Der Flaschenhals ist freigemacht

BürgerInnenvorschläge überwiegend ignoriert

Bericht von einem Ortstermin

Die Rodungsarbeiten im sog. Flaschenhals südlich der Yorckstraße, um auch diesen Teil einer einst einzigartigen Bahnbrachenlandschaft barrierefrei nicht nur für Gehbehinderte und SenorInnen, sondern auch für den Fernradverkehr nach Leipzig zu erschließen, wurden noch außerhalb der Vegetations- und Brutperiode zu Ende gebracht. Im unbelaubten Zustand erscheinen Vorwald und Wäldchen jetzt sehr licht. Allein über sechzig Bäume , die der Baumschutzverordnung unterlagen, wurden entnommen.

Aufbruch

Aufbruch von unter der Monumentenbrücke | zum Vergrößern bitte jeweils anklicken!

Ansonsten ging es beim Roden von Robinienaufwuchs, so erläuterte Frau Dr. Markstein, die bei der Umsetzung der Planung des Atelier Loidl durch die vom Bezirk T’hof-Schöneberg beauftragte landeseigene Grün Berlin GmbH die ökologische Baubegleitung innehat, ums Wiederöffnen der ökologisch wertvollen Ruderalfluren, Rand- und Offenlandbereiche mit ihren seltenen Trockenrasen-Biotopen und hoch spezialisiertem floristischem und faunistischem Artenbesatz. Im Wäldchen aber sollen sich allmählich Ahorn, Ulmen und Eichen durchsetzen und durch zunehmende Verschattung die Licht liebenden Robinien zurückdrängen.

Begehung

Ausgekofferte Fernradstraßen-Trasse; rechts das Museumsgleis

Am vergangenen Freitag (19.4.) hatte der bezirkliche Fachbereich Grünflächen zur Ortsbegehung eingeladen, vierzig Interessierte, darunter auch Bezirksverordnete von Grünen und Piraten, hatten den Weg über die Rampe östlich der Kolonnenbrücke bis unter die Monumentenbrücke gefunden, und Frau Krokowski von Grün Berlin, nach dem Gleisdreieckparkbau auch hier wieder mit der Projektleitung betraut, betonte vor einigen aufgehängten Grafiken, dass es im Unterschied zur nördlichen Parkanlage im künftigen Flaschenhalspark nicht um Sport und Spiel, sondern das Naturerleben gehe.

Markstein, Krokowsky, Sperling

Dr. Markstein, Krokowsky, Sperling, Lipp, BürgerInnen (v.l.n.r.)

Und eben ums Fernradfahren, nunmehr fünf Meter breit asphaltiert und in 30m-Abständen mit Orientierungsleuchten versehen, entlang einer ehemaligen Bahntrasse diagonal durch den in einem halben Jahrhundert eigendynamisch entstandenen Stadtwald. Schade, dass keine offizielle BUND-Vertretung gekommen war, denn auch im Berliner Landesverband ist die Führung dieses Fernradwegs quer durch wertvolle Stadtnatur keineswegs unumstritten [ebenso wenig übrigens der Bau einer ähnlichen Radstraße von Nord nach Süd übers Tempelhofer Feld, mit der − Volksbegehren hin, Feldlerchenbrutzeit her − noch im Frühsommer begonnen werden soll].

Auch die Finanzierung aus GRW-Mitteln, die bei der ursprünglich geplanten Streckenführung vom Potsdamer Platz über die Flottwell-, Bülow-, Manstein-, Crelle-, Czeminski- und Leberstraße Richtung Süden führen sollte, erscheint die Verwendung von Steuergeldern zur Förderung der regionalen Wirtschaftsstruktur sachgerecht, denn hier ginge es an Läden, Gastronomie und dgl. vorbei, doch wie dies in einer Grünanlage oder gar in einem Wäldchen geschehen soll, bringt Engagierte schon seit längerem ins Grübeln. Trotz beharrlichen Nachfragens gibt es von Politik und Verwaltung, sei’s Senat oder Bezirk, keine Antwort.

Stellwerk

Von Abbruch bedrohtes Stellwerk

Und wann der Übergang der schnurgerade über den Gleisdreieck-Ostpark gelegten Radstraße über die vorher zu restaurierende Yorckbrücke 10 kreuzungsfrei in den Flaschenhals erfolgt, lässt sich nicht mal perspektivisch angeben. Man stehe in Verhandlungen mit der Deutschen Bahn, und da sind auch ungefähre Terminangaben bekanntlich schwierig. Vorerst geht es über die Yorckstraße − wegen vorhandener Lichtsignalanlagen ohne zusätzliche Querungshilfe.

