Die Bäume am Maybachufer

Von guten und schlechten Beispielen

Rot markiert am Maybachufer

Rot markiert am Maybachufer

Ziemliche Aufregung hatte es vor einigen Wochen gegeben, als an insgesamt 71 „wild“ gewachsenen, noch mehr oder minder jungen Bäumen zwischen Türkenmarkt und Thielenbrücke am Neuköllner Maybachufer plötzlich rote Punkte prangten.

Nach einigem Hin und Her räumte das zuständige Grünflächenamt (NGA) schließlich seine Urheberschaft ein, doch wurde zwischenzeitlich mehrfach klargestellt, dass beileibe nicht alle markierten Bäume gefällt werden sollen, sondern es nur um Auslichtung des Dichtstands und Freistellen der am besten gewachsenen Exemplare gehen soll. Andernfalls hätte keine der jungen Pappeln und Ahorne Aussicht auf habitusgerechten Wuchs. − Aus forstmeisterlicher Sicht wird man dem bedingt zustimmen.

Noch aber sei nichts beauftragt, und der Neuköllner Bezirksamtsvertreter im Mediationsforum „Zukunft Landwehrkanal“ will die geplanten Maßnahmen in der nächsten Forumssitzung zwecks gemeinsamer Erörterung vorstellen. − Auch hier sollte unbedingt eine Begehung mit baumsachverständiger Begleitung erfolgen!

Havarie nach Starkregen

Bruchweide Maybachufer

Bruchweide Maybachufer

Am 26. Juli dann brach, ebenfalls am Maybachufer, während eines Sturzregens ein Starkast von einer großen Uferweide, verletzte eine Passantin und beschädigte zwei Pkw. Daraufhin nahmen die MitarbeiterInnen der Neuköllner Baumkolonne auch die anderen großen Weidenbäume entlang des Maybachufers noch einmal kritisch in Augenschein, führten bei sichtbarer Holzfäule mit dem sog. Resistographen Bohrwiderstandsmessungen durch und schlugen − natürlich auch unterm Eindruck des bedauerlichen Unfalls − schließlich bei noch fünf weiteren Bäumen die Fällung vor.

Vor der havarierten und noch einer weiteren Problemweide veranlassten sie vorsorglich eine Vollsperrung des Gehwegs.

Sofort vor Ort

Nach der bei Gefahr im Verzug eingespielten Routine des Forums-AK Kurzfristige Maßnahmen wurde umgehend ein Ortstermin anberaumt und unter Teilnahme des neuen Tiefbauamtsleiters von Neukölln, Wieland Voskamp, MitarbeiterInnen des Neuköllner Grünflächenamts, BürgervertreterInnen und des Baumsachverständigen, Dr. Barsig, vor knapp einer Woche durchgeführt.

Die Begehung verlief in sehr kooperativer und konstruktiver Atmosphäre mit dem Ergebnis, dass kein Baum gefällt wird, sondern auch von der Bruchweide ein vier Meter hohes „Insektenhotel“ stehen bleiben kann, bei einer weiteren ein fünf Meter Hochstubben. Die Kappungen sind bereits gestern (20.8.) erfolgt. Bei einer anderen Baumart wäre sie gleichbedeutend mit Fällung, aber Weiden (wenn auch nicht jede Art) kommen im Allgemeinen ganz gut damit zurecht und schlagen zumeist wieder kräftig aus.

Bei der nächsten potentiellen Schad-Hängeweide hatte Barsig nach einer Voruntersuchung lediglich eine vierzigprozentige Kroneneinkürzung vorgeschlagen, doch mit einem eingehenden Gutachten beauftragt, das jetzt vorliegt, hält er nach Untersuchung mit Resistograph und Schalltomograph schon dreißig Prozent Reduzierung für ausreichend, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten.

