Zerstörung zukunftstauglicher Beispiele

Investor lässt Innenhof-Parkanlage platt machen

Meinung und Bedürfnisse der MieterInnen zählen keinen Deut

[Update 21.11.: Der zuständige Mitarbeiter des Fachbereichs Naturschutz und Grünflächen des BA F’hain-Kreuzberg, der schon zweimal vor Ort gewesen sei, nun aber zeitnah noch ein drittes Mal vorbeischauen will, teilt mit, dass weder die Hausverwaltung Gestrim noch sonst wer Fällanträge gestellt habe und also auch keine ~genehmigungen erteilt worden seien, er vielmehr wegen illegaler Fällungen bereits die Polizei informiert habe, die jedoch aus für ihn unverständlichen Gründen unverrichteter Dinge wieder abgezogen sei, da sie keine Fällfirma mehr angetroffen habe. Dabei setzte diese laut Anwohnerin an zwei weiteren Tagen ihr Zerstörungswerk fort. Warum die Polizei nicht wieder alarmiert wurde, können nun wir nicht verstehen. − Die Hausverwaltung, die von nichts weiß, bietet an, alle Nachrichten/Beschwerden an den Eigentümer Gaethje weiterzuleiten, weigert sich aber aus Datenschutzgründen, Kontaktdaten preiszugeben. − Heute wurde nun mit lärmenden Gebläsen das Laub beseitigt, die ökologischen Kreisläufe weiter zerstört und noch mehr Baumwurzeln der UV-Strahlung ausgesetzt. Immerhin ist das Maß der bereits erfolgten Zerstörung nun besser sichtbar.]

Wohnweltzerstörung

Innenhof-Wäldchen nahe Berlinische Galerie

Neben der Behutsamen Stadterneuerung hatte die IBA von 1977 bis 87 in Berlin den Schwerpunkt Kritische Rekonstruktion, unter welchem Motto ebenfalls Beachtliches geleistet wurde, darunter auch die Neubausiedlungen in der südlichen Friedrichstadt (beileibe nicht alle!), deren Modelle für barrierefreies und integratives Wohnen sich als wegweisend erwiesen haben.

In der Alte Jakobstraße 129/Am Berlin Museum z. B., direkt neben der Berlinischen Galerie für zeitgenössische Kunst, öffnet sich, nachdem man einen schmalen Durchlass passiert hat, hinter einer eher funktionalen Klinkerfassade unvermutet ein Robinien- und Birkenhain auf hügeligem, überraschend naturnahem Gelände: Die BewohnerInnen haben ihre eigene kleine vorwaldähnliche Parkanlage gleich im Hinterhof! Große und kleinere Spielfläche gibt’s ebenfalls, doch die Kinder betätigen sich vorzugsweise auf den Hügeln und „Felsen“ im „Wäldchen“. Bis vor kurzem gab es steinerne Sitzgelegenheiten, umgeben von pittoresken Terrakotta-Skulpturen, und die älteren BewohnerInnen schwärmen von den Mußestunden inmitten dieser vielgestaltigen Natur unmittelbar vor ihrer Haustür und selbst für schwer Gehbehinderte in nur wenigen Minuten erreichbar.

Hofhain

Hofhain, von Zerstörung bedroht

Der Patron hat das Sagen

Seit jedoch die Wohnungsbaugesellschaft pleite und das Objekt an einen Investor aus Hamburg gegangen ist, wird dieses kleine Wunder systematisch zerstört. Den Mietparteien − Alt und Jung, mobilitätseingeschränkt oder nicht, deutschstämmig oder mit Migrationsgeschichte aus Türkei, Libanon, Maghreb, Polen, Russland − eröffnete der neue Hausherr unumwunden, dass von nun an seine Regeln gälten − er spreche zu den MieterInnen wie ein Chef mit seinen Untergebenen − und er den viel zu „dunklen“ Innenhof abholzen, einebnen und „aufräumen“, sauber und ordentlich gestalten wolle. Wie eine Mieterin, die nicht genannt werden möchte, berichtet, hatten er bzw. seine Mitarbeiter auch keinerlei Skrupel, unangekündigte Wohnungsbesichtigungen vorzunehmen und, den/die InhaberIn zur Seite schiebend, unter Vorwänden Bad und Balkon zu kontrollieren.