Eigentumswohnen am Lok-Depot

Bestgens Eigentumswohnen Am Lokdepot: Vorm Kopfbau wird Rampe runter führen

Auch an der hanebüchenen Fortsetzung des Fernradwegs über eine einmal gewendelte Rampe (Baubeginn Mitte Mai) auf kürzlich für Investor Thomas Bestgens Eigentumswohnen „Am Lokdepot“ privatisiertem ehemaligen Bahngelände hinauf auf die Monumentenbrücke, über diese hinweg und westlich der Fernbahntrasse wieder hinab in den Bahngraben und gen Südkreuz, wurde ungeachtet aller Kritik und wohldurchdachter Alternativvorschlägen von BürgerInnen unbeirrbar festgehalten. Bestgen wird übrigens diese Rampe finanzieren und sich auch an den Kosten für den vorläufig so genannten Monumenten- sowie an einem Kinderspielplatz beteiligen.

Kosten

Unerwartete Massen karzinogen kontaminierten Bodens (1500 mg/kg PAKs insbesondere im Bereich der abgerissenen Fettgasanstalt sowie belasteten Bahnschotters hätten entsorgt werden müssen und die Kosten insbesondere für die Abfuhr um 200.000 auf 592.000 Euro steigen lassen. Gewachsener Boden sei demgegenüber nur relativ wenig abgetragen worden.

Schaubild Aushub

Schaubild zur Aushub-Problematik

Die Gesamtkosten für den Parkbau belaufen sich auf 1,2 Mio. Euro, die aus GRW-, Stadtumbau-West-, bezirklichen Investitions- und Landesmitteln bestritten werden.

Wie Geldmangel Gutes wirkt

Ruinen wie die ehemalige Lampenmeisterei, intensiv als Behelfswohnungen genutzt, werden nur eingezäunt und bleiben erfreulicherweise erhalten, aber nicht etwa aus Gründen von Anmutung und Historie oder gar wegen der Obdachlosen, sondern aus Geldmangel für Abriss und Entsorgung des auch hier bestimmt hochbelasteten Materials. Die Zukunft eines pittoresken, aber stark baufälligen Stellwerks ist hingegen ungewiss: wenn niemand seine Restaurierung finanziert, soll es verschwinden. BürgerInnen nannten dies einen Skandal, woraufhin Manfred Sperling vom Grünflächenamt versicherte, alles sei noch in der Schwebe.

bewohnte Lampenmeisterei

bewohnte Lampenmeisterei

Die teilweise von Aufwuchs umschlungenen Signalanlagen sollen, wenn sie standsicher sind, stehen bleiben. Es wurde vorgeschlagen, sie nötigenfalls standsicher zu machen. Auch die Gleisanlagen bleiben im Boden wie es überhaupt außer Einsammeln des Mülls (vorwiegend Spraydosen und Flaschen) im Wäldchen keine Eingriffe mehr geben soll.

Markierung heißt nicht Fällung!

Um Befürchtungen vorzubeugen: die gelbgrüne Markierung vieler Bäume heißt nicht etwa Fällung, sondern soll im Gegenteil den Bauleuten bedeuten, sie unbedingt zu erhalten. Andere Markierungen dienten als Messpunkte oder sind einfach Vandalismus, besonders großflächig und relative Hirnlosigkeit weithin signalisierend an einem seltenen, treffenderweise auf einem Hügel stehenden Bergahorn. Es wäre dennoch wünschenswert, möglichst die Markierungen von den Baumstämmen zu entfernen.

beschmierter Bergahorn

beschmierter Bergahorn

Beteiligung nicht ernst genommen

Ohne Erfolg kritisiert worden war auch die Tatsache, dass die relativ kleine Fläche von insgesamt vier oder gar fünf parallelen Wegen durchquert werden soll: neben der Radstraße und der auf sie führenden verlängerten Monster-Auffahrt von der Yorckstraße (mehr dazu unten) der über eine noch zu restaurierende Yorckbrücke vom Ostpark kommende, für barrierefreien Fußverkehr 3,90 Meter breit asphaltierte sogenannte mittlere Weg entlang der Waldkante sowie unweit westlich davon ein gemulchter Jogging-Pfad durch den Wald (übrigens der einzige aufgenommene BürgerInnenvorschlag zum Wegekonzept). [Vgl. auch das offizielle Protokoll der 2. Planungswerkstatt am 24. Juni 2010]

