Beteiligung am Wikingerufer — Eine Groteske

Lerneingeschränktes System Verwaltung

Ein denkwürdiger Beteiligungsfail

Leider können wir es nicht anders nennen: In der gestrigen Veranstaltung zum Neubau der maroden Uferwand am Wikingerufer der Spree in Moabit war es eine veritable Unverschämtheit des frischgebackenen Staatssekretär für Verkehr, Jens-Holger Kircher (B’90/Die Grünen), die Bekanntgabe der mal eben in Wochenfrist beabsichtigten und vom für den Bereich Wasser zuständigen Senatsvertreter, Jörgen Rutke, immer wieder als „alterntivlos“ eingehämmerten Fällung der Hälfte ihrer Uferbäume unverholen selbstgefällig als „frühzeitige Bürgerbeteiligung in schöner Berliner Tradition“ anzupreisen. Aber vielleicht ist uns angesichts des ernsten Themas auch die Ironie entgangen. — Auf so eine Ansage muss mensch erst mal kommen; so unverfroren können das nur Politiker.

Das Publikum

Das Publikum

[Update: Hier die inzwischen aufgetauchte Senatspräsentation des Events.]

Problem-Ulme

Problem-Ulme

Wenn der bestmögliche Baumschutz und weitestgehende Baumerhalt tatsächlich, wie von Projektleiter Schimanowski behauptet, so hohe Priorität genossen, dann hätten die 32 Bäume indviduell begutachtet werden müssen, nicht etwa in puncto Lebenserwartung, sondern was ihre angebliche Interaktion mit der maroden Uferwand betrifft. Am einzigen Baum, einer mächtigen Ulme, die sich bis auf die Mauerkrone ausgebreitet hat, wurde die angebliche Problematik aller anderen 31 Bäumen zu belegen versucht, also das Worst-Case-Szenario zur Norm erklärt. [Siehe hierzu vor allem die vom BaL e.V. beauftragte Stellungnahme des Baumsachverständigen, Dr. Barsig, unten!]

Rutke erzählte zwar viel von Tauchgängen und Bodenuntersuchungen, aber in keinem einzigen Fall konnte man konkrete empirische Daten zum behaupteten Einwirken der Baumwurzeln auf die marode Uferwand vorweisen.

Normabstand

Normabstand

Dafür wurde den von der Miriam-Makeba-Grundschule kurzfristig und nur durch überklebte Aushänge in die Erlöserkirche geschickten Interessierten (der zwei Tage zum Veranstaltungsort angefragte Büroleiter von Senatorin Günther nannte noch zwei Stunden vor Beginn den falschen!) eine Präsentation mit Entwurfsplanung und Projektablauf vorgeführt, auf deren Einzelheiten wir hier nicht einzugehen brauchen, denn sie wird laut Rutke in Kürze online gestellt. Da dürfen wir aber gespannt sein: die Einladung zur besagten Veranstaltung suchten wir vergeblich, und viele der dennoch zahlreich Erschienenen hatten durch Zufall von Termin und Ort erfahren.

Regelabstand

Regelabstand

Der Zorn mancher Engagierter verblüffte den Senatsvertreter insofern, als er im festen Glauben gewesen sei, der Auftritt zweier Staatssekretäre im Fernsehen vor ein paar Tagen, dieses Vorhaben betreffend, müsse doch hinreichen, um −, genau: die Bürger*innen von der „alternativlosen“, schicksalhaften Unausweichlichkeit dieser Maßnahme zu überzeugen.

Dass dies so gar nichts mit der gegenwärtigen Veranstaltung, der geplanten Maßnahme etc. zu tun hatte, wo es schließlich um Beteiligung gehen sollte − es drang partout nicht durch.

Wer indessen den stark kontaminierten Begriff „alternativlos“ auch nur gebraucht, hat, neben manch anderem, noch nicht mal das kleine Einmaleins der Beteiligung begriffen, wie überhaupt seit nunmehr einer Dekade gerade vom Senat steif und fest behauptet wird, Bürgerinformation sei schon -beteiligung. − Die gleiche Behörde aber gab vor einigen Jahren ein durchaus brauchbares, nach wie vor aktuelles Handbuch zur Partizipation heraus, doch die Behördenmitarbeiter haben das, was sie dafür an Sachverstand mit Steuermitteln einkauften, selbst natürlich nicht gelesen, geschweige es irgendwann und -wo praktisch anzuwenden versucht.

