Erneut fragwürdige „Baumpflege“ am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal

WSA-Außenbezirk greift Unterhaltungsplan vor

[Update 14.12.11: WSV-Vertreter haben sich inzwischen schützend vor die Mitarbeiter des WSAAbz Spandau gestellt und auf die Verantwortlichkeit der BImA verwiesen, die (s.u.) auch die Aufgaben der früheren Bundesforsten versieht und die strittigen Maßnahmen veranlasst und fremdvergeben habe.]

Déjà vu

Unfachgerechte Kappungen am BSK

Fragwürdige Kappungen am BSK (Zum Vergrößern anklicken!)

Knapp zwei Jahre ist’s her, da zeigten sich AnwohnerInnen, Baumsachverständige und für Stadtnaturschutz Engagierte schockiert über rabiate Fäll- und Schnittmaßnahmen im Uferbaumbestand entlang des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals (BSK). Mit Wahrnehmung der Verkehrssicherungspflicht hatte dieser stellenweise regelrechte Kahlschlag, die Verstümmelung wertvoller Altbäume, die Rodung von Unterwuchs und Buschwerk, ja sogar von Kompensationspflanzungen im Bereich des Nordhafens nichts mehr zu tun. − Nun kommt es mitten im partizipativen Abstimmungsprozess eines ökologisch ambitionierten Unterhaltungsplans zu einer Reprise.

Der für die Unterhaltung dieser über 12 km langen Wasserstraße im Nordwesten der Stadt zuständige Außenbezirk (Abz) Spandau des WSA Berlin (bzw. die BImA, welche die Aufgaben von Bundesforsten wahrnimmt), hatte Fremdfirmen beauftragt, die, wie berichtet [siehe hier, hier und dort], weit über jedes vernünftige Maß und unter massivem Verstoß gegen Bundesnaturschutzgesetz, einschlägige Vorgaben des WSVLeitfadens Baumkontrolle an Bundeswasserstraßen sowie der ZTV Baumpflege gefällt, gekappt und gerodet.

Strahlwirkung der Mediationserfolge?

Obwohl sich das Mediationsverfahren „Zukunft LWK“, wie der Name sagt, nicht mit dem BSK befasst, war es − nach unliebsamen Erfahrungen mit dem Vorgehen des WSAAbz Neukölln am LWK und den daraufhin im Mediationsforum getroffenen Vereinbarungen über eine naturverträglichere Unterhaltung der Ufervegetation − vor allem den Bürger- und NaturschutzverbandsverteterInnen um die vielbeschworene Strahlwirkung gegangen: Die im Lauf dieses langjährigen, aufwendigen Verfahrens erzielten Fortschritte und Lernerfolge in Sachen ökologische Unterhaltung auf Seiten der Abz-Mitarbeiter sollten selbstredend nicht auf den LWK beschränkt bleiben, sondern unbedingt auch den anderen Abz und Bundeswasserstraßen in Berlin und, wenn irgend möglich, noch darüber hinaus zugute kommen.

Beteiligungsprozess am BSK

Das WSA organisierte Ortsbegehungen am Nordhafen und Bereisungen des BSK unter Beteiligung von Natur- und Baumschutzexperten sowie BürgervertreterInnen; Kompensationsmaßnahmen wurden abgestimmt und teilweise bereits umgesetzt, und die BfG als zuständige Fachbehörde erhielt den Auftrag, einen Unterhaltungsplan (UP) für den BSK aufzustellen, der vor allem auch der geänderten Rechtslage Rechnung tragen muss, welche die WSV im Rahmen ihrer Wasserstraßenunterhaltung zu stärkerer Berücksichtigung ökologischer Belange und zu aktiven ökologischen Maßnahmen über den rein verkehrlichen Bezug hinaus verpflichtet, nicht zuletzt im Interesse der Umsetzung der Bewirtschaftungsziele nach WRRL, die ins WHG aufgenommen worden sind.

Neben Festlegung von Qualitätsstandards, Rechtssicherheit bei der Unterhaltung und Erleichterung der Benehmensherstellung mit den Unteren Naturschutzbehörden der betroffenen Bezirke soll ein solcher UP auch die Akzeptanz der Unterhaltungsmaßnahmen in der Öffentlichkeit erhöhen.