Bloß der ebenfalls knapp vier Meter breit asphaltiert geplante östliche Weg entlang dem Museumsgleis muss (vorerst) wegen Geldmangel entfallen, weshalb die fünf erhaltenswerten Bäume, die ihm hätten weichen müssen, stehen bleiben können [bzw. stehen sie überhaupt noch?]. Ebenso ist der Treppenzugang samt „Stadtbalkon“ an der Kreuzbergstraße zunächst zurückgestellt. − Ob die „Promenade“ entlang der dröhnenden Yorckstraße tatsächlich dem vorhandenen Trampelpfad folgend mäandert, um Bäumen und Buschwerk auszuweichen, muss sich noch zeigen.

Die Breite des mittleren Wegs ist tatsächlich an zwei Stellen verjüngt worden, um bspw. eine Straucheiche zu schonen, was ein jüngerer Mann als unsinnig kritisierte. Amtsvertreter rügten die Gegenkritik an einer derart naturfeindlichen Sicht als intolerant in Rücksicht auf die Breite des Meinungsspektrums. Und dort, wo er gemäß Planung durch schon dichteren Vorwald hätte geschlagen werden müssen, wurde er leicht nach Osten hin verschoben. Auch Neophyten wie ein Indigostrauch wurden belassen, und die Vogelwelt dankt es.

Verjüngung

Fernradwegtrassen-Verjüngung wg. Straucheiche

Barbara Markstein verdeutlichte am westlichen Rand zu den mit einem Zaun gesicherten S-Bahngleisen hin, wie wichtig die Beseitigung von Aufwuchs etwa alle drei Jahre, ja sogar Bodenbewegungen für die Entwicklung von Trockenrasenbiotopen sind, die dann tiefwurzelndes Silbergras, wie es sich auf Dünen findet, Ampfer und selten gewordene Kräuter ansiedeln und wo Solitärbienen oder die berühmte blauflügelige Ödlandschrecke ein Habitat finden. Gerade auch zu dieser noch frühen Jahreszeit ist der Anblick solcher Areale freilich noch unspektakulär.

DB-Sicherheitszaun

Aufstellung & Wartung des DB-Sicherheitszauns erhält nebenbei Trockenrasenbereiche

Trockenrasen-Biotop

Trockenrasen-Biotop mit Silbergras und Ampfer

Symbol des Scheiterns

Quasi als Symbol für gründlich misslungene BürgerInnenbeteiligung aber darf die schon erwähnte überdimensionale Rampenauffahrt an der Yorckstraße gelten, die nun doch und entgegen der vielfach geäußerten Kritik der BürgerInnen die gegenüberliegende, inzwischen mit entschleunigenden hässlichen Quergeländern verkehrsicherer gemachte, linealgerade Rampe des Ostparks „spiegelt“. Genau dies sollte nicht geschehen. In der letzten „Informationsveranstaltung“ am 9. Februar 2012 war zugesichert worden, nachdem die Raum und Vegetation sparende gewendelte Rampe wegen Unzumutbarkeit für Rollstuhl- wie Radfahrende verworfen worden war, eine geschwungene, jedenfalls modifizierte Führung zu prüfen. Regina Krokowski behauptete, von dieser Veranstaltung nebst erwähnter Zusicherung nichts zu wissen (ein offizielles Protokoll liegt auch nicht vor) und teilte nur mit, dass und nicht warum alternative Optionen verworfen wurden.

Radwegzubringer-Rampe

Radwegzubringer-Rampe

Nun also frisst sich ein monströses Bauwerk in die Landschaft, und all die prächtigen Fliederbüsche sind verschwunden. Aber die werden ja neben einer Wieseneinsaat auf den Böschungen nachgepflanzt oder eben auch anspruchslose Birken, die laut Ausführungen von Loidl-Mitarbeiter Andreas Lipp sogar in den Weg hineinwachsen sollen, um entschleunigend zu wirken. − Im Allgemeinen wird allerdings aus Verkehrsicherungsgründen und nicht zuletzt an Radwegen rigoros das Lichtraumprofil hergestellt und alles Hineinragende nachhaltig gekappt. So unterschiedlich wird Verkehrssicherheit ausgelegt.

