Baumpflege fängt von unten an

Der 1. Lichtenberger Baumschutzkonferenz 2. Teil

[Hinweis: Falls tl;dr, scrollen Eilige bitte gleich zum Fuß des Beitrags und verwandeln durch Anklicken eins der Fotos die Galerie zur Slideshow.
Update: Eine weitere Auswertung der Workshops findet sich hier.
Und hier geht’s zu Teil I…]

Der dritte Vortrag am Freitag vor einer Woche (27.4.) führte mitten in die Praxis. Unterm Titel „Problemlagen und Grenzen der Baumpflege aus verschiedenen Blickwinkeln“ erläuterte der Baumsachverständige, Dr. Michael Barsig, insgesamt sechs Thesen, wovon die erste lautete

1. Baumpflege fängt von unten an

Als Beispiel für falsche Baumwahl in Hinblick auf die Wurzeleigenschaften mussten als klassische Flachwurzler die Birkenpappeln in der Kohlfurter Straße in Kreuzberg dienen, deren Presswurzelbildung gerade bei zu hoher Unterbodenverdichtung und weniger verdichteter, sauerstoffreicherer Tragschicht zu Wurzelaufdruck und damit zu Oberflächen-, in diesem Fall Gehwegschäden führen.

[Dennoch ist hier hervorzuheben, dass einerseits die Gehwegschäden von den AnwohnerInnen durchweg als unspektakulär beurteilt werden, sie nach früheren Fällungen bis auf den heutigen Tag noch immer nicht beseitigt wurden und es dort, wo kürzlich ungeachtet der Proteste vier weitere gesunde Bäume gerodet worden sind, gerade keine Behinderteneinrichtung gibt, wie amtlicherseits stereotyp behauptet, sondern vielmehr eine Grundschule. − Andererseits ist die gesamte Straße beidseitig fast ausschließlich von Pappeln bestanden, und sie alle zu fällen, würde einen erheblichen Eingriff in Stadtbild, Kleinklima, den Lebensraum der dortigen Vogel- und Insektenwelt etc. bedeuten, weshalb ein Gehölzumbau behutsam über einen längeren Zeitraum und vor allem unter echter Beteiligung der AnwohnerInnen erfolgen muss. Die aber ließ in der Vergangenheit sehr zu wünschen übrig…]

Doch nicht nur Flachwurzler können bei ungünstigen Bodenverhältnissen die Tragschicht mit Geh- und Radwegbelag schädigen. Fast alle Baumarten neigen im innerstädtischen Bereich dazu, wegen Luftmangels in tieferen Bodenschichten mit ihrem Wurzelwerk Richtung Oberfläche zu dringen, weshalb sich bei der Neuanlage einer Pflanzgrube der Einbau von Wurzelbrücken, unterirdischen Kuben, Gerüsten und Zell-Systemen in den Unterbau sehr empfiehlt. Diese Vorrichtungen gibt es auch in relativ preiswerten Materialien und Ausführungen. Kurz: Bau- und vegetationstechnische Maßnahmen können das Wurzelwachstum lenken und vor allem die Folgekosten für Baumpflege und Ersatzpflanzungen erheblich senken.

Gehölzwahl

Das einst große Artenspektrum ist zugunsten eines Standardsortiments aus dem Handel verschwunden. Die allgegenwärtigen Ahornarten aber neigen z. B. bei Wetterextremen wie Frost- oder Hitzeperioden zu Stammrissen, wovor auch ein Kalk-Anstrich nicht ausreichend schützt, d. h. diese Baumarten werden mit dem Klimawandel nur schlecht zurechtkommen. − Überhaupt gibt es keinen vernünftigen Grund, sich bei der Bepflanzung von Straßen und Alleen auf nur eine Baumart zu beschränken, sondern auch hier ist wie in der nachhaltigen Forstwirtschaft eine Abwechslung verschiedener Arten vorzuziehen.

Baumschutz bei Baumaßnahmen

Hierfür gibt es natürlich neben den Vorgaben der BaumSchVO einschlägige Regelwerke wie die „Richtlinie für die Anlage von Straßen, Teil: Landschaftspflege, Abschnitt 4: Schutz von Bäumen, Vegetationsbeständen und Tieren bei Baumaßnahmen“ (RAS-LP 4) und Normen wie die DIN 18920 (Schutz von Bäumen, Pflanzenbeständen und Vegetationsflächen bei Baumaßnahmen), deren Einhaltung bloß leider aus Personalmangel nur sehr unzureichend kontrolliert wird.

