Brutzeit-Baumpflege in F’hain-Kreuzberg

Gutachterliche Empfehlung gründlich missverstanden

Förmlicher Protest!

Kastanie 24 nach Rückschnitt

Kastanie 24 18 nach unnötigem Rückschnitt

Zum Abschluss der Osterpause, die wir trotz Schafskälte angenehm verbracht zu haben wünschen, müssen wir leider und wieder mit allem Nachdruck (obschon uns dabei des Ochsen Horn einfällt) wegen des Starts der tradierten Xhainer Baumpflege inmitten der Vogelbrutzeit protestieren. [Siehe auch hier oder dort.]

Und zwar geht es diesmal um die per Ausschilderung ab Dienstag letzter Woche (11.4.) angekündigten Schnittmaßnahmen an den Kastanien am Fraenkelufer des Landwehrkanals. (Sehr wahrscheinlich gibt es zahlreiche andere Beispiele, aber wir greifen mal das heraus, da es hier ja ein gemeinsam vereinbartes Beteiligungsregularium gibt. Das Monitoring seiner Einhaltung verlangt den BaL-Aktiven einiges ab und sollte unbedingt auf breitere Basis gestellt werden.)

[Nachtrag: Es stimmmt nicht ganz, dass sich noch kein Hinweis auf die unten angekündigte turnusmäßige WSA-Infoveranstaltung am 9. Mai auf der WSA-B-Website fände: Ganz am Ende des 139. Newsletters wird man fündig, doch die Newsletter muss man suchen wie die Ostereier, und zwar LandwehrkanalArchiv(!) → Newsletter139. Newsletter. − Kritik an diesem demonstrativen Versteckspiel üben (seltsamerweise nur) die Bürgervertreter*innen, und das seit mehreren Jahren und dennoch ohne Erfolg! − Unterm Menüpunkt Veranstaltungen auf der WSA-Berlin-Site, wo „der geneigte Leser“ (Amtsleiter Scholz) noch am ehesten suchen würde, gibt’s leider noch gar nichts. − Inzwischen wurden eine Pressemeldung, die allerdings schon vom 23. März datiert, online gestellt und zwei Seiten aktualisiert.]

Kurzer Rückblick

Am Fraenkelufer war zum Ende der Schonzeit am 28.2. schon „versehentlich“ die landschaftsprägende Weide Nr. 25 nahe der sog. Schneckentreppe gefallen; die Gartenbaufirma habe alle Schuld auf sich genommen (obwohl der betreffende Baum in den umstrittenen Umbauplänen des Uferabschnitts doch bereits fehlt und in der hastig Anfang März nachgereichten Fällliste fälschlich dem Böcklerpark, also einem anderen Bauabschnitt, zugeschlagen worden ist). Darüber hinaus legten charakteristische Anzeichen am Schnittgut nahe, dass die Weide auch noch vom streng geschützten Moschusbock bewohnt war. Das rasche Abschließen dieser sehr merkwürdigen Angelegenheit empfinden wir jedenfalls als ziemlich unbefriedigend, vor allem wenn man sich an die Prämissen des gescheiterten Bürgerentscheids − keine Fällung für den Umbau! − vergegenwärtigt.

Zum aktuellen Sägen

Kastanie 24

Brutzeit-Baumpflege

Der Expertenkreis, das Beteiligungsgremium bei Kanalunterhaltung und Instandsetzung, worin natürlich auch der Bezirk F’hain-Kreuzberg vertreten ist, wurde von diesem vorab nicht darüber informiert und als wir uns, durch genannte Schilder aufmerksam gemacht, am Morgen des 7. April per Mail und größerem Verteiler nach der Art der geplanten Arbeiten erkundigen wollten, ergab es sich wegen unzureichendem Kenntnisstand, bevorstehendem Urlaubsantritt und dgl., dass wir erst am Tag, an dem schon gesägt wurde, also am 11. April, darüber informiert wurden, dass uns dies doch längst bekannt gegeben worden sei. Der Zentralen Anlaufstelle Öffentlichkeitsbeteiligung (ZÖB) seien entsprechende Erläuterungen zugegangen. − Nur wussten davon weder ZÖB noch Expertenkreis. Die Sache werde jetzt aber intern geklärt.

