Herbstzeit – Sägezeit

Beteiligen? − Unnötig!

Update

GHS vorher

An der GHS vorher

Als wenige Tage später auf dem Gelände der Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg, die noch zwanzig Geflüchteten Obdach gibt, die Kettensägen röhrten und aus „Sicherheitsgründen“ u.a. ein Feldahorn, Baum des Jahres 2015, dran glauben musste, alarmierte ein BaL-Mitglied den Sprecher für Natur- und Verbraucherschutz der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Dr. Turgut Altuğ, der auch sofort zum Schauplatz eilte.

GHS nachher

nachher

Altuğ war bekanntlich lange Jahre Verordneter in Xhains BVV und erkannte Bezirksamtsmitarbeiter auf dem Schulgelände, doch die wollten ihn keineswegs mehr kennen. So verhalf ihm auch die Präsentation seines Abgeordnetenausweises nicht zum Zutritt, ja er musste sich mit einem „Da könnte ja jeder kommen…“ von der Security abfertigen lassen. Auch ein Telefonat mit Bauamtsleiter Axel Koller erwies sich als verlorene Liebesmüh: Die Fällungen seien aus Sicherheitsgründen notwendig. Ende der Durchsage.

Einfache Bürger*innen gehen Fällgenehmigungen nichts an!

Feldahorn-Rest

Feldahorn-Rest

Überdies vertreten Xhainer Verwaltungsmitarbeiter*innen seit neuestem die Ansicht, „normalen Bürgern“ brauche eine Fällgenehmigung nicht vorgewiesen zu werden. Während also offiziell bis zum Ermüden von Transparenz und Beteiligung gepredigt wird, gehen in unserem Bezirk offenbar die Uhren wieder rückwärts. Mithin kann potentiell jedeR auf beliebige Bäume mit der Kettensäge losgehen, denn gegenüber ihren eigentlichen Besitzer*innen, den Anwohner*innen, bedarf solches Tun keinerlei Legitimation oder Rechtfertigung. Dass auch im Fall von Landtagsabgeordneten so verfahren wird, zeigt immerhin, dass im grünen Kreuzberg gleiches (Un-)Recht für alle gilt. Die Zeiten, wo die Polizei eine Fällung schon mal kurzerhand stoppte, wenn keine Genehmigung vorgezeigt werden konnte, sind also vorbei. Einfachen Bürger*innen ist die Verwaltung und sind die von ihr Beauftragten keine Rechenschaft schuldig. Trübe Zeiten fürwahr!

Xhains Bauamt lässt Fälllisten abarbeiten

Linde 80, Skalitzer 49

Linde 80 mit Stammriss, Skalitzer 49

„Glauben Sie denn im Ernst, wir lassen Bäume zum Spaß fällen?“ wurden wir schon des öfteren empört gefragt, wenn wir gegenüber Bauamtsbeschäftgten die Notwendigkeit finaler „Baumarbeiten“  in Zweifel zogen. (Ganz recht: Bäume unterstehen mit dem Fachbereich Natur und Grünflächen dem Bauamt bzw. dem „Stadtentwicklungsamt“, sind Schlusslicht der Abteilung für Planen, Bauen und Umwelt).

Selbstverständlich fielen in der Vegetations- und Brutperiode, also zwischen März und September, auch wieder in F’hain-Kreuzberg etliche Bäume, von denen niemand außerhalb des Bezirksamts ernstlich Gefahr für die Verkehrssicherheit befürchtete − über Beispiele haben wir berichtet − , doch seit dem Beginn der Fällsaison mit Anfang Oktober scheinen wieder alle Hemmungen gefallen.