Schrägstand

Unbedenklicher Schrägstand

Eine sehr schräg Richtung Kanal geneigte Weide, die auch auf die Fällliste geraten war, bedarf laut Gutachter, da sie keine Schadsymptome aufweist, angesichts der stark ausgebildeten Wurzelanläufe gar keiner Eingriffe! − Und wie oft muss allein „Schrägstand“ als Fällgrund bei Stadtbäumen herhalten…

Für eine weitere Weide gegenüber dem Studentenbad mit pilzgeschädigtem Stammfuß und einem statisch für diesen bedenklichen, noch dazu weit übers Wasser ragenden Hebelarm legte Barsig ein Kurzgutachten vor, dass u. a. eine Einkürzung ebendieses Starkasts anrät.

Pilzgeschädigter Stammfuß

Pilzgeschädigter Stammfuß

Eine Fällung an dieser Stelle müsste die bereits vorhandene Lücke auch zum Schaden des Landschaftsbilds noch weiter aufreißen, so dass hier neben dem Erhalt des erwähnten Altbaums von allen Beteiligten ein geeigneter Standort für eine Neupflanzung gesehen wird.

(Mit Blick auf die öffentliche Kassenlage könnte sich hier bspw. mal ALDI profilieren, für dessen Erweiterungsbau am Maybachufer allein zur Herstellung der Baufreiheit etliche unbeteiligte Straßenbäume fallen mussten. Ohnehin sollte sich der Mega-Discounter nicht mit einer lumpigen 1:1-Kompensation blamieren, sondern sich, zumal aus der Perspektive des benachbarten Denkmal-Ensembles, mit reichlich Grün umgeben.)

Hebel-Weide

Hebel-Weide

Den sechsten Baum auf der Liste, der vor einiger Zeit zu Teilen in den Kanal gestürzt war, hatte offenbar schon der WSA-Abz Neukölln entsorgt. − Erwähnenswert auch, dass in den allermeisten Fällen von einem Girlanden-Beschnitt abgesehen werden kann, insofern er nicht die Sicherheit und Leichtigkeit der Schifffahrt beeinträchtigt, dafür aber, von der Ästhetik ganz abgesehen, durch Schattenwurf aufs Wasser dessen fataler Aufheizung entgegenwirkt und Jungfischen abgedunkelte Rückzugsmöglichkeiten bietet.

So nicht!

Verkrüppelte Kastanie

Verkrüppelte Kastanie

Steht nur zu hoffen, dass die vom NGA Neukölln beauftragte Firma nach den Vorgaben der ZTV-Baumpflege arbeitet und nicht so, wie wir’s just am Tag der Begehung vom Kreuzberger Hohenstauffen- (vulgo Zicken-)platz erfuhren. Dass ist so was von daneben, dass es einfach die Sprache verschlägt. Eine weitere stattliche Kastanie wurde gefällt, doch die Begründung erfuhr nicht einmal ein sich danach erkundigender Bezirksverordneter.

Kastanie vor - nachher

Kastanie am Zickenplatz, vor – nachher

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2 Kommentare

  1. Anwohner said,

    22. August, 2012 um 13:25

    Also, das verstehe ich nicht:

    Ihr glaubt nach den vielen Jahren voller schlechter Erfahrungen immernoch, was die Ämter euch sagen?!

    Wieso markieren die denn 71 Bäume am Maybachufer, wenn sie nicht die 71 Bäume fällen Wollen???

    „doch wurde zwischenzeitlich mehrfach klargestellt, dass beileibe nicht alle markierten Bäume gefällt werden sollen, sondern es nur um Auslichtung des Dichtstands und Freistellen der am besten gewachsenen Exemplare gehen soll.“

    • BaL said,

      22. August, 2012 um 14:16

      Da es sich um Baumbestand am Landwehrkanalufer handelt, also um eine „Kernzuständigkeit“ des Mediationsforums, woran ja auch „die Ämter“ beteiligt sind, und es wenigstens hier für die Baumpflege bewährte Routinen gibt, gehn wir mal davon aus, dass ein konsensuelles Vorgehen beschlossen werden kann, das im Einklang mit den Leitbildern und -fäden zur Gehölzpflege an Bundeswasserstraßen sowie dem BfG-Unterhaltungsplan LWK steht.


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