Als Negativbeispiel präsentierte Barsig Fotos bezeichnenderweise von der Baustelle des Berliner Energieforums, wo schwere Schaltkästen auf Baumscheiben deponiert wurden und Baumaschinen über die Wurzelteller fuhren, oder von der Neuanlage von Gehwegen, wobei große Teile des Wurzelwerks zweier Linden freigelegt, vielfach zerquetscht und ansonsten ungeschützt der UV-Strahlung ausgesetzt wurden. Die Folgen sind Wurzelsterben, Vitalitätsverlust, Fäule, gefährdete Stand- und Bruchsicherheit sowie langfristige Kosten eines erhöhten Pflegeaufwands.

3. Vermeiden nicht fachgerechter Schnittmaßnahmen

Wie für die behördliche Grünpflege müssen die Vorschriften der ZTV Baumpflege der FLL auch für beauftragte Fremdfirmen Standard sein. Starkastschnitte, noch dazu in Stammnähe, sind an Altbäumen, wenn irgend möglich, zu vermeiden, denn sie fördern die Infektion mit holzzersetzenden Pilzen, reduzieren die Versorgung der Wurzel mit Assimilaten, was weitere natürliche Schäden nach sich zieht, den Pflegeaufwand stetig erhöht und schließlich zur vorzeitigen Fällung führt.

Erst recht gilt das Gesagte für Kappungen, die in Berlin mehr und mehr Standard werden − man betrachte sich die Frankfurter Allee – und nichts als Fällung auf Raten sind. Sie zerstören den natürlichen Habitus des Baums, bringen nur befristete, binnen Kurzem instabile und Nachpflege erfordernde Neuaustriebe hervor, während die Kappungsstellen einfaulen, die Wurzel und schließlich der gesamte Holzkörper absterben. − Wo es keinen Konflikt mit der Verkehrssicherheit gibt, sind solche ökologisch sehr wertvollen, da immer selteneren Biotopholz-Lebensräume allerdings unbedingt erhaltenswert und einer Komplettfällung vorzuziehen, wie prinzipiell Totholz dort, wo es die Verkehrsicherheit nicht gefährdet, im Baum verbleiben sollte. (Und noch ein Hinweis nicht zuletzt an unsere Ornis: Steigeisen bei lebenden Bäumen sind grundsätzlich unzulässig.)

4. Baumschäden richtig einschätzen

Barsig zeigte Aufnahmen von einem ziemlich geschädigt aussehenden alten Ahorn, der dennoch gegen allen Augenschein völlig standsicher sei. Bäume könnten sehr gut mit Krankheiten fertig werden, Schäden kompensieren, und diese gelte es eingehend abzuschätzen als apokalyptische Szenarien zu beschreiben.

Eine Pflege mit Sicherungsmaßnahmen wie z. B. Kronenverseilung zur Stabilisierung von Stämmlingen komme viel zu selten noch zum Einsatz und sei jedenfalls jedem Kronenrückschnitt vorzuziehen.

5. Baumpflege hat Naturschutz zu berücksichtigen!

Bei allen Verkehrssicherungsmaßnahmen ist das Vermeidungsgebot des BNatSchG zu beachten [das sahen Bezirksamtsvertreter ausgerechnet im grün regierten Xhain kürzlich mal wieder expressis verbis völlig anders]. Die Beeinträchtigung des Baums bedeutet eine Beeinträchtigung des Naturhaushalts und Landschaftsbilds und damit der Lebensqualität.

Deshalb gelten die folgenden Grundsätze

  • Nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich
  • Vermeidbare Beeinträchtigungen unterlassen
  • Die Wuchsform des Baums so weit wie möglich erhalten

Und gegen den allenthalben zu beobachtenden Trend des Gehölzumbaus: Auch standortfremde Bäume sind als Ersatzlebensräume ökologisch wertvoll.

Und ganz im Sinn der Ausführungen von Frau Karges erinnerte nun auch der Baumsachverständige daran, dass die jeweilige UNB zumal bei Fällmaßnahmen und angesichts der Ämtertrennung vorab eingebunden werden müsse. Ein Entfernen von Brutbäumen z. B. der besonders geschützten Spechtarten handelt gegen das Zugriffsverbot des §44 (1) 5 BNatSchG. − Schonzeiten sind zu beachten.