Stubben von Linde 80

Stubben der Linde 80 mit Stammriss

Vor der Skalitzer Straße 49 musste die Linde mit der Nr. 80 dran glauben, die laut gutachterlicher Empfehlung erst nächstes Jahr erneut hätte untersucht werden sollen: Ihre Schadsymptome wie z.B. ein Stammriss [siehe Foto] hätten sich gravierend verschlimmert. Laien können das ja gar nicht beurteilen, was die bezirklichen Inspektoren schon mit unbewaffentem Auge erkennen, weswegen sie auch keinerlei weiterer Hilfsmittel oder gar invasiven Instrumentariums bedürfen. Und wenn das Schnittgut keinerlei gravierende Schadsymptome aufweist, so sind die gemeingefährlichen Teile halt schon entsorgt oder für Laienaugen nicht erkennbar usw. Der Stammriss erwies sich jedenfalls als viel unbedeutender als es von außen schien, was sich unschwer hätte feststellen lassen und festgestellt werden müssen!

Eichenfällung vor Reichenberger Straße 90

Eiche 113 Reichenbg. 90

Eiche 113, Reichenberger Straße 90

Kurz darauf war eine stattliche Eiche fällig, diesmal vor der Reichenberger 90, die auch einem in der Nachbarschaft wohnenden Sachverständigen keineswegs wegen behaupteter „Stammneigung“ und einem bruchgefährdetem „Zwiesel“ (einer Astgabelung) die Verkehrssicherheit zu bedrohen schien.

Zwiesel Eiche 113 Reichenbg. 90

Zwiesel der Eiche 113, Reichenbg. 90

Ihre Straßenbäume liebende Anwohner*innen waren vollkommen fassungslos, als in ihrer Straße schon wieder ein Baum niedergemacht wurde. Wie so oft ließen sich am Schnittgut keinerlei statisch oder verkehrssicherheitsrelevante Schadsymptome feststellen.

Stubben Eiche 113 Reichenbg. 90

Stubben Eiche 113 Reichenbg. 90

Offenbar werden hauptsächlich zur Befriedung der Bürger*innen aus Steuermitteln Gutachten bezahlt, aber die haben ja nur empfehlenden Charakter. Die ständig fortgebildeten Fachleute sitzen bekanntlich in der Behörde. Und also wird der Baum erst, wenn er noch zwei, drei Jahresringe zugelegt hat, abgesägt. Besonders in diesem Fall der Linde (113) ist eine finale Lösung einfach unverantwortlich gewesen, gilt jedoch leider, wenn überhaupt, immer nur als „Sachbeschädigung“. Dass der Straßenbaumbestand rückläufig ist, mehr gefällt als nachgepflanzt wird, ist kein Geheimnis (das GroKo-Versprechen an den BUND mit den 10.000 neuen Straßenbäumen wurde mal eben halbiert, da vorher die Pflegekosten vergessen worden waren) und dass dadurch, vor allem aber auch hinsichtlich der auch hierzulande immer spürbareren Klimawandelfolgen, des Feinstaubproblems etc. die verbleibenden Altäume schon nach kruder Grenznutzentheorie nur immer wertvoller werden, kommt in den Schädeln der Verwaltungsmitarbeiter*innen einfach nicht an: besonders für einen grün regierten Bezirk ein Skandal!

Symptomfreies Schnittgut

Schadsymptomfreies Schnittgut

Pappel-Kahlschlag in der Alte Jakobstraße

Hinweiszettel Fa. Pietz

Vorschriftswidriger Hinweiszettel der Fa. Pietz

Pappelfällung Alte Jakobstr. 121

Pappelfällung Alte Jakobstr. 121

Der größte Hammer kommt nämlich erst noch: Letzten Freitag wurden in der Alte Jakobstraße unweit der Residenz Czaja, also der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales jählings gleich vier alleenmäßig nebeneinander stehende Pappeln gefällt, nachdem auf, an die Bäume(!) geklebte Zettel, die jedeR hätte angebracht haben können, „Baumarbeiten“ angekündigt worden waren. Warum? Nicht etwa, weil die mächtigen, Straßenbild prägenden Bäume krank gewesen wären, sondern weil ihre Wurzeln der zurzeit der Bauaustellung in den 80ern gepflanzten schnellwüchsigen Flachwurzler etwas die Gewegplatten angehoben haben.

