Bezirksamt beharrt auf Fällung

[Update 17.10.: Heute Morgen wurde unter massivem Polizeiaufgebot auch noch die letzte der drei Linden gefällt − gegen die erklärten Interessen der AnwohnerInnen, in Nichtachtung ihres herausragenden, opferbereiten Engagements für den Erhalt ihrer Bäume, trotz aller verfahrenstechnischer Mängel und Ungereimtheiten, in Gefährdung des sozialen Friedens und eines gedeihlichen Miteinanders im Kiez, in völliger Ignoranz gegenüber den Anforderungen einer klimaverträglichen Stadtentwicklung und des Stadtnaturschutzes. Nach dem 2. Oktober ist dieser Donnerstag ein weiterer schwarzer Tag für den Crelle-Kiez. − Wir danken den tapferen BaumschützerInnen für ihren bewunderungswürdig beharrlichen und kreativen Einsatz!

Lindenteile

BaumschützerInnen suchen zwischen den Linden-Überresten nach ihren Kletterutensilien

Auch wenn er im konkreten Fall vergeblich war, heißt es: Jetzt erst recht! Verbreitern und verstärken wir den Widerstand gegen die spekulative Betonierung unserer Freiräume, die Vertreibung der weniger Kaufkräftigen aus ihrem heimatlichen Wohnumfeld, die galoppierende Zerstörung von Berlins einzigartiger Stadtnatur, ob im Crelle-Kiez, im Wannseebahngraben, auf der Bautzener Brache, dem Tempelhofer Feld, in Lichterfeld Süd, im Mauerpark, in der KGA Säntisstraße in Mariefelde, der KGA Oeynhausen in Schmargendorf, im Kleinen Tiergarten in Moabit und anderswo!]

Verbliebene Crelle-Linde in höchster Gefahr!

Im Baumschutz-Camp

Blätter hat’s noch reichlich und noch dominiert das Grün die Farbenpracht an der allein übrig gebliebenen von einst drei Linden vorm Grundstück 22a in der Schöneberger Crellestraße. Doch sobald die Sonne sinkt, dringt herbstliche Kühle in den Unterstand der BaumschützerInnen. Buchstäblich jeden Tag − noch dazu nach der gestrigen Pressemitteilung des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg − kann auch dieser letzte Baum noch dran sein.

Baumwacht

Baumwacht vor der letzten Linde, Crellestraße 22a

Deswegen wird er rund um die Uhr in verschieden langen Schichten bewacht, je nachdem wie viel ihrer/seiner Freizeit jederR spenden kann. Die durchregneten Nächte sind jedes Mal eine Prüfung, doch ihr Bestehen macht unmissverständlich deutlich, wie ernst es den Leuten aus dem Crellekiez ist. Und nicht nur, was die Rettung des hoch aufragenden, gesunden Baums, sondern auch was die Verhinderung des PSG-Projekts Wohnen mit Weitblick zumindest in seinen jetzigen Dimensionen angeht.

Reger BesucherInnenstrom

Viele kommen täglich vorbei, Alte und Junge, Ortsansässige, Fremde und TouristInnen, bringen Sach- und/oder Geldspenden, erkundigen sich über den jüngsten Stand, bedanken sich herzlich für diesen bewundernswerten Einsatz, sprechen sich für den unbedingten Baumerhalt und, zuweilen in drastischen Worten, gegen den monströsen Eigentumswohnschrank, gegen Spekulation mit lebensnotwendigen Gütern und die Vertreibung Einkommensschwächerer aus und wünschen im Gehen den BaumschützerInnen und auch sich selbst viel Glück.

Die Kinder sind natürlich wahnsinnig interessiert, starren wie gebannt zum Baumhaus hinauf, wenn Aktive gerade die Möglichkeiten schnellen Auf- und Abstiegs optimieren, und Jugendliche fassen selbst mit an.

Infozelt

Infozelt

Immer mal wieder lässt sich Presse sehen, von rbb über TSP bis ND, und selbst die dpa zeigt Interesse [was sogar Senatens zur Wiederveröffentlichung veranlasste!]. Dazu führen BürgerjournalistInnen Interviews und machen Videoaufnahmen.

Baumfäller hadern

Auch die Baumfäller jener Firma, welche am 2.10. die Notfällung der zweiten Linde vorgenommen hat, schauten samt Hubsteiger − für ordentliche Adrenalinstöße sorgend − zwischenzeitlich mal wieder vorbei, zunächst aber nur, um nach den Schildern zu sehen, die bereits ab 10.10. wieder Parkverbot signalisierten −, doch bislang ist alles trügerisch ruhig geblieben.

Die Männer ließen übrigens durchblicken, wie wenig glücklich sie mit diesem Auftrag sind und dass sie viele Argumente der AnwohnerInnen teilen. − Doch wer will schon in diesen Tagen einer Linde wegen seinen Job riskieren?

