Fieberhaftes Varianten-Finden

WSA kreiert Tool für partizipative Planung

Erster Lauf durch den Kriterien-Katalog

Am Vorabend unseres BMVBS-Termins noch ein etwas verspätetes Heureka!
Im Verlauf der 13. Sitzung der AG Lösungssondierung im Mediationsverfahren „Zukunft Landwehrkanal“ vor gut einer Woche (3.9.) wurden ein erstes Mal die fünf, nach Ansicht der Lösungssondierungsgruppe für längere Abschnitte in Frage kommenden sogenannten Realisierungsvarianten der Sanierung am gesamten Kriterienkatalog des Mediationsforums abgeprüft.

Es geht also! −, wenn auch bei diesem Arbeitstempo, immer fest den „Abgabetermin“ Ende Oktober im Blick, sich unwillkürlich der Terminus Schweinsgalopp aufdrängt. Die Hast in der entscheidenden Phase einer fünfjährigen Mediation birgt dabei nicht nur die Gefahr, die verschiedenen Perspektiven zu wichtigen Fragen bisweilen nicht ausreichend zu vertiefen, sondern im Gegenteil auch die Versuchung, sich im Klammern an gegenwärtig eher abführende, anderswohin gehörende Fragen gewissermaßen auszuruhen.

Zur Vereinfachung im Folgenden die Beschränkung unserer Kurzbeschreibung auf die

Drei Haupttypen von Varianten für mittlere bis längere Abschnitte

Nr. 12: Eine wasserseitige senkrechte Spundwand mit der Oberkante 40 cm unterhalb des Wasserspiegels, hinterfüllt mit Kies und versehen mit einer zum Ufer hin ansteigenden, ca. zwei Meter breiten Abdeckung aus Wasserbausteinen für den Schutz der Ziegelflachschicht, der „Achillesferse“ (Krebs und Kiefer) der gesamten Konstruktion. Die Schwergewichtswand, also der porös gewordene Unterbau der Uferbefestigung, soll bei dieser Variante mit Betoninjektionen ertüchtigt werden.

Variante12 ("Potsdamer Platz")

Variante12 („Potsdamer Platz“)

Zur Frage, ob die entstehende Fläche dicht unter der Wasseroberfläche, schutzlos Sog und Wellenschlag ausgesetzt, ökologisch etwas bringt, gibt’s unterschiedliche Meinungen. Die Denkmalpflege befürchtet jedenfalls Aufwuchs von Binsen und sonstigem, nicht vor ein Baudenkmal gehörendes Grün, quasi die Schaffung eines Uferrandstreifens durch die Hintertür. AnwohnervertreterInnen prognostizieren die Ansammlung von Müll und einen erhöhten Pflegeaufwand.

Der Leiter der WSA-AG LWK, Andreas Dohms, sieht dennoch beharrlich diese Verspundungsvariante, die z. B. schon am Potsdamer Platz zum Einsatz kam, jener von einer Bürgervertreterin und Architektin entwickelten deutlich überlegen.

Bürgervariante

Nr. 11: Hierbei handelt es sich um eine vorgestellte, ca. 50 cm über der Kanalsohle abgebrannte Spundwand mit einer stabilen Hinterfüllung aus Unterwasserbeton. Die Schwergewichtswand soll durch ein Stahlbeton-Korsett stabilisiert werden.

Verspundungsvariante 11

Verspundungsvariante 11

Ohne an dieser Stelle auf die einzelnen Bauphasen eingehen zu wollen: sie sind Dohms zu aufwändig und langwierig. Die Behauptung, die Variante 11 gefährde während ihrer Ausführung die Stabilität des Bauwerks, wurde inzwischen gutachterlich entkräftet.

Die Denkmalpflege favorisiert diese Variante, die weder Aufwuchs noch Müllansammlung begünstigt; ebenso Wassertaxi-Unternehmer Gerhard Heß, einzig anwesender Vertreter der „kleinen“ LWK-Nutzer, und nicht nur, weil Variante 11 die Fahrrinne am wenigsten einengt, sondern weil sie gerade kleinen Booten nach wie vor ermöglicht, dicht ans Ufer zu gelangen, während sie bei Variante 12 wohl auf den Wasserbausteinen stranden, wenn sie nicht schon vorher die Spundwandkante aufgeschlitzt hat.

