Ein Monstrum im Urbanhafen

Die neue van Loon

Empfehlung des Mediationsforums auf unzureichender Datenbasis

Neue van Loon 01

Neue van Loon mit Urbankrankenhaus

Ein Schiff ist gekommen, letzte Woche schon, und wenn auch wegen seiner Größe und der niedrigen Kanalbrücken unter Schwierigkeiten, mit vielen Säcken Ballast an Bord und eingelegten Masten sowieso, denn die werftneue van Loon lief in den Kreuzberger Urbanhafen ein. Der ist bekanntlich längst kein Hafen mehr, die breiteste Stelle des Landwehrkanals heißt nur noch so und die, zumindest nach Süden hin, ausgedehnte Grünanlage vorm düster-beklemmend aufragenden Urban-Krankenhaus, mit sanftem Land-Wasser-Übergang, der sogar noch jetzt in diesen sonnig-bunten Novembertagen spazieren Gehende einlädt, sich eine Weile auf dem Rasen niederzulassen, wo sich sommers dicht an dicht wahre Menschenmassen lagern.

Inzwischen ist die van Loon II an verschobenen bzw. neu eingelassen Dalben fest vertäut, denn wenn sie, mal abgesehen von den großen Aussichtsfenstern, mit ihren beiden hohen Masten und der drei Meter Bordwand an Bug und Heck auch eher wie ein Segelfrachter aussieht, soll sie doch die alte van Loon als Restaurantschiff ablösen.

Die war laut Reeder Carsten Sahner und seinem Team für die Wintersaison zu klein, um wirtschaftlichen Betrieb zu ermöglichen − und das seit mindestens sieben Jahren, denn so lange werde schon über den Schiffsneubau nachgedacht, also auch lange bevor mit der Havarie des Riedel-Anlegers Kottbusser Brücke der Sanierungsbedarf des LWK auch öffentlich ins Auge sprang.

Neue van Loon 02

Neue van Loon im Urbanhafen

Im Mediationsverfahren „Zukunft LWK“ gab es schon wiederholt Mediationen innerhalb der Mediation. Eine davon drehte sich ungefähr vor Jahresfrist um die Frage der Neugestaltung ebendieses Anlegers, der mit dem größeren Schiff und in dem jetzt gewählten Arrangement immerhin sieben Meter weiter in den Kanal hineinreicht.

Da der Urbanhafen, wie gesagt, die größte freie Wasserfläche im LWK ist und neben dem Studentenbad und einigen kleineren Stellen als „Hoffnungsfläche“ für ökologische Trittsteine bzw. Ausgleichsmaßnahmen gilt, waren die stadtökologisch und naturschutzfachlich Interssierten unter den Mediationsforumsmitgliedern nicht sonderlich erbaut von der Aussicht, dass ausgerechnet hier das sog. ufernahe Gewerbe expandiert. Die AnwohnervertreterInnen wiederum befürchteten eine weitere Zunahme an Verkehr, Lärm und Vermüllung, und (fast) alle zusammen, dass auf diese Weise ein Präjudiz geschaffen, das vom WSA schon seit 2003 faktisch aufrechterhaltene Veränderungsverbot durchbrochen werde und nun auch anderen Reedern die Genehmigung neuer oder auch die deutliche Vergrößerung bestehender Anlegestellen nicht länger versagt werden könne − entgegen der Vereinbarung noch bevor ein Gesamtkonzept für die Sanierung sowie für die verkehrliche Nutzung des LWK entwickelt worden sei.

Doch sowohl die VertreterInnen von WSA als auch SenGUV machten klar, dass es bei der immer von beiden Behörden erforderlichen, doppelten Genehmigung von derlei Anträgen nie Präzedenz-, sondern immer nur Einzelfälle gebe.

Neue van Loon 04

Neues Restaurantschiff van Loon

Während die Schiffer-Kollegen die Offenheit der Van Looner lobten, insofern hier das Anlegen von Sport- und Taxibooten problemlos erlaubt werde, sieht sich Carsten Sahner als ökologischer Vorreiter auf dem LWK, indem bspw. der Strom für die elektrischen Anlagen auf seiner Philippa [nicht für den Antrieb!] von einem Solarpanel auf Deck stamme. Und ansonsten, so versicherte der Reeder-Gastronom wiederholt, „machen wir was Schönes für den ökologischen Ausgleich“. (Den Abstand zwischen dem neuen Schiff und der Uferterrasse als beruhigte Wasserfläche und „kleines Biotop“ anzusprechen, ist natürlich albern.)

Auch der für die wasserwirtschaftliche Genehmigung zuständige SenGUV-Vertreter, für den es sich um eine bestehende, keine neue Anlage handelt, sah festzusetzende Ausgleichsmaßnahmen als möglichen Startschuss zum ökologischen Umbau, z. B. über Röhricht, Wasserpflanzen etc. die ökologischen Potentiale (im von den Fachleuten ins Auge gefassten, weiter zur Baerwaldbrücke hin liegenden Uferbereich) zu fördern.

Bezüglich der Auswirkungen fragte die NABU-Vertreterin im Mediationsforum, ob und wenn ja in welchem Umfang künftig mit mehr Licht und Lärm zu rechnen sei sowie das Landschaftsbild gestört werde. Auch BürgervertreterInnen mahnten mehrfach eine anschaulichere Präsentation des Vorhabens an.

Doch noch bevor das Mediationsforum näheren Aufschluss über diese Details erhielt [und es hat sie bis heute nicht bzw. erst durch faktische Umsetzung des Projekts inzwischen erhalten], stimmte es − bis auf die Enthaltung eines Anwohnervertreters! − dem Vorhaben zu.

Neue van Loon 03

Steg zur neuen van Loon

Die Nullvariante, so wurde, wie gesagt, behauptet, hätte die wirtschaftliche Existenz des Unternehmens und damit Arbeitsplätze gefährdet. Nun ja. Sodann aber darf nicht vergessen werden, dass das Forum in dieser Angelegenheit gar keine Entscheidungsbefugnis hatte, sondern sein Votum fürs WSA allenfalls empfehlenden Charakter (der Reederei van Loon allerdings wichtig war). Ein Beratungsgremium also.

Nun haben wir jedenfalls das Malheur: Die van Loon II erscheint Befragten „viel zu groß“ bis „monströs“ oder „grauslig“, wenn auch noch  „knapp unterhalb der Katastrophe“. Die „Partizipation“ − noch dazu auf unzureichender Datenbasis − diente vor allem der Akzeptanzbeschaffung. Nun gilt es über Schadensbegrenzung und ökologischen „Ausgleich“ nachzudenken und vielleicht auch mal wieder über die Kompetenzen des Mediationsforums: Entscheidungen [bzw. Empfehlungen] von ungleich größerer Tragweite stehen uns im Verfahren „Zukunft LWK“ bekanntlich bevor, und der Ausgang dieser Mediation in der Mediation sollte durchaus als gerade noch rechtzeitige Warnung dienen.

[Nachtrag: Zur Touristification des Urbanhafens/Graefekiez siehe auch hier.]

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s