Probleme mit der Strahlkraft

Kahlschlag am Teltowkanal

Zuständigkeitsbereich des WSA-Außenbezirks Neukölln

Tek-Kahlschlag

Teltowkanal-Kahlschlag | Zum Vergrößern anklicken!

Noch im Winter schlugen Anrainer*innen gegenüber Kommunalpolitik, Verwaltung und Naturschutzverbänden Alarm, als am Teltowkanal (TEK) von der Abfahrt Johannisthaler Chaussee bis zum Wissenschaftszentrum Adlershof, also auf meheren Kilometern Länge am südlichen Kanalufer ein zwei Meter breiter Streifen brachial von Baum und Strauch freigeholzt wurde. Nur ganz vereinzelt blieben „erwünschte“ Bäume stehen; das Schnittgut bildete zuletzt über hundert Haufen. [Nachtrag: Ein Anwohner meinte, in wenigen Tagen sei die Naturschutzarbeit von Jahrzehnten zunichte gemacht worden.]

Stubben

Stubben über Stubben

Keinesfalls erfolgten diese Maßnahmen im Einklang mit dem erst kürzlich neu aufgelegten WSV-Leitfaden zur Gehölzunterhaltung an Bundeswasserstraßen wie sie flagrant gegen die Ziele der Unterhaltungspläne verstoßen, die für Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal (BSK) und Landwehrkanal neu formuliert bzw. aktualisiert werden − und zwar unter Beteiligung von Vertretern der Öffentlichkeit als betroffenen Stakeholdern.

Stubben 02

Unzulässiger Standort?

Aber auch vom Mediationsverfahren „Zukunft Landwehrkanal“, seiner schließlich im Konsens beschlossenen Zielvariante und dem Skizzieren des SOLL-Zustands nach der Sanierung erhofften sich viele der Beteiligten eine „Strahlwirkung“, nicht zuletzt − zumindest in diversen Absichtserklärungen − die WSV selbst. Dass an anderen Kanälen der Stadt unbeirrt weiterhin nach dem Prinzip „Haben-wir-immer-so-gemacht“ verfahren wird, zeigt leider nichts von alledem.

Der von den BaL auf den Sachverhalt angesprochene WSAZÖB-Leiter, Björn Röske, machte sich selbst ein Bild bzw. mehrere Fotos, die er uns dankenswerter übersandte, rechtfertigte aber die Rodung als erforderliche Unterhaltungsmaßnahme, wollte sich beim Abz-Leiter noch näher erkundigen, doch von diesem kam uns gegenüber leider nichts.

Ufersicherung?

Schnittgut

Schnittgut – über 120 Haufen!

Zuständig für die Unterhaltung des TEK ist nämlich der WSA-Außenbezirk Neukölln unter Leitung von Jörg Augsten. Bislang haben wir mit Augsten in der Kooperation, gerade wenn es um Bäume und Ufervegetation geht, in all den Jahren durchweg gute bis sehr gute Erfahrungen gemacht. Er nun verteidigt die Maßnahmen bedingt und begründet sie mit notwendiger Ufersicherung, einer altvertrauten Argumentation. Man könnte meinen, was bleibt ihm jetzt noch anderes übrig, aber die Anrainer*innen befürchten, dass in der nächsten vegetationsfreien Periode das noch übrige restliche Drittel erledigt werden soll. D. h. schon aus der Perspektive des Rettens, was noch zu retten ist, müsste sich der Abz-Leiter deutlich von der bisherigen „Ufergehölzpflege“ distanzieren.

Kahlschlag

Kahlschlag

Wie in solchen Fällen üblich, wurde sie von der aus anderen Zusammenhängen wohlbekannten BImA, in die Bundesforsten integriert worden sind, an genau die Privatfirma vergeben, die das günstigste Angebot vorlegte. Kompetenz und Fähigkeit, auf die Spezifik urbaner Gehölzpflege einzugehen, spielen bei der Auftragsvergabe (siehe BSK) selten bis nie eine Rolle. Wegen den stark anthropogen überformten Gegebenheiten: der Zersplitterung, wenn nicht Versiegelung, also Zerstörung von Habitaten geschützter Arten von Flora und Fauna − und hier geht’s gerade nicht nur um die Roten Listen der gefährdeten und bedrohten und auch nicht um sog. Zeigerarten, sondern im städtischen Raum auch um „Allerweltsarten“ − müssen andere Kriterien gelten als auf dem flachen Land! Denn andererseits sind die Städte für nicht wenige selten gewordene Spezies wichtiges Refugium gerade wegen der sonst nur noch in Schutzgebieten herrschenden Ausnahmebedingungen, sei es in Parks, auf Friedhöfen oder eben an städtischen Gewässern, naturnahe Bedingungen, die sich im industriell bewirtschafteten Wald und Feld schon länger nicht mehr vorfinden.