Ökologische Vorzugsvariante

Steinschüttungsvariante 17

Steinschüttungsvariante 17

In Ufernähe stranden würden kleine Wasserfahrzeuge auch bei allen drei Steinschüttungsvarianten (die Nrn. 17 – 19), die aber wegen ihrer viel höheren Strukturiertheit ökologisch im Ranking der BfG über allen Spundwand-Variationen rangieren. [Das Clipchart-Foto unten rechts zeigt’s auf einen Blick.]

Steinschüttungsvariante 18

Steinschüttungsvariante 18

Variante Nr. 19, walzenförmig stabilisierte Wasserbausteine, die − ebenso wie ihre (Teil-) Verklammerung (Nr. 18) − ein steileres Gefälle Richtung Fahrrinne erlaubt (1:3 ggü. 1:2 bei loser Schüttung), kommt dennoch im WSV-Vorschlag zur Zielvariante (s.u.) nicht mehr vor, wohl aber die 18, die den BfG-Fachleuten zufolge in ihrer ökologischen Wertigkeit ebenso wie die Steinwalzen (19) hinter einer losen Schüttung (17) zurückstehen.

Steinschüttungsvariante 19

Steinwalzen-Variante 19

Konflikt zwischen Natur- und Umweltschutz

Variantenfinden

Varianten-Ranking

Hier zeichnet sich also wieder mal ein Konflikt zwischen Umwelt- und Naturschutz ab, indem die Variante 11 für die „Kleinen“ und in hoffentlich steigendem Maß emissionsfreien, also entweder muskelkraft- oder solar betriebenen Wasserfahrzeuge die am besten geeignete ist, wogegen sich als naturschutzfachliche Vorzugsvariante eher die lose Steinschüttung (17) empfiehlt. Sie sei auch für die großen Schiffe der Feinstaub-Flotte − Fahrband hin oder her − kein Problem, während jedoch, wie gesagt, kleine Boote nicht mehr ans Ufer herankämen und besonders bei Überholvorgängen oder Gegenverkehr von Kanalkreuzern noch ärger in die Bredouille gerieten als bisher schon, die Attraktivität der Wasserstraße für die Freizeitnutzung also weiter eingeschränkt würde.

Dissense

Unterschiedliche Auffassungen gab es außerdem hinsichtlich des Aufwands bei der vorgeschriebenen Kampfmittelsondierung/-räumung (KMR). Das WSA behauptet nicht recht überzeugend, dass es kostenmäßig aufs selbe rauskomme, wenn entlang einer Trasse fünf Meter tief oder bei Steinschüttung in die Breite, dafür aber weniger tief sondiert werden müsse. − Es kam der Vorschlag, den Komplex KMR als weiteres Kriterium in den prinzipiell offenen Katalog aufzunehmen.

Auch hinsichtlich Dauerhaftigkeit, Unterhaltungs- und Pflegeaufwand der Schüttungsvarianten, also ihrer Folgekosten, die besonders der Denkmalschutz, aber auch BürgervertreterInnen thematisierten, gab es keine Übereinstimmung.

Während die Spundwand achtzig Jahre hält, wird bei der Steinschüttung, da die Einzelsteine im Lauf der Zeit gen Fahrrinne kullern, alle zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre − darüber gab’s sogar WSV-internen Dissens − eine sogenannte Nachprofilierung fällig. Doch diese Maßnahme sei problemlos und kostengünstig auszuführen, desgleichen die Fugenpflege, auch wenn man nicht mehr unmittelbar ans Ufer käme. − Auffallenderweise pflichtete Reeder-Vertreter, Bernd Grondke, den WSV-Vertretern in allen Punkten eifrig bei. Die BürgervertreterInnen fordern indessen gutachterliche Bestätigungen. Nachtrag: Strittig blieb auch, ob bei Schüttungsvarianten die Ziegelflachschicht ordentlich zu sanieren sei, da dies unter Wasser stattfinden müsse.