Betroffen machte uns auch, dass die Kritik einer mangelnden Würdigung der Expertise der Mediation zum Landwehrkanal dergestalt ins Leere lief, als sehr wohl die diesbezüglichen Gutachten studiert worden seien, aber man habe vor allem die technisch nicht gegebene, 1:1 mögliche Übertragbarkeit konstatieren müssen, da diese Form der Uferkonstruktion mit doppelseiliger Rückverankerung und sogenanntem toten Mann sich so am LWK nicht vorfände. [Steilufer gibt’s indessen auch am Landwehrkanal: einfach mal in der Saison an einer der beliebten Brückenfahrten teilnehmen…]

Uns ging es freilich vordringlich um die Übernahme nicht nur des WSV-Mottos vom „bestmöglichen Baumschutz“, sondern insbesondere der Methode gemeinsamen Suchens aller Planungsbetroffener (Stakeholder) nach den bestmöglichen Lösungen für alle!

Ein kurzer technischer Exkurs: Dem Einwand, dass es im vorliegenden Fall nach heutigem Wissensstand nicht mehr um den großen, sondern immer nur um den kleinen „Gleitkreis“ geht, wurde damit begegnet, dass die vom Ingenieurbüro Krebs und Kiefer am LWK nachgewiesene Last-Neutralität eines Baums immer nur innerhalb des von der Rückverankerung umfassten Bodenbereichs gelte und somit bei deren Versagen für keine höhere Stabilität der Gesamtkonstruktion sorgen könne − ein nicht unmittelbar einsichtiges,vielleicht aber auch missverstandenes Argument − wie es noch so viele wasserbauliche und vor allem ingenieurbiologische Divergenzen in Ruhe zu diskutieren und abzuwägen gälte. [Siehe hierzu vor allem die vom BaL e.V. beauftragte Stellungnahme des Baumsachverständigen, Dr. Barsig, unten! Sie wurde bereits den Verantwortlichen zugeleitet.]

Podium und Planer

Podium und Planer

Doch der Projektleiter beteuerte voller Selbstgerechtigkeit eins ums andere Mal, sie hätten längst bereits „alles sorgfältig abgewogen“. Dass die Beteiligung der Betroffenen auch dem Entdecken vorher nicht bedachter Optionen und Varianten dienen soll und z.B. am Landwehrkanal in erstaunlichem Maße gedient hat, wie ein Mitglied des Expertenkreises, des Nachfolgegremiums des Mediationsforums Zukunft LWK, ausführte − von all dem ist erstaunlicherweise nach wie vor zu Senatens nichts durchgedrungen, obwohl seine Vertreter doch selbst beteiligt waren und weiterhin sind. Dass etwa ein solcher Prozess des Abwägens transparent und nachvollziehbar für die Betroffenen, die Anwohner- und Nutzer*innen erfolgen muss, ist immer noch nicht verstanden, und uns bleibt nur die argwöhnische Vermutung: weil es nicht verstanden werden darf.

Der dickste Hund liegt freilich weniger darin, dass der Vertreter der Bezirksamts Mitte im Mediationsforum, der zufällig auch für die jetzt in Rede stehenden Bäume zuständig ist, leider nichts über eine wirklich frühzeitige und entscheidungserhebliche Beteiligung aus dem fast siebenjährigen Verfahren mitteilen konnte (oder wollte), sondern vielmehr in der Chuzpe bzw. Unbelehrbarkeit, mit der weiterhin behauptet wird, die Bäume stünden zu dicht an der Uferwand, belasteten und schädigten diese zusätzlich und seien schon deshalb allesamt zu fällen. − Im Gegenteil möchten wir kühn behaupten, dass ohne die Bäume die ganze Konstruktion längst eingestürzt wäre.

32 oder eher 64 Bäume?

Und da ist noch das Problem der Wurzelverwachsung, des gemeinsamen Wurzelsystem der ersten und zweiten Baumreihe, was es gefährlich macht, so wie es gleichwohl beabsichtigt ist, die Stubben der gefällten ersten auszufräsen, denn damit würde man unweigerlich auch Starkwurzeln aus der zweiten Reihe durchtrennen, d.h. mittelfristig würden diese vierhundert Meter Spreeufer gänzlich entbaumt. Auch im SGA Mitte wird diese Auffassung, wonach mittelfristig alle Bäume dran sind, geteilt. Es sind ja vorwiegend nur Hybridpappeln und Eschen.

Wir dürfen gespannt sein, was an Gehölzwertermittlung und Kompensation errechnet wird; doch den Menschen immer wieder was von selbstverständlichen Neupflanzungen als Ersatz für die Fällungen zu erzählen, während diese doch zusätzlich erfolgen und jedenfalls die Fällungen überwiegen müssten, um den Berliner Baumschwund von grob zweitausend Straßenbäumen jährlich aufzuhalten, ist in seiner ständigen Wiederholung kaum mehr erträglich.

