Das Alte Wiegehaus

Vom permanenten Kampf um Berücksichtigung

Ortstermin am Einsteinufer, Charlottenburg

Ortstermin Altes Wiegehaus

Ortstermin am 11.12.2017

Wahrhaftig: es kam zum Ortstermin am Alten Wiegehaus (sogar mit Teilnahme der WSA-ZÖB, also Björn Röske!) − Monate, nein, ein gefühltes Halbjahr, nachdem der Expertenkreis „Zukunft Landwehrkanal“ zuerst von den Machenschaften des neuen Pächters des kleinen historischen Bauwerks Wind bekommen hatte. In dem Backsteinhäuschen wurde dereinst das per Treidel-Kahn auf dem Landwehrkanal transportierte Salz gewogen.

Das Alte Wiegehaus

Das Alte Wiegehaus in neu

Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf hatte dem Pächter gestattet, das Gebäude einer neuen, und zwar gastronomischen Nutzung zuzuführen. Die Studierenden an den in der Umgebung ansässigen Fachbereichen der TU und natürlich auch der Touristenverkehr auf Kanalexkursion winken mit lukrativen Aussichten. Um das Vermüllen des Ufers zu vermeiden, hatte der Gastronom, der schon mal voller Tatendrang, aber ohne Genehmigung einen Anlegesteg errichtet hatte, gleich einen Container aufstellen wollen − bei den heutigen Konsumgepflogenheiten eigentlich naheliegend −, aber das Straßen- und Grünflächenamt (SGA) Charlottenburg-W’df. genehmigte zu Recht nur einen kleinen Papierkorb: die Wesensmerkmale einer Grünanlage müssten beachtet werden. Ob da ein unbedingt eine Gaststätte dazugehört?

Genug Touristifizierung!

Einige Liegestühle will er auf die Böschung stellen, und wir waren seinerzeit von einer in der Gegend beruflich tätigen Biologin alarmiert worden, dass am Einsteinufer, gerade gegenüber des naturnahen Salzufers, großflächig Gehölze, also Sträucher und Stauden, gerodet würden; auch die inzwischen wieder zurückgebaute, gleich doppelt unrechtmäßige Anlegestelle hatte die Dame moniert. Expertenkreismitglieder machten deutlich, dass es nicht darum gehen dürfe, die allenthalben zu beobachtende Übernutzung der Ufer flächendeckend zu animieren.

Entsprechend fanden die Empfehlungen des aktualisierte Unterhaltungsplans Landwehrkanal leider keinerlei Beachtung, obwohl doch der Bezirk selbst an ihrer Konzeption beteiligt war.

Das Elend mit dem WSV-Online-Portal

Skandalöser Weise ist dieser Plan der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) zwar schon im Oktober in Kraft getreten, aber erst seit gestern (12.12.) und nur infolge Nachfragen und Aufforderungen wurde auf der WSA-Site die  Präsentation des Büros RANA zu diesem U-Plan online gestellt, die auf der Achten WSA-Informationsveranstaltung am 21. November gezeigt worden ist. Der Plan selbst allerdings noch immer nicht, auch nicht in der Kurzfassung, oder wir finden ihn nicht, denn an Unübersichtlichkeit ist diese Website nicht leicht zu überbieten. [Dieser Blog jedenfalls  sah sich nach erwähnter Veranstaltung zum Einspringen veranlasst, denn der Schlendrian ist nun wahrlich nichts neues.]

Die fachlichen Empfehlungen spielten im konkreten Fall, wie gesagt, überhaupt keine Rolle. Hier fällt uns ein, dass wir ganz vergessen haben, uns in dieser Frage nach der Situation im Straßen- und Grünflächenamt Charl.bg-W’df. insgesamt zu erkundigen: ob also die im Außendienst tätigen Angestellten inzwischen mit der teuer laminierten und deshalb sehr handlichen Kurzfassung ausgerüstet wurden und über die vorgeschlagenen Zielsetzungen und Maßnahmen auch im Bilde sind.

Sowohl die im neuen Doppelhaushalt 2018/19 mit jeweils knapp zehn Mio. Euro unterlegte Umsetzung der ‚Strategie Stadtlandschaft‘ wie auch das Projekt ‚Handbuch Gute Pflege – Pflegestandards für Berlins Grün- und Freiflächen‘ werden vom Fachbereichsleiter Natur und Grünflächen ausdrücklich gelobt, doch fehle es an Personal wie Sachmitteln zu seiner Umsetzung −, eine Melodei, die wir gar oft zu hören bekommen, und die 1,2 Mio. Euro pro Jahr für alle zwölf Bezirke reißt da auch sicher niemanden vom Stuhl, wie überhaupt die zur Verfügung gestellten Mittel für Natur- und Verbraucherschutz im Vergleich zu anderen Ausgabenposten eher Erdnusscharakter haben. (Unser Lieblingsbeispiel sind da die 1,3 Mio. €, womit jeder Tag des nicht eröffneten BER zu Buche schlägt.)

