BürgerInnen erzwingen Befassung mit ihren Bedürfnissen

Kampf um Yorckdreieck und Bautzener Brache

Erste EinwohnerInnenversammlung von Tempelhof-Schöneberg

[Update 17.2.: HELLWEGs Ingenieure haben offenbar durchgemacht und konnten Anwohnervertretern schon am Donnerstag vergangener Woche eine überarbeitete Baumarkt-Planung vorlegen, die in zwei Punkten den Vorschlägen der BürgerInnen entgegenkommt:

  • Der Baumarkt wird um 7,5 m verkürzt, d. h. um eine Stützenachse. Damit entsteht zwischen Baumarkt und Grundstücksgrenze an der Yorckstraße ein Abstand von ca. 12,5 m. Diese Fläche wird gärtnerisch gestaltet werden, die Gestaltung selber ist noch nicht festgelegt.
  • Die Kante zwischen zwischen Parkplatz und Bürgersteig der Yorckstraße wird nicht als 1,5 m hohe Stützwand, sondern als Böschung gestaltet.

Dieser Kompromissvorschlag ist auch nach unserer Meinung durchaus zu begrüßen, aber gleichwohl noch kein ausreichender Schritt in die richtige Richtung. Die überwiegende Mehrheit der AnwohnerInnen, der BUND wie auch die BaL halten den Verzicht auf eine Bebauung des von HELLWEG-Inhaber Reinhold Semer „als Privatmann“ erworbenen Teils der benachbarten Bautzener Brache, auf der bekanntlich (noch) gar kein Baurecht existiert, nach wie vor für unabdingbar!

Nur wenn diese Fläche als Ausgleichsgrün und integraler Bestandteil von Flaschenhalspark und Nord-Süd-Grünzug erhalten bleibt und zugleich als ökologische Kompensationsmaßnahme dient, besteht begründete Aussicht, dass sich die Bestandsbevölkerung mit der ungeachtet der genannten Kompromisse weiter verschlimmernden ökologischen Situation im Umfeld von Yorckdreieck und -straße abfinden kann und den innerstädtischen Baumarkt akzeptieren wird.]

Die von vielen AnwohnerInnen als höchst unzureichend beurteilte Beteiligung am Vorhabenbezogenen Bebauungsplan zu „Hellweg im Yorckdreieck“, namentlich das Abweisen wohlbegründeter Verbesserungsvorschläge, hatte zu erheblichem Unmut geführt und, wie berichtet, zwei Schöneberger BürgerInnen veranlasst, in der BVV am 16.1. das noch von der rot-roten Koalition geschaffene Recht, nach § 42  Bezirksverwaltungsgesetz die Einberufung einer Einwohnerversammlung zu beantragen, Gebrauch zu machen [siehe auch hier und aktuell hier]. Vor allem, weil es sich dabei im Unterschied zu den sattsam bekannten, völlig unverbindlichen Bürgerinformationsveranstaltungen um eine Versammlung zur „Erörterung von wichtigen Bezirksangelegenheiten“ zusammen mit den BürgerInnen handelt.

1. Einwohnerversammlung Yorck3eck

1. Einwohnerversammlung zum Bebauungsplan HELLWEG im Yorckdreieck, 12.02.13

Als sollten darüber gar nicht erst falsche Vorstellungen aufkommen, wurde gleich in der Anmoderation betont, dass diese Versammlung keinerlei bindende Beschlüsse fassen könne. Die Frage, wie denn ihre Ergebnisse in die Beschlussfassung der BVV einflössen und wie sie zu diesem Zweck fixiert und ausgewertet würden, blieb einigermaßen unbeantwortet. − Wir dürfen nicht vergessen, dass die BVV Friedrichshain-Kreuzberg nach der Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses am 20. den B-Plan VI-140fa am 27.2. beschließen soll.

Nicht zuletzt wegen der chronischen Personalknappheit organisierten die BVV-Büros der benachbarten Bezirke die Zusammenkunft gemeinsam, jedoch überraschend zügig, so dass die Uraufführung schon vergangenen Dienstag (12.2.) in der Mensa der Havellandgrundschule stattfinden konnte. Und wie es sich für eine Première ziemt, war die Räumlichkeit bis auf den letzten noch eilig herangeschafften Stuhl besetzt und etliche mussten stehen. Die Haustechnik machte dankenswerterweise Überstunden, und die Akustik ließ nicht zu wünschen übrig. − Da es sich um eine gewissermaßen „historische“ Veranstaltung handelt, sei sie im Folgenden ausführlicher geschildert.

