Stadtökologischer Lückenschluss?

Die Gleisdreieckwestpark-Eröffnung

Grün wird immer mitgedacht!

Mit einem Crash-Kurs in Neusprech wussten Senator Müller, Christoph Schmidt von Grün-Berlin und Leonard Grosch vom Atelier-Loidl aufzuwarten, als sie am vergangenen Freitag bei kurzzeitig strahlendem Sonnenschein den Gleisdreieckwestpark offiziell eröffneten. − Neben den BürgervertreterInnen in der Projektbegleitenden Arbeitsgruppe (PAG) folgte nur der scheidende Xhainer Bürgermeister Schulz einem anderen Skript. Mehr davon unten
[Update 3.6.: nebst Fotogalerie von AkteurInnen und Highlights ganz unten.]

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Die Verwandlung der „unzugänglichen Bahnbrache“ zum grünen Angebot eines „innovativen City-Parks“ führe nun endlich die beiden Bezirke Kreuz- und Schöneberg zusammen, begeisterte sich Berlins Senator für Stadtentwicklung und Umwelt vor ein wenig Presse, viel Verwaltung, beruflich Interessierten sowie etlichen AnwoherInnen. Das zeige, wie übrigens auch die Beispiele Mauerpark und Tempelhofer Feld, dass in der hauptstädtischen Stadtplanung Grün nicht zu kurz komme, ja immer mitgedacht werde.

18 Mio. Euro seien im Gleisdreieckpark „gut angelegt“, fuhr Müller fort, so als habe landeseigenes Kapital eine lukrative Investitionsmöglichkeit gefunden. − Dass es Ausgleichszahlungen der Investoren für Eingriffe in Natur und Landschaft auf Potsdamer und Leipziger Platz waren (und zwar ca. 24 Mio.), sagte er nicht und natürlich ebenso wenig, dass die Millionen in eine fast vollständige Tilgung des natürlichen Bestands investiert wurden und sodann zu großen Teilen in farbigen Asphalt und Beton, sog. Multifunktionsflächen, Sportgeräte, Parkmöbel, kurz ins modisch-trendige naturferne Park-Design. [Ja, stimmt: man pflanzte – übrigens, was die Baumarten angeht, ohne Abstimmung mit den BürgervertreterInnen in der PAG – auch japanische Schnurbäume, Koniferen und Kiefern und säte vor allem viel Golfrasen auf die „urbane Weite“, d.h. eher aus dekorativem oder funktionalen Blickwinkel als aus naturschutzfachlichem.]

Zu diesem hervorragenden,  ein ganzes halbes Jahr früher als geplant erreichten Ergebnis habe auch eine exemplarische Bürgerbeteiligung beigetragen. Und der dreijährige [?] gemeinsame Gestaltungsprozess sei noch nicht abgeschlossen.

Gemäß der Ergebnisse der Online-Befragung zum Auftakt der Bürgerbeteiligung [das muss 2006 gewesen sein] sei für alle Alters- und Bevölkerungsgruppen Möglichkeiten von Sport, Spiel, Spaß und Erholung geschaffen worden, ohne die alten Spuren der früheren Bahnnutzung zu verwischen. − Wieder müssen wir − abgesehen von der komplexen Vorgeschichte − daran erinnern, dass seinerzeit die Mehrheit der Befragten eine naturnahe Parkgestaltung wünschte und gerade keinen Aktivitäts- und Freizeitpark. Über die Behauptung, auf dem Westpark seien die „alten Spuren“ nicht verwischt worden, könnte man lachen, wenn’s nicht so traurig wäre.

Franz Schulz  würde nicht noch einmal unterschreiben

Bürgermeister Schulz bemühte sich, einen Kontrapunkt zu setzten, pries den dreißigjährigen hartnäckigen Kampf engagierter BürgerInnen und Inititativen gegen Autobahn- und Bebauungspläne und nannte Norbert Rheinlaender, der darüber grau geworden sei, das Gesicht dieses Widerstands. Und Schulz widersprach Müller und damit stellvertretend all den Angehörigen der Senatsverwaltung, die stereotyp behaupten, die Fläche sei unzugänglich gewesen und hätte umfassend „erschlossen“ werden müssen.

