 14
und bis voraussichtlich 18 Uhr

organisieren WSA und Expertenkreis (das Nachfolgegremium des Mediationsforums, dem − nicht zu vergessen − auch die SenUVK-Abteilungen für aquatisch und terrestrisch formal nach wie vor angehören!) mit erfahrenen Fachleuten auch des Senats einen

Workshop zur Planung ökologischer
Aufwertungsmaßnahmen am Landwehrkanal

von strömungsberuhigten Flachwasserzonen, künstlichen Inseln bis zu Wasservogelausstiegen mit integriertem Regenüberlaufbecken und ähnliches im Amtsgebäude des WSA unweit des Tagungsorts des Kolloquiums und des Platzes der Luftbrücke, am Mehringdamm 129, und alle an Stadtgrün und Stadtnatur, an grüner und grün-blauer Infrastruktur Interessierte sind sehr herzlich eingeladen, die Charta Stadtgrün hier schon mal konkret werden zu lassen, denn Zuständigkeitsgrenzen gilt es im Sinn einer Stärkung und Entwicklung des Stadtgrüns, d.h. im Interesse der Sache beherzt zu überschreiten!

 

Einladung Workshop ökolog. LWK-Aufwertung

Einladung Workshop ökolog. LWK-Aufwertung_2

Einladung zum Workshop zur Planung ökologischer Aufwertung des Landwehrkanals (Klick zum PDF!)

Verhandlungskompetenz ließ/lässt sich im Landwehrkanalverfahren erwerben!

Wenn es um Wasser geht, dann natürlich auch ums Regenwasser und sein dezentrales Management über Gründächer, Rigolen und Versickerungsflächen (Stichwort ‚Schwammstadt‘): Die Leiterin der Regenwasseragentur der BWB, Darla Nickel, betonte in der abschließenden Podiumsdiskussion, dass jeder Tropfen Regenwasser, der nicht in Abwasserkanälen, sondern im Stadtgrün versickert, ein Gewinn sei, doch das bereits 2015 initiierte ‚1000-grüne-Dächer-Programm‘, das wir natürlich unbedingt begrüßen, wird bei den zu erwartenden Starkregenereignissen seinerseits zum Tropfen:

Der Großteil des Abwassers wird bei Starkregen nach wie vor ungeklärt über die Mischwasserkanalisation in die Gewässer ‚entlastet‘, durch Ausbau der Rückhaltekapazität (etwa in einem Staukanal unterm Mauerpark) können diese Wasserfauna tötenden Entlastungsfälle allenfalls halbiert werden, doch eine Abkopplung allein mittels Gründächern und -flächen erforderte einen ungeheuren, letztlich unverhältnismäßigen Aufwand, weshalb der Senat aufgerufen ist, gemeinsam mit dem Bund Kompensierendes für die Qualifizierung der Wasserläufe zu tun! [s.o.]

Das Klagen der BWB-Mitarbeiterin über mangelnde Ver- und Aushandlungskompetenz − „früher haben wir einfach nur unsere Kanäle gebaut“ − geriet angesichts der über zehnjährigen Teilnahme der BWB am genannten Landwehrkanal-Verfahren unfreiwillig komisch: Im Beteiligen und Verhandeln waren und sind gerade die Wasserbetriebe im Unterschied zu manch anderen Akteuren in aller Regel vorbildlich. (Einfach mal Kai Joswig, Stephan Natz oder Peter Kreis konsultieren.)

Synergien

Vom Heben von Synergien war viel die Rede, bspw. im Zusammenhang mit der Mobilitätswende. Protected Bike Lanes müssten integraler Bestandteil der grünen Infrastruktur werden, doch bei Pedelec-Pisten durch Parks und Grünanlagen, so Ursula Renker alarmiert, sind die Nutzungskonflikte vorprogrammiert. Radwege haben in Grünanlagen nichts zu suchen, Fußwege dürfen von Radler*innen zwar auch benutzt werden, aber immer unter der Voraussetzung, dass der Fußverkehr unbedingt Vorrang genießt.

Die Radwege-Infrastruktur muss vielmehr auf Kosten der grauen Infrastruktur und des Straßenverkehrs entwickelt werden, und solange Verbrennungsmotoren die Kfz antreiben, aber auch im Fall ihrer Elektrifizierung raten Pneumologen und Umweltmediziner, die es übrigens viel stärker bzw. überhaupt in die Stadtgrün-Entwicklung einzubeziehen gilt, zur Anlage von Grünbarrieren in Form von Hecken und Büschen als Abgrenzung zu den Autostraßen: Bei bloßen Pollern fungieren eben die Lungen der Radler*innen weiterhin als Ruß- und Feinstaubfilter.