Neben vielen interessierten AnwohnerInnen waren auch Verordnete und VerwaltungsmitarbeiterInnen beider Bezirke zahlreich erschienen. Auf dem Podium saßen die Tempelschöner Baustadträtin, Dr. Sibyll Klotz, und Xhains Bürgermeister, Dr. Franz Schulz, im Auditorium weitere StadträtInnen, die Leiter der jeweiligen Stadtplanungsämter sowie die Vorsitzenden der Stadtentwicklungsausschüsse. Die Moderation teilten sich die BzV-Vorsteherinnen Petra Dittmeyer (Tempelhof-Schöneberg) und Kristine Jaath (F’hain-Kreuzberg).

StR Klotz, BM Schulz

Baustadträtin Sibyll Klotz (T-S), Bürgermeister Franz Schulz (F-K)

HELLWEG-Inhaber und Vorhabenträger Reinhold Semer hatte u.a. seinen schwer enttäuschten Expansionsleiter Franz Dressel dabei, und auch die vier GutachterInnen waren gekommen.

Planerin H. Seidemann

Heidi Seidemann, Freie Planungsgruppe Berlin GmbH

Heidi Seidemann und Britta Deiwick von der Freien Planungsgruppe Berlin GmbH, die den fraglichen B-Plan bearbeitet haben, stellten noch mal die Grundzüge der „städtebaulichen Aufwertung“ dieses einst angeblich flächendeckend von illegalen Autoschraubern und Schrotthändlern okkupierten und kontaminierten Schandflecks dar.

Wir gehen jetzt nicht noch mal auf die an verschiedenen Stellen hinlänglich dokumentierten Details ein, möchten hier allerdings die Klarheit loben, mit der die entscheidenden Eckpunkte hervorgehoben wurden: der angestrebte Versiegelungsgrad von fast hundert Prozent der zweieinhalb Hektar großen Fläche (GRZ 0,94); der schon bestehende Grad der Verlärmung, der sich durch Gewerbe und Sport nur um schlappe fünf Prozent erhöhen soll und die Durchsetzung von Flüsterasphalt, also aktivem Lärmschutz, wegen mangelnder Effizienz rechtlich nicht zulässt − Tempo 30! und Yorckstraße sperren! forderten Zwischenrufer − ; die weitere Zunahme von Schadstoffbelastungen; die Bewertung der abgeräumten Vegetation mit zwei Gehölzstrukturen als ökologisch wertlos etc.

Dazu wurden durchweg Bilder von Gebrauchtwagen und Schrottkarren gezeigt, aber kein einziges von den abgeräumten Kleingärten, dem Sukzessionsbewuchs besonders auf dem Plateau, den gefällten Altbäumen, den idyllischen Ecken und der sinnlos zerstörten Böschungsvegetation am westlichen Bahndamm, der auf der schematischen Karte sinnigerweise grün eingezeichnet war. − Bei großen, unbestreitbaren Missständen auf einer Fläche, die andererseits aber auch unbedingt erhaltenswerte Teile aufweist, dient es weder der Akzeptanz eines Vorhabens, sie schlicht zu leugnen noch sie vor jeder Öffentlichkeitsbeteiligung präventiv platt zu machen.

Statements der Antragstellenden

Eine der Antrag stellenden BürgerInnen, Edelgard Achilles von der AG Gleisdreieck und auch im BUND Arbeitskreis Stadtnatur aktiv, zitierte eingangs ihres Statements denn auch eine Stelle aus Luis Vidauds Handbuch zur Bürgerbeteiligung in Berlin, die sich direkt auf § 42 (Einwohnerversammlung) bezieht:

„Mit der Ausübung dieses Rechts hat der Bürger die BVV, d.h. seine kommunale Volksvertretung, dazu gezwungen, sich mit seiner Sache zu befassen, was die Verordneten bekanntlicher Weise ungern tun, denn ihr Augenmerk gilt dem System, nicht dem Bürger“.

