Alljährliches Holzen am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal

Gutachterliche Stellungnahme deprimierend

Verstöße gegen ökologische Zielstellungen des Unterhaltungsplans

Dass wir uns am Vorabend der Unterzeichnung der Abschlussvereinbarung des Mediationsverfahrens „Zukunft Landwehrkanal“ befinden, ficht die Verwaltung auch auf der oberen Ebene nicht übermäßig an − da müssen wir uns leider korrigieren.

Erst kürzlich haben wir vorm Hintergrund der Auseinandersetzung um den unangekündigt und unabgestimmt auf Veranlassung des Bezirks F’hain-Kreuzberg gefällten Baum am Tempelhofer Ufer im BVV-Umweltausschuss das WSA für seine oft wiederholte Zusicherung „bestmöglichen Baumschutzes“ als vorbildlich gelobt −, da erfahren wir, dass der WSA-Außenbezirk Spandau seine offenbar alljährlichen [siehe hier und hier] vorschriftswidrigen Schnitt- und Fällmaßnahmen auch heuer hat ablaufen lassen, so als handele es sich um ein automatisiertes Programm, das sich auch vom neuen, gemeinsam mit Naturschutzverbands- und BürgervertreterInnen abgestimmten Unterhaltungsplan BSK „Berücksichtigung ökologischer Belange bei der Unterhaltung“ der BfG, den das WSA Berlin im April 2012 implementiert hat, nicht stoppen lässt.

Freigeräumt

Freigeräumter Strauchbestand

Ob dessen Vorgaben bei den Baumarbeiten in diesem Winter eingehalten werde, hatten BI/Verein BaL den Vertrauensbaumsachverständigen des Mediationsforums, Dr. Barsig, zu überprüfen beauftragt, und seine Stellungnahme vom 11.03.13 bringt wieder eins jener Déjà-vu-Erlebnisse, an die wir uns in Sachen Verwaltungshandeln augenscheinlich gewöhnen sollen.

Missachtung des Vermeidungsgebots

Vom Zurückdrängen der Naturverjüngung nichteinheimischer Gehölze (Neophyten) von Robinie über Götterbaum bis (seltsamerweise) Walnuss oder von fremdländischen Stauden wie Drüsigem Springkraut oder Goldrute ist im BSK-U-Plan die Rede, auch vom „Initiieren von Totholz“ (etwa Ringelung älterer Robinien), also gezieltem Schaffen abgestorbener sog. Biotopbäume aus älteren Neophyten als Habitat für Höhlenbrüter etc. −, aber was nun wieder an Schwarzem Graben, Schleuse Plötzensee und Nordufer zu beobachten ist, konterkariert nicht nur die Intentionen des neuen U-Plans, sondern verstößt auch wieder gegen die schon etwas länger geltenden Regelwerke: den „Leitfaden Baumkontrolle an Bundeswasserstraßen“ von 2009 und das „Leitbild der Gehölzunterhaltung“, insbesondere auch gegen den aus dem Vermeidungsgebot des Bundesnaturschutzgesetzes hergeleiteten Grundsatz „So viel wie nötig und so wenig wie möglich“.

Biberkost

Biberkost

Aufastung auch von Zukunftsbäumen

Gegen die Rodung von Pappel- und Robinienschösslingen sowie anderem Neophytenaufwuchs ist nichts einzuwenden, doch Aufastung und Kappung erwünschter Baumarten wie Erle, Linde, Esche, flächige Sträucherrodung, Rückschnitt jeglicher über die Wasserstraße hängenden Vegetation, Malträtierung von Baum und Strauch in verkehrlich weder land- noch wasserseitig frequentierten bzw. ausreichend breiten Bereichen, ja sogar einer ausdrücklich als Sichtschutz und Vogellebensstätte erwähnten alten Weißdornhecke führen den Gutachter zu der Einschätzung, dass ein wesentlicher Teil der Maßnahmen der Zielkonzeption des U-Plans zuwiderläuft:

Erlenaufastung

Erlenaufastung

„Die Rückschnitte an lebenden Erlen, Linden, Eschen und Weißdorn-Gehölzen sowie die Kappung von Stämmlingen direkt neben dem Stammfuß erhaltenswerter Bäume mit hoher Infektionsgefahr widersprechen […] eklatant den fachlichen Zielvorgaben des U-Plans.“

Von den vereinbarten Nachpflanzungen, und sei es nur das Einbringen von Weidenstecklingen, ist demgegenüber noch nichts zu sehen.

