Experiment mit Wildwiese in Alt-Treptow

Aus behördlichem Kahlschlag das Beste machen und weiteren verhindern!

Abergläubisch dürfen Naturschützerinnen nicht sein: Am Freitag, dem 13. April, wollten Bürgerinnen, die sich für den Schutz und die Förderung urbaner Artenvielfalt in einem lebendig grünen Kiez einsetzen, in Alt-Treptow ein kleines Beispiel-Projekt für  naturnähere Anlage von Grünflächen starten.

Wildwiesen-Einsaat nahe Studentenbad

Wildwiesen-Einsaat nahe Studentenbad, Alt-Treptow

Tote Monotonie aus haushalterischen Zwängen?

Nachdem der Bezirk Treptow-Köpenick „aus Kostengründen“ und wegen angeblicher Anwohnerbeschwerden über „Ungepflegtheit“, „Unordentlichkeit“ etc. in brachialer Weise von der kleinen Grünanlage nahe Lohmühlenplatz gegenüber dem Studentenbad, die sich relativ ungestört von Kettensäge und Gartenschere hatte entwickeln können, zwei der drei Teilflächen rigoros von jedwedem Aufwuchs befreit, etliche Lebensstätten zerstört und damit bei anderen AnwohnerInnen für helle Empörung gesorgt hatte, erreichten die bündnisgrüne Bezirksverordnete, Andrea Gerbode, und ihre Fraktion in der BVV, dass der Vögel durchwimmelte Vegetationsbestand auf der letzten Fläche erhalten bleibt und auf der zweiten, bereits gerodeten statt ökologisch so gut wie wertlosen Nutzrasens nun von BürgerInnen selbst eine Wildblumenwiese angelegt wird.
[Update, 15.4.
: Andrea möchte betonen, dass es sich hierbei nicht um ein bündnisgrünes, sondern rein zivilgesellschaftliches Projekt handelt.]

Lohmühlenplatz vorher

Grünanlage am Lohmühlenplatz vorher

In diffizilen Verhandlungen musste zunächst Versicherungstechnisches geklärt und die Delegierung der Pflege an die Bürgerinnen geregelt werden − also im Wesentlichen die ein Mal pro Jahr vorgesehene (in diesem Jahr sicher noch nicht nötige) Mahd mit der Sense. (Allerdings muss das Gelände jetzt einige Zeit beständig feucht gehalten werden.) Dann kam letzten Donnerstag einigermaßen überraschend das Okay des Revierleiters. Wie berichtet, währte bspw. der Hickhack um die Erlaubnis, die Scheiben bezirklicher Straßenbäume zu begrünen, da schon etwas länger. Ja, auch wenn die BürgerInnen dem abgemagerten Staat gesetzliche Aufgaben ehrenamtlich abnehmen wollen, ist der bürokratische Aufwand erheblich.

Da jetzt hohe Zeit für Wiesen-Aussaat sei [im Mai geht’s freilich auch noch] und unter der Woche die meisten potentiellen MitstreiterInnen beruflich verhindert sind, kündigte Frau Gerbode kurzerhand nur über Facebook die Aktion gleich für dieses Wochenende an und warb um Unterstützung. Das war natürlich etwas überhastet, schon für Rekrutierung von Mithilfe, viel mehr aber noch, weil so keine Zeit zu einer wenigstens ansatzweisen Öffentlichkeitsarbeit mehr blieb. Für Verständnis und Akzeptanz zu werben, also die AnwohnerInnen, wie’s immer so schön heißt, „abzuholen und mitzunehmen“, ist indessen nicht ganz unwichtig.

Dennoch kam gestern ein halbes Dutzend Frauen zusammen, harkte die Fläche und brachte eine alternative Berliner Mischung aus, wovon all die Vögel, die im dichten Gebüsch jener letzten, nicht gerodeten Fläche [s.u.] tschilpen, hoffentlich ausreichend übrig lassen. Und nicht zu vergessen, ist jetzt erst mal eine Phase beständigen Feuchthaltens angesagt.

Wildwiesen-Einsaat nahe Studentenbad

Ehrenamtliche Wildwiesen-Einsaat

Optimierbare Öffentlichkeitsarbeit

Leider gab’s für die Vorübergehenden keinen erklärenden Hinweis, etwa ein Transparent oder wenigstens die Pressemeldung der bündnisgrünen BVV-Fraktion zum Verteilen. Blieb nur die persönliche Ansprache, doch daraufhin reagierten die Leute durchweg positiv, machten sich jedoch Sorgen, dass die Fläche als Hundeklo missbraucht werde! (Vorher hatte übrigens das Grünflächenamt auf Nachfrage erklärt, auf den gerodeten Flächen würden Lavendel, Rosen u. dgl. gepflanzt, welche Auskunft sich mit dem Kostenargument nicht recht verträgt…)

Sterilrasen

Grüne Sterilität

Das benachbarte Feld mit Nutzrasen-Monotonie, quasi das Negativbeispiel, soll noch eine lebende Weidenhecke erhalten, die Blumenwiese eine Bepflanzung mit Holunder. Um schädlichen Schattenwurf auf die Wiese zu vermeiden, bliebe dafür allerdings nur die nördliche Seite Richtung Studentenbad.

Dringend sollte jedenfalls, und sei’s auf kleinen Tafeln, erläutert werden, was hier geplant ist, und das Amt tunlichst daran gehindert werden, auch noch die restliche Fläche platt zu machen.

Unordentlicher Wildwuchs?

"Unordentlicher" Wildwuchs oder ökologisch wertvoller Lebens- und Rückzugsraum?

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3 Kommentare

  1. x said,

    15. Juni, 2012 um 20:20

    aehnliches projekt in kreuzberg: http://wildblumenwiese.net/

  2. Jane Brosnan said,

    23. Juni, 2012 um 17:04

    Und jetzt (heute 23 Juni)…sieht es herrlich aus. Da waren witzige /herzliche Menschen dabei. Man kann eine Menge lernen!


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