Antragstellerin E. Achilles

Antragstellerin Edelgard Achilles (AG Gleisdreieck + BUND AK Stadtnatur)

Die Bürger wollen nicht nur, sie müssen als Betroffene beteiligt und dürfen nicht mit geschönten Präsentationen desinformiert werden, betonte Frau Achilles. Die gegenwärtige Situation dieses Yorckstraßenabschnitts zeige längst eine gesundheitsgefährdende Überschreitung der Feinstaub- und Stickoxidbelastungen, und eingestandenermaßen werde dieser „Giftcocktail“ durch das Vorhaben weiter verschlimmert. Nach der EU-Richtilinie zum Umgebungslärm müsse dieser wenn nicht vermieden, so doch vermindert werden, doch hier werde er erhöht und dies von der Politik im Hinblick auf noch schlechtere Lösungen gar als klimatische Verbesserung verkauft.  − Die von der SPD favorisierte, offenbar noch viel massivere Wohnbebauung [s.u.] sei deswegen nur umso mehr abzulehnen!

Der FNP weise am westlichen Rand des Yorckdreiecks Grünfläche aus, doch durch die Planung werde nichts dergleichen umgesetzt. Sie müsse deshalb erneut auf den Prüfstand und einen deutlich höheren Grünanteil ausweisen.

Unter allen Initiativen aber sei Konsens, dass ein Ausgleich für die Baufelder rund ums Gleisdreieck auf der Fläche selbst weder quantitativ noch qualitativ in ausreichendem Maß  möglich sei. Die Ausgleichsfläche einen halben Kilometer weiter nördlich sei, da untertunnelt, ökologisch minderwertig. Deshalb sollte die Chance ergriffen werden, in unmittelbarer Nachbarschaft, nämlich auf der inzwischen ebenfalls von HELLWEG-Inhaber Semer gekauften Bautzener Brache, auf der bekanntlich in ähnlichem, wenn auch geringerem Maß eine den ökologischen Übelstand verschärfende massive Bebauung nebst Gewerbe geplant sei, die großflächige Versiegelung nicht nur des Yorckdreiecks durch den Grünzug entlang der Bautzener Straße auszugleichen, sondern auch jene, welche die zum Teil naturferne Gestaltung und großflächige Versiegelung des Gleisdreieckparks erfordert.

Antragsteller Matthias Bauer, Quartiersrat und ebenso AG-Gleisdreieck-Mitglied, verdeutlichte noch einmal, dass es ihm nicht um die Verhinderung, sondern nur um relativ geringe Modifizierungen des B-Plans gehe, die aber für die Immissionsproblematik bedeutende Vorteile brächte: die Zurücksetzung des Baukörpers nach Norden, nicht etwa um mehr Parkraum zu schaffen, sondern − thematisch zum Gartenmarkt passend − die Möglichkeit gärtnerischer Gestaltung eines großzügigen, straßenbegleitenden Streifens, sowie, wenn schon die Tieferlegung wegen des für Rigoleneinbau erforderlichen Grundwasserabstands nicht möglich sei, um die sanfte Anböschung der 1,50 Meter hohen „Stadtkante“ zur Minderung der negativen Auswirkungen einer Trogsituation.

Antragsteller M. Bauer

Antragsteller Matthias Bauer (QR Schöneberger Norden + AG Gleisdreieck)

Es ärgere ihn außerordentlich, dass diese von vielen AnwohnerInnen unterstützten Änderungsvorschläge in absurder und offensichtlich vorsätzlicher Weise missverstanden worden seien, um sie wegzuwiegen, wohl weil man es einfach eilig gehabt habe, hatten die Baumaßnahmen doch längst schon vor Feststellung der Planreife begonnen, vom Beginn echter Bürgerbeteiligung ganz zu schweigen. (BM Schulz entgegnete u.v.a., dass die Ausbildung einer Stadtkante gerade die Forderung sowohl des Bezirks Tempelhof-Schönebergs als auch des einbezogenen Baukollegiums gewesen sei.)

Da der neue Gleisdreieckpark aber von Wohnbebauung zunehmend eingeschlossen werde − im näheren Umfeld entstehen insgesamt rund 1600 Wohneinheiten − , sei ein Flachbau an dieser Stelle die stadtklimatisch verträglichere Lösung und nicht zuletzt auch wegen des für Vereine und Jugendmannschaften aus der Umgebung dringend benötigten Fußballplatzes auf dem Dach zu begrüßen, der sonst über die Kleingartenkolonie POG gekommen wäre.

