Aus Anlass des Enttäuschungsgipfels

Erinnerung an die Berliner Strategie zur natürlichen Vielfalt

Nachklapp zur stadtökologischen WSA-Tour

Auch wenn es schon aus unserm vorigen Bericht (und manch anderen) hervorgeht, möchten wir gerne noch mal eigens darauf hinweisen, wie kontraproduktiv und höchst misslich es doch ist, dass die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt aus Angst vor Auswirkungen auf die Finanzplanung sich in Sachen Qualifizierung der Ufergrünzüge am Mediationsverfahren „Zukunft Landwehrkanal“ partout nicht (mehr) beteiligen mag.

In der im Mai beschlossenen Berliner Strategie zur biologischen Vielfalt heißt es in der Begründung zum Ziel Numero 7: „Auch wenn viele Gewässer städtisch geprägt sind, soll der Spielraum für die Entwicklung naturnaher Gewässer- und Uferabschnitte verstärkt genutzt werden.“

Messerschnitt

Dafür hat das Bezirksamt immer Ressourcen: Kahlrasur am Prinzenbad

Im Schutz der 1,2 km Bauzaun zur sog. landseitigen Sicherung stark geschädigter Abschnitte der Kanalmauer kann bzw. konnte von Treptow bis Charlottenburg beobachtet werden, wie rasch eine in Ruhe gelassene Stadtnatur diesen „Spielraum“ zu nutzen und Biotope hervorzubringen vermag, die für ein breites Artenspektrum Lebensräume bieten.

Ohne Frage kann es nicht darum gehen, den gesamten Kanalverlauf mit Wildblumenwiesen zu säumen, aber solche Abschnitte nicht für teuer Steuergeld oder in ehrenamtlichem Ackern gärtnerisch anzulegen, sondern ihr selbsttätiges, sich auf den Haushaltsplan nicht auswirkendes Entstehen einfach mal zuzulassen, sollte im Geist der Berliner Biodiversitätsstrategie doch wohl bezirksübergreifend Ziel sein.

Denn wie heißt es so schön in der entsprechenden Senatspressemitteilung vom 13.3.12: „Ein sensibler Umgang mit der Natur muss zum Handlungsgrundsatz“ und das „Bewusstsein der Bevölkerung für biologische Vielfalt im Stadtraum gestärkt“ werden.

Wenn sich indessen als Kollateralnutzen fünfjähriger Uferabsperrungen artenreiche Pflanzengesellschaften und Lebensgemeinschaften entwickeln konnten, welche auch dann nicht durch menschliche Nutzung zerstört wurden, als die Bauzäune wieder verschwanden (die bilden für Erholungssuchende bekanntlich kein Hindernis!), unversehens mitten im Frühling, während der Schonzeit, per Motorsäge und Mähmaschine der sog. Spontanaufwuchs mit allem, was darin kreucht und fleucht, nachgerade abrasiert wird, als handele es sich um ein Straßenbankett, zeugt dies eher von einer Denkungsart, die Ältere noch aus der Zeit der Flurbereinigung in den 1950er/60er Jahren kennen und schlägt jedenfalls allem, was wir über Artensterben infolge Habitatvernichtung einerseits und die erstaunliche urbane Artenvielfalt andererseits wissen (sollten), voll ins Gesicht!

Der Makro- im Mikrokosmos

Dies kleine Beispiel bezirksamtlicher Naturzerstörung in einem als Liegewiese wenig attraktiven, dafür ökologisch umso wertigeren Bereich zeigt u. E., wie überfällig es ist, zur Umsetzung genannter Strategie nicht nur „die gesellschaftlichen Akteure der Stadtgesellschaft und die Bürgerinnen und Bürger zu begeistern“, sondern vor allem auch bei den für die Grünpflege Beauftragten den nötigen Willen und Sachverstand zu wecken bzw. zu fördern, eben weil, wenn „die Erhaltung und nachhaltige Nutzung biologischer Vielfalt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, den Einrichtungen auf Landes- und Bezirksebene … ein vorbildhaftes Wirken und Handeln abzuverlangen ist“. Und es zeigt außerdem, welche Chancen der Senat durch stillschweigendes Aussteigen seiner für Freiraum Zuständigen aus diesem großen Beteiligungsverfahren vergibt.

Der Weg zur Erkenntnis, dass Freiraumgestaltung nicht unbedingt vorheriges Freiräumen verlangt, dem dann mit viel Fördergeld finanzierter Landschaftsbau aus dem Betonmischer folgt, ist am Entstehungsort der Stadtökologie seltsamerweise besonders lang − hoffentlich nicht zu lang. Auf irgendwelche substantiellen Gipfelbeschlüsse brauchen wir nicht mehr warten; das wissen wir nicht erst seit der absehbaren Fehlgeburt von Rio+20, die es aber vielleicht am beschämendsten, öffentlichkeitswirksamsten und damit „nachhaltigsten“ demonstriert hat. Schon länger ist klar: Wir müssen uns ganz aufs act locally, aufs Lokale und Regionale konzentrieren, um hier und jetzt, wo wir noch am ehesten einwirken können, zivilgesellschaftlich zu praktizieren, was die einschlägigen Absichtserklärungen und Entschließungen seit Jahrzehnten predigen.

Im Übrigen gilt Schellnhubers „Ich verachte Politiker, wenn sie nichts gegen den drohenden Klimawandel tun, obwohl sie es besser wissen müssten“ gleichermaßen hinsichtlich der anderen epochalen Herausforderung: die galoppierende Vernichtung von Arten, Lebensräumen und genetischer Vielfalt zu stoppen oder wenigstens erst mal zu verlangsamen. Ob wir nach dem kompletten Fail des IUCN-Countdowns 2010 tatsächlich den mal eben um zehn Jahre gestreckten Zeithorizont bis 2020 ausschöpfen können und sollten, den die diversen Berliner Strategien nun anvisieren, ist allerdings sehr fraglich.

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1 Kommentar

  1. 26. Juni, 2012 um 21:43

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