Im Wannseebahngraben

Schwierigkeiten der Beteiligungsregie

Nachdem schon seit Anfang Mai und noch bis zum 24. die Ausstellung der Varianten-Entwürfe von Seebauer, Wefers und Partner (SWUP) zur Umgestaltung des Wannseebahngrabens im Foyer des Schöneberger Rathauses zu besichtigen ist, fand letzten Samstag (10.5.) die ursprünglich für Januar in Aussicht gestellte Ortsbegehung statt. Zur Wertschätzung der Naturausstattung eignet sich der Mai, auch wenn er kaum wärmer ist, natürlich besser. Start war an der Julius-Leber-Brücke und trotz anschließender Energiewende-Demo war der Termin gut besucht und bekannte, aber auch manch neue Gesichter zu sehen.

Bahnweg Wannseebahngraben

S-Bahngleis und Bahnweg, der evtl. genutzt & Natur geschont werden kann

Planer-Moderator Martin Seebauer, der anlässlich der „Ideenwerkstatt“ am 16. November vorigen Jahres nachdrücklich versichert hatte, auch zu akzeptieren, wenn die BürgerInnenmehrheit die Nullvariante, also den Eingriffsverzicht fordert, hatte es nun, da von solchem „Stillstand“ erwartungsgemäß keine Rede mehr ist, zunächst schwer, sich bei der Skizzierung der drei Varianten der vielen kritischen Einwände zu erwehren.

Bahnstraße nutzbar!

Neu war die Info, dass die Bahn inzwischen bereit sei, die bislang für ihre Zwecke genutzte Baustraße für die Anlage eines Multifunktionswegs zur Verfügung zu stellen. Die Verhandlungen sollen schon weit gediehen sein und könnten einen Ausweg eröffnen.

Das Hauptergebnis der Ideenwerkstätten, wo sich jeweils über neunzig Prozent der TeilnehmerInnen für weitestgehenden Naturerhalt ausgesprochen hatten, soll relativiert werden, die BürgerInnenbeteiligung offensichtlich mit dieser Ausstellung erneut beginnen − und so weit es die Fristen erlauben, so lange fortgeführt werden, bis sie mit den längst gefassten Beschlüssen der BVV-Mehrheit kongruiert.

Begehung Wannseebahngaben

Begehung Wannseebahngaben

Keine Beteiligung an der Organisation der Beteiligung

Überfällig die Kritik, dass die unterschiedlichen Planungsvarianten, welche angeblich die auf vielen Kärtchen festgehaltenen verschiedenen Interessen und Bedürfnisse der NutzerInnen berücksichtigen, von den BesucherInnen der Ausstellung auf einem eher spartanisch gehaltenen Fragebogen bewertet werden sollen, ohne dass es hinreichend neutrale oder auch nur sachlich zutreffende Beschreibungen gäbe. Und gerade die Variante 1, die am wenigsten Eingriffe in Natur und Landschaft mit sich brächte und den „Crelle-Urwald“ weitestgehend unangetastet ließe, wird aufreizend tendenziös erläutert:

„Weg zum Teil dicht am Zaun entlang der S-Bahn…keine Anbindung zum Crellemarkt…Einzäunung [des Wildwuchses] aus Gründen der Verkehrssicherheit…Neupflanzungen nicht möglich…Spielelemente eher nicht möglich…Aufenthaltsbereiche nicht möglich…“

Über die Naturausstattung und -erfahrungsmöglichkeit, die Wichtigkeit für Kleinklima, Luftreinigung und Biotopverbindung im Interesse des urbanen Artenschutzes (und das ist ein wichtiges Interesse!) erfahren die, welche doch „entscheiden sollen“, nichts. Hierüber bedürfte es dringend fachkundiger Aufklärung. Auf den Hauptkonflikt − die drohende Vernichtung des Stadtwäldchens mit seinen ökologischen Funktionen und gratis Serviceleistungen fürs Wohnumfeld − wird an keiner Stelle hingewiesen.