6. Baumpflege muss über ausreichende Ressourcen verfügen!

Und hier sind nicht nur die finanziellen und personellen Mittel gemeint, sondern auch eine Rückläufigkeit der Kompetenzen zu beobachten, insofern in der Mehrzahl der Bezirke eine kontinuierliche Fortbildung seit Jahren nicht erfolgt. Auf der anderen Seite gibt es auf dem Arbeitsmarkt eine Anzahl gut ausgebildeter Arboristen, die jedoch nicht eingestellt werden.

Auch um die Kompetenzen auf Seiten der Privatfirmen ist es weitgehend nicht anders bestellt. Deshalb müssen, wenn schon Privatfirmen beauftragt werden, Qualitätsanforderung in die Ausschreibungstexte aufgenommen werden und vor allem die Qualifikation jener überprüft werden, die dann vor Ort tatsächlich eingesetzt werden. Billigangebote dürfen nicht länger den Zuschlag bekommen, denn schlecht Pflege verursacht, ums zu wiederholen, hohe Folgekosten, und gerade bei Bäumen kann nur langfristiges Denken nachhaltig sein.

Nach einem delikaten veganen Imbiss verteilten sich die TeilnehmerInnen auf insgesamt drei Workshops.

Im Workshop A „Kommunikation und Transparenz“

berichtete, nach seiner „Initiation“ ins Thema Baumschutz befragt, ein Bewohner aus Marzahn, wie er gewahr wurde, dass über die Jahre im dortigen Parkfriedhof immer mehr der alten Bäume gefällt wurden. Seine Nachfragen im Grünflächenamt wurden u. a. mit der Falschauskunft beantwortet, die Bäume hätten den Brandkrustenpilz. Vor Ort habe sich kein solcher Pilzbefall finden lassen, und auch Bernd Machatzi, Mitarbeiter des Landesbeauftragten für Naturschutz, sei angesichts der Situation schlicht entsetzt gewesen. Schließlich gibt es einen Friedhofsentwicklungsplan. Doch keine seiner Aktionen, so der Marzahner arg frustriert, hätte auch nur einen einzigen Baum retten können, als Baumschützer bleibe man in Marzahn-Hellersdorf ziemlich allein.

Öffentliche und private Kahlschlagsneigung

Ähnliches berichtete eine Bürgerin aus Friedrichsfelde in Bezug auf Wohnungsbaugesellschaften, in diesem Fall die HOWOGE: Erst habe diese die großen Bäume in den Höfen von Reinigungsfirmen unsachgemäß verschneiden und schließlich fällen lassen. Nach und nach seien fast alle alten Bäume verschwunden.

Der Lichtenberger Stadtrat für Stadtentwicklung, Winfried Nünthel (CDU), der sich am Workshop A beteiligte, hatte eine Erklärung: die Wohnungsbaugesellschaften unterschrieben einen Generalvertrag mit einer Hausverwaltung, der auch die Grünpflege umfasse, und die Verwaltung vergäbe, was sie nicht mit eigenen Kräften erledigen könne, an die billigsten Anbieter, ohne dass der Bezirk hier noch irgendeinen Einfluss hätte. − Keineswegs aber treffe zu, dass die Gesellschaften darauf erpicht seien, an ihre Gründstücke angrenzende Grünflächen „zugeschlagen“ zu bekommen, im Gegenteil. [Die Darstellung des Stadtrats trifft natürlich insofern nicht zu, als Starkastschnitte und erst recht Fällungen, wenn es sich um geschützte Bäume handelt, wie ausgeführt, beantragt und von der für Privatbäume zuständigen Stelle im Amt genehmigt werden müssen. Das eigentliche Problem ist, dass die MieterInnen sich die Genehmigung nicht vorlegen lassen bzw. vor einer Anzeige aus Furcht vor möglichen Repressalien zurückschrecken. − Wir können nur den von BUND-Hönig anschließend im Plenum gegebenen Rat unterstützen, sich mit anderen MieterInnen zum Schutz ihrer Bäume wie ihres Hof- und Fassadengrüns zu organisieren und gemeinsam gegen solchen, auch den Wohnwert mindernden Kahlschlag vorzugehen. (Siehe hier ein Fall aus Kreuzberg.)]