Immer sei dieses wilde, abenteuerliche Areal inmitten der Großstadt begangen worden, nicht zuletzt von ihm selbst; jede zweite WG aus der Umgebung habe viele Tage auf diesem einzigartigen Gelände verbracht, Musik gemacht oder was immer, inmitten dieses morbiden Ambientes verfallender und von der Natur zurückeroberter Technik, einer artenreichen, vielgestaltigen Ruderalvegetation, den Pioniergehölzen, inmitten einer Natur der vierten Art −, und eben das habe die Menschen so unerbittlich gegen die Westtangente kämpfen lassen.

Auf der Fläche des Potsdamer Güterbahnhofs sei die Unterbringung der Baulogistik für den Potsdamer Platz der erste Sündenfall gewesen und hätte viel zerstört; der zweite große Fehler sei der Abschluss des Städtebaulichen Vertrags zwischen VIVICO, Senat und Bezirk F’hain-Kreuzberg 2005 gewesen, den er, Schulz, in dieser Form, vor allem im Hinblick auf die dichte Randbebauung, heute nicht mehr unterschriebe.

Gegen weitere sechs Hektar ehemaligen Bahngeländes, also Gemeineigentums, hatte damals die VIVICO u.a. den Streifen entlang der Flottwellstraße − und zwar dort, wo der Flächennutzungsplan Grün ausweist! −, als Bauland [mit dadurch genierter enormer Wertsteigerung] erhalten, so dass der Park zwischen Debis-Parkhaus und Flottwell-Living in einem spitzen, früh verschatteten Zipfel endet, mehr oder minder Vorgarten teurer Eigentumswohnungen, die auf dem Gelände bereits vor Parkeröffnung beworben wurden und es mit Zustimmung Grün Berlins weiterhin werden. (Leute von der AGG hatten eine Protest-Pappe an der Werbetafel angebracht, die von Rechtsbruch sprach, aber schon bald abgerissen auf dem weißem Friedhofskies lag.)

Protest gegen Baufeld

Protest gegen Baufeld (klick!)

Als Pioniertat pries Franz Schulz demgegenüber den Erhalt der Kleingartensiedlung POG, die einem, oder gar zwei Sportstadien weichen sollte, und am Runden Tisch mit Landessportbund etc. durch den Kompromiss, auf einem HELLWEG-Baumarkt im Yorckdreieck ein Flachdach-Fußballfeld zu schaffen, gerettet und als „Gärten im Garten“ in den neuen Park integriert wurden.

Der Werbe-Block

Das Ertragen der sich anschließenden wechselseitigen Lobhudelei von „Superbauherrn“ und Planer, die selbst Christoph Schmidt peinlich schien, war besonders für Prozessbegleitende eine Herausforderung.

Leonard Grosch vom Atelier Loidl lieferte ein kleines Bukett verstiegener Landschaftsplaner-Stilblüten ab, schwärmte vom Möglichkeitspark, der als Animation zu allerlei Aktivitäten fungiere, mit Nischen für individuelle Entfaltung und allein durch Belagwechseln generierten unterschiedlichen Nutzungsformen und fand es bemerkenswert, dass die Skater nicht nur dort ihre Boards bespringen, wo es vorgesehen ist, sondern auch auf dem anderswo überreich vorhandenen bunten Asphalt oder Beton. [Interessant wird es erst, wenn die Sitzstufenanlage am Tunnelmund als Trainingsfeld erschlossen wird.]

Das Beschwören der räumlichen, „gefühlten Freiheit“ und großen Weite durfte nicht fehlen und Grosch forderte − vielleicht in Anspielung auf Goethes letzte Worte − „mehr Lichtung!“, verwies aber auch auf die Struktur des Rahmens (besser: die an den Rand verbannte Struktur), auf den Kinderspielplatz mit seinem von den beaufsichtigenden Eltern besetzbaren Zaun oder jenen für Senioren mit den Fitnessgeräten samt Gebrauchsanleitung. Für jede Altersgruppe gebe es Angebote. Nur eben nicht für die das Naturerlebnis Suchende, das es dereinst hier zu finden gab.