Manipulation von Klein

Auch bei der Kinder-Ideenwerkstatt im Stadtteilladen im November 2013 wurde der Konflikt Bebauung oder Erhalt der Natur mit keinem Wort erwähnt, nichts davon, dass Bäume gefällt und Tiere vertrieben würden. Vielmehr wurde den Kindern einfach erzählt, dass man da unten etwas für sie bauen wolle − und was sie sich denn da wünschen, und die Ahnungslosen hatten natürlich viele Ideen zu Spielgeräten etc. Der Versuch, die Kinder für einen Radweg zu begeistern, misslang allerdings wegen absolutem Desinteresse gründlich.

Die umliegenden Grundschulen wurden ebenfalls von den PlanerInnen besucht, der Hauptkonflikt natürlich verschwiegen und wieder nur gefragt, wie sich die Kinder eine Spielfläche, die man für sie dort errichten wolle, vorstellen könnten. Kritik an diesem manipulativen Vorgehen wurde mit dem Hinweis begegnet, es reiche doch, die Kinder nach der Entscheidung für den Spielplatz über die Konsequenzen, also die nun notwendigen Rodungen zu informieren. [Auch bei den Varianten 2 und 3 wird selbstredend nicht von Rodung gesprochen, sondern die gerodeten Flächen werden als „Bereiche der Neupflanzung“ bezeichnet.]

…und Groß

Entsprechend insinuiert die Beschreibung der Variante 1, es donnere Zugverkehr im Zwei-Minutentakt vorüber und mache die Benutzung des Weges denkbar unangenehm; der Erhalt der Natur schließe einen Zugang zum Crellemarkt aus, der doch barrierefrei möglich wäre; alles selbst und eigensinnig Gewachsene sei als solches verkehrsgefährdend; Aufenthaltsbereiche implizierten Parkmobiliar und seien ebendrum hier ausgeschlossen; erst mal müsse man lebendige Natur abräumen, um Kinder statt ihrer mit vorfabrizieren „Spielelementen“, sprich: Spielwaren zu beglücken usw.

Die Auswahl des Fotomaterials soll ein Übriges tun, indem sie auf BZ-Niveau suggeriert, beim Crelle-Urwald handele es sich vor allem um eine wilde Mülldeponie.

Die Kahlschlag-Variante dagegen glänzt mit Möglichkeiten von Aufenthaltsbereichen, Spielflächen, ja Naturerfahrung, wahrscheinlich weil nur dann Neuanpflanzungen von genehmigtem Grün erfolgen können, und auch nur sie erlaubt eine Anbindung zum Crelle-Markt.

Im Ungefähren bleibt bei dem Ganzen, was mit den Fragebögen passiert, von wem sie wo nach welchen Kriterien ausgewertet werden usw.

Vorschlag der BI Crellekiez Zukunft zum Bebauungsplan 7-69

  • Kein Fahrrad-Highway auf dem Gelände des B-Plan 7-69, maximal ein unbefestigter Fußweg – der aber nur auf dem Bahngelände (Baustraße, Stammbahn-Gleis) verläuft.
  • Kein Spielplatz. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass es in der Umgebung zahlreiche Spielplätze gibt, für deren Pflege schon heute keine Gelder zur Verfügung stehen.
  • Alternativer Fahrradweg: Die alte Planung, Weiterführung des bereits am Crellemarkt errichteten Fahrradwegs bis zur Langenscheidtbrücke, Querung der Brücke über die vorhandenen Fahrradwege, weiter durch die Czeminskistraße nach Süden.

Fahrrad-Lobby

À propos Radweg: Die im ADFC organisierte Fahrrad-Lobby oder der seinerzeit vom auch für Umwelt- und Naturschutz zuständigen Bezirksstadtrat, Oliver Schworck (SPD), initiierte Tempelschöner FahrRat streiten ausdauernd für immer mehr Asphaltpisten über Grünflächen und durch Parkanlagen und sieht übrigens diese Parallelplanung mitnichten als überflüssig und peinlichen Schildbürgerstreich, sondern fordert selbstverständlich die Realisierung beider Routen. Offen ist allerdings nach wie vor, wann und wie das südlich gelegene Verbindungsstück entlang S-Bahnhof Julius-Leber-Brücke bis zur Nordspitze des ehemaligen GASAG-Geländes beplant werden kann.

