Auch zu Wasser ist Fortschritt eine Schnecke

Freiwillig und auf eigene Kosten rußfrei?

Selbstverständlich geht’s nach Helmut Kohl allein darum, was hinten rauskommt, und insofern begrüßen auch die BaL, wie sicher das gesamte Mediationsforum „Zukunft Landwehrkanal“, diese flugs und überraschenderweise auch schon prämierten Bemühungen um sauberere Luft über der Spree.

Ausdauernd artikuliertes öffentliches Interesse unterschlagen

Einer Halbdekade Druck namentlich durch die BaL-VertreterInnen im gleichnamigen Mediationsverfahren hat es freilich bedurft [siehe z.B. Interessensammlung/Kriterienkatalog des Forums, Protokolle und eben Beiträge in diesem Blog], bis sich nach Jahren hartleibigen Abweisens und Ignorierens die beiden großen Reedereien Stern und Kreis und Riedel dann doch dazu durchringen konnten, an steuerfinanzierten Testprogrammen teilzunehmen und in einige wenige ihrer emissionsreichen Ausflugsdampfer Rußpartikelfilter einbauen zu lassen.

Muss immer aussehen, als seien sie selber drauf gekommen!

Und plötzlich verwandelten sich Anregungen und Forderungen der BürgerInnen in eigene innovative Ambitionen, was, wie gesagt, überaus begrüßenswert ist. Misslich bloß, dass dieser unverhoffte „Ökokurs“ insgeheim am partizipativen Verfahren vorbei verfolgt wurde, am früh und einseitig abgewickelten Arbeitskreis „Nachhaltige Wirtschaft & Schifffahrt“ sowieso, der diese Problematik für die vor allem anderen freie Wirtschaft mit offenbar allzu nervigem Beharren thematisierte. Nun aber will Freise/Riedel „das nachhaltigste Unternehmen der Branche werden“, nachdem es schon 2010 einen Nachhaltigkeitsbericht im Rahmen der Teilnahme am internationalen Netzwerk Corporate Social Responsibility (CSR).

Ethical Branding

Also wurden BUND und Presse informiert [siehe hier, hier, hier oder ganz offiziell hier] − Lutz Freises Öffentlichkeitsarbeit verdient neidlose Anerkennung, obwohl ja vergleichsweise spät dran, da sich die Konkurrenz von Stern und Kreis schon seit 2010 auf Umweltkurs sieht und seinerzeit im NABU-Mitgliedermagazin entsprechend inserierte [siehe auch hier].

Dass jedoch die Befilterung von Riedels Spree-Diamant allein schon als preiswürdig gilt, muss etwas verwundern. Wahrscheinlich soll die Plakette als positive Verstärkung fungieren, denn auch nach jahrelangem Einfordern seitens der interessierten Öffentlichkeit fahren bislang erst ganze vier Prozent der Berliner Fahrgastschiffsflotte rußfrei durch die Umweltzone − und gerade der LWK liegt mittendrin.

Bekanntes Muster

Auch hier wurde demnach eine Chance ganz bewusst negiert und die Qualität eines umfänglichen, alle Stakeholder einbeziehenden Beteiligungsformats konsequent ignoriert: Selbstredend fühlt man sich als „freie Wirtschaft“ gegenüber einem modellhaften zivilgesellschaftlichen Beteiligungsgremium noch viel weniger auskunftspflichtig als bspw. die Verwaltung.

Nachrüstung der Anleger!

Wie sieht’s denn nun mit der Bereitschaft aus, mit anderen „Marktbegleitern“ die monopolisierten Anleger zu teilen oder den berühmt-berüchtigten havarierten an der Kottbusser Brücke, in einem erfolgreichen partizipativen Planungsprozess weitgehend sanierten endlich mit der zugesicherten Barrierefreiheit und Multifunktionalität für verschiedene Schiffs- und Bootstypen zu vollenden?

Dass weder Zeit noch Geld vorhanden waren, weil der Neubau des neuen Riedelschen Heimathafens in Oberschöneweide so viel Zeit und Geld absorbierte, war mithin unzutreffend: „Wirtschaftlich geht’s uns gut, denn immer mehr Touristen kommen nach Berlin“, repetiert Freise alle Krisenjahre wieder. Da will er endlich Gäste, Mannschaft und sogar die KanalFlussanrainerInnen ein wenig an seinem Erfolg teilhaben und sauberere Luft atmen lassen.

Solarschiffslinie in Kooperation mit Solarwaterworld geplant!

Auch dass Riedel und Solarwaterworld eine Zusammenarbeit anstreben und Lutz Freise mit zunächst einer noch in Umrüstung befindlichen Solaryacht Suncat mit etwa fünfzig Plätzen „Berlins erste Solarschifffahrtslinie“ eröffnen will, muss besonders verblüffen, denn kürzlich sollten diesen Sport- wie auch den sog. Salonschiffen wegen mangelhafter Sicherheitsausstattung (leicht entzündlicher Rumpf) per (vorerst ausgesetzten) Ministerialerlass [1. BinSchUOÄndV = Änderungsverordnung der Binnenschifffahrts-Untersuchungsordnung] die Beförderung von Fahrgästen gänzlich untersagt werden. Deshalb, so ein Sprecher von Solarwaterworld, sollen nun die Schiffsbatterien mit nicht brennbarem Material „doppelt verpackt“ werden. Als Stapellauf ist der April 2014 ins Auge gefasst. − Was aber ist mit dem von Ausflugsverkehr hochfrequentierten LWK?

