Helden der Naturzerstörung gesucht

BZ blies zum Angriff auf „wucherndes Unkraut“

„Bezirksamt Prenzlauer Berg“ droht zu verschwinden

Für vergangenen Montag (30.7.), um11 Uhr − sicher nach Meinung des Hauses Springer die Zeit, in der Erwerbslose endlich einsatzbereit sind − rief die BZ nach selbstlosen Helfern, die als „echte Helden zeigen, dass gegen sie kein Unkraut gewachsen ist“. Das „Bezirksamt Prenzlauer Berg“[!] müsse von „Bergen“ desselben befreit werden, ja es sollte gar bis ans „Bäume stutzen“ gehen.

Via Twitter bat ein empörter Naturfreund um Unterstützung von BUND, NABU und BaL beim Versuch, diese Aktion nach Möglichkeit noch zu verhindern −, bis sich herausstellte, dass unter vielen anderen just der NABU (als einziger Umweltverband) auch noch als Partner dieser fragwürdigen Berliner Helden-Kampagne auftritt, die im Subtext die Unfähigkeit der Verwaltung, ihrem gesetzlichen Auftrag zu genügen, skandalisieren soll.

Bloßer „Werbe-Gag“

Entsprechend bezeichnet der Pankower Tiefbauamtsleiter Peter Lexen die Aktion als bloßen Werbe-Gag der Postille: „Die haben gar nichts gemacht außer Fotos!“ − Diese Auskunft hat wiederum unsereins eher erleichtert. Ausgangspunkt sei gewesen, dass Lexen angesichts der sich immer weiter zuspitzenden kommunalen Finanz- und Personalknappheit auf die Beschwerden der Bevölkerung wegen Zuwucherns der denkmalgeschützten Bezirksamtsgebäude in der Fröbelstraße 17 nicht reagiert bzw. argumentiert hatte, da im unmittelbaren Umkreis der Amtshäuser keine Verkehrssicherungspflicht bestünde, sollte sogenanntes Unkraut prioritär auf öffentlichem Straßenland beseitigt werden. Nun ist der Amtsleiter gespannt, wie die Redaktion das Theater ausschlachtet.

Tatsächlich seien am Haus 7 durch MAE-Kräfte [also zum Arbeitsdienst verpflichtete AlgII-EmpfängerInnen], ohne die ja überhaupt nichts mehr laufe, zwei Rosenbeete angelegt worden, leider mit untauglichem Mutterboden, so dass die Ziergewächse nun von Wildkräutern überwuchert worden und verschwunden seien. Der Regensommer hat dies zusätzlich begünstigt.

Mehr Toleranz gegenüber „Wildnis“ in der Stadt!

Wenn jedoch andererseits als Mosaikstein bei der Umsetzung der Berliner Strategie zur biologischen Vielfalt bspw. auf Mittel- und Seitenstreifen Gräser, Wildblumen und -kräuter belassen werden sollen, scheint das noch nicht in alle bezirklichen Verwaltungen ausreichend kommuniziert worden zu sein, und dass die Message hier, wie selbstverständlich auch in der Öffentlichkeit, gehört und umgesetzt wird, ist der eigentliche Praxisteil und –test jener Strategie. Die Funktion solchen bei weit geringerem Kostenaufwand und Pflegebedarf naturbelassenen Grüns als Habitat, Nahrung und Rückzugsraum für Insekten- und Vogelwelt im Vergleich zu Zierrasenmonotonie und totem Deko-Grün muss also noch viel bewusster gemacht werden − die Artenvernichtung ist eine Facette der gegenwärtigen systemisch erzeugten multiplen Krise. Eine Unterstützung ehrenamtlichen „Unkraut“jätens seitens eines anerkannten großen Naturschutzverbands muss da reichlich kontraproduktiv wirken.

Weder Pankower Umweltamt noch NABU informiert

Das Pankower Amt für Umwelt und Natur (AUN) − seit der Ämtertrennung für Grünflächenpflege nicht mehr zuständig;  die wurde sinnigerweise dem Tief- und Landschaftsbau zugeschlagen − hat von der ganzen Aktion überhaupt nichts mitbekommen bzw. nur im Nachhinein davon aus dem internen Pressespiegel erfahren. Im Juni, so eine Mitarbeiterin, sei auf den Flächen am Haus 6 eine Mahd durchgeführt worden und dort gedeihe jetzt eine schöne artenreiche Wildblumenwiese.

Angefragte MitarbeiterInnen des NABU Berlin, der in Pankow seine Geschäftsstelle hat, wussten ebenfalls nichts von der Aktion, sind sich aber vollauf klar darüber, dass diese verquere Beihilfe zum Greenwashing Springers für einen Naturschutzverband allzu leicht nach hinten losgehen kann und bspw. die Propagierung naturnahen Gärtnerns, naturbelassener Teilflächen in öffentlichen Grünanlagen, Toleranz gegenüber „Wildnis“ im urbanen Raum und nicht zuletzt des Verzichts auf den Einsatz von (fatalerweise in jedem Baumarkt erhältlichen) Pestiziden auf privatem Gartenland konterkariert und unglaubwürdig macht.