Vielmehr wurden ganze Uferpartien freigeräumt und Freiflächen zum Angeln erweitert. Das z. B. nahe der Schleuse Plötzensee sowie entlang beider Ufer stellenweise aufgehäufte Schnittgut ist wahrscheinlich als Förderung von Biberfraßstellen gedacht, wie es auch der U-Plan vorsieht, und prinzipiell begrüßenswert, doch darf die Beschaffung solchen Futterangebots nicht auf Kosten anderer Schutzziele gehen wie Landschaftsbild, durchgängiger Uferbewuchs als Biotopverbund oder die Beschattung der Wasserfläche als Deckung von Jungfischen und zur Minderung der Wassertemperatur/Erhöhung des Sauerstoffgehalts!

Fragwürdige Praxis

Das WSA wird sich also wieder einigen unliebsamen Fragen stellen müssen, auch und gerade mit Blick auf den LWK und die Mediation. Auf der Verfahrensebene geht es um die Belastbarkeit gemeinsamer Vereinbarungen, quasi in Korrespondenz zur Dauerhaftigkeit der Instandsetzungsvarianten.

Fachlich-inhaltlich jedoch können wir, wie geschrieben, nur die gleichen oder eher noch fragwürdigere Unterhaltungsmaßnahmen konstatieren, indem zumindest in Kreuzberg vielerorts derart brachial ausgelichtet wird, als gelte es, verbundene Ufervegetationsstrukturen zwanghaft zu vermeiden, doch hier ist es bekanntlich der Bezirk, der sich um ökologische Vorgaben und Zielstellungen wenig kümmert. Diese aber können nur erreicht werden, wenn sich alle für den landseitigen Bereich unserer Wasserstraßen Zuständigen und an der Mediation Beteiligten an die mit einigem Aufwand ausgehandelten Vereinbarungen auch im Hinblick aufs Fachlich-Inhaltliche gebunden fühlen.

Uferlinden-Kappung

Unabgestimmte Linden-Kappung am Carl-Herz-Ufer in Kreuzberg, Februar ’13

Behutsamer Rückschnitt am Schlesischen Busch

Schles. Busch vorher

vorher (click!)

Als Positivbeispiel sei erneut auf die Rückschnittmaßnahmen am Schlesischen Busch verwiesen, die in Abstimmung zwischen den Zuständigen des Bezirks Treptow-Köpenick und dem Baumsachverständigen des Mediationsforums sowohl im Hinblick auf Verfahren wie fachliche Ausführung Maßstäbe setzten. Die 1993 gepflanzte Eichenreihe links sollte durch Rückschnitt des Kronenüberhangs des Uferbaumbestands bessere Entwicklungschancen erhalten.

Nach Erläuterung der ökologischen Funktion vor allem des wasserseitigen Überhangs der Uferbäume erfolgte nur ein Teil-Rückschnitt unter fachgerechtem Schneiden auf Zugast und ohne Beeinträchtigung der Stammachsen.

Vorbildlicher Rückschnitt

Vorbildlich behutsamer Rückschnitt am Schlesischen Busch

1 Kommentar

  1. Beobachter said,

    12. März, 2013 um 19:51

    Mein Gott,

    man sollte im Wasserschifffahrtsamt Berlin und im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg schnellstens die führenden für Fäll- und Schnittmaßnahmen verantwortlichen Personen entlassen. Oder man versetzt sie in eine Steppe, wo sie nichts kaputt machen können, weil dort nichts wächst.

    Das ist alles Zerstörung von öffentlichem Eigentum, das klimaschutzmäßig sehr wertvoll ist.


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