Politische Baumscheiben

Politik und Verwaltung zum Anfassen

Ortstermin in der Reichenberger Straße

v.l.n.r. Grünamtsmitarbeiter, MdA Behrendt, Stadtrat Panhoff (beide Grüne); v.h. Anwohnerin, BzV Müller (CDU)

Ortstermin Politische Baumscheibe

Noch während der Blüte hatten Mitarbeiter des bezirklichen Grünflächenamts im Oktober auf den großen Baumscheiben in der Reichenberger Straße in Kreuzberg unterschiedslos Zucht- und Wildrosen, Hagebutten- und andere Sträucher teilweise so weit herunter geschnitten, dass nun die Gefahr von Frostschäden oder gänzlichem Verlust von ehemals üppigen Pflanzen zu befürchten ist. Rosen werden ohnehin nur im Frühjahr geschnitten, Wildrosen wenn überhaupt, nur selten und sehr behutsam. Früchte, Beeren und Sämereien, für die winterliche Ernährung der heimischen Standvogel-Population sehr wichtig, sind nunmehr mitsamt Deckungsmöglichkeit dahin. Manche Beete liegen völlig kahl und ausgeräumt. [Mehr Fotos zum Vorher-Nachher finden sich auf http://diepolitischebaumscheibe.wordpress.com/]

Zudem aber wurde bei diesem „Pflegeeinsatz“ auch eine Fläche, für die seit 20.05.2010 ein Patenschaftsvertrag mit einer Anwohnerin besteht, den fachlich höchst zweifelhaften Schnittmaßnahmen unterworfen, wenn auch in nicht ganz so gravierendem Ausmaß.

Reichenberger/Ratiborstr.

Rosenverschnitt

Die Mitglieder der Anwohnerinitiative Reichenberger Straße, die sich zwischen Glogauer und Ratiborstraße und noch darüber hinaus auch ganz ohne Patenschaften um Baumscheiben-Begrünung kümmern, reagierten verständlicherweise empört, zumal es nicht das erste derartige Vorkommnis war. Sie möchten die Offenflächen um die Straßenbäume herum vor Vermüllung und den jeweiligen Baum vor Notdurftverrichtungen schützen, in ihrer Straße, ihrem Kiez und Wohnumfeld etwas fürs Kleinklima und die städtische Flora und Fauna und nicht zuletzt auch was fürs Auge tun und sahen wieder einmal ihre Bemühungen von amtswegen gering geschätzt, konterkariert und zunichte gemacht.

Per Offenem Brief hatte sich die Sprecherin der Initiative, Brita Bredel, an die Zuständigen in der Verwaltung, aber auch an Politiker in BVV und Abgeordnetenhaus gewandt, und so kam es denn heute (18.11.) zum Ortstermin.

In Gegenwart von Baustadtrat Panhoff, Politikern aus BVV und Abgeordnetenhaus, AnwohnerInnen und BaL-Vertreter verwies Fachbereichsleiter Hilmar Schädel auf die Verkehrssicherungspflicht, der mit dem „Verkehrssicherungsschnitt“ zu genügen jedenfalls im Straßenraum die vornehmste Aufgabe der Grünflächenpflege sei. Der üppige und noch dazu dornige Bewuchs hätte in den Radweg und auf den Bürgersteig geragt und Menschen gefährdet.

Reichenberger/Glogauer Str.

Eschenahorn-Schössling & Rosenverschnitt

Wenig überraschend, konnten die AnwohnerInnen dieser Darstellung nicht folgen, zumal auch Pflanzen in der Beet-Mitte stark eingekürzt worden sind. Zum Hinweis, dass auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Baumscheibenbewuchs komplett verschont geblieben sei, hieß es, sofort nach Frau Bredels Beschwerde seien die Arbeiten eingestellt worden, und auf die Frage, wie sich das denn nun mit der Verkehrssicherungspflicht vertrüge, kam die seltsame Antwort: „Sollen wir denn erst warten, bis was passiert ist?“ − Im Übrigen ist sich Hilmar Schädel sicher, dass die Rosen und anderen Pflanzen unterhalb der Schnittflächen schon im nächsten Frühjahr aus schlafenden Knospen derart wieder austreiben, dass nichts mehr an den Eingriff erinnern werde. Starkfröste aber würden auch unbeschnittene Pflanzen zerstören. − Ohnehin wären Rosen fürs öffentliche Straßenland nicht unbedingt geeignet.