Überholte Sichtweisen

abgesteckt

Der Claim ist abgesteckt

Nicht wenig überrascht waren wir von der Aussage, beim gerodeten Gehölz habe es sich doch nur um „Wildwuchs“ gehandelt, so als bekäme Natur selbst einfach nichts auf die Reihe. Der Hinweis auf Vogel- und Artenschutz wurde damit gekontert, dass es bei derlei Gebüsch doch nur außen grüne, während innen alles tot sei −, als ginge es um eine Gartenschau und nicht um Nahrungsquellen und Rückzugsgebiete für die Fauna entlang eines Ufer-Biotopverbunds. Jetzt ist jedenfalls alles tot! − Vollends drohte die Stimmung zu kippen, als die Beobachtung des Sachverständigen, dass die Baumscheibe einer wertvollen, landschaftsprägenden Ufer-Erle bereits erheblich verdichtet worden sei, mit der fatalistischen Bemerkung abgetan wurde, das lasse sich im Stadtgebiet ohnehin kaum vermeiden.

Wiegehaus 03

Gründlich beräumt und verdichtet

Die Straßenbäume erreichen auf Grund des vielfachen Stresses, dem sie ausgesetzt sind, kaum ein Alter von sechzig Jahren, sterben vier, fünf Jahrzehnte vorzeitig: wegen Luftschadstoffen, ungenügendem Wurzelraum und verdichteten, Urin getränkten, in Trockenperioden dafür ungewässerten Baumscheiben, die zu allem Überfluss als Park-, Lager- und Sperrmüllplatz missbraucht werden. − Nicht zuletzt deshalb sollte gerade bei einem in einer Grünfläche am Kanalufer stehenden gesunden Baum besonders darauf geachtet werden, dass der Boden über seinen Wurzeln angesichts der jetzt zu erwartenden Kundschaft nicht ähnlich fest getrampelt und für Wasser wie Sauerstoff undurchlässig wird. Gerade vorm Hintergrund optimierter Pflegestandards ist hier ein achselzuckendes Laissez faire bedenklich. Vielmehr sind Maßnahmen zu überlegen, um diesen Bereich vor allzu häufigem Betreten einigermaßen zu bewahren.

Beteiligungsverfahren „Zukunft Landwehrkanal“ erwartungsgemäß unbekannt

nicht-öffentlich?

Landschaftsprägende Erle

Der neue Pächter des Wiegehauses, der dem historischen Backsteingebäude einen sicher nicht mit dem Landesdenkmalamt abgestimmten, in pastellfarbenem Rosé an Industriesüßwaren erinnernden Anstrich verpasst hat, wusste bis vor kurzem noch nichts von einer Mediationsvereinbarung, einem zehnjährigen Beteiligungsverfahren oder dem Expertenkreis − ganz einfach, weil er vom Bezirk nicht darüber informiert worden ist, was auch hier wieder die berüchtigten Kommunikationspannen vermuten lässt, denn eine Vertreterin von Charlottenburg-W’df., von Anbeginn des Verfahrens dabei, sitzt natürlich auch im Expertenkreis, ja der Fachbereichsleiter Tiefbau und Landschaftsplanung, der offenbar die Verhandlungen führte, hat höchstselbst den Mediationsvertrag unterschrieben, sollte also wissen, dass bei einem derartigen „Vorhaben Dritter“ möglichst kurzfristig der Expertenkreis als Nachfolgegremium des Mediationsforums zu unterrichten ist. − Nein, von den verschiedenen Verwaltungsebenen aus wird uns bedeutet, dass einer Vereinbarung mit der Zivilgesellschaft allzu großes Gewicht nicht beigemessen werde.

Whataboutism

Der Pächter aber flüchtete sich in die bekannte Litanei von Müll, campierenden Obdachlosen, Fäkalien, Spritzen und Graffiti und vermeint, mit der Pflanzung von paar Metern Berberitzen-Monokultur entlang des Tiergartengitters zum (immerhin wasserdurchlässig befestigten) Fuß- und Radweg genug an Kompensation für sein „Jäten“ der Böschung geleistet zu haben. − Beim Bau oder Rückbau des Stegs soll überdies auch noch ein Baum Schaden genommen haben, was im Lauf der lebhaften Unterredung im Nieselregen ganz in Vergessenheit geraten ist.

Vor der Eröffnung der neuen Raststätte soll es jedenfalls noch einen weiteren Orstermin geben und bis dahin überlegt werden, wie besagte Erle und die Böschung insgesamt am besten zu schützen seien. Wir sehen uns da nicht in der Pflicht, sondern der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf ist am Zug, die aktuelle Nutzung einigermaßen mit dem U-Plan zu vereinen. Aber er hat ja nur empfehlenden Charakter, wurde nicht vom Bezirk, nicht vom Land, sondern vom Bund beauftragt und wird deswegen hoffentlich nicht erst recht missachtet.

Warum es gerade hier, in einem potentiellen naturnahen Abschnitt, einer Müll-intensiven, bspw. ungeliebte Nager im Übermaß anlockender Gastronomie, einer Kommerzialisierung öffentlichen Erholungsraums bedarf, bleibt schwer verständlich.

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