Wenn allerdings nur die Piste realisiert wird, steht man dem Naturerhalt eher aufgeschlossen gegenüber. Mitglieder der Grünen Radler unterstützen die AnwohnerInnen sogar in ihrem Wunsch nach einem unbefestigten Fußweg.

Fördermittel sind zu verbauen

Hinter der Unterstützung der Variante mit der größten Eingriffstiefe aber steht der simple ökonomische Sachverhalt, dass sich mit dem Schutz von Stadtnatur − die gerade entlang von Bahntrassen und Wasserläufen im Stadtgebiet als Wander- und Ausbreitungskorridor eminent wichtig ist − leider kaum Fördermittel ausgeben lassen. Und falls wilde Stadtnatur wider Erwarten doch stehen bleiben können soll, muss sie zumindest als potentielles Gefahrengebiet eingezäunt werden − als hätte so was, ganz abgesehen von der absurden Begründung, schon jemals funktioniert! Hier können Verwaltungsferne doch nur noch den Kopf schütteln.

Vielleicht noch nicht alles zu spät

Umso angenehmer muss es da erstaunen, dass Baustadtrat Krüger (CDU), der seinerzeit kein Hehl daraus machte und vor allem für Transparenz darüber sorgte, dass eine Asphaltpiste durch die Böschung von ihrer Vegetation nichts übrigließe, diese Planung aber nun mal in der BVV Mehrheitsmeinung sei, anlässlich der Ausstellungseröffnung am 4. Mai auf Nachfrage Variante 1, also der minimal invasivsten, den Vorzug gab, derweil Verwaltungsangehörige andeuteten, dass es offenbar auch in der BVV einen Stimmungsumschwung gegeben habe − aber warten wir’s ab.

Grüne Fraktion ohne Grüne

Vorzugsvariante der Stadtentwicklungsstadträtin, Frau Dr. Klotz (Grüne), ist erwartungsgemäß Kahlschlagsvariante Nr. 3, die mit der größten Eingriffstiefe in Natur und Landschaft. Ihr demonstratives Desinteresse an Natur- und Umweltschutzbelangen mag mit der Herkunft der Politikerin aus dem Bündnis 90 zu tun haben, dem der Kampf für Demokratie, Menschen- und Bürgerrechte im Vordergrund stand und weniger Themen wie Waldsterben oder Anti-Atomkraft-Bewegung. Den Zusammenhang zwischen beidem sehen allerding auch heute viele noch nicht. Ganze zwei Bezirksverordnete der Tempelschöner Grünen-Fraktion würden sich für Naturschutz engagieren: das seien aber zwanzig Prozent, was durchaus hinreiche. – Wie wollen wir so die sozial-ökologische Wende hinkriegen?! Und ganz abgesehen von der Gier nach Betongold getriebenen Bauwut: Wann werden wir endlich der Natur im für sie so vielfältig feindlichen städtischen Lebensraum mit Respekt begegnen und aufhören, sie mit unseren, von den Anwälten der Versicherungslobby diktierten Gesetzen und Verordnungen zu kupieren! Aber da kann die kommunale Ebene ja nur exekutieren.

Aufruf

Aufruf der AnwohnerInnen

Kommt zur „Planwerkstatt“ am 24.5.!

Für Samstag, 24. Mai, von 10 bis 13 Uhr ist nun endlich die „Planwerkstatt“ anberaumt, und zwar im Willy-Brandt-Saal im Rathaus Schöneberg. Wir können nur alle, denen es um den Erhalt von Stadtnatur und den Kampf um echte Partizipation geht, ermuntern, zahlreich zu erscheinen, um im Geiste Willys mehr Beteiligung zu wagen.

[Nachtrag: Hier noch die 2009 vom Bezirk beauftragte Machbarkeitsstudie für den Neubau einer Fuß-, Rad- und Skaterverbindung im Zuge der ‚Schöneberger Schleife‘, Teilabschnitt von der Yorckstraße zum Cheruskerpark, die rund 370.000 Euro für Ausgleichsmaßnahmen veranschlagte, welche nun wahrscheinlich für die Umfeld-Aufwertung des Eigentumwohnens am Lok-Depot investiert werden sollen.]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s