Xhainer Brutzeitfällen 2015

„Rückstau überfälliger Bäume“

Bericht von einem Ortstermin

Weide 33 im Wiesental

Weide 33 im ‚Wiesental‘, Fraenkelufer/ELK | ©G.Bosse

Die alljährliche Frühjahrsfällkampagne in Friedrichshain-Kreuzberg ist in vollem Gang! Bäume, die schon seit Jahren als verkehrsgefährdend gelistet sind, werden jetzt, sozusagen im Zenit der Brutzeit, gefällt, die §§ 39 und 44 BNatSchG hin oder her. Der Leiter des Fachbereichs Natur und Grünflächen im Tiefbauamt, Hilmar Schädel, verwies zur Erklärung des „Rückstaus überfälliger Bäume“ zum x-ten Mal auf Probleme mit den beauftragten Gartenbaufirmen, die auf Grund von Personal- oder sonstiger Engpässe mit dem Abarbeiten der Fällaufträge nicht nachkämen, irgend wann gekündigt würden, doch dann sei das Finden von Ersatz erneut sehr zeitaufwändig, und schon sei es Frühling. Wir haben diese und ähnliche Stories schon so oft gehört und auch aufgeschrieben, dass wir mit Schreibkrampf zu kämpfen haben.

Weidestubben 33

Weidestubben 33

Linde, Reichenberger Str.

Linde, Ende Reichenberger Str. nahe KiTa

Schon zu Zeiten der weiland Baustadträtin Jutta Kalepky rannten die BaL vergeblich gegen diese widerrechtliche Praxis an, bei der in der Mehrzahl der Fälle noch nicht einmal die gesetzlich vorgeschriebene artenschutzrechtliche Prüfung auf Niststätten geschützter und besonders geschützter Arten (z.B. Fledermäuse) erfolgt bzw. in Ermangelung bezirksamtlicher Fachleute und Hubsteiger mal eben den Gartenbaufirmen überlassen bleibt. Mangel an Kompetenz oder Interessenkonflikte sind hier für die Zuständigen im Amt nach wie vor nicht erkennbar, egal, was Bürger*innen berichten

Lediglich an den Ufern des Landwehrkanals gibt es nach der langjährigen Öffentlichkeitsbeteiligung für ehemalige Mediationsforums-, jetzt Expertenkreismitglieder ein Vetorecht mit zeitlich straffer Ablaufroutine.

Weide 91, Hobrechtbrücke

Weide 91, Hobrechtbrücke, Xberg

Nachdem in den letzten Tagen mächtige Bäume in der Reichenberger Straße und am Fraenkelufer unversehens fielen [s. Fotos o.], zwar schon seit Jahren als Fällkandidaten gelistet, aber ohne neuerliche Ankündigung und laut Anwohner*innen auch ohne explizite Ausschilderung mit dreitägigem Vorlauf, verlängerte die zuständige Referentin des Baustadtrats freundlicherweise die Vetofrist für eine übersehene Weide nahe Hobrecht-Brücke in Kreuzberg, und es kam vergangenen Montag kurzfristig zu einem Ortstermin mit einer Vertreterin des Umweltamts, dem Fachbereichsleiter Natur und Grünflächen, dem Baumsachverständigen, Dr. Barsig, dem Leiter der ZÖB beim WSA, Björn Röske, sowie Mitgliedern von BaL und Anwohnerinitiative Lausitzer Straße/Paul-Lincke-Ufer.

Besagte Weide war vor einigen Jahren schon einmal eingekürzt worden, um die Windlast zu verringern, und ihr seit 2013 bekannter Stammriss, der inzwischen deutliche Überwallungsleisten aufweist, hatte bspw. auch der Orkan Niklas nicht vergrößern können, und das war ja nicht das einzige Sturmereignis der letzten Jahre.

Auf der „Abstimmungsfahrt“ kein Wort

Auf der jährlichen Abstimmungsfahrt zur Gehölzpflege im Mai hatten die Vertreter*innen des Bezirksamts F’hain-Kreuzberg nichts bzgl. dieses noch überhaupt irgendeines zur Fällung oder Kappung vorgesehenen Uferbaums in ihrem Bezirk verlauten lassen, ebenso wenig der Leiter des WSAAbz Neukölln, Jörg Augsten, bzw. sein für die Baumkontrolle zuständiger Mitarbeiter. Ihnen war es nur ums Totholz-Entfernen gegangen, teilweise gleichfalls überfällig und schon anlässlich der Vorjahresfahrt angemahnt sowie um den Rückschnitt von Weidengirlanden einzig und allein dort, wo sie die Sicht auf Verkehrszeichen oder entgegenkommenden Verkehr auf dem Wasser behindern. [Sie dürften jetzt − ökologische Funktion hin, Landschaftsbild her − akribisch und ausnahmslos rasiert werden.]

Ortstermin Weide 91, Hobrechtbrücke

Ortstermin wg. Weide 91 am Landwehrkanal nahe Hobrechtbrücke, Kreuzberg, 8.6.15, 9 Uhr

Nach FB-Leiter Schädels Meinung aber besteht bei besagter Weide jetzt erhöhte Bruchgefahr, die unverzügliches Handeln erfordert. Der Baumgutachter war nicht dieser Ansicht, sondern empfahl, den Baum, darin von der Mitarbeiterin des Umweltamts unterstützt, noch bis September in Ruhe zu lassen − im inzwischen vom Bundesgesetz abgelösten Berliner Naturschutzgesetz hatte in der Stadt ohnehin die Vegetations- und Brutperiode einen Monat früher, also nicht erst mit Oktober geendet –, und sie dann auch nicht etwa zu fällen, sondern nur auf Kopfbaumhöhe von 3,50 bis vier Meter zurückzuschneiden, damit sie als Biotopbaum, d.h. wertvolle Nist- und Lebensstätte erhalten bleibe.