Eierndes Bezirksamt

Das Ordnungsamt taucht regelmäßig, aber in wechselnder Besetzung auf, und eine Ende voriger Woche von Umweltstadtrat Schworck (SPD) in Marsch gesetzte Einheit verlangte denn auch die sofortige Räumung des Camps, obschon kurz zuvor mit Baustadtrat Krüger (CDU) nichts dergleichen erörtert worden war. In Gesprächen mit BI-Mitgliedern war es vielmehr um Freihaltung des Gehwegs gegangen, um die Art der Sicherung der Seilkletterer (geschieht jederzeit mit Karabinerhaken, auch beim Schlafen in der Hängematte) sowie die Zusage, keinen weiteren Ausbau des Unterstands für die Mahnwache vorzunehmen.

Kronenlager

Kronenlager in bedrohter Linde

Dies hat die Initiative auch zugesichert, doch so lange die Planung nicht zurückgenommen bzw. so modifiziert wird, dass sich Art und Maß der baulichen Nutzung neben der steinernen eben auch in die stadtnatürliche Umgebung einpassen und nicht drei Jahrzehnte alte, für Stadtbäume überdurchschnittlich gesunde Linden in Allgemeinbesitz wegen einem privaten Spekulationsprojekt mal eben platt gemacht werden müssen, als handele es sich um störende topografische Unebenheiten. − Und dies, ohne dass die AnwohnerInnen und legitimen MiteigentümerInnen der Bäume auch nur das kleinste Wörtchen mitzureden gehabt hätten.

Etliche Ungereimtheiten und „Missverständnisse“ verlangen Klärung

Auch sind die Vorgänge an jenem Mittwoch, 2. Oktober, nicht ansatzweise aufgeklärt, vor allem, wie denn nun der Auftrag an die „Baumpflege“firma tatsächlich und konkret lautete, denn offensichtlich kann nur eine Seite recht haben: entweder Bürgermeisterin Schöttler (SPD), nach deren Einlassungen gegenüber dem Tagesspiegel es gar nicht um Fällung gegangen sei; oder die Firma, die ihre Mannen regelrecht auf Niederschlagung des erwarteten Widerstands eingeschworen haben muss, jedenfalls eindeutig in Fällabsichten unterwegs war. − Das sollte sich doch rasch klären lassen! Die Aussage, dass das betreffende Unternehmen keine öffentlichen Aufträge mehr erhalten soll, gilt jedenfalls nur für die Crellestraße, denn im Moment kann man sie allenthalben im Bezirk bei ihrer brachialen Baumpflege beobachten.

Eingriffe in bezirkseigene Böschung

Um einen Blick auf die Rückseite des in Rede stehenden Gründstücks zu werfen: In der Mitteilung zur Kenntnisnahme (MzK) Drs. 0777/XIX des Bezirksamts an die BVV wird einerseits die Böschung zum sog. Crelle-Urwald als öffentlicher Grund und Boden geradezu für sakrosankt erklärt, um im nächsten Satz das „Hammerschlags- und Leiterrecht“ aus dem Berliner Nachbarrechtsgesetz (NachbG Bln, § 17) in Anschlag zu bringen, wonach im konkreten Fall der Bauherr gleich mal zwei nach Baumschutzverordnung geschützte Bäume umnieten darf, die zwar nicht auf seinem Grund stehen, aber seine Baugruben-Spundwand nicht überleben würden. Zurücksetzen ausgeschlossen. Und die untermaßigen Bäume oder gar Büsche [im BILD-Jargon Gestrüpp] kommen gar nicht erst in Betracht.

Eingriffe in Stadtnatur minimieren!

Auch hier fügt sich der Eigentumswohnungsbau gerade nicht in seine Umgebung und den öffentlichen Raum ein, der hier noch dazu als ökologisch und naturschutzfachlich besonders wertvoll gilt (Funktion nicht nur als Habitat geschützter Arten, sondern auch als Verbindungsbiotop), sondern zerstört ihn durch eine unverhältnismäßige, ungerechtfertigte Eingriffstiefe.

Immerhin will der Bauherr Ersatz gemäß Baumwertermittlung nach Methode Koch leisten, die auch die Funktion eines Baums z.B. als Teil einer Gehölzstruktur berücksichtigt. Weshalb aber hat der Bezirk auch noch die Fällung von drei wertvollen Straßenbäume genehmigt, nachdem er schon Eingriffe in die Böschung tolerierte? Ich muss zu meinem Nachbarn einen Mindestabstand einhalten, die sein gedeihliches Überleben zulässt, und als Nachbarn haben wir endlich auch unsere Straßenbäume wahrzunehmen! Angesichts ihrer schwierigen Lebensbedingungen und andererseits ihrer gratis ökologischen Serviceleistungen, die uns diese lebendige „Umwelt“ liefert, allen Grund, ihnen Achtung und Respekt entgegenzubringen.