Selbstredend  − die sog. Anschlussförderung im Sozialbau ist abgeschafft − wurden bald nach Übernahme die Mieten drastisch angehoben, sogar rückwirkend und also Nachzahlungen kassiert, obwohl in den Wohneinheiten selbst keinerlei Instandsetzung oder gar Modernisierung erfolgt sei. Die Leute zahlten dennoch, sind wohl überwiegend in keiner Mieterschutzorganisation Mitglied, fürchten vielmehr bei Unbotmäßigkeit die Kündigung. Einige TransferleistungsempfängerInnen, denen das Amt die gestiegene Miete nicht mehr gezahlt habe, hätten dem auch schon vorgreifen und schweren Herzens ausziehen müssen.

Unterbindung von Fassadengrün

Ausmerzung des Fassadengrüns

Ausmerzung des Fassadengrüns

Unterdessen konzentrieren sich die Aktivitäten des Investors vorwiegend auf den Außenbereich der Anlage. Anlässlich der Fassadenrenovierung wurde die gesamte malerisch üppige Efeuberankung mitsamt aller Niststätten restlos beseitigt und mit dem Argument, Efeu zerstöre die Fassade, auch gleich die vielen, bereits armdicken Stämme der Pflanzen ausgegraben, die Gruben verfüllt und gepflastert. Die Skulpturen wurden entfernt und in der angrenzenden Passage zur Viktoria Versicherung achtlos gestapelt wie auch Teile der künstlichen Felsen und steinernen Bänke, während der Rest in einen Alba-Container geflogen und eilig abtransportiert worden sei. Etliche, auch übermaßige Bäume seien schon gefällt, die Stubben ausgegraben, andere Bäume wurden durch unfachgerechte, von den Bauleuten selbst ausgeführte Starkastschnitte schwer verstümmelt, ihre Wurzeln beim Ausgraben der Skulpturen und Einebnung künstlicher Felsen rücksichtslos freigelegt und der für sie zerstörerischen UV-Strahlung preisgegeben.

Wurzelschädigung

Wurzelschädigung

Während die Mehrheit der Mieterschaft die rigorose Degradierung ihres Wohnumfelds und Zerstörung wertvoller Baum- und Vegetationsbestände fatalistisch hinnimmt, sind einzelne, die seinerzeit eigens wegen des vielen Grüns hergezogen sind, schier verzweifelt und wandten sich  ans Denkmalamt (→ kein eingetragenes Denkmal und damit unzuständig…) und schon wiederholt ans F’hain-Kreuzberger Amt für Umwelt und Natur (AUN), um zu erfahren, ob denn überhaupt Fällanträge gestellt und wenn ja, mit welchen Auflagen genehmigt wurden. Es stellte sich heraus, dass dem offenbar − zumindest aktuell − nicht so ist, der Investor also ohne jede Genehmigung nach Gutdünken schaltet und waltet. Ein für Privatbäume zuständiger Mitarbeiter des Grünamts habe sein Kommen zwar zugesagt, sei jedoch nie vor Ort erschienen. − Auch bei der  Hausverwaltung Gestrim weiß man regelmäßig von nichts.

Null Partizipation!