Vertane Chance

Die abgezirkelte Rampenschlucht ist jedenfalls ein Grauen, wieder „eine vertane Chance und schweres Versäumnis“, wie Quartiersrat Matthias Bauer nachdrücklich betonte. Selbst Senatsvertreterin Ursula Renker hatte sich zumal nach den Erfahrungen mit der Ostpark-Rampe für eine Modifizierung ausgesprochen.

Und ob die Bepflanzung der Böschung im Hinblick auf die Wässerung funktioniert, bleibt abzuwarten. Der Rollrasen vis-à-vis tut es nicht. Auf die Schwierigkeiten der Bahn hingewiesen, nahe Südkreuz als A&E-Maßnahme eine Böschungsbaumbepflanzung zu etablieren (zwei Versuche sind schon gescheitert), konterte Frau Krokowski mit der selbstbewussten Versicherung, dass Grün Berlin nur erstklassige Pflanzware verwende und immer allergrößten Wert auf die Qualität des Pflanzsubstrats und der Pflege lege. Die sei in den ersten Jahren natürlich aufwändig  und deshalb eine Summe zurückgestellt.

yorckrampe_02

Und sicher wird man auf die Erfahrungen entlang der Böschung an der Bautzener Straße zurückgreifen können, wo für den straßenbreiten Fernradwegzubringer ja auch erst tüchtig gerodet wurde, um dann neu nachzupflanzen.

Wie es angesichts des Grünflächen-Etats weitergeht, wenn erst der Bezirk als Eigentümer zuständig ist, wird man sehen. Dass hinsichtlich Grünpflege vieles verbesserungswürdig sei, räumten Amtsvertreter bereitwillig ein und verwiesen auf entsprechende Verhandlungen mit dem Senat, doch der plant bekanntlich größeres.

Die Landschaftsplaner, so bemerkte ein langjährig Engagierter, wollen endlich als Architekten anerkannt sein und dafür müssen sie gestalten. Allein man sollte versuchen, den gleichen Fehler nicht zweimal zu machen; dafür ist die Auswahl zu groß, sagt Bertrand Russell.

bewohnt

bewohnt

Wenn der nächste Winter nicht zu hart und lang wird, ist die Eröffnung des Flaschenhalsparks im Frühsommer 2014 geplant. − Die Eröffnung des Gleisdreieck-Westparks findet übrigens am 31. Mai statt.

4 Kommentare

  1. Tabul A. Raza said,

    22. April, 2013 um 12:46

    Ansonsten ging es … ums Wiederöffnen der ökologisch wertvollen Ruderalfluren, Rand- und Offenlandbereiche mit ihren seltenen Trockenrasen-Biotopen und hoch spezialisiertem floristischem und faunistischem Artenbesatz. Im Wäldchen aber sollen sich allmählich Ahorn, Ulmen und Eichen durchsetzen und durch zunehmende Verschattung die Licht liebenden Robinien zurückdrängen.

    Ein solch urteilssicheres Befinden über wertes und unwertes Leben ist sicher nur auf der Grundlage jahrzehnte- oder sogar jahrhundertelanger Erfahrung und Traditionen möglich. Im übrigen kann ich nur hoffen, daß die notorisch klamme öffentliche Hand solvent genug sein wird, die berühmte blauflügelige Ödlandschrecke auch tatsächlich im einschlägigen Biotophandel zu erwerben.

  2. 26. April, 2013 um 23:35

    […] in Regierung und Planwirtschaft zum Opfer gefallen. Und das Volk in seinen Gattern nahm dies hin, nicht alle und nicht alles freilich und auch nicht sofort, aber die allermeisten von ihnen später dann doch. Die märchenhafte Wildnis […]

  3. G.A. said,

    5. Mai, 2013 um 20:14

    Ich habe aus 1. Quelle erfahren, daß die Fa.Loidl weite baumarme Flächen bevorzugt und stolz darauf ist, daß sie sich im Gleisdreieckpark so durchgesetzt haben. Gegen die Bürger.

  4. 9. Mai, 2013 um 12:53

    […] ersten öffentlichen Begehung des neuen Park-Teilstücks. ( ein detaillierter Bericht hier beim Landwehrkanal Blog ) Sie ließ auch durchblicken, dass die vom “Lokdepot”-Bauherrn UTB angelegte Rampe zur […]


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