Amt bedauert Kommunikationspanne

Herbstverschnitt

Herbstverschnitt

Wie auch immer, der zuständige Mitarbeiter räumte ein, dass er bei Einweisung der Kollegen den bestehenden Patenschaftsvertrag schlicht vergessen habe, und der Fachbereichsleiter drückte sein Bedauern aus. Ansonsten wurde wieder die personelle und finanzielle Unterversorgung der Grünflächenpflege thematisiert und dass den wenigen verbliebenen Grünamtsmitarbeitern für eine eigentliche gärtnerische Pflege mit Bodenauflockerung, Jäten, wiederholtem behutsamem Rückschnitt etc. schlicht die Zeit fehle, für die Beauftragung von Fremdfirmen dem Bezirk wiederum das Geld − und was beim Outsourcing oftmals rauskommt, wissen wir.

[Exkurs: Die Firma, welche die Pappeln im Luisenstädtischen Grünzug schwer geschädigt hat, könne sicher sein, so schnell keinen Auftrag mehr vom Bezirk zu bekommen. Problem sei, dass die Verwaltung anders als Privatunternehmen keine Sanktionsmöglichkeit per Konventionalstrafe in die Verträge aufnehmen könne, wenn nicht die Angebote ganz ausbleiben oder in unbezahlbare Höhe getrieben werden sollen, anderweitig aber keine bzw. nur sehr umständliche, langwierige Möglichkeiten habe, die Firmen ggf. regresspflichtig zu machen. Beispiel die zehnjährige Beweissicherung zum Pamukkale-Brunnen.  Hier bestehe gesetzlicher Regelungsbedarf. − Wir sehen hingegen ein Hauptproblem darin, dass trotz schlechter Erfahrungen die Fremdfirmen ihre Aufträge nach wie vor gänzlich unbeaufsichtigt und -kontrolliert abarbeiten können , doch hier rastet dann wieder das Personalmangel-Argument ein. Darüber hinaus fragen wir schon länger, wie es um die Qualität der Leistungsbeschreibungen bestellt ist. Die „Baumpfleger“ im ELK beriefen sich nämlich auf entsprechende Anweisungen des Bezirksamts. − Doch zurück zum Ortstermin.]

Empfindliche Berufskleidung

Ortstermin Politische Baumscheibe

Ortstermin 17.11.11

Die Vermutung, dass der starke Rückschnitt namentlich von Rosen oder anderem bewehrten Strauchwerk vor allem deshalb erfolgt, weil sonst die BSR den Müll darunter liegen lässt, wurde im Fortgang von Diskussion und Gruppe (die Novemberkühle war schon recht empfindlich) freimütig bestätigt: Deren Arbeitskleidung nähme sonst Schaden… [Wir lassen die Gelegenheit zur Glosse ungenutzt passieren.]

Der Unterschied zwischen den von AnwohnerInnen gepflegten Baumscheiben und jenen im weiteren Verlauf der Reichenberger sprang auch jetzt noch allen deutlich ins Auge, und der Müll bleibt auch dort liegen, wo überhaupt nichts wächst. Immerhin wurde zum Abschluss des Termins noch vereinbart, dass auch die Reichenberger Apotheke eine Patenschaft übernimmt und die Anwohnerinitiative hier einen Heilkräutergarten anlegt – nicht etwa zur Herstellung von Naturheilmitteln und für Anwendungszwecke, sondern allein aus thematischen und ästhetischen Gründen. Das Bezirksamt hat materielle Starthilfe in Aussicht gestellt.

Auch Stadtrat Panhoff bedauerte die Kommunikationspanne, deren Wiederholung künftig durch rechtzeitige Information der AnwohnerInnen über nach Meinung des FB Grünflächen notwendige Maßnahmen verhindert werden soll,  und machte noch einmal deutlich, wie sehr er diese Form von BürgerInnenengagement begrüße, (äußerte sich nur kritisch über die Tendenz der Baumscheibenmöblierung insbesondere vor Gaststätten), doch solle das andererseits nicht heißen , dass auf diese Weise die Besorgung öffentlicher Aufgaben der Zivilgesellschaft übertragen werde. − Irgendwie aber doch schon und, wenn’s auch viele berstreiten mögen, irgendwie alternivlos − ein TINA in ganz anderm Sinn.

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1 Kommentar

  1. Adler said,

    19. November, 2011 um 21:48

    TV-Bericht heute (19.11.2011)
    Auch das Grünflächenamt Neukölln zerstört stadtgrünes BürgerInnen-Engagement auf deren Kosten:

    http://www.rbb-online.de/diejuryhilft/archiv/die_jury_hilft_vom46/dicker_hund______.html

    „Im Frühjahr ging es los, Zäune wurden gezogen, Blumen gepflanzt, rund 300 Euro privat investiert. Bis zum Sommer entstand eine wahre Blütenpracht, zur Freude auch der Kinder. Dann plötzlich, im Oktober, kam ein großer Bagger. Ohne Vorwarnung ließ dasselbe Amt die bepflanzte Stelle räumen, Zaun und Blumen wurden zerstört. Ein DICKER HUND.“


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