Pappelfällung Alte-Jakobstr. 121

Pappelfällung Alte Jakobstr. 121

Das tun im von Rohren und Leitungstrassen durchzogenen Stadtboden übrigens auch Nicht-Flachwurzler wie eben Linden, Platanen, Kastanien, die sich plötzlich wie Flachwurzler gebärden. Das ist unschwer physisch nachzuvollziehen, wenn mensch ganz in der Nähe den Radweg auf dem Bürgersteig entlang der Oranienstraße benutzt. Doch hier stehen nun mal „wertvollere“ Linden und Kastanien (dabei hat die Linde Weichholz wie die Pappel, die das Bauamt schon seit Jahren aus dem Stadtbild zu roden trachtet. Aus Perspektive leerer öffentlicher Kassen und fachlich-sachlichen Einwänden gegenüber unzugänglich, wurde und wird Personal gnadenlos ausgedünnt, welche „Verschlankung“ am liebsten in den Fachbereichen für „Gedöns“ wie Umwelt, Natur und Grünflächen vorgenommen wird.

Fa. Pietz im Einsatz

Baumdienst Pietz im Einsatz

Vorschriftswidrig wurden in der Alte-Jakobstraße also keine Straßenschilder gestellt und abermals entgegen der Verabredung nichts von Baumfällungen erwähnt. Es sind nur vier Bäume gefällt worden, weil die fünfte Pappel „zugeparkt“ war. Um sie sollte sich eigentlich noch am Samstag (!) gekümmert werden, aber sie soll noch stehen.

Versteckte Fälllisten reichen weder für Information noch gar Partizipation!

Vor bald einer Dekade haben sich baumengagierte Bürger*innen und namentlich die Bäume für Kreuzberg sowie die BaL nachdrücklich für eine digital öffentlich zugängliche Auflistung der geplanten bezirklichen Fällungen und Neupflanzungen eingesetzt, welchem Begehr schließlich auch stattgegeben wurde. Da müssen wohl auch bald Wahlen angestanden haben, muss besondere Bürger*innennähe angezeigt gewesen sein. Zuerst war die Liste im für Dokumente gebräuchlichen PDF-Format und wimmelte von Fehlern, falschen Baumnummern, Verwechslungen, Karteileichen, ermüdendem Kopieren von selten nachvollziehbaren Standardbegründungen etc., dann wurde sie durch eine Excel-Datei ersetzt − mit größtenteils den gleichen Fehlern. Immerhin wird mitunter darauf hingewiesen, werden Irrtümer eingeräumt, von Amts wegen i.d.R. unüblich. − Doch nur Eingeweihte wissen von den Listen und finden sie in ihrem Versteck auf der Bezirksamtsseite.

Pappelfällung Alte-Jakobstr. 121

Pappelfällung Alte Jakobstr. 121

Bei den nichtssagenden Standardbegründungen ist es geblieben, es wird keinerlei näherer Aufschluss gegeben, ob Gutachten vorliegen und welche diagnostischen Methoden angewandt wurden, um zu solch einer irreversiblen Maßnahme zu greifen. Für sich ist der Baum in dieser Denke nur Kostenfaktor, hat keinen Eigenwert. Wenigstens in der Quantifizierung seiner gratis erhältlichen ökologischen und für die Gesundheit der Städter*innen besonders bedeutsamen Dienstleistungen wurden ja Fortschritte gemacht, und vielleicht verstehen ja, wenn die Kunde zu ihnen gedrungen ist, die Kämmerer und -*innen diese Sprache.

So wissen wir von Augenzeugen, dass der angeblich bruchgefährdete Zwiesel keineswegs per Hubsteiger aus der Nähe, sondern nur von unten begutachtet worden sei. Und auch ein gefährlicher Schrägstand konnte, wie gesagt, nicht bestätigt werden. Und was soll das überhaupt? Müssen Straßenbäume preußische Habachtstellung einnehmen?