Schnittgut

Schnittgut mit Starkast

Gutachten ist zwei Jahre alt

Der Rückschnitt der Kastanie mit der Nr. 24 gegenüber Hausnummer 22 [nicht 22 − hier handelte es sich unsererseits sozusagen um eine Anschluss-Verwechslung, die wir zu entschuldigen bitten: Die ortsbildprägende Kastanie Nr. 18 steht sehr wohl ggü. Hausnr. 32 und wurde mit Berufung auf das Barsig-Gutachen (s.u.), das sich jedoch einzig und allein auf die 24 bezieht, ebenfalls eingekürzt, d.h. dazu bestand, zumal in der Brutzeit, keinerlei Veranlassung!]. Die Rückschnitte, die durchgehend nur als Kronenpflege bezeichnet wurden, geschähen gemäß eines Gutachtens des Sachverständigen, Dr. Barsig. Wie sich später herausstellte, datiert dieses Gutachten allerdings vom April 2015 und empfiehlt, da der Baum wegen Versorgungsschwierigkeiten infolge Bodenverdichtung seine Oberkrone aufgegeben habe, eine Einkürzung um nicht mehr als zehn Prozent sowie eine Bodenauflockerung und Anreicherung mit wurzelfreundlichem Substrat (siehe Dr. Barsigs Gutachten). Das war im Interesse des Baums empfohlen.

Kastanie 24

Kastanie 24 ggü. Haus Nr. 32, auf die allein sich das Gutachten bezieht!

Wie lautete die Beauftragung?

Grobast

Ein Grobast

Einer Anwohnerin wurde auf Nachfrage von Mitarbeitern des Baumdienstes jedoch mitgeteilt, es sollten zwanzig Prozent eingekürzt werden, während nach ihrer Einschätzung sich das, was dann an grün belaubten Ästen fiel, auf mindestens dreißig belief.

Es wäre hier Transparenz und Vertrauen sehr förderlich, uns, wie es ein Anwohner ja schon gefordert hat, einen Scan, eine Kopie o.ä. der Auftragsbeschreibung zugänglich zu machen. Geschäftsgeheimnisse können gerne geschwärzt werden. Es ist nämlich eine Sache, ein Gutachten zu beauftragen und sich darauf zu berufen, wenn die ausführende Firma dann wie so oft ganz nach Gusto verfährt. Der Firma, welche die Weide an der Schnecke auf dem Gewissen hat, soll angeblich direkt das Gutachten an die Hand gegeben worden sein. Das halten wir denn doch für ungewöhnlich.

Schnittgut

Schnittgut

Trotz Protests des BaL und verschiedener Anwohner*innen wurden auch am Folgetag weitere Kastanien beschnitten und dabei noch übers Wasser ragende Äste abgetrennt, was direkt gegen entsprechende Vereinbarungen verstößt, solches nur im Fall direkter Sicht- und Verkehrsbehinderungen sowie auf ausdrücklichen Wunsch des WSA und nicht präventiv zu tun, ansonsten aber wegen des Schattenwurfs solche Überhänge unbedingt zu belassen, denn sie haben sowohl hinsichtlich Wassertemperatur als auch Sichtschutz für Jungfische ökologische Bedeutung, vom Landschaftsbild ganz abgesehen.

‚Abstimmungsfahrt‘ heißt ganz bewusst so!

Ende Mai gibt es die sogenannte Abstimmungsfahrt mit Vertreter*innen des Abz Neukölln, der Bezirke und vielleicht, es wäre außerordentlich zu begrüßen, des Senats. Diese Institution ist eigentlich dafür gedacht, Gehölzpflegemaßnahmen entlang der Ufer, die sich ja ganz überwiegend in Bezirkszuständigkeit befinden, vorzustellen und sachverständig zu diskutieren. Auch sollen auf diese Weise Überraschungen und Friktionen vermieden werden. Interessant ist auch, dass jetzt der überarbeitete Entwurf des BfG-Unterhaltungsplans vorliegt, woran sowohl Senat und Bezirke als auch Naturschutzverbände, Denkmalpflege und Bürger*innen beteiligt waren. Hier ist unser Hauptkritikpunkt an dem ansonsten ausgezeichneten Entwurf, dass er gegeüber Land und Bezirken nur empfehlenden Charakter hat und das zu betonen nicht müde wird, während beide Verwaltungsebenen doch mitgewirkt haben und die Zielkonzeption ebenfalls vertreten. Konzertiertes Handeln, gemeinsame Ziele und Maßnahmenkataloge, deren Umsetzung gemeinsam geschieht und geprüft wird − all das ist längst angesagt. Auch wäre Gelegenheit, die Situierung der verschienen Aufwertungsmaßnahmen näher zu erörtern.