Alle Jahre an jedem Kanal?

Leitfaden Gehölzunterhaltung

WSV-Leitfaden zur Gehölzunterhaltung an Bundeswasserstraßen, Ausg. 2015

Diese Zusammenhänge sind schon sehr oft erörtert worden, und die Politik hat sogar Strategien zur Stadtlandschaft und zum Schutz der natürlichen Vielfalt beschlossen, um die Biodiversität zu fördern: als Zweck für sich selbst, aber auch der gratis Dienstleistungen für die Gattung Mensch wegen.

Doch die Administration entfaltet bekanntlich ein immenses Beharrungsvermögen oder nimmt in Realität und Praxis bei der dringend gebotenen Umkehr genau die falsche Richtung, nämlich nach rückwärts. Auf Grund des gewollten, aktiv herbeigeführten Ressourcenmangels wird in absolut unzulänglichen Kosten-Nutzen-Kategorien gedacht, in Wahlperioden, Pflegeaufwand etc.

Eichen

Geschlagene deutsche Eichen

Detailliertes Urteil nach Ortstermin

Im konkreten Fall wollen wir jedoch keine Vorverurteilung treffen! Leute, die dort ihre Gärten haben, den Radweg benutzen oder spazieren gehen, haben sehr betroffen reagiert, der von den BaL beauftragte Sachverständige hat einen klaren Verstoß gegen die Leitlinien der WSV wie gegen das Bundesnaturschutzgesetz konstatiert, und die Bilder sprechen eine deutliche Sprache, aber letzten Aufschluss, vor allem auch über erforderliche Ausgleichsmaßnahmen, kann nur ein Ortstermin mit Sachverständigen bringen. Überhaupt sollten solche Maßnahmen endlich mal fachkundig und unabhängig evaluiert werden, denn in der Realität werden die hehren Ziele tagtäglich durch derlei Maßnahmen konterkariert.

Ausgleichsmaßnahmen!

Bodenverdichtung

Bodenverdichtung

Wann wird endlich klar, dass Outsourcing an die billigste private Firma bei beharrlich fortgesetzter Personalausdünnung im Zeichen der Schwarzen Null die Stadtentwicklung, sowohl was die Lebensqualität als auch letztlich die realen Kosten angeht, vor die Wand fährt? Eine naturnahe Unterhaltung und Pflege der Gewässerufer liegt im öffentlichen Interesse! Da sind bestimmte Zielstellungen, z.B. ein mehrstufig aufgebauter Aufwuchs einheimischer, standorttypischer Gehölze; dazu die Gewährleistung und Förderung sogenannter Biotopverbindungen, die Förderung heimischer Gehölze gegenüber invasiven Arten (Neophyten), die das örtliche Artenspektrum bedrohen [andererseits lassen sich solche Einwanderer auch nicht ohne schädliche Nebenwirkungen auf die benachbarte Flora völlig „ausmerzen“]. Dazu gibt es ein Set von Maßnahmen zur Erreichung dieser Ziele und gelungene Beispiele, woraus sich Best-Practice-Standards ableiten ließen, die nicht für jedes einzelne „Kanälchen“ einen eigenen Unterhaltungs- und Pflegeplan nötig machen würden −, obschon nach allen Erfahrungen dem offenbar so ist.

Wir bitten also um einen baldigen Ortstermin unter sachverständiger Begleitung, am besten auch einem/r Vertreter*in der BfG und mindestens einem/r betroffenen Anrainer* und Nutzer*in. Die Vergabepraxis der BImA muss unbedingt dokumentiert werden.

Stubben 03

Kahlschlag am Teltowkanal

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2 Kommentare

  1. MB said,

    12. April, 2015 um 12:30

    Mir brennen nur noch die Augen! Überall in der Stadt wird bedingungslos abgeholzt. Was soll das?

    Diese neokonservative Stadtpolitik bringt die Mehrheit früher ins Grab genau wie die sterbenslangweilige Architektur & die hoffnungslose Landespolitik. Die DDR 2.0 gefällt mir nicht!

  2. Leonard said,

    15. April, 2015 um 19:39

    MB, das ist doch schon lange so in Berlin. Es muss eben die Bauindustrie und Holz(fäll)industrie mit Aufträgen versorgt werden.

    Dabei heraus kommt eine zubetonierte tote Stadt, die man prima von oben mit Drohnenkameras überwachen kann. Da stört dann kein Baum und kein Busch.


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