Felsen

Kunstfelsen, entfernte Skulptur

Wir finden dieses ganzen Vorgang einfach nur skandalös! Zunächst: Fassaden- und Hofbegrünung wird aus Gründen von Klima-, aber auch Artenschutz von Stadtentwicklungs- und Umweltsenat ausdrücklich gewünscht, sollte eher Regel als Ausnahme sein, erfolgreiche Beispiele werden gepriesen und prämiert, doch wenn Immobilienbesitzer oder Hausverwaltungen Efeu und Wilden Wein als Unkraut bekämpfen und kurzerhand Hinterhof-Bäume abhacken, weil sie angeblich die Fassaden zerstören, das Fundament angreifen oder die Wohnungen unzumutbar verschatten, wird dem behördlicherseits nur in seltenen Ausnahmefällen Einhalt geboten. Es handelt sich nämlich um Privatbesitz. Auch wenn’s abgedroschen wirken mag, verweisen wir an dieser Stelle mal auf die Sozialbindung des Eigentums, von der das GG spricht. Der neue Eigentümer vertritt sein kurzsichtiges Parikularinteresse, aber die MieterInnen vertreten neben den eigenen hier auch die Interessen der Allgemeinheit. Alle großkotzigen Leitbilder und Strategien für zukunftsfähige Entwicklung des öffentlichen Raums werden Makulatur, wenn die unmittelbare, vertraute Wohnumwelt derart willkürlich verändert und verschandelt werden darf. Unterm gemieteten Dach wird dem/r BürgerIn bedeutet, dass er/sie nur Objekt ist.

Skulpturen

Skulpturen, li. Fassadenmalerei

Dass aber in der heutigen Zeit ein derartiger Eingriff ins unmittelbare Wohnumfeld der BürgerInnen erfolgen kann, ohne diese auch nur zu fragen, geschweige an der Gestaltungsplanung zu beteiligen, ist eine Ungeheuerlichkeit. Gerade im vorliegenden Fall handelt es sich mehrheitlich um sog. partizipationsferne Bevölkerungsgruppen, die am leichtesten um ihre Rechte zu betrügen sind, wenn der Staat hier seine Pflicht zur aktivierenden Unterstützung versäumt. Das Ausbleiben auch nur irgendeiner Behördenreaktion auf den Hilferuf von Bürgerinnen dokumentiert nur wieder, wie fern der bürokratischen Denkweise die Beteiligung der BürgerInnen liegt, in deren Auftrag sie handeln sollte.

Schnelles Handeln tut not!

Hofhain 02

Hofhain

Erst einmal haben wir also den aktiven MieterInnen angeraten, Unterschriften zu sammeln und erneut das AUN zu kontaktieren, werden dies natürlich auch selbst versuchen, doch schon kommenden Montag (21.11.), also morgen soll das Zerstörungswerk fortgesetzt werden. Bis das Amt in Gang kommt, ist hoffentlich dieser einzigartige Hinterhofhain, der Touristen, die öfters von der Galerie herüberkämen, nur so staunen lasse, nicht schon zu Pellets verarbeitet.

Teilzerstörte Hecke

Teilzerstörte Hecke

Atemberaubend jedenfalls, wie sich neben jener von Einkommens- und Vermögensverteilung auch die Schere zwischen dem Stand von Wissenschaft und entsprechender Technik, politischer Programmatik und offiziellen Verlautbarungen von Umweltsenat bis Wohnungswirtschaft einerseits und der tagtäglichen rückständigen, nicht „nachhaltigen“, dumpfbackigen Praxis andererseits immer weiter öffnet! Nicht mal in einer Zeit multipler, von Klimakatastrophe bis Artenvernichtung sich ungehemmt zuspitzender Krisen sind zukunftsweisende Best-Practice-Beispiele vor diesem überkommenen, unausrottbaren, neurotisch-zwanghaften „Putzwahn“ sicher.

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1 Kommentar

  1. 21. November, 2011 um 22:45

    Schreckliche Geschichte!
    Was haben die Menschen nur gegen die Bäume?

    Mich würde interessieren welche Strafe der Investor zu erwarten hat, bei dieser offensichtlich ungesetzlichen Handlung.
    Und wer wird gegen diese Ordnungswidrigkeit „Anklage“ erheben?

    Ich schlage vor einige hundert Sozialstunden abzuleisten um die
    selbst finanzierten neuen Bäume wieder einzupflanzen.

    Hoffentlich wird es ein Verfahren geben.

    bb


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