Der POG-Vorstand

Im Anschluss daran stimmte ihr langjähriger Vorsitzender, Klaus Trappmann, „für 75 Familien“ sprechend, dann aber doch eine allzu vollmundige Hymne an, in der er den Baumarkt quasi organisch aus der Vielfalt des Parks an Erholungs-, Freizeit- und Spielmöglichkeiten, Gärtnern und Grün wachsen ließ. Die Eloge gipfelte dann in dem eindringlichen Pro-Baumarkt-Appell an die anwesenden BzV: „Wer Ja zur Vielfalt des Gleisdreieckparks sagt, muss auch Ja zu HELLWEG sagen…Entscheiden Sie dafür! Fahren Sie den Zug, der schon auf festem Gleis steht, endlich sicher in den Zielbahnhof!“ Die Heuschrecken von Immobilienspekulanten würden die Fläche schon umlagern.

POG-Vorsitzender K. Trappmann

Vorsitzender Kleingartenkolonie Potsdamer Güterbahnhof (POG), Klaus Trappmann

Viele Anwesende vermochte auch solche Inbrunst den Profibaumarkt an diesem Ort nicht näher zu bringen, ja Spötter mutmaßten, die KleingärtnerInnen wollten bloß direkt mit der Schubkarre den Torf auf ihre Parzelle befördern.

SPD-Populismus läuft ins Leere

Um aber endlich auf den SPD-Vorschlag einer Wohnbebauung des Yorckdreicks zu kommen: Nachdem schon in der gemeinsamen Stadtentwicklungsausschusssitzung beider BVVen am 23.1. im Rathaus Kreuzberg dem stellvertretenden Bezirksdeputierten der SPD, Volker Härtig, die Rolle zugefallen war, diesen Rückwärtssalto seiner Partei zu verkünden, die, zumindest was ihren Xhainer Kreisverband angeht, urplötzlich vom Konsens zum Baumarkt nichts mehr wissen will und stattdessen für den aus sozialen Gründen so dringlichen Wohnungsbau mit Lärm abschirmendem Gewerbe, „etwa einem Hotel“, plädierte, konnte es nicht weiter überraschen, dass überall Flyer gestreut worden waren mit der suggestiven Frage „Baumarkt oder Stadtquartier?“

Ein schwieriges Projekt

Vorhabenträger Semer, der, sichtlich gereizt, von einem sehr schwierigen Projekt sprach, sah hierin einen Bruch von Vereinbarungen, angetan, seinen Glauben in die Verlässlichkeit der deutschen Politik zu erschüttern. Er hatte ein Gutachten in Auftrag gegeben, das die rechtliche Unmöglichkeit einer Wohnbebauung dartun sollte.

Vorhabenträger R. Semer

BzV-Vorsteherinnen P. Dittmeyer (T-S) + K. Jaath (F-K), Vorhabenträger R. Semer

Und wenn auch am Extrembeispiel Zürich, wo eine Zweieinhalb-Zimmer-Neubauwohnung mal eben anderthalb Millionen Franken kostet, versuchte der Investor höchstselbst, mit der Mär vom sozialen Investor aufzuräumen, der für fallende Preise investiert. Gleichwohl seien nun achtzig Arbeitsplätze gefährdet und in die Beräumung des Baufelds bereits vier Millionen Euro geflossen. Den Vorschlag einer Verschiebung der Verkaufshalle um sechzehn Meter nach Norden will Semer jedoch statisch prüfen lassen. Im Übrigen legt er Wert auf die Unterscheidung zwischen dem Inhaber der HELLWEG-Kette und dem Privatmann, der inzwischen bekanntlich auch Mehrheitseigner des nördlichen Teils der Bautzener Brache ist.

Schräge Vorschläge

John Dahl, Vorsitzender des Xhainer Stadtentwicklungsausschusses, aber in diesem Fall für seine Partei bzw. ihren Kreisverband sprechend, beharrte auf der Möglichkeit einer Mischnutzung und kritisierte BM Schulzens angebliche Inkonsequenz, hier durch Hellweg im Yorckdreieck die Verkehrszunahme billigend in Kauf zu nehmen, aber andererseits gegen die A 100 zu klagen −, eine Analogie, mit der er sich in den Augen des Bürgermeisters endgültig disqualifizierte.