Fällmoratorium in mehrerlei Hinsicht „alternativlos“!

Wenn die neue SenUVK diesen, selbst in Berlin Maßstäbe setzenden Fehlstart, dieses Zerrbild von Öffentlichkeits- und Anwohnerbeteiligung wenigstens etwas gutmachen will, sollte sie den von den Anwesenden vielfach und dringend geäußerten Wunsch nach einem Fällmoratorium erhören und die zwingend notwendige Prüfung von Alternativen sowohl was die Sache, also die möglichst viele Bäume erhaltende Erneuerung der Uferwand, als auch was das Verfahren, sprich: das Format der Beteiligung betrifft.

Seit 2011 ist nun der Uferweg gesperrt, die Einsturzgefahr bekannt, und erst seit 2014 planen die Planer: da kommt es auf ein halbes Jahr und Abwarten der nächsten Fällsaison im Oktober nun wahrlich nicht mehr an! Es sollte für die Verwaltung einfach tabu sein, nachdem sie den Menschen inzwischen sechs Jahre ihren Uferweg gesperrt hat, ihn nun so schnell wie möglich zurückzugeben, wenn auch leider baumfrei. − Wir wiederholen uns, aber das ist grotesk und absolut inakzeptabel!

Eine solche Veranstaltung wie die gestrige hätte sich der Senat in Kreuzberg abzuhalten, sicher nicht getraut: sie wäre ihr um die Ohren geflogen. In Mitte und Moabit glaubt man sich derlei offenbar leisten zu können, wo doch auch die teure Verhunzung des Gartendenkmals Kleiner Tiergarten und Ottopark die Anwohner*innen nicht klaglos geschehen ließen, aber manche wissen noch immer nicht um den Wert einer grünen Stadt, einer durchgrünten urbanen Umgebung. Von R2G aber erwarten wir es und erwarten vor allem die Umsetzung der vielen Absichtserklärungen, die Stadt gemeinsam zu gestalten, um Zukunftsfähigkeit und öffentliche Akzeptanz zu erreichen!

Das Vorgehen an der Holzmarktstraße, wo sachverständige Einwände gegen eine ebenfalls pauschal als unumgänglich deklarierte Fällnotwendigkeit keinerlei Beachtung fanden, hat schon mal ein deutliches Zeichen gesetzt, auf welche Abwege die Reise geht. − Für Mitte des Jahres, wenn die Tatsachen längst vollendet und die Genehmigungsplanung der Umsetzung harrt, wurde die nächste Infoveranstaltung avisiert.

Das Publikum

Publikum und SenUVK-Vertreter Rutke

Die vom BaL beauftragte Stellungnahme des Baumsachverständigen, Dr. Barsig, im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Appel und Frau Dorbert,

im Auftrag des Vereins Bäume am Landwehrkanal e.V. baten Sie mich anlässlich der von mir am 07.02.2017 besuchten, von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr u. Klimaschutz durchgeführten Bürgerinformationsveranstaltung zu den geplanten Fällungen von 32 Bäumen am Wikingerufer um eine gutachterliche Stellungnahme, die Sie zur Weiterleitung an mögliche Ansprechpartner im ganzen (nicht nur in Auszügen) verwenden können:

1. Die ausführenden Planer haben bei ihren Parametern für die Berechnung der Verkehrslasten durch Bäume im Hinblick auf das instabile und zu sanierende Ufermauerwerk am Wikingerufer in Berlin-Moabit grundlegende fachliche Erkenntnisse der letzten Jahre außer Acht gelassen. Dabei haben die Untersuchungen der TU Berlin sowie von Prof. Weihs und Mitarbeitern an Bäumen am Landwehrkanal in den Jahren 2008-2010 ergeben, dass die intensiven Baum-Wurzelcluster eine Verankerung des Erdreichs darstellen, die selbst beim Ufermauerversagen die Bildung eines großen Gleitkreises mit möglichen Schäden bis hin zu Versorgungsleitungen im Straßenbereich aus wissenschaftlicher Sicht als äußerst unwahrscheinlich erachten lassen.

Hingegen wäre ein baumfreier Erdraum ohne Wurzelbewehrung viel rutschgefährdeter. Allein aus diesem Grund wird von einer Fällung der ersten Baumreihe am Wikingerufer dringend abgeraten.