Was Kriterien nachhaltigen Bauens angeht, sei dem Vorsitzenden des BDLA Berlin-Brandenburg, Eike Richter, zufolge der Bund schon weiter mit seinem Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB), das ja nun auch schon einige Jahre auf dem Buckel hat.

Am Beispiel des Drucks auf Berlins Friedhöfe, wahre Hotspots der Artenvielfalt, z.B. mit Kolkraben-Horsten und Mittelspecht-Vorkommen, also gefährdeten/bedrohten Rote-Listen-Arten, machte Richter deutlich, wie wichtig nicht nur ein kommunales Vorkaufsrecht bei Mietshäusern, sondern auch bei Grünflächen wäre, während Ursula Renker sogar unter Umständen eine Teilbebauung für sinnvoll hält. Dazu kommt es hoffentlich nur in Ausnahmefällen, aber die Umwandlung der infolge gewandelter Bestattungskultur nicht mehr benötigten Flächen sollen jetzt entweder in Parkanlagen oder Gemeinschaftsgärten umgewandelt werden. − Ob sie unter diesen Umständen Arten-Hotspots bleiben, muss bezweifelt werden.

Verantwortung der Stadtgesellschaft

„Von 1989 bis 2016 verringerte sich die in Kilogramm gemessene ‚Biomasse‘ der fliegenden Insekten um 76 Prozent. Etwa 80 Prozent aller wilden Pflanzen seien von Bestäubung durch Insekten abhängig, 60 Prozent aller Vögel seien auf Insekten als Nahrungsmittel angewiesen, heißt es in der Studie.“ [Tagesspiegel vom 19.10.2017] und „Insekten zieht es in die Stadt“, denn die pestizid-, dünger- und güllegestützte Agrarindustrie mit ihren endlosen Monokulturen macht außerhalb der inselhaft isolierten Naturschutzgebieten die Kulturlandschaft zur ökologischen Öde.

Doch wenn man an einem der World-Café-Tische Vertretern der Grünverwaltung davon berichtet, dass selbst in Berlins Stadtwäldern kaum mehr früher allgegenwärtige Allerweltsarten von Ameisen, Tausendfüßlern bis Mistkäfern, geschweige seltene zu beobachten seien, wird beredte Klage über die Vermüllung als Ausdruck mangelnder Wertschätzung geführt und bspw. heftig Anstoß an Graffitis an Parkbänken und -toren genommen, was für viel Geld beseitigt werden müsse. − Eigentliches Problembewusstsein lassen halt oft auch die Mitarbeiter*innen der Grünverwaltung vermissen.

Die Kritik an einer bloßen freiwilligen Selbstverpflichtung ohne unabhängige Beschwerdeinstanz bei Nichteinhaltung, womit wir im Fall unserer Mediationsvereinbarung zum Landwehrkanal unbefriedigende bis höchst frustrierende Erfahrungen machen, wies der Staatsekretär zurück: Eine Selbstverpflichtung sei viel viel höherwertiger als etwa ein Gesetz, das auch jederzeit geändert werden könne. Jenes zum Erhalt des Tempelhofer Felds z.B. habe als Ergebnis eines Volksentscheids die höchste Legitimation, die ein Gesetz nur haben könne, doch hindert es die SPD und den Regierenden nicht, es alle Vierteljahre wieder zur Disposition zu stellen, obwohl es zu seiner Änderung doch eines neuen Volksentscheids bedürfte! Das ist u.E. einfach schlechter politischer Stil.

Bei veränderten politischen Konstellationen könnte auch eine Grün-Charta in Gesetzesform Makulatur werden [und halt auch ohne]. Eine Charta als Konsens sei demgegenüber tragfähiger, wobei auf die Bauwirtschaft allerdings noch zugegangen werden müsse, die keine Vertreter*innen entsandt hatte. [sic!]

Ausblick

Am Online-Dialog kann und sollte man sich, wie gesagt, noch bis 23.11. beteiligen: „Egal ob Frage, Meinung, kreative Idee, konstruktiver Diskussionsbeitrag, Ergänzungsvorschlag oder kritischer Hinweis: wir freuen uns über Ihren Beitrag!“

Ursula Renker stellte eine Phase aufsuchender Beteiligung von urbanen Gärtener*innen bis Bauwirtschaft und mehrere Folgeveranstaltungen in Aussicht, u.a. auch mit Plenardiskussion, wo dann jede*r jede*m zuhöre, fragen könne und Antwort bekäme.

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