John Dahl (SPD)

Vorsitzender des Xhainer BVV-Stadtentwicklungsausschusses, John Dahl (SPD)

Semer wurde von Dahl mit Hinweis auf die Umwidmung einer Lagerhalle zum Baumarkt nebst ungenehmigter Fällung von 170 bzw. 185 Bäumen in Köpenick [siehe hier und hier] als „nicht unbeschriebenes Blatt“ tituliert und der Wert seiner Zusagen bezweifelt. [HELLWEG wurde 2008 zu 50.000 Euro, dem höchsten in dieser Tatbestandskategorie je verhängten Bußgeld verurteilt, konnte sie aber dank guter Anwälte und milder Richter in der nächsten Instanz auf ein lächerliches Maß reduzieren.]

Infam?

Franz Schulz sprang dem Investor bei und empörte sich über die infame Unterstellung: natürlich werde mit HELLWEG nicht einfach nur ein Durchführungs-, sondern ein städtebaulicher Vertrag geschlossen, in dem alle Verpflichtung fixiert und der einzuhalten sei. [Auch einem BaL-Vertreter wurde übrigens die Apostrophierung HELLWEGs als „Wiederholungstäter“, was ungenehmigte Baumfällung, unnötige Böschungsberäumung und Start der Bautätigkeit schon vor B-Planfestsetzung vom Xhainer Stadtplanungsamt als Beleidigung angekreidet, weshalb man gar nicht erst darauf einzugehen brauche.]

SPD-Kreisverbandsrivalität?

Dahls Tempelschöner Pendant, Reinhard Janke, gleichfalls SPD, sprach als Ausschussvorsitzender, also einer gewissen Überparteilichkeit verpflichtet, wünschte sich auch bei bezirklichen Infoveranstaltungen derartigen Andrang − als spräche nicht genau das gerade Bände − und versicherte glaubhaft, vom Wohnungsbauvorschlag seiner Xhainer Genossen überhaupt nichts gewusst zu haben. Im Unterschied zu ihnen findet Jancke den Dachfußballplatz auch (nach Berliner Regularien!) ohne wettkampfgerechte Abmessung völlig okay und zusammen mit der Tatsache, dass HELLWEG für die provisorische Zuwegung zum Gleisdreieckpark über die sanierte Yorckbrücke 5 sorgen will, hinreichend für ein Votum pro Baumarkt: In der Tempelschöner BVV wäre der B-Plan längst beschlossen, wenn der Bezirk nicht bloß mit zehn Prozent der Fläche im Spiel wäre.

Zwar hätte sich die Tempelschöner Baustadträtin Sibyll Klotz (Grüne) etwas städtebaulich Angemesseneres gewünscht, doch die deutliche Unterschreitung der planungsrechtlich zulässigen GFZ lasse sie die Planung mittragen. Zudem wolle sich der Investor mit jährlich 20.000 Euro an der Unterhaltung der Dachsportfläche beteiligen und ausreichende Zuwegung zum Park von Westen aus garantieren, wogegen eine Zufahrt in die Bautzener Straße ausgeschlossen werde. − Nach zwei Jahren Planung komme die SPD zu spät.

Der Fraktionsvorsitzende der Tempelschöner Grünen, Oltmann, sekundierte, dass jedes andere Bauvorhaben lärmintensiver würde als der geplante Flachbau, lobte Park-Zuwegung und Sportplatz mit Umkleidekabinen, und gerade das nicht weiter zurückgesetzte Gebäude mit Sockelkante mache es zu einem städtischen Baumarkt −, woraufhin Matthias Bauer daran erinnerte, dass Lenné die Yorckstraße seinerzeit als Schmuckallee geplant habe mit parkähnlichem Mittelstreifen und Hausvorgärten. Insofern werde ein gärtnerisch eingefasster Parkplatz gewiss nicht das städtische Ambiente zerstören.

BM Schulz pries noch einmal die Auflösung des Dilemmas Kleingärten oder Sport durch ein Kleingärten und Sport, verwies darauf, dass nicht nur die Senatsverwaltung, sondern auch das Verwaltungsgericht gegen eine „akustische Käfighaltung“, wie sie der SPD-Vorschlag bedeute, Einspruch erhöbe. Für die Aufkündigung des Konsenses zum Baumarkt habe es bei Vorlage des Zwischenberichts z. K. nicht das geringste Signal gegeben.