Auch Stadtrat Nünthel kritisierte die Ämtertrennung und mokierte sich über die Bezeichnung „Tiefbau- und Landschaftsplanungsamt“, wo sich der Bezirk doch nur mit Straßen-, Wegebau etc. beschäftige, also mit oberflächennahen, aber nicht mit eigentlichen Tiefbauprojekten und schon gar nicht mit Landschaftsplanung.

Aus dem mediativen Nähkästchen

BaL-VertreterInnen wurden aufgefordert, die Möglichkeiten der Kommunikation BürgerInnen − Verwaltung im Format Politische Mediation darzustellen und schilderten, welche konkreten Ergebnisse in puncto Baumschutz im Verfahren „Zukunft Landwehrkanal“ über die Jahre erreicht werden konnten, als da wäre:

  • der „Bauleiter Baumschutz“,
  • gemeinsame Bereisungen des LWK zur Einvernehmensherstellung bzgl. Baumpflege (zusammen mit Bundes-, Bezirks- und BürgervertreterInnen sowie dem Baumsachverständigen, der das Vertrauen des Forums genießt [leider werden die Bezirke reihum immer mal wieder ohne Ankündigung und Erörterung der beabsichtigten Maßnahmen tätig, jüngstes Beispiel Treptow-Köpenick])
  • das digitale Baumkataster, das hoffentlich demnächst öffentlich zugänglich sein wird
  • die digitale, öffentlich zugängliche Baumfällliste als Transparenz-Errungenschaft (hat zwar ihre Aktualitäts- und Stimmigkeitsprobleme, leidet auch an variationsarmen, arg schematischen Fällbegründungen, doch gibt sie den BürgerInnen immerhin den entscheidenden Hinweis, nämlich dass „ihr“ Baum demnächst verschwinden soll.

Die Mitteilung eines so gravierenden Eingriffs ins wohnungsnahe Lebensumfeld vorab zu kommunizieren, sollte eine Selbstverständlichkeit sein, ist in Umsetzung der Lokalen Agenda 21 aber auch direkt geboten −, doch egal: einige Bezirke stehen schon einer solchen öffentlichen Fällliste reserviert gegenüber, halten Ankündigungen per Pressemitteilung für ausreichend. (In Lichtenberg werden die zu fällenden Bäume lediglich der BVV
angezeigt.) − Die Argumente, warum die Ergebnisse der Baumkontrolle, nicht vorab bekannt gemacht werden können und sollen (Terminplanung der Bezirke oder Fällfirmen; illegitime Rechtfertigungszumutung/ Einmischung in die eigene Zuständigkeit; befürchtete Kosten eines Gutachterstreits etc.) überzeugen allesamt nicht. Eine finale, irreversible Entscheidung über einen älteren, größeren Baum darf prinzipiell nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefällt werden, der er doch letztlich gehört und die sich ganz offiziell für ihre Bäume stärker verantwortlich fühlen soll.

Mediation und Konsens

Nünthel erkundigte sich auch nach dem Fall, wenn im Mediationsverfahren, weil sie ja an einem einzigen Veto scheitern kann, keine konsensuale Lösung gefunden würde. − Wir schilderten nach einem theoretischen Teil mit eher gemischten Gefühlen praktische Beispiele, als es bspw. zur „Überstimmung“ eines einzelnen Anwohners kam, als es ums Plazet zur neuen van Loon im Urbanhafen ging, noch bevor das Forum die Detailplanung wirklich hinreichend kannte. [Solch „kreative“ Interpretation des Konsenses darf künftig nicht mehr vorkommen, und auch nicht nur deshalb, weil sie schlechterdings nicht vernünftig kommunizierbar ist!]

Auch das Lob, wonach die Bundesbehörde WSA in Sachen Transparenz und Partizipation einiges dazugelernt habe, während auf Landes- und Bezirksebene ähnliche Erfolgserlebnisse Ausnahme bleiben, ist leider immer wieder zu relativieren bzw. sahen wir die WSV schon auf besserem Kurs.

