Baumfrevel im Luisenstädtischen Grünzug

BürgerInnen-Inititative Bäume für Kreuzberg

Same Old Story

Aufgeastet 01

Aufgeastet 01 | Fotos zum Vergrößern bitte anklicken!

Kaum haben wir den Fachbereich Naturschutz und Grünflächen im Friedrichshain-Kreuzberger Amt für Umwelt und Natur (AUN) gelobt, folgt auf dem Fuß Ernüchterung, denn schon ist wie alle Jahre die Zeit des verschärften Baum-, und vor allem Pappelverschnitts gekommen. Welche Agenda dabei verfolgt wird, will sich uns auch nach den vier Jahren, die wir uns mit Stadtnaturschutz und Grünflächenpflege im Bezirk näher befassen, einfach nicht erschließen. Während an vielen Stellen verkehrsgefährdendes Totholz lange in den Kronen verbleibt, werden woanders plötzlich reihenweise vitale Bäume malträtiert.

Immerhin vermag das folgende Beispiel wieder zu verdeutlichen, wie sehr es in diesem fürs Gemeinwohl zentralen Bereich einer Verbesserung von Kompetenz und Qualifikation sowie einer Erhöhung der personellen und finanziellen Ausstattung bedarf, vor allem aber eine Rekommunalisierung überfällig ist.

Scheibchenweises Kassieren von Partizipationsergebnissen?

Aufgeastet 02

Aufgeastet 02

Im Fall des Luisenstädtischen Grünzugs, wo am gestrigen Dienstag (25.10.) an etlichen älteren Graupappeln ohne besondere Schadsymptome massiv gefrevelt wurde, kommt noch hinzu, dass, wie sich manche vielleicht erinnern, 2008/9 in einem vergleichsweise kurzen, aber intensiven Beteiligungsverfahren die sogenannte BürgerInnenvariante Erhalt gegenüber den Plänen der Gartendenkmalpflege in der Bezirksverordnetenversammlung eine große Mehrheit fand und neben vielem anderen die elf Pappeln an der Waldemarbrücke stehen bleiben durften. [Siehe z.B. hier.] Die denkmalgerechte Rekonstruktion des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals (ELK) und seine Rückversetzung in den Vorkriegszustand, wofür allein Fördermittel aus dem Topf „Städtebaulicher Denkmalschutz“ bewilligt worden wären, hätte eine Tieferlegung seines Hauptwegs aufs Niveau der früheren Kanalsohle und damit innerhalb der „Ufermauern“ die Fällung des gesamten Baum- und Vegetationsbestands bedeutet.

Aufgeastet 03

Aufgeastet 03

Auch die Herstellung von Sichtachsen, die den Blick ja nicht bloß auf die Kuppel der Sankt-Michael-Kirche, sondern auch die Zwillingsschlote des Heizkraftwerks Mitte freigegeben hätte, wurde mit übergroßer Mehrheit abgelehnt, wenngleich akzeptiert, dass die der Denkmalpflege besonders verhassten Pappeln wie auch die anderen spontan aufgewachsenen Bäume nach ihrer biologischen Abgängigkeit nicht nachgepflanzt werden sollen. [Korrektur, 26.10.11: Im entsprechenden BVV-Beschluss vom 25.11.09 heißt es vielmehr unter „Grundzüge eines Leitbilds… Es wird keine Baumfällung aus gestalterischen Gründen und auch keine Tieferlegung einzelner Abschnitte erfolgen. Abgestorbene Bäume sind im unmittelbaren Nahbereich nachzupflanzen. Nachpflanzungen haben sich nach dem Kriterium Artenreichtum/ökologischer Wert zu richten.“ ]

Aufgeastet 04

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Zwar ging es seinerzeit vorrangig um den Abschnitt zwischen Waldemarbrücke und Oranienplatz, aber die Variante „Erhalt“ gilt als Leitbild für den gesamten Kreuzberger Teil des Luisenstädtischen Grünzugs inklusive des südlichsten, von Hinrich Baller in den 1980ern mit BürgerInnenbeteiligung gestalteten Abschnitts, dessen Schutzwürdigkeit als „Zeitschicht“ das Landesdenkmalamt inzwischen anerkannt hat. Deshalb werden aus dem erwähnten Förderprogramm auch Gelder für die seit rund einem Jahr partizipativ geplante ökologische Aufwertung und Anpassung an gewandelte Nutzungsbedürfnisse bereitgestellt. [Siehe auch hier.]

„Es soll für das Bezirksamt schick aussehen“

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Unfachgerechter Starkastschnitt

Im Abschnitt 2 des Grünzugs, also zwischen Oranienplatz und Reichenberger Straße, hat heute eine Baumpflegefirma nun dennoch die Sichtachse freigesägt − mit dem sicherlich sehr erwünschten Nebeneffekt, dass die Lebenserwartung der, bis auf eine Ausnahme, einheitlich verstümmelten Pappeln zusammen mit ihrer Verkehrssicherheit durch diesen willkürlichen „Kronenrückschnitt“ drastisch vermindert wurde.