Vor allem geht es nach Franz Schulz jedoch um eine möglichst geringe zusätzliche Lärmbelastung für die BestandsmieterInnen und in punkto Luftaustausch wie auch beim Blick vom Gleisdreieckpark nach Süden nicht um den Vorteil eine nicht 25, sondern bloß 12 Meter hohen Barriere.

Mehrfachreflektion auch bei aufgelockerter Bebauung

Dass auch eine strukturierte, versetzte Wohnbebauung, um keine Straßenschlucht entstehen zu lassen, eine Erhöhung der Lärmbelastung bedeutet, insofern der Schall mehrfach reflektiert werde und mit sprunghaft steigenden Immissionswerten zu rechnen sei, wurde vom Gutachter sogleich fachlich bestätigt.

Was das „leidige Thema“ mangelnder Ausgleichsflächen für die Baufelder um den Park angehe, so obliege der Senatverwaltung das Flächenmanagement und nicht dem Bezirk −, eine Aussage freilich, die von SenStadtUM auf Anfrage umgehend dementiert wurde: für den Nachweis von Ausgleichsflächen seien die Bezirke zuständig und auch ein Ausgleich jenseits der jeweiligen Bezirksgrenze sei durchaus möglich. Ansonsten hieß es dort: „Herr Dr. Schulz ist nie zuständig.“

Kein Bedarf für untermaßigen Fußballplatz!

Was sich indessen auf einer vorangegangenen BVV in Tempelhof-Schöneberg schon angekündigt hatte, ließ dann doch noch Münder ungläubig offen stehen: die neue Stadträtin für Bildung, Kultur und Sport, Jutta Kaddatz (CDU), die seinerzeit darauf hingewiesen hatte, dass es gar keine aktuelle Bedarfsermittlung gebe, habe die Fußballvereine nach ihren Bedarfen befragt und sei durch die Bank negativ beschieden worden: es gebe keine Nachfrage nach dieser Sportfläche, auch nicht für den Schulsport. In einem Augenblick schien sich das Mantra von den im Schöneberger Norden so dringend benötigten Fußballfeldern in nichts aufzulösen.

Betroffene verlangen Beteiligung

Bei den AnwohnerInnen, die ans Saalmikrofon drängten, überwog die Skepsis angesichts des Baumarkts. Einer sah im ehemaligen Paketamt Luckenwalder Straße einen ungleich geeigneteren Standort; manche vermochten sich noch durchaus an die spurlos beräumte Flora und Fauna zu erinnern, an Mönchsgrasmücken und Nachtigallen und auch an Fledermäuse in den Kronen der Altbäume (das Fledermausgutachten aber datiert von 2011, als schon viele potentielle Lebensstätten vernichtet waren), und nicht wenige Betroffene empörten sich über die Aussicht einer Wohn- und Gewerbebebauung der Bautzener Brache entlang der gleichnamigen Straße. Dass dann Verkehr, Lärm, Feinstaub und Schadstoffe zuträgliche Maße weit überschreiten müssten, liege auf der Hand. So verlangte ein Anwohner endlich Klartext über die Einräumung von Baurecht auf der Bautzener Brache, wenn er schon dem Baumarkt zustimme.

Anwohner aus der Bautzener Str.

Anwohner aus der Bautzener Str., im Hg. li. R. Kühne (Grüne), re. V. Härtig (SPD)

Marlies Funk von der AIF, jahrzehntelang für die umweltverträgliche Gestaltung ihres Wohnumfelds engagiert, bedauerte mit einem Anflug ungewohnter Resignation in der Stimme und ausdrücklich an Semer gewandt, dass ihre Ideen für ein Kindermuseum auf dem Yorckdreick oder eben einen Märchenpark auf der Bautzener Brache, welche Flächen in diesem Fall natürlich in öffentlicher Hand hätten bleiben müssen, in Politik und Verwaltung auf geballtes Desinteresse und bewusstes Missverstehen gestoßen seien und verwies auf die hinter den vielen scheinbar isolierten Einzelvorhaben steckende Strategie einer großräumigen Verdichtung und Versiegelung dessen, was der FNP einst als Grünfläche ausgewiesen habe.