2. Eine Fällung, Wurzelfräsung, Erdabgrabung (zur Lastminderung) würde infolge der zu erwartenden Pilzinfektionen an den exponierten Wurzeln der zweiten Baumreihe nachhaltige Schäden verursachen mit einer latenten Gefährdung der Standsicherheit in den nächsten Jahrzehnten. Aufgrund der anzunehmenden Wurzelcluster ist davon auszugehen, dass biologisch aktive Verwachsungen oder statisch relevante Überlagerungen zwischen den Wurzeln der ersten und zweiten Baumreihe bestehen.

Wurzel-Cluster

Abb.1: nach den Ergebnissen der elektrischen Widerstandstomographie dargestellte, vorwiegend Ufermauer-ferne Wurzelcluster eines Baums am Landwehrkanal (Quelle: Weihs et al. 2009).

3. Die von den Bauplanern zugrunde gelegten Berechnungsparameter für die Verkehrslasten der Bäume fundieren nicht auf fachlich fundierten Beweisermittlungen zum tatsächlichen Wurzelverlauf: es gibt nur eine für die statische Verankerung der Bäume visuelle Zustandsbeurteilung, dagegen keine validen und substantiierten Untersuchungen zu den tatsächlichen Wurzelverläufen. Ebenfalls nicht berücksichtigt wurden die unterschiedlichen physikalischen Holzeigenschaften und Durchwurzelungstypen der einzelnen vor Ort befindlichen Baumarten. Tatsächlich fußen am Wikingerufer bis auf einen Baum (eine große Ulme) alle anderen Bäume nicht direkt auf oder am Ufermauerwerk. Der fachliche Nachweis eines mechanischen Verbunds des Wurzelsystems mit dem einsturzgefährdeten Ufermauerwerk wurde nicht erbracht. Hier müssten genaue und gründliche Untersuchungen erfolgen, bevor Bäume gefällt werden. Bei der Berechnung der Verkehrslasten ist zudem zu berücksichtigen, dass sich die einwirkenden Lastmomente auf das Erdreich über die Baumwurzeln verteilen und aufgrund der landseitigen Durchwurzelung distal zum Mauerwerk abgetragen werden. Bei realer Windlast aus den Hauptwindrichtungen W/SW oder sogar NW am Wikingerufer werden die eingeleiteten Momente eindeutig lee- bzw. landseitig ohne impact auf das Ufermauerwerk abgetragen. Würden die Bäume auf der anderen Uferseite der Spree stehen, wäre die statische Beurteilung viel negativer. Dies wurde bei der Vorstellung der Belastungsszenarios bei der Bürgerinformation von den anwesenden Planern und Senatsvertretern nicht berücksichtigt.

Eine Fällung wäre nur begründbar, wenn es einen statisch relevanten Wurzelkontakt zum Mauerwerk geben würde: Wurzeln von Bäumen haben hier aber aufgrund der Untersuchungsergebnisse aus den letzten Jahren zur Durchwurzelung in der Nähe von Ufermauern in der Regel keine relevanten Verankerungspunkte.

4. Fazit: eine Baumfällung aus Verkehrssicherungsgründen ist am Wikingerufer derzeit wegen der Defizite in der Erkundung des Wurzelraums in Ufermauernähe fachlich nicht begründbar. Weil der Uferweg bereits abgesperrt ist, ist eine unmittelbar notwendige Fällung aller Bäume der ersten Baumreihe nicht begründbar. Nur bei der großen, auch auf dem Mauerwerk fußenden Ulme wäre eine sofortige Fällung zur Entlastung des Mauerwerks vertretbar und sollte durch eine ortsnahe Ersatzpflanzung kompensiert werden. Bei allen anderen Bäumen müssten zunächst baumindividuelle, eingehende Untersuchungen erfolgen, für die aus Verkehrssicherungsgründen aus meiner Sicht ein ausreichendes Zeitfenster besteht. Anschließend könnte ein fachlicher Diskurs über eine mögliche baumschonende Abtragung und Neuverankerung des Ufermauerwerks erfolgen.

Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Michael Barsig

Öff. best. u. vereidigter Sachverständiger für
Statik u. Verkehrssicherheit von Bäumen,
biotische u. abiotische Schäden an Bäumen,
Baumpflege

Nachtrag: Der BUND Berlin beantragt übrigens nach IFG und UIG Akteneinsicht in alle Unterlagen „über die Auswirkungen der Sanierungsarbeiten an der Uferwand der Spree an der Straße Wikingerufer auf die dort stehenden Bäume“ und hat für morgen, 9.2., eine Pressemitteilung angekündigt.

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