Fraglich bleibt ferner, ob bei einer Fahrbahnverengung durch Schüttung auf längeren Strecken nicht doch noch ein Planfeststellungsverfahren notwendig werden könnte, was WSD-Vertreter Hans Bärthel für keine der auf größeren Abschnitten zum Einsatz kommenden Varianten ausschließen möchte: dies beurteile allein die zuständige Planfeststellungsbehörde in Magdeburg.

Enthüllung der „Geheimvariante“

Die „WSV-Geheimvariante“ findet sich inzwischen als erster WSV-Vor- und Aufschlag bzw. vorläufiger Arbeits- und Zwischenstand o.ä. in einer mit entsprechenden Makros hinterlegten Lokalisierungstabelle in Excel, womit sich die elf Hauptvarianten samt ihren diversen Hybriden auf ganzer Kanallänge metergenau verorten lassen.

In 18 Spalten und 256 Zeilen werden Daten aus den bisherigen Erhebungen zu IST-Zustand, Schadensklasse, Bautypologie, Gelände- und Baugrundbeschaffenheit sowie nicht zuletzt zu jener des Uferbaumbestands aus dem Baumkataster zusammengeführt. Die unterschiedlichen Informationen sind jeweils in den Zellen der abschnittsbezogenen Zeile aufgereiht, so dass sie bei der Variantenwahl problemlos berücksichtigt werden können. Nach Wahl einer Variante werden sogleich die geschätzten Kosten pro lfd. Meter und für den ganzen Abschnitt errechnet. − Ob hier allerdings mit realistischen und vollständigen Ausgangsgrößen kalkuliert wird, bezweifeln einige.

Varianten verorten

WSV-Excel-Tool zur Variantenwahl & Lokalisierung

Digitales Handwerkszeug

Viel akribische Arbeit steckt jedenfalls im Aufbau dieses komplexen Tabellenwerks und Arbeitsinstruments, womit im WSA sicher nur wenige betraut werden konnten, und verdient ein tüchtiges, uneingeschränktes Lob! Ohne das Beteiligungsverfahren hätte es Bemühungen in dieser Richtung wahrscheinlich nicht gegeben. Aber abgesehen davon, dass es die Gründe der Entscheidung für eine bestimmte Lösung auf einen Blick transparent und nachvollziehbar macht und sich die verschiedenen Varianten relativ schnell durchspielen lassen, ermöglicht es prinzipiell allen Beteiligten, eine eigene Zielvariante zusammen- und zur Diskussion zu stellen.

[Formal ist das Tool noch ein Prototyp in der „Beta-Phase“, ein ausbaufähiges und erweiterungsbedürftiges Grundgerüst, für mit Excel weniger Vertraute oder überhaupt eher Computerferne jedoch recht einschüchternd und mühsam zu handhaben. Eine Einweisung oder ein Manual ist hier unabdingbar. Vielleicht aber sollte das Ganze Datenbank basiert und mit einer bedienungsfreundlichen Benutzeroberfläche in HTML versehen werden, welche über Buttons die erforderten Abfragemöglichkeiten mit entsprechenden Filtern verknüpft.]

Ergänzungen, Verbesserungen

Inhaltlich wurde an der aktuellen Version dieser Tabelle zur Zielvariantenfindung neben den Kostenangaben das komplette Fehlen von Kompensationsmodellen und aktiven ökologischen Maßnahmen auf Basis wenigstens der existierenden ökologischen Studie zu Bestandserfassung und -bewertung sowie aus denkmalpflegerischer Sicht die mangelnde Einarbeitung des langwierig aktualisierten Großen gartendenkmalpflegerischen Gutachtens (GgG) bemängelt.

Auch ist die Genauigkeit der Angaben bspw. zum Kronenüberhang anhand des digitalen Baumkatasters noch optimierbar, während die Ergebnisse der im Gefolge des zugesagten Scoping-Termins erst noch zu beauftragenden weiteren naturschutzfachlichen Untersuchungen schon vorab als nicht weiter berücksichtigenswert erscheinen −, aber all das stößt auf keine systematischen Hürden und ist prinzipiell noch nachrüstbar.

Die miteinander verknüpften Tabellen auszudrucken, wie sich manche wünschen, wird hingegen wenig bringen, schon gar keine Kostenrechnung.