Partizipative Abstimmung des Unterhaltungsplans

Nach Bestandserfassung von Biotopen, Flora und Fauna, der Einschätzung der ökologischen und naturschutzfachlichen Situation und Qualitäten des BSK und seines nahen Umfelds durch ein renommiertes Unternehmen stellten BfG-MitarbeiterInnen am 2. November d.J. im WSA den Entwurf einer Zielkonzeption für die Unterhaltung in durchaus vorbildlicher Art und Weise zur Diskussion und baten nicht nur die beteiligten Natur- und Baumschutzexperten, sondern auch die beteiligten BürgervertreterInnen zu Stellungnahmen, die nun, als „überwiegend konstruktiv“ eingeschätzt, noch in die Zielkonzeption integriert werden sollen.

Wir möchten jetzt nicht auf die detaillierten Verbesserungsvorschläge für Baum- und Biberschutz sowie die aquatische Fauna eingehen, jedoch unbedingt darauf hinweisen, dass − neben konkreten Vorschlägen zur notwendigen Öffentlichkeitsarbeit, Einbeziehung von Anrainer- und NutzerInnen namentlich zur Reduzierung der Zweckentfremdung sensibler Böschungsbereiche in Form von Natur zerstörender Müllentsorgung u. dgl.  − inbesondere daran erinnert wurde, dass der ambitionierteste UP, das Erreichen der besten Zielkonzeption mit Kompetenz und Qualifikation derer steht und fällt, die mit seiner praktischen Umsetzung betraut werden.

Die Qualität eines Unterhaltungsplans erweist sich in seiner Umsetzung

Das Leitbild des UP, einen Umbau des Kanal begleitenden Gehölzsaums in Richtung eines einheimischen, standortgerechten Baum-, Strauch- und Krautbestandes durch Zurückdrängung der Naturverjüngung invasiver, „naturferner“ Neophyten zu erreichen, also von Robinie, Götterbaum, aber auch Eschen-Ahorn und Hybridpappeln, sodann von Kanadischer Goldrute und Ziersträuchern bis zu Knöterich und Drüsigem Springkraut −, dieses Leitbild, das geschlossene Altbestände von Neophyten, aber auch Solitäre explizit ausnimmt und auf den Erhalt der nicht nur für den Biotopverbund, sondern auch fürs Landschaftsbild wichtigen Gehölzkulisse abstellt, ist bei aller naturschutzfachlichen Triftigkeit im Hinblick auf den Erhalt und die Vergrößerung der Artenvielfalt u. E. dennoch tendenziell geeignet, für die vor Ort tätigen Mitarbeiter des Abz falsche Signale auszusenden, solange dass grundlegende Leitbild einer die ökologischen Belange berücksichtigenden Wasserstraßenunterhaltung noch längst nicht internalisiert ist und praktisch gelebt wird.

Außenbezirk wird schon mal vor Inkrafttreten des U-Plans tätig

Schon mit Ende der diesjährigen Vegetationsperiode waren gleich im Oktober am BSK wieder unfachgerechte Schnittmaßnahmen an Altbäumen aufgefallen, weshalb die BaL den Baumsachverständigen Dr. Barsig im Anschluss an die Präsentation des Entwurfs der UP-Zielkonzeption im November zu weiterer Inaugenscheinnahme beauftragten. Barsigs inzwischen vorliegende Erkenntnisse sind niederschmetternd!

Überflüssige und unfachgerechte „Pflege“maßnahmen

Um das Resümee vorwegzunehmen: Obschon nach den fachlich höchst kritikwürdigen Schnittmaßnahmen Anfang 2010 zugesichert worden war, keine größeren Eingriffe in den Vegetationsbestand vorzunehmen, bevor nicht ein UP aufgestellt und in Kraft getreten sei, sind in den letzten Wochen dennoch ohne Rücksprache mit der BfG oder sonstige Vorabinformation in größerem Umfang Baumarbeiten erfolgt. Und dabei wurden, wie befürchtet, eben nicht Sämlinge und Jungaufwuchs von Neophyten beseitigt, sondern bspw. rund fünfzig ältere Bäume „geringelt“.