All die Jahre, die BürgerInnen unermüdlich für solar angetrieben Ausflugsverkehr warben, aber hatte es insbesondere von Seiten Jürgen Lochs geheißen, Photovoltaik erlaube ja nicht mal Bordgastronomie − kleines Indiz, wie rückwärtsgewandt und innovationsunwillig hier die Unternehmensführung agiert. Entschlossenheit, weitere Dieseldampfer mit Partikelfiltern nachzurüsten, ließ der Geschäftsführer von Stern und Kreis gegenüber dem Mediationsforum mitnichten erkennen.

Im Gegenteil tat er kund, dass sein Unternehmen eben wegen der irgendwann aus Brüssel kommenden Grenzwerte für Stickoxide (NOX), welche die getesteten Filter unbehelligt passieren, von deren weiterem Einbau absehe, auch wenn Fahrgäste, Bedienstete und AnwohnerInnen die zu über neunzig Prozent absorbierten karzinogenen Feinstäube dann eben weiter inhalieren müssten. Angesichts der hohen Einbaukosten und Unsicherheiten über die künftigen rechtlichen Rahmenbedingungen wartet Berlins größte Reederei indessen lieber auf Fördermittel. (Stern und Kreis ließ sich übrigens seinerzeit auch zum subventionierten Senatstestprogramm umständlich drängen, nachdem die Teilnahme an einem bundesweiten Test angeblich verwehrt wurde.)

Außerdem belegt das sich abzeichnende Streben nach Oligopolisierung auch eines solar angetriebenen Fahrgastverkehrs einmal mehr, wie kontraproduktiv gegenüber Diversifizierung und Steigerung der Nutzungsattraktivität sich eine Planfeststellung der Kanal-Instandsetzung mit Festschreiben bestimmter Schiffsmaße auswirken muss.

Grünwäsche?

Ob die Umweltplakette des BUND also nicht eine Idee zu früh kam? Unzählige Male haben wir über die starrsinnige Innovationsverweigerung der Großreeder berichtet, über schadstoffreduzierte konventionelle, vor allem aber über alternativ angetriebene Antriebe nachzudenken. Die Corporate Social Responsibility schließt aber auch zivilgesellschaftliche Beteiligung ein sowie − schlicht aus Gründen der Redlichkeit − eine Anerkennung des zivilgesellschaftlichen Anteils, dass und wie es zu dieser Neuausrichtung kam. Sie ist − wenn’s sich denn um eine handelt und nicht nur um Greenwashing-PR − beteiligungsinduziert! Die BürgerInnen schoben an, gebremst haben die Reeder!

Und nun werden natürlich von staatlicher Seite alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass die gut verdienenden Oligopolisten die Kosten für die Rücksichtnahme auf die Gesundheit der Allgemeinheit wenigstens zum Teil via Fördermittel auf diese abwälzen können. „Geld ist da. Wir hoffen, dass weitere Schiffe umgerüstet werden“, versichert jedenfalls Martin Lutz, Fachgebietsleiter für die Luftreinhalteplanung bei SenStadtUM.

Bleibt also zu hoffen, dass es auch bald auf dem LWK ein bisschen rußärmer zugeht.

2 Kommentare

  1. kawa said,

    28. August, 2013 um 11:41

    Wir Landwehrkanal – AnwohnerInnen müssen seit Jahrzehnten den gesundheitsschädlichen Feinstaub der Fahrgastschiffe einatmen, der u.a. krebserregend ist.

    Nur „vier Prozent“ der Berliner Fahrgastschiffe fahren „rußfrei durch die Umweltzone“, in der die Bundeswassserstraße Landwehrkanal liegt.

    Das ist ein Skandal, insbesondere angesichts des fast 6 Jahre währenden Umwelt – Mediationsverfahrens „Zukunft Landwehrkanal“, in das auch Verantwortliche des Bundesverkehrsministeriums involviert sind.

    Es ist vollkommen unakzeptabel, dass die boomende Fahrgastschiffahrtsbranche nicht längst gesetzlich verpflichtet wurde, prinzipiell Rußfilter in ihre Schiffe einzubauen.

    Die Autos brauchen Umweltplaketten, um durch die Umweltzonen fahren zu dürfen. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Die reichen Reeder aber kriegen massig Steuergelder nachgeschmissen, wenn sie sich endlich mal bequemen nur ein einziges Schiff mit Rußfliter ausszustatten. Und dazu kriegen sie noch eine Auszeichnung vom BUND, der erstaunlich geringe Ansprüche zu haben scheint. Die Umweltverbände BUND und NABU sind überhaupt viel zu lasch in ihren Forderungen.

    Außerdem sieht man immer wieder, dass sowohl auf die Aussagen der Politik und ihrer Verwaltung wie auch auf die der Reeder kein Verlass ist. Alle machen was sie wollen. Die BürgerInnen sind die Dummen, die auf ihr Geschwätz vertraut haben.

  2. 31. August, 2013 um 19:44

    Die dussligen Verbote wegen angeblicher Brandgefahr (Bleigelbatterien) sind an den Haaren herbeigezogen. Im Rahmen des vielgelobten „Schaufenster Elektromobilität“ ist eine Experimentalklausel vorgesehen. Mit dieser könnte man ein Solarboot der Baureihe suncat46 sofort einsetzen. Die Ministerialbeamten sind in diesem Fall wenig Sachkundig. Wie auch ? Auf der Webseite des Ministeriums BMVBS findet man noch nicht einmal das Wort Solarschiff.
    Wer sich mit diesem Thema befasst wird feststellen, dass bei Kunststoffbooten ohne Kraftstofftanks, Benzinleitungen etc. (Glasfaserverbund) deutlich weniger Brandgefahr besteht, als bei Holzbooten die mit Benzin betrieben werden.


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