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Unfachgerechter Starkastschnitt

Ein befragter Mitarbeiter gab ganz offen zu, dass er diese Bäume lieber gleich ganz gefällt hätte − sie seien alt, stellenweise faulig, hätten den „Laubrost“, gefährdeten Autos und Fußgänger.

Vor allem aber bringe diese „Pflegemaßnahme“ nur ganze 33 Euro pro Baum ein, weshalb die Firma sogar noch „draufzahlen“ müsse. − Was kann man bei solcher Einstellng für einen Umgang mit unserem wertvollen Altbaumbestand erwarten?! Das rabiate Aufasten der Bäume, wodurch sich nun ihr Schwerpunkt weit nach oben verschoben hat und sich bei Starkwinden durchaus kritisch wird auswirken können, wurde als „Entfernen der Stockausschläge“ verniedlicht, und auf weitere Nachfrage fiel endlich der entscheidende Satz: „Es soll fürs Bezirksamt schick aussehn…“

Grobe Verstöße gegen verbindliche Baumpflege-Richtlinien

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Unfachgerechte Ständer

Tatsächlich wurden nach Ansicht des Baumsachverständigen Dr. Barsig, der zufällig selbst vor Ort war, völlig vitale Stark- und Grobäste gegen die Vorgaben der ZTV Baumpflege, die der betreffende Baumpfleger zwar zweimal gelesen haben will, aber offenbar kein Mal verstanden hat, dicht am Stamm geschnitten und ferner bei der drastischen Kroneneinkürzung, die nach dem genannten Regelwerk ohnehin nur bei stark geschädgten Bäumen vorgenommen werden darf, von ihm und seinen Kollegen sogenannte Ständer oberhalb der Schnittstellen stehengelassen, die, je mehr sie in der nächsten Vegetationsperiode an Dickenwachstum zulegen, statisch umso instabiler werden, mit stetig wachsender Bruchgefahr.

Ums einmal mehr zu wiederholen: Der ökologische Wert der Graupappel steht in nichts dem anderer Baumarten nach, unter Artenschutzgesichtspunkten ab einem Alter von 50 bis 60 Jahren eher im Gegenteil, indem sie von Höhlenbrütern wie dem Mittelspecht bevorzugt wird. Und die Behauptung, dass ältere Pappeln mehr Äste abwerfen als bspw. Ahornbäume, ist empirisch noch nie verifiziert worden.

Positv-Beispiel

Einziges Positvbeispiel

Ein einziger Baum unter knapp einem Dutzend wurde habitusgerecht beschnitten, und dieses Beispiel kann gut veranschaulichen, welch unsinniger Frevel an Stadtnatur, Ökologie und knappen Grünpflegemitteln mal wieder mitten im „grünen“ Kreuzberg verübt worden ist. Nicht einmal der Grundsatz, dass jeder Baum als hochkomplexer Einzelorganismus eine individuelle Behandlung, d. h. auf seinen spezifischen Wuchs und Habitus abgestimmte Schnittmaßnahmen erhalten, eine Art Façonschnitt für alle jedoch schädliche Folgen haben muss, vermag sich durchzusetzen. Bäume erscheinen nicht als Lebewesen, sondern als Gegenstände, bloßes Straßen- und Parkmobiliar.

Es zeugt schon von allerhand Chuzpe, ausgerechnet im ELK derart rumholzen zu lassen und steht zu befürchten, dass sich die „Baumpfleger“ in den nächsten Tagen auch noch Abschnitt 3 oder gar 1 vorknöpfen. − Verantwortliche des Grünflächenamts waren gestern für eine Stellungnahme leider nicht zu erreichen.

Sichtachse mit Kraftwerk

Sichtachse aufs Kraftwerk

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4 Kommentare

  1. xonra said,

    26. Oktober, 2011 um 8:19

    Jetzt sieht man das besser:
    https://picasaweb.google.com/114637493262652703684/FeinstaubquelleImDezember2010MittenInBerlin

    Die Subunternehmer arbeiten mit unqualifizierten Hilfskräften die gerade mal den An und Aus Schalter der STIL Säge bedienen können.

  2. jürgen julius irmer said,

    26. Oktober, 2011 um 22:15

    …wenn ich diese erbärmlichen verstümmelungen sehe, denke ich:
    sollen sie doch alles roden, denn nichts weiter steht ihnen im „sinn“.
    was für eine niederschmetternde geisteshaltung da doch hinter steht.
    einwände sind offenbar aussichtslos!
    traurigtraurig…

  3. occupy