Ringelung von Robinien

Ringelung von Robinien

Diese Methode, bei der ein ca. fünf Zentimeter breiter Streifen Rinde samt Kambium rund um den Stamm entfernt wird, unterbricht die Versorgung der Wurzel mit Assimilaten aus der Krone, wogegen diese weiterhin Wasser und Mineralien erhält. Im Lauf mehrerer Jahre stirbt dann die Wurzel und damit der Baum allmählich ab. Diese Folterpraktik wird bei Robinien deshalb angewandt, weil sich bei bloßer Fällung (und sei’s mitsamt Stubben-Ausfräsung) die konkurrenzstarke Art über Schössling aus ihren Wurzelausläufern nur noch dichter weiterzuverbreiten pflegt. − Anlässlich der Präsentation des Zielkonzeptionsentwurfs wurde zwar auch das Ringeln angesprochen, doch in der Konzeption selber ist davon keine Rede.

Zudem sind jetzt am BSK nicht nur jüngere, sondern auch ältere Robinien geringelt worden, während die bereits zahlreichen Schösslinge unterhalb der nun absterbenden Altbäume stehen blieben und auf den demnächst höheren Lichteinfall mit verstärktem Wachstum reagieren werden. − Doch auch ältere Pappeln, ja sogar Birken und Erlen sind geringelt worden! Während die natürliche Verjüngung der letztgenannten Baumart als standortgerecht sehr erwünscht ist, wurde eine Vermehrung von Birken via Wurzelausläufer bislang am BSK nicht beobachtet.

„Warum“, so fragt der Gutachter, „konzentriert sich der Abz Spandau nicht auf die Förderung der einheimischen Naturverjüngung und die Rückdrängung der Neophyten-Naturverjüngung und bezahlt stattdessen Drittfirmen für unabgestimmte Ringelungen? Warum wartet der Abz Spandau nicht die Inkraftsetzung des Unterhaltungsplans zum BSK, seiner Zielkonzeption und konkreten Unterhaltungsanweisungen ab, die gerade im konstruktiven Dialog abgestimmt werden?“

Fortbildung tut not!

Unfachgerechte Kappungen am BSK

Fragwürdige Kappungen

Darüber hinaus kam es, wie auch schon vor zwei Jahren, zu großenteils noch nicht einmal fach- und habitusgerecht ausgeführten Kronenrückschnitten an älteren Pappeln ohne relevante Schadsymptome. In Einzelfällen beeinträchtigen diese Bäume weder wasser- noch landseitigen Verkehr, weshalb sie gar nicht der Kontrollpflicht des Abz unterliegen und gemäß Eingriffsvermeidungs- bzw. -minimierungsgebot nach Bundesnaturschutzgesetz in Ruhe zu lassen sind. Auch in der Vergangenheit überflüssigerweise gekappte Bäume wurden heuer falsch nachgeschnitten, durchweg aller neuen Triebe und damit der Möglichkeit, vielleicht noch eine stabile Sekundärkrone auszubilden, beraubt.

Andererseits, was nicht unerwähnt bleiben soll, wurden merkwürdigerweise einige wenige Bäume fachgerecht nach ZTV beschnitten. − Rätsel geben außerdem noch die unterschiedliche Markierung vieler Bäume mit den Buchstaben B, A und G auf.

Alles in allem wurde erneut deutlich, dass die Qualifikation der für Baumkontrolle zuständigen Abz-Mitarbeiter bzw. der vom Abz oder der BImA beauftragten Mitarbeiter von Fremdfirmen nicht dem vom WSV-Leitfaden Baumkontrolle geforderten fachlichen Standard genügt und also einiger Fortbildungsbedarf besteht […was, überflüssig zu betonen, beileibe nicht nur für die WSV-Baumkontrolleure gilt].

Und aus Sicht zumal der beteiligten BürgervertreterInnen ist sehr bedauerlich, dass einmal mehr im Konsens getroffene Vereinbarungen missachtet und damit mühsam aufgebautes Vertrauen gleich wieder arg erschüttert worden ist. − Schließlich erweisen sich auch Sinn und Qualität eines Beteiligungsverfahrens erst mit und  in der Umsetzung der beschlossenen Vereinbarungen.

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