Ein BaL-Vertreter stellte noch einmal den Zusammenhang her zwischen der Zerstörung wertvoller Biotopverbindungen entlang der Bahnböschungen, die ihrerseits Stadtnatur zerstörende Gestaltung der „Sammelausgleichsfläche“ Gleisdreieck, einst eine der weltweit größten innerstädtischen naturbelassenen Freiräume, und der Notwendigkeit weiteren echten Ausgleichs außerhalb dieser zugerichteten Fläche zu leisten und dafür die zum Flaschenhals gehörende Bautzener Brache zu nutzen, die organischer Teil des Nord-Süd-Grünzugs ist, wenn er diesen Namen noch verdienen soll.

1. Einwohnerversammlung Xhain+T-S, 12.02.13

1. Einwohnerversammlung Tempelhof-Schöneberg zu HELLWEG im Yorckdreieck, 12.02.13

Ein nicht nur moralischer Appell

Darüber hinaus sei an dieser Stelle sowohl dem Privatmann Semer als auch dem HELLWEG-Inhaber zu bedenken gegeben, welchen erheblichen Image- und Akzeptanz-Gewinn und zum andern welche Gelegenheit zur Wiedergutmachung (die Bahn hatte die Option eines Erhalts der westlichen Yorckdreick-Böschung ausdrücklich angeboten, die Bürger- oder Verbandsbeteiligung hingegen noch nicht mal eingesetzt und ob die Entschuldigung, auf die sich Reinhold Semer wegen der illegalen Köpenicker Abholzung 2008 berief zuzüglich des Portokassen-Bußgelds wirklich ausreichen, muss bezweifelt werden) −, welche Chance und Beleg für Corporate Social Responsibilty also eine Investition der zu leistenden 190.000 Euro Ausgleichszahlung in die Entwicklung des Nord-Süd-Grünzugs im Teilbereich Bautzener Brache, vor allem aber der Verzicht auf das Wohnungsbauprojekt in Gänze mit sich brächte!

Ein Privatunternehmer macht in einem Kiez Gewinn, die Unternehmenssteuern sind hierzulande trotz öffentlicher Armut noch immer niedriger als zu Helmut Kohls Zeiten und in vielen Ländern der EU; der Unternehmer erhält für seinen nicht gerade metropolitan-repräsentativen Heimwerkerhandel ein liberalerweise privatisiertes, auf SteuerzahlerInnenkosten verkehrlich hervorragend erschlossenes Filetgrundstück am Park und − revanchiert sich deshalb ausnahmsweise mal bei der anwohnenden Bevölkerung, indem er neben dem gar nicht so nötigen Fußballfeld eine dringliche Abhilfe für die Unterversorgung an wohnungsnahem Grün leistet, anstatt sie aus nacktem Profitstreben nur noch weiter zu verschärfen. Er hat etwa die Gelegenheit, naturnahe Parkpflege zu demonstrieren und auf diese Weise neben der eigenen Produktpalette im Jahrzehnt der Biodiversität den Schutz der biologischen Vielfalt im urbanen Raum zu bewerben.

Von dieser JungferneinwohnerInnenversammlung soll ein kompletter Mitschnitt veröffentlicht werden, aber wir sind auf das Ergebnisprotokoll gespannt und wie damit umgegangen wird.

EinwohnerInnenversammlung zur Bautzener Brache!

Nun aber bedarf’s noch Schöneberger Antragstellerinnen für die Einberufung einer ergebnisoffenen Einwohnerversammlung zur Bautzener Brache, wo Baustadträtin Klotz zufolge ungeachtet des mehrfach präsenierten Collignon-Entwurfs noch keinerlei Bauleitplanung begonnen habe. − Eine neu gegründete Initiative stadtentwicklung von unten bereitet derweil ein Bürgerbegehren für Grün statt teuer Beton vor.

Bautzener Brache bleibt grün!

Bautzener Brache bleibt grün! (Fotos zum Vergrößern bitte anklicken.)

[Noch nachgetragen der Hinweis auf den dankenswerterweise zügig bereitgestellten Service des Bezirksamts Xhain; bei der Abschrift der Wortprotokolle der Redebeiträge haben sich leider einige Hörfehler eingeschlichen…]

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