Die BVV weiß offiziell noch immer nichts über die zahlreichen Ungereimtheiten des ganzen Genehmigungsprozesses, bspw. über die Erteilung einer Baugenehmigung, als es sich noch um gewidmetes Eisenbahngelände handelte, oder von einer Geschossflächenzahl (GFZ) von 4.14 über die zunächst bewilligten 3.04 hinaus, welche Ausnahmegenehmigungen im öffentlichen Interesse sein und transparent abgewogen werden muss. Oder eben über die Umstände des halb kriminellen Vorgehens am 2.10., wovon sich Stadtrat Krüger in seiner gestrigen Pressemitteilung ja ausdrücklich distanzierte.

Doch andererseits bekräftigt das Tiefbauamt darin, die Fällung auch noch der letzten Linde durchzuziehen, schon im Hinblick auf zu befürchtende Regressforderungen koste es, was es wolle😉 . So klang es ja auch schon im letzten Absatz der zitieren MzK an. Zunächst legt dies sehr nahe, dass Bürgermeisterin Schöttler sich Anfang Oktober gegenüber BürgerInnen und Presse mal wieder im Entzünden von Nebelkerzen übte, also sehr wohl ein Fällauftrag vorlag.

Absolutes Sägeverbot

Absolutes Sägeverbot

Angesichts der eklatanten Verfahrensmängel und nicht zuletzt der geradezu anmaßenden Nicht-Beteiligung weder der AnwohnerInnen an der Planung und Gestaltung ihres Wohnumfelds, dessen Wohnwert durch diesen massiven sechssiebenstöckigen Klotz [plus einem unterirdischen!] nachhaltig beeinträchtigt wird, noch der BVV in der angemessenen Weise ist ein derart stures Festhalten am Schaffen irreversibler Fakten auf Kosten der Lebensqualität der Bestandsbevölkerung, der Stadtnatur, des sozialen Gefüges, des sozialen Friedens und im alleinigen Interesse eines Investors, der auch nicht die geringsten Anstalten gemacht hat, die Belange der AnwohnerInnen ernst zu nehmen, sondern sie wegen Kinkerlitzchen sogleich mit Abmahnungen überzieht, ist unverantwortlich und mit dem Verwaltungsauftrag nicht vereinbar.

Die Opposition aus Linken, Piraten und mitunter CDU ist zu schwach, um entsprechende Anträge noch durchzukriegen. Hier aber handelt es sich um ein Exempel: nachdem in der Eylauer Straße fürs Wohnen am Lokdepot gleich ein ganzes Robinienwäldchen niedergelegt wurde, soll die lukrative Betoneinfassung des Nord-Süd-Grünzugs in der Crellestraße fortgesetzt werden. Das kann den ohnehin angespannten Sozialen Frieden nur weiter gefährden, was auch keineswegs im Interesse neu Zuziehender liegen kann.

Weitsehen und Nachsehen

Weitsehen und Nachsehen

4 Kommentare

  1. Peter Lind said,

    16. Oktober, 2013 um 10:17

    Der Widerstand in der Crellestrasse darf in der öffentlichen Wahrnehmung nicht auf die Linden reduziert werden, wie auch der Widerstand nicht auf die Crellestrasse reduziert werden kann. Die „rot“-„grüne“ Bezirksregierung Tempelhof-Schöneberg ist derzeit dabei im gesamten Bezirk ein Gentrifizierungsprogramm durchzuziehen, das in Berlin seinesgleichen sucht. Im Interesse von mehr oder weniger dubiosen Bauspekulanten wird auch in der Säntisstrasse, dem Barbarossakiez, der Eylauer Strasse, der Bautzener Strasse, in der Kleiststrasse, am Gasometer und nicht zuletzt in der Crellestrasse Grün vernichtet und Häuser mit bezahlbaren Wohnraum abgerissen, um Spekulationsobjekte errichten lassen zu können.

    • jürgen julius irmer said,

      17. Oktober, 2013 um 21:49

      …ja, die stadt wird komplett umgebaut.so schnell kann man sich gar nicht die augen reiben.
      die „leitenden“ damen und herren ruhen dabei ganz in sich und ihren hochdotierten ämtern+wir sind neese!
      nichts neues also,sondern fast schon: rette sich, wer kann…

      • Tabul A. Raza said,

        18. Oktober, 2013 um 15:40

        Ja. Stadtumbau West, Ost, Nord und Süd. Wohin kann man sich da noch retten? Überall anderswo ist dieselbe Entwicklung ja schon viel weiter bzw. längst abgeschlossen. Es gibt praktisch keine Alternative mehr. (Außer, sich zu wehren, wenn man die Kraft / den Nerv / den Optimismus dazu hat.)

  2. Leila said,

    20. Oktober, 2013 um 14:22

    Gibt es eine fähige Opposition zu Rot – Grün in der BVV in Tempelhof-Schöneberg?

    Sind die Linke und die Piratenpartei da auch scheiße oder kann man mit denen zusammen wenigstens punktuell gegen die unsoziale und umweltzerstörerische Gentrifizierungspolitik von Rot – Grün vorgehen?


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