Die Beteiligung der Zivilgesellschaft durch die Senats- oder Bezirksverwaltungen hat jedoch definitiv ein qualitativ niedrigeres Niveau: hier ist eine noch größere Lernkurve zu bewältigen, siehe Gleisdreieckparkbau oder Beplanung des Tempelhofer Felds, den Nord-Süd-Grünzug oder den Mauerpark, oder − um konkrete Beispiele zu nennen − die Kiezabriegelung in der Eylauer Straße in Schöneberg durch „Wohnen am Lokdepot“ oder das brachiale Durchsetzen der sog. Bautzener Treppe schräg gegenüber gegen den Mehrheitswillen von AnwohnerInnen und voriger BVV
.

Fällungen am Orankesee kein Thema

Wo es um solche Einzelfälle geht, war es übrigens bedauerlich, dass die offenbar unzureichend angekündigte, wegen des plötzlich notwendig gewordenen Abtrennens einer Spundwand notwendig gewordene Fällung von 34 Bäume − Weiden, Birken, Schwarzerlen − am Orankesee nicht thematisiert werden konnte [siehe aber hier], weil Mitglieder der betreffenden Initiative wider Erwarten nicht gekommen waren.

Die Barrieren für eine wirkliche Teilhabe der BürgerInnen liegen aber nach Auskunft Betroffener in den Ostbezirken eher noch höher. Der Prenzlauer Berg (wechselvoller Kampf um die Traubenkirschen im Gleimviertel) ist sicher ein problematisches Gegenbeispiel und kann nicht auf ganz Pankow hochgerechnet werden.

Zum Abbau zunächst des Informations- und Kommunikationsdefizit wurde eine bessere Einbindung der Medien, analogen wie digitalen, angeregt − und vor allem sind letztgenannte seitens Verwaltung wie BürgerInnen in einem viel größeren Umfang zu nutzen und zwar sowohl Empfangen als vor allem auch zum Senden!

Für echte Beteiligung aber wurde die Konstituierung eines „Runden Tischs Baum“ vorgeschlagen mit regelmäßigen Zusammenkünften der Zuständigen aus Politik und Verwaltung, interessierten BürgerInnen, Naturschutzverbänden und externen Fachleuten auf dem aktuellen Stand von Technik, Wissenschaft und Forschung.

Workshop B „Baumschutz unterm Rotstift“

beschäftigte sich mit der Frage, was trotz knapper Kassen bei der Pflanzung, Pflege und dem Schutz von Bäumen fachlich unverzichtbar sei.

Die Anlage von Radwegen, die im Zuge des ökologischen Umbaus der Infrastruktur und nach den Stadtentwicklungsprogrammen (StEP) zu Klima und Verkehr eine große Rolle bei der Emissionsreduktion spielen, darf nicht auf Kosten von Bäumen gehen, d. h. ihnen die Wegeführung anzupassen, ist zumutbar und eine Anhebung der Wege, Einbau von Wurzelbrücken und -kuben (s.o.) verhindert Schäden am Belag [die bei schlechten Unterbodenverhältnissen, wie ausgeführt, ja nicht nur Flachwurzler wie Pappel oder Rosskastanie, sondern auch Herzwurzler wie Linde oder Platane verursachen. − Ausgerechnet und noch dazu einen Fernradweg durch sensible Stadtnatur zu führen, wie derzeit von Grün Berlin und Atelier Loidl beim Parkbau im sog. Flaschenhals buchstäblich und mit notorischer Behutsamkeit vorangetrieben, ist grundsätzlich abzulehnen!]

Damit die wachsende Dichte von Leitungs- und Medientrassen im Stadtraum ihn nicht demnächst gänzlich baumfrei werden bzw. Wurzeln gefährlich einwachsen lässt, gibt es die Möglichkeit, Trennscheiben einzubauen oder spezielle Leitungsumhüllungen zu verwenden, was natürlich in die Ausschreibungstexte aufgenommen werden muss. [Auf dem vorletzten Berliner Baumforum wurden sogar Systeme vorgestellt, wo Wurzeln in Medientrassen integriert „geführt“ werden.] Andererseits gibt es die Auffassung, wonach „die Koexistenz von erdverlegten Versorgungsanlagen und Bäumen im innerstädtischen Raum Gefahren und erhebliche Risiken birgt und Neuanpflanzungen im Nahbereich von Versorgungsanlagen sowie Neuverlegungen im Nahbereich bestehender Baumstandorte grundlegend überdacht werden muss. Auch die bestehenden Regelwerke gehören […] dem neuen Kenntnisstand angepasst.“

Die Ersatzzahlungen für Baumfällungen sollten grundsätzlich für Neupflanzungen verwendet werden.

