Offener Appell: Keine Rodung Wikingerufer!

Anwohner fordern ein „Moratorium“

Fundierte Stellungnahme liegt vor

Sehr geehrte Senatorin Günther, sehr geehrter Staatssekretär Kirchner,

am Ende einer Veranstaltung der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz am 7. Februar 2017 in der Erlöserkirche in Moabit haben viele der rund 150 Teilnehmer (Anwohner aus Moabit) den Verzicht auf die geplante Rodung von 32 Bäumen am Wikingerufer gefordert und ein „Moratorium“ vorgeschlagen. Die Zeit soll zur Prüfung von Alternativen dienen, um möglichst viele Bäume bei der notwendigen Sanierung der maroden Ufermauer zu erhalten.

Im Laufe der zweistündigen Informationsveranstaltung stellte sich heraus, dass mögliche Alternativen zum Erhalt der 32 Bäume, die das Spreeufer in der ersten Reihe säumen, offenbar nicht oder nicht ausreichend geprüft worden waren. Insbesondere Achim Appel (Initiative „Bäume am Landwehrkanal“), Mediatorin Doris Fortwengel sowie in bilateralen Gesprächen der Berliner Baubiologe Dr. Michael Barsig verwiesen auf Erfahrungen am Landwehrkanal. Dieser könnte Vorbild für die Sanierung am Wikingerufer sein.

Während Jörgen Rutke, Fachbereichsleiter Abteilung Tiefbau Ihrer Senatsverwaltung, die Rodung für „alternativlos“ hält, hat der Berliner Baubiologe Dr. Michael Barsig nach der Veranstaltung eine fundierte Stellungnahme zur Ist-Situation am Wikingerufer, zu möglichen Folgen der geplanten Rodung sowie zum weiteren Vorgehen erstellt. Ich möchte hier seinen Ergebnissen nicht vorgreifen, denn die komplette Stellungnahme finden Sie weiter unten.

Während der knapp zweistündigen Debatte, für die Ihre Verwaltung eine PR-Agentur engagiert hatte, kippte die Stimmung unter den 150 Teilnehmern, eine Mehrheit hatte kein Verständnis für die geplante Holzauktion. Insbesondere auch nach den Beiträgen von Appel und Fortwengel. Am Landwehrkanal wurden viele Bäume gerettet, die ursprünglich veranschlagten Sanierungskosten von 180 Millionen Euro konnten auf weniger als die Hälfte gesenkt werden. Auch ein Resultat der dort praktizierten Mediation mit allen Beteiligten.

Während Sie, Herr Staatssekretär Kirchner, die Veranstaltung zeitweise verfolgten, hatten sich politische Vertreter aus dem Bezirk leider für die „Operation schlanker Fuß“ entschieden und waren zur Veranstaltung leider nicht erschienen. Wie auch Sabine Weißler, in Mitte Stadträtin für Bildung, Kultur, Umwelt, und Naturschutz und für die Genehmigung der Rodung zuständig.

Die grüne Stadträtin spielt nach meiner Wahrnehmung eine seltsame Rolle. Bemerkungswert ist ihre Kehrwendung um 180 Grad innerhalb von nur 13 Tagen.

Am 3. Januar 2017 war sie noch strikt gegen die Rodung und erklärte gegenüber der Berliner Zeitung: „Wir lehnen die Baumfällungen ab, weil die Bäume standsicher sind. Wir sehen aus fachlicher Sicht keinen Grund, die Bäume zu beseitigen.“ Gegenüber der Berliner Abendschau vom 16. Januar 2017 ließ Frau Weißler überraschend durchblicken, dass sie die Rodung wohl genehmigen werde. Auf meine Anfrage antwortete Frau Weißler am 25. Januar 2017 wörtlich: „Leider ist die Sanierung des Ufers technisch nicht möglich ohne die erste Reihe der Bäume zu fällen.“

Am Schluss Ihrer Infoveranstaltung am 7. Februar 2017 forderten viele Anwohner ein „Moratorium“ und den Stopp der geplanten Rodung. Dafür gib es nach der Stellungnahme von Dr. Barsig aktuell keinen sachlichen Grund. Vielmehr liegt mit seinem fundierten Papier eine Grundlage für weitere Diskussionen auf dem Tisch.

Sehr geehrte Senatorin Günther, sehr geehrter Staatssekretär Kirchner,

für die Anwohner am Wikingerufer (ich gehöre nicht dazu) bedeutet der Erhalt möglichst vieler Bäume ein Stück Lebensqualität. Die Bäume spenden im Sommer nicht nur Schatten, sie halten als Filter neben Feinstaub insbesondere auch Dieselruß fern, den in den Sommermonaten die vielen Fahrgastschiffe in großen Mengen ausstoßen. Leider können die vielen Schiffe auf Spree, Havel und den Kanälen mit ihren Dieselmotoren ungehindert die Berliner Luft verpesten.

Sie haben das Thema von Ihrem Vorgänger übernommen. Es liegt nun in Ihrer Hand, einen Kurswechsel am Wikingerufer einzuleiten. Stoppen Sie die Pläne, pfeifen Sie Ihre Mitarbeiter zurück und motten Sie die bereits geölten Kettensägen wieder ein. Es gibt offenbar ökologisch sinnvolle Alternativen, und diese nicht zu prüfen bzw. nicht wahrzunehmen, wäre auch ein Verrat von grünen Idealen. Erst eine Informationsveranstaltung durchführen, um wenige Tage später die Moabiter vor vollendete Tatsachen zu stellen, würde auch dem politischen Anspruch der Grünen nicht gerecht. Das Bündnis 90/Die Grünen möchte kaum als „Moabiter Baumkiller“ in die Geschichte eingehen!

Rot-Rot-Grün will in Berlin aufbrechen zu neuen Ufern. Das ist gut so. Nach dem holperigen Start ist die Koalition in unruhiges Fahrwasser geraten. Die wackelige Schiffsreise sollte sich auf der Spree am Wikingerufer nicht fortsetzen. Daher überlasse ich diesen Appell auch Vertretern Ihrer Koalitionsparteien.

Mit freundlichen Grüßen

Hermann Müller

[Es folgt Dr. Barsigs Stellungnahme von 8. Februar 2017]

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