Möglicherweise wusste also niemand beim NABU, vor welchen Karren der Verband hier gespannt worden ist, sollte sich in diesem Fall aber zügig distanzieren, zumal  „Unkraut“ ebenso wenig zu seinem Vokabular gehört wie „Schädling“ oder „Raubtier“ und ähnliche Abqualifizierungen unserer geschundenen natürlichen Mitwelt.

Keine Frage, dass konkurrenzstarke Wildpflanzen, die keine anderen neben sich dulden, zurückgedrängt werden müssen, noch dazu wenn sie eine denkmalgeschützte Fassade zum Verschwinden bringen. Zudem erhöht eine zweimalige jährliche Mahd die Artenvielfalt −, allein hier geht es um das grundfalsche, angesichts des Artensterbens völlig anachronistische Signal, wenn es da heißt, das ein von Wildblumen statt Rollrasen bewachsener Seitenstreifen „aufgeräumt“ gehöre. Und wenn mitten in der Vegetationszeit Dilettanten zum „Bäume stutzen“ ermuntert werden, hört’s vollends auf.

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4 Kommentare

  1. Doro said,

    1. August, 2012 um 12:58

    Super Beitrag! Dem NABU sollte man endlich die Gemeinnützigkeit entziehen. Jeder sollte seine Mitgliedschaft dort künidgen – für mich sind die korrupt!!!!

  2. Bernd M. said,

    1. August, 2012 um 16:09

    Der NABU verwaltet sich doch nur selbst, ich war sehr lange NABU-Mitglied, doch da war noch der soziale Naturschützer Matthias Geschäftsführer. Den Vorstand, die neue Geschäftsführerin und dann erst der Artenschutzbeauftragte Scharon, alle viel zu lasch. Vom BUND halte ich auch nichts mehr. Solche Leute wie ihr müssten groß werden, ich bin sicher, ihr würdet was bewegen – ähnlich wie die Piraten: das ganze eingepennte Pack aufwecken….

    Macht einfach so weiter, ihr seid klasse.

    • BaL said,

      1. August, 2012 um 21:41

      Liebe Doro, lieber Bernd,

      danke für die großkalibrigen Blumen!

      Wie gesagt, wusste beim NABU niemand von dieser Aktion, und Missbrauch durch gewisse „Presseorgane“ haben wir schon am eigenen Leib zu spüren bekommen. Mit solchen eine Medienpartnerschaft einzugehen, ist immer heikel, aber auf der anderen Seite stehen auch die großen Umweltverbände personell und finanziell mit dem Rücken zur Wand, seit die ökonomische Krise die ökologische immer mehr in den Hintergrund drängt, mögen auch beide eng verknüpft sein und sich wechselseitig zuspitzen.

      Gleichwohl ist Umweltpolitik zum „Verliererthema“ geworden und hat in der Politik, egal in welcher Partei und auf welcher Ebene, kaum mehr eine wirksame Lobby. Und deshalb ist die Versuchung groß, zur Verbreitung der Botschaft vom sterbenden Planeten auch mit den bekannten Großlautsprechern zu paktieren, nur um möglichst viele zu erreichen.

      Wie der von privaten Partikularinteressen gehijackte und ausgehungerte Staat ohne zivilgesellschaftliches, ehrenamtliches Engagement seine öffentlichen Aufgaben gerade im Sozial- und Umweltbereich überhaupt nicht mehr hinreichend erfüllen kann, so können auch die von permanentem Mitgliederschwund geplagten Großorganisationen all die Probleme vor Ort ohne die vielen Initiativen und kleinen Vereine weder rechtzeitig erkennen, geschweige denn lösen, und umgekehrt kommen diese mit ihrem Protest und ihren Anliegen eindeutig weiter, wenn sie den Rückhalt der „Anerkannten“ erfahren.

      Die allseitig prekäre Lage zu personalisieren und an der angeblichen „Laschheit“ [oder, im ökonomischen Kontext, an der „unmoralischen Gier“] Einzelner festzumachen, hilft da nicht weiter.

  3. P.T. said,

    18. August, 2012 um 13:32

    EIN TRAUERSPIEL!

    Nach meiner Erfahrung taugen weder der NABU noch der BUND besonders viel, wenn man ganz konkret Hilfe braucht, um Natur zu retten.

    Diese verschnarchten Verbandsleute sind genauso wie die Parteipolitiker: Wenn die Medien da sind, kommen sie. Ansonsten ist leider eher tote Hose.

    Ich sehe garnicht ein, bei denen einzutreten und die zu finanzieren bzw. noch unbezahlt – unter deren Label – deren Arbeit zu machen für die sie von den Mitgliedbeiträgen gut bezahlt werden!

    Außerdem: Wer mal erlebt hat wie z.T. Führungsleute von NABU oder BUND mit Politikern und Administration auf Du und DU sind, der glaubt nicht mehr an die Unabhängigkeit solcher Verbände. Da wird hinter den Kulissen mächtig gedealt. Und im Zweifel schieben BUND und NABU – Referenten dann erfahrungsgemäß auch noch gern den unbezahlten, unabhängigen, engagierten (!) Bürgerinitiativen die Schuld für gescheiterte Naturrettung zu.

    Zudem ist bekannt, dass sich z.B. der BUND bisweilen Geld zahlen lässt und im Gegenzug auf Klagen gegen Naturschutzzerstörung verzichtet. (Politische TV-Magazine berichten ab und zu darüber).


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