Zurück zum Baumschnitt

Auch am Paul-Lincke-Ufer wurden die Pflegearbeiten bis zum 13.4. fortgeführt, doch fielen sie hier weniger drastisch aus. Dennoch ist das dergestalt öffentlich ausgesandte Signal für private Baumbesitzer fatal: Wenn’s das Amt darf, wird man mir’s nicht verbieten können. Überhaupt verlangt es schon allerhand urbane Abgebrühtheit, zu Totholz erklärtes saftig-frisches Grün herunterzusäbeln und es in den Straßenschmutz zu treten.

Der im Gutachten vorgeschlagene Rückschnitt bei Kastanie 24 sollte selbstverständlich in der vegetationsfreien Zeit geschehen, stellt jetzt unstrittig einen Verstoß gegen § 39 Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) in Verindung mit § 44 dar. Grob- und Starkäste dürfen in der Brutzeit nur bei unmittelbarer Gefahr für die Verkehrssicherheit abgesägt werden und eine fachliche Untersuchung des Baums nach Nist- und Aufenthaltsstätten geschützter Arten hat dem voranzugehen (also vor und nicht während der Arbeiten zu geschehen!). − Zum wievielten Mal mag all das erneut unterblieben sein?

Marktkompatibles Naturschutzgesetz?

Wir mussten auch wieder die gleichen Erklärungen und Rechtfertigungen hören, wonach zu wenige Baumpflegefirmen am Markt seien, so dass es regelmäßig zu Auftragsstaus käme, die dann eben bis in Vegetations- und Brutperiode hinein abgearbeitet werden müssten − „oder sollen wir noch ein Jahr warten?!“ Wir hielten dagegen, dass das BNatSchG in jedem Fall höherrangig sei als die Marktlage, doch drangen mit dieser Auffassung befremdlicher Weise nicht so richtig durch.

Darüber informiert, dass das Straßen- und Grünflächenamt (SGA) Xhain die Zusammenstellung einer eigenen Baumschutzabteilung plane, regten wir eine Expertenkreis-Sondersitzung zur Thematik „Baumpflege, Schnittzeitpunkt und rechtliche Vorgaben“ an und/oder einen entsprechenden Input während der turnusmäßigen

WSA-Informationsveranstaltung zum LWK
am 9. Mai um 16:30 Uhr im Amtsgebäude
Mehringdamm 129 (Platz der Luftbrücke)

mit Fokus auf dessen Uferbäume, doch mussten wir auch erfahren, dass sich nach weiteren personellen Abgängen im SGA die Rekrutierung von neuen Mitarbeiter*innen nicht einfach gestaltet: „Dass es auf vielen Gebieten Fachkräftemangel gebe, stehe nicht nur in der Zeitung. Kamen früher auf ein Stellenangebot dreißig Bewerbungen, gebe es derzeit mitunter nicht eine. Wir können die Allgemeingültigkeit der Auskunft nicht beurteilen, aber das könnte die Personalaufstockungsoffensive auch im Grünbereich ins Stocken bringen.

Wie auch immer, in der Brutzeit sowieso, aber auch die ganze Vegetationszeit hindurch sind nur behutsame Form-, Pflege- und Verjüngungsschnitte erlaubt! Dass es die Einhaltung dieser gesetzlichen Vorgabe auch über viele Jahre hindurch in einem grün regierten, aber mit Grün nicht eben verwöhnten Bezirk einfach nicht in die Verwaltungspraxis schafft, bleibt unbegreiflich und hat sicher nichts mit Personalmangel zu tun.

Zum Schluss das Positive

Linde 6

Linde 6

Besser klappte hingegen das Einhalten des verabredeten Prozedere bei einer jüngeren Linde am Paul-Lincke-Ufer, deren Wurzelteller bei Windböen schwankte, was auf Wurzelfäule hindeutete und jedenfalls auf akute Sturzgefahr. Konzentrische Kreise hatten sich in der Erde der Baumscheibe um den Stammfuß gebildet; wären sie längs verlaufen, hätte es vielleicht noch eine Erhaltungsoption gegeben, aber so mussten wir der finalen Lösung zustimmen.

Wir hoffen, dass der Bezirk, nachdem er die Frühsaison ungenutzt verstreichen ließ,

Konzentrische Ringe

Konzentrische Ringe

endlich im Herbst Neupflanzungen vornimmt. Sonst nützen die schönsten Senatskampagnen nichts. Und die Kunde von der stetig negativeren Baumbilanz Berlins dringt allmählich durch das offiziöse Gesalbadere, wie schön grün wir’s doch haben in der Metropole.

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