Bei der Baumpflanzung sind die richtigen vorbereitenden Maßnahmen essentiell, sei’s was die Pflanzgrube, sei’s was die verwendete Baumschulware betrifft. Nur gebietsheimische Arten sollten gewählt werden und zur Vermeidung eines Pflanzschocks der Pflänzling durch entsprechendes Verschulen auf Stadtböden vorbereitet worden sein, d. h. die Baumschulen sind vorab einzubinden, ja am besten sollte wieder zu bezirklichen Gärtnereien/Baumschulen und Werkhöfen zurückgekehrt werden, denn was hier kurzfristig als defizitäres Wirtschaften erscheinen mag, rechnet sich auf mittlere und lange Sicht umso mehr.

Bleibt noch zu wiederholen, dass es keinen vernünftigen Grund gibt, eine ganze Straße mit nur einer Baumart zu bepflanzen, sowohl um unterm Aspekt des Artenschutzes einer möglichst großen Vielfalt von Vögeln, Kleinsäugern und Insekten Habitate und Nahrungsmöglichkeiten anzubieten als auch im Hinblick darauf, dass Mischbestände eine natürliche Barriere gegen die Ausbreitung von Parasiten und Krankheitserreger bilden, die bei einer „Monokultur“ womöglich zum Totalausfall führen.

Beim Thema Aus- und Weiterbildung muss von der jetzigen Regelung, wonach die/der angehende GartenarchitektIn das nur fakultative Fach Pflanzenkunde einfach abwählen kann, unbedingt revidiert werden und entsprechende Kenntnisse obligatorisch sein.

Die Ausschreibungen für Gehölzpflegeleistungen müssen die Bestimmungen des BNatSchG berücksichtigen!

Aus Gründen ökologischer wie ökonomischer Nachhaltigkeit sollte in viel höherem Maß die natürliche Verjüngung genutzt werden.

Unbedingt müssen die Baustellenkontrollen im Hinblick auf den Baumschutz kontrolliert und die MitarbeiterInnen des hier heranzuziehenden Ordnungsamts entsprechend instruiert und qualifiziert werden.

Workshop C „Engagement für ’meinen’ Baum“

widmete sich den Möglichkeiten und Grenzen von Bürgerbeteiligung bei der Baumpflege.

Baumpflege beginnt mit der Pflege der Baumscheibe, die nicht als Park- oder Müllplatz und Hundeklo missbraucht werden darf. Hier sollte für die Übernahme von Patenschaften geworben und der bürokratische Aufwand möglichst gering gehalten werden. Nicht nur fürs Pflanzen, sondern auch für die fachkundige Pflege besonders von Altbäumen sowie das Aufholen von Pflegerückständen sollten Spenden eingeworben werden.

Beteiligung erfordert Information und Kommunikation, was oft auch an den behördlichen Ressourcen scheitert. Sie bedarf behördlicher AnsprechpartnerInnen und gewisser Standards im beiderseitigen Umgang miteinander, damit sie nicht von vornherein nur als unqualifizierter Protest wahrgenommen wird oder gar als Blockwart-Gebaren rüberkommt.

Fällungen sollten unbedingt mit zeitlichem Vorlauf angekündigt und begründet werden, wobei allerdings auch nicht vergessen werden darf, dass sich der Zustand eines Baums selten objektiv und exakt diagnostizieren lässt. Gleichwohl braucht es eine kontinuierliche Qualifizierung sowohl in Sachen Baumpflege als auch Partizipation und Aufklärung zum Komplex der Haftungsfrage.

Bei der abschließenden, leider unter ziemlichem Zeitdruck stehenden Podiumsdiskussion von VertreterInnen aus der Lichtenberger Kommunalpolitik und Verwaltung zeigten sich alle vom Verlauf der Veranstaltung positiv überrascht und von der Fülle der Anregungen beeindruckt, sahen diese erste Lichtenberger Baumschutzkonferenz als gelungenen Auftakt, der weitere folgen müssten, warnten angesichts der bekannten Kassenlage allerdings vor allzu hochgespannten Erwartungen: Die Institution eines „Bauleiters Baumschutz“ oder eine obligatorische ökologische Baubegleitung bei größeren Bauvorhaben, auch wenn sie angesichts üblicher Baukostenvolumina nur einen verschwindenden Bruchteil ausmacht, konnte sich niemand so recht vorstellen.