Bürger- als PlanerInnen?

Allerdings stellt sich die Grundsatzfrage, ob die VertreterInnen der unterschiedlichen Interessengruppen über die Fachkompetenz und − ganz banal und vor allem für ehrenamtlich Engagierte interessant − die Muße verfügen, um anhand dieses dann doch eher spartanischen Instrumentariums binnen sechs Wochen sachgerecht und verantwortungsvoll über die einzelnen Glieder und die Zielvariante insgesamt zu befinden und mal eben so was wie eine Technikfolgenabschätzung zu liefern bzw. soll sich die Bewertung anhand der Interessensammlung ja erst noch anschließen. Und eine verantwortungsvolle Entscheidung auf Basis des aktuellen Stands von Wissenschaft, Technik und Best-Practice-Beispielen dürfte von den Angehörigen der jeweiligen Interessengruppe, vor allem aber von den BürgervertreterInnen erwartet werden.

Unversehens hat sich das Vorgehen, die Methodik gedreht und wieder zurück ins eingefahrene Gleis gefunden: Erst kommt die technische Lösung, dann die Untersuchung ihrer Umweltverträglichkeit an einer bestimmten Stelle des Gesamtsystems und zum Schluss die Festlegung eventueller Kompensationsmaßnahmen. In diesem Fahrwasser aber droht der von uns oft kritisierte technokratische Reduktionismus, mithin ein Abschied von der vielbeschworenen Ganzheitlichkeit.

Allmählich wird auch klar, was das Mediationsteam meinte, als es die Vorgängerin von Andreas Dohms, Frau Dr. Ernst, die von der Komplexität des Kriterienkatalogs einigermaßen geschockt war, beruhigte: bei der Variantenprüfung würden viele Kriterien als nicht berührt gleich abgehakt werden können −, offenbar eine Menge jener, die über die unmittelbare Bauwerkssanierung hinausreichen.

Die geltende Gesetzes- und Erlasslage zu Ökologie, Umwelt- und Naturschutz spricht hier zum Glück bereits eine andere Sprache.

Update: Die Anfrage des Grünen-MdB, Hans-Christian Ströbele, ans BMVBS zur WSV-Variante der Landwehrkanalsanierung − vom Parl. Staatsekretär im Verkehrsministerium, Enak Ferlemann, gestern (11.9.) beantwortetet − zeigt allzu deutlich, dass sich der zurzeit wieder mal vorbildlich agierende Politiker bei diesem für Stadtökologie und Partizipation durchaus bedeutsamen Thema  leider von schlecht informierten, unberufenen Leuten hat briefen lassen…

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1 Kommentar

  1. G.Neumann said,

    25. Oktober, 2012 um 18:01

    Wenn mal der Berliner Fernsehturm saniert werden muß, werden auch alle Anwohner und -Innen solange im Rahmen eines Mediationsforums diskutieren, bis das Ding eingestürzt ist. Armes Deutschland, hätten unsere Altforderen auch mit „dem Volk“ über jedes Bauvorhaben diskutiert, wären Berlin und Cölln noch Fischerdörfer und … total ökologisch…
    Reales Beispiel gefällig? Die Stadt Boizenburg erhielt 1991 im Zuge der deutschen Wiedervereinigung gleich 1991 eine Umgehungsstraße, die die mittlerweile schön sanierte Altstadt vom Schwerverkehr befreite, und zu einem grünen, lebenswerten Flecken machte. Zehn Kilometer weiter westlich, in Lauenburg, wird es wegen nötigem Planfeststellungsverfahren, Bürgerbedenken in den anliegenden Gemeinden und weiteren bürokratischen Hemmnissen wohl nie eine Umgehungsstraße geben, und Politiker wie auch betroffene Bürger kämpfen vergeblich gegen den Schwerverkehr.

    Ihre Bäume werden mit den Ufermauern in den Landwehrkanal stürzen, wenn Sie weiterhin die Quadratur des Kreises schaffen wollen und den Leuten in den Behörden und Ingenieurbüros durch Einsprüche und Bedenken die Hände binden.

    Und zum Thema Mediation ein altes Sprichwort: Jedem Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann…

    G.Neumann, Lenzen/Elbe


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