Redebeträge der BürgervertreterInnen

Hier die kurzen Redebeiträge dreier PAG-Mitglieder, nämlich Norbert Rheinlaenders (AGG), Elisabeth Meyer-Reschhausens (Allmende-Kontor) und Klaus Trappmanns (POG), des Kleingartenvorstands.

Und zum Glück für diesen Teil des Parks gibt es die „Gärten im Garten“ mit dem Birkenwäldchen und dem Naturraum. (Ob die Fläche südlich der U2 und des Beachvolleyballs, die tatsächlich noch eine Reminiszenz ans Zerströrte bietet, so erhalten bleibt, ist wohl noch immer nicht sicher. Gleich bei dieser Gelegenheit machten sich wieder AnwohnerInnen dafür stark!

Eingriffe in die Natur nicht durch Naturzerstörung ausgleichen!

Auf einem der Betonhügel nahe der Trampoline hatten wir den Senator gefragt, ob er es tatsächlich noch modellhaft finde, wenn Ausgleichsmittel für Natureingriffe für die Anlage einer derart naturfernen Gestaltung verausgabt werden und erhielten die Antwort, hier gäbe es doch für jeden etwas. „Und die Kinder wollen es auch!“ triumphierte Grosch. Auf den Hinweis, dass für Stadtkinder gerade das wohnungsnahe Naturerlebnis sehr wichtig sei, wusste Müller: „Aber hier gibt’s doch auch Natur.“

Er sagte nicht Naturangebote, und bis zum oben beschriebenen Ort kam er nicht, doch als Michael Müller kurz vorm Ende seines von Sturzregen jäh abgebrochenen Rundgangs des sog. Naturraums nahe KGA-„Marktplatzes“ ansichtig wurde, fragte er unangenehm berührt, was das denn sein solle, und erwiderte, nachdem man ihm Gründe für den Erhalt dieses übrig gebliebenen Rests Originalbewuchses nahezubringen versuchte: „Das sieht aber unordentlich aus!“ KleingärtnerInnen, die gerade dieses kleine Gehölz als ihren Lieblingsort ansehen, reagierten ihrerseits äußerst missvergnügt.

Gern hätten AGG-Mitglieder die Bäume gekennzeichnet, die vor den Planern gerettet werden konnten − im Fall all der verschwundenen ist’s ja weniger einfach − und POG-Leute bspw. von der Verhinderung des breiten Asphaltwegs erzählt, den die Loidls schnurstraks, wie es ihre GIS-gestützt Manier ist, durch die Kolonie schlagen wollten, vielleicht um auf diese Weise die Bedeutung zu demonstrieren, welche der Beteiligung der Betroffenen auch an eher kleinteiligem Planunen und Umsetzen zukommt − und da gab es in der Tat sehr viele Reibungsverluste −, doch die erwähnte Äußerung des Stadtentwicklungssenators zeugt von starker Kontinuität in der amtlichen Sicht auf unsere Stadtnatur, auch wenn SenStadt wieder das Um für Umwelt angegliedert worden sein mag.

Die BUND-Pressemitteilung zur Westpark-Eröffnung vom 31.05.13

Engagierte, Planer, Verwaltung und mehr…

Podium mit POG-Vorstand am Pult

Podium mit POG-Vorstand am Pult |  (zum Vergrößern Fotos bitte anklicken!)

E. Meyer-Renschhausen und C. Schmidt

Guerilla-Gärtnerin E. Meyer-Renschhausen und C. Schmidt von Grün Berlin

Projektbegleitende AG

Projektbegleitende Arbeitsgruppe (PAG)

pag_01

PAG

Franz und Norbert

Xhains Bürgermeister Franz Schulz und Norbert Rheinlaender

Mehr Grün

Senator + Loidl-Grosch für mehr Grün

Flamenco in Kleingartenkolonie

Andalusischer Flamenco in Berliner Kleingartenkolonie

Spielplatz

Ho, Ho, Holz-Spielplatz!

Fitness-Geräte

Geräte-Spielplatz

Wiesensaum, intelligent genutzt

Wiesensaum, intelligent genutzt

1 Kommentar

  1. 11. August, 2013 um 21:14

    Gute Fotodokumentation!


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