Seit 2013 unverändeter Stammriss

Seit 2013 unverändeter Stammriss

Die Erklärung, warum die von der Weide ausgehende Gefahr seiner Meinung nach nun um so viel akuter geworden sei, dass er ernsthaft die etwaige Notwendigkeit einer Kanalsperrung ins Gespräch brachte, blieb Hilmar Schädel allerdings schuldig. Ein Handlungserfordernis bestehe halt nicht nur bei Gefahr im Verzug, sondern auch ab einer gewissen Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Schadensereignisses. Es berührte schon irgendwie unangenehm, wie sowohl der Bezirk als auch das WSA die Verantwortung allein auf den Sachverständigen abzuwälzen suchte [was rechtlich gar nicht möglich ist], als könne nur Kahlschlag, also der Tod jedes Lebensrisiko bannen.

Während der Debatte stand die Gruppe der Beteiligten direkt unter einem morschen Starkast, der in ca. zehn Meter Höhe vom direkt benachbarten Baum aus über den Fußweg ragte. Darauf hingewiesen, empfahl der Fachbereichsleiter lediglich süffisant, dann doch besser den Standort zu wechseln, doch alle blieben auf der Stelle.

Dass die Dame vom Umweltamt den sog. Landschaftspflegern so einfach zutraut, eine Baumhöhle oder -spalte als potentielle oder aktuelle Niststätte für/von Specht oder Baumläufer einerseits, Fledermaus-Wochenstube andererseits zu erkennen und zu unterscheiden, muss erstaunen. Dr. Barsig empfahl jedenfalls eine artenschutzrechtliche Fortbildung der Mitarbeiter der momentan die Baumkontrolle im Bezirk vornehmenden Planungsgruppe. Und die Umweltamtsmitarbeiterin sprach sich dafür aus, die an der nächsten Abstimmungsfahrt teilnehmenden Bezirksamtsvertreter*innen über die beabsichtigten Gehölzpflegemaßnahmen ihres jeweiligen Bezirks im Vorfeld besser zu informieren.

Teil des Vetos wird weggewischt

Die BaL hatten überdies eher aus Prinzip und im Hinblick auf den wünschenswerten Vorbildcharakter des Verwaltungshandelns ein Veto gegen die Frühsommerfällung einer Hainbuche am Paul-Lincke-Ufer eingelegt, eines noch jungen Baums, der, flankiert von hohen Bäumen, tatsächlich kaum eine Entwicklungschance hat, momentan aber lediglich von Totholz befreit gehört, nicht aber in der Brutperiode, wo sich in den umliegenden Bäumen mit Sicherheit Vogelnester und/oder Fledermaus-Wochenstuben finden, gefällt werden sollte. Sie ist frisch belaubt und keineswegs abgestorben, wie eine bezirkliche Fällliste mit Stand vom 11.6.(!) behauptet, doch Fachbereichsleiter Schädel, der Schlag neun mit Durchführung des Ortstermins begonnen hatte, so dass nur wenige Minuten Verspätete das Nachsehen hatten und die eigentliche, nur gut fünf Minuten dauernde Besichtigung leider versäumten –, Schädel weigerte sich brüsk, die kaum fünfzig Meter zu dem betreffenden Baum zurückzulegen, insofern „schon vor einer halben Stunde“ sein Anschlusstermin begonnen habe. Ja, der Zeitspalt für Bürgerbeteiligung in Kreuzberg ist schmal. Die Ortsbegehung wegen der Weide 91 währte insgesamt eine Dreiviertelstunde, und der FB-Leiter ist nach eigener Aussage per ÖPNV unterwegs. Fragt sich, warum er sich überhaupt selbst bemüht und nicht einen vor Ort besser informierten Mitarbeiter schickt. „Ich kenne keine Weide 33 am Fraenkelufer“, meinte Schädel. Obwohl sie war ziemlich groß und schon alt, ein Landmark, wie es neudeutsch heißt, aber stand auch mehr Ecke ehem. Luisenstädtischer Kanal (ELK). Da fand übrigens schon so mancher Ortstermin statt.

Maybachufer-Termin

Maybachufer-Termin zu Neupflanzungen, 10.6.15

Am gestrigen Mittwoch nun gab es einen weiteren Ortstermin am LWK – diesmal auf Neuköllner Seite und mögliche Orte für Neupflanzungen betreffend, vom Bezirk eigeninitiativ vorgeschlagen, also dem ehemaligen Forums- und jetzigen Expertenkreismitglied, Gerd Kittelmann. Er kam in Begleitung seines Mitarbeiters Guido Fellhölter vom FB Grün. Ein Bericht soll noch folgen, doch in diesem Zusammenhang sei nur schon mal die vielleicht gar nicht so belanglose Nebensächlichkeit erwähnt, dass hier, wie doch auch allgemein üblich und sich im Großstadtverkehr von selbst versteht, auf Nachzügler*innen eine Viertelstunde gewartet wurde und darüber hinaus die Behördenvertreter auch so viel Zeit mitbrachten, weitergehende Fragen mit den engagierten Bürger*innen ausführlich zu erörtern. So muss immer wieder frappieren, welche Blüten an Beteiligungskultur ausgerechnet das grün regierte Xhain jahrein, jahraus hervortreibt.

Bürgergärtnern am Paul-Lincke-Ufer, 10.6.15

mitgemacht!

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