Die Gehwegschäden

Fällgrund: Gehwegschäden

Rabiates Vorgehen vom Pietz Baumdienst

Jedenfalls rückte die Firma Pietz, die drei Tage zuvor sichtbar ein befristetes „Parkverbot“ hätte ausschildern müssen, wie bei den vorherigen Fällungen auch hier wieder an und rief, als sich erst am Vorabend alarmierte Bürger*innen schützend vor ihre Bäume stellten, umgehend die Polizei, die nun in mehreren Fällen gegen junge Männer wegen Nötigung durch deren absolut gewaltfreiem Protest ermittelt. Und ratzfatz wurden die Bäume unter Polizeischutz  umgelegt.

Somit hat es bei diesem tiefen Eingriff ins Ortsbild keinerlei ausführliche Information, geschweige Einbeziehung der Anwohner*innen, der eigentlichen Baumeigentümer*innen, gegeben, die nicht nur zu jener Gruppe gehören, die für fachgerechte Grünpflege relativ zur Gesamtbevölkerung die höchsten Steuern zahlt, sondern die auch in Trockenperioden abends öfter noch einen Eimer Wasser rangeschleppt haben, nachdem der Spritzenwagen, wenn überhaupt, in der Mittagshitze gesprengt hatte.

Es ging schon mal anders

In der ebenfalls zu Zeiten der Bauaustellung erneuerten Kohlfurther Straße [siehe u.a. hier, hier und v.a. dort] waren auch größtenteils Pappeln gepflanzt worden, damit das Quartier möglichst rasch ergrüne. Hier sollte es 2008 ebenfalls zu einem rabiaten, die Lebensqualität der Anwohner*innen erheblich beeinträchtigenden Kahlschlag kommen, doch nach Protesten und Gesprächsrunden mit der damals amtierenden Baustadträtin Kalepky (parteilos) wurde erst mal davon Abstand genommen und an den Gehwegschäden bisschen rumgeflickt. Unter Nachfolger Panhoff und Axel Koller als Bauamtschef wurden weitere Gespräche geführt, manche Bäume ganz von der Liste genommen und für die anderen ein sukzessives Fällen bei ungefähr synchronem Nachpflanzen vereinbart. (Eine schon einmal gemachte Pointe sei an dieser Stelle recycelt: Die Beseitigung der recht erheblichen Gewegschäden nahe eines frühzeitig gefällten Baums wurde viele Jahre lang nicht in Angriff genommen, das Loch im Plattenbelag nicht mal mit Kies zugeschüttet, geschweige als Gefahrenstelle für Bewegungs- oder Seheingeschränkte gekennzeichnet.)

Pappeln sollen weg

Die Gehwegschäden dienen eben nur als Vorwand, um den Umbau des Straßenbaumbestands durchziehen zu können, denn − so das Credo der GALK (Gartenamtsleiterkonferenz) wie auch von Baumsachverständigen: Pappeln sind keine Straßenbäume. Es brauchen ja keine neu gepflanzt zu werden, aber gesunde dürfen doch nicht mit läppischen Begründungen nach vierzig Jahren einfach „herausgenommen“ werden! Die Anwohner*innen sammelten auf die Schnelle fünfzehn Unterschriften und schrieben an die Verwaltungsmitarbeiter*innen, aber auch an die Bezirksverordneten aller Fraktionen. Ohne Erfolg. Sie versuchten am Freitag, jemand im Fachbereich Grünflächen oder im Bauamt zu erreichen. Ohne Erfolg. Freitags ist es überhaupt immer schwierig. Auch alarmierte Abgeordnete der grünen Landtagsfraktion im AGH hatten kein Glück, jemand zuständigen ans Telefon zu kriegen.

Wir können nach all den Jahren des Engagements für eine umwelt- und naturverträgliche Baum- und Grünpflege gemäß der gewandelten Erfordernisse oder auch Erkenntnisse der Zeit solch einen Rückfall bzw. einen echten Höhe- und Kulminationspunkt autoritären, obrigkeitsstaatlichen Durchgreifens nur schwer ertragen (die Betroffenen selbstredend noch viel weniger!) und hoffen, dass sich die gewählten Vertreter*innen der Bürger*innen in den Ausschüssen des Bezirksparlaments aufgerufen fühlen, hier zu intervenieren. Die Kettensägen drehen sonst mal wieder im grünen Kreuzberg völlig frei.

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