Sodann sollen im öffentlichen Dienst weitere 1200 Stellen eingespart werden, davon 187 in Lichtenberg „und davon, dass dies nicht in den Bereichen Gesundheit oder Soziales geschieht, können Sie ausgehen…“

[Bilder der Galerie für Slideshow bitte anklicken.]

Auf alle Fälle wünschten sich die BesucherInnen aus anderen Bezirken daheim möglichst bald ähnliche Veranstaltungen…

Zu Teil I

Advertisements

3 Kommentare

  1. Bernd said,

    8. Mai, 2012 um 14:49

    Baumschutzkonferenzen sind schön, aber was gemacht werden müsste wissen doch eigentlich alle längst.

    Alle Parteien reden vom Klimaschutz. Alle Parteien wissen, das dafür die Stadtnatur erhalten werden muss und das ihr Bestand sogar dringend ausgeweitet werden muss. Aber alle Parteien mitsamt ihren Verwaltungen machen das Gegenteil.

    Nebenbei: Die Zustimmung des Mediationsforums „Zukunft landwehrkanal“ zum viel zu großen neuen Van Loon Schiff war ein unbegreiflicher Fehler!
    Das riesige, klotzige Schiff passt eher in den Hamburger Hafen, als in den kleinen kreuzberger Urbahnhafen.

    Dieser Ablauf hat wieder gezeigt, dass das Mediationsverfahren „Zukunft Landwehrkanal“ nur dazu dient ,,den Protest der Bürger einzubinden und dadurch zu unterdrücken.

    In der Sache wird langfristig kaum etwas erreicht. Die Ämter und Behörden sind weiterhin unberechenbar und haue ab und zu einfach Bäume und Büsche weg ohne Rücksicht auf Verluste. – Nach 5 Jahren Mediationsverfahren. Aber die BI macht unbegreiflicherweise alles mit.

  2. Anwohnerin said,

    10. Mai, 2012 um 13:01

    Da hat „die Presse“ wohl was falsch verstanden…

    „23.04.2012 / Berlin / Brandenburg
    Ufer am Landwehrkanal gerettet
    Mediationsverfahren um Sanierungsarbeiten kommt zum Abschluss“

    http://www.neues-deutschland.de/artikel/224882.ufer-am-landwehrkanal-gerettet.html

    • BaL said,

      10. Mai, 2012 um 19:49

      Der ND-Artikel fußt zum einen auf unserm Beitrag vom 29. März, zum andern auf der WSA-Presseerklärung vom selben Tag und bis auf die verquere Überschrift – es ging und geht primär um die Rettung der Bäume durch behutsame Sanierung der maroden Ufermauern – gibt er die Position der WSV wieder, die noch in diesem Jahr das Mediationsverfahren „Zukunft Landwehrkanal“ mit einer Abschlussvereinbarung beenden möchte.

      Demnächst beschäftigt sich die AG „Lösungssondierung“ mit der Einschätzung der vielen möglichen (und schnell noch wundersam vermehrten) Sanierungsvarianten anhand des Kriterienkatalogs des Forums – eine Arbeit, die wir vor exakt zwei Jahren schon getan glaubten, wäre uns da nicht jene berüchtigte Verwaltungsvorschrift VV-WSV 2107 von 2008 [!] in die Quere gekommen – und sodann um den Konsens über die aus vielen einzelnen Realisierungsvarianten komponierte Zielvariante, die als gewichtiger Teil der Haushaltsunterlage dem Bundestag zur Abstimmung vorgelegt werden muss — sonst gibt’s kein Geld.

      Dass es gemäß der neuen statischen Erkenntnisse wahrscheinlich weniger Eingriffe in Natur & Landschaft geben wird als lange befürchtet, ist uneingeschränkt zu begrüßen! Was allerdings innerhalb einer gesetzlich aufgegebenen ökologisch nachhaltigen Instandsetzung und Sanierung an ökologisch höherwertigen Strukturen geschaffen werden kann und muss, um den „guten ökologsichen Zustand“ zu erreichen, dürfte noch Gegenstand weiterer zäher Verhandlungen sein.

      Was also die Abschlussvereinbarung des Verfahrens betrifft, ist noch alles offen, ebenso wie die zivilgesellschaftliche Partizipation in der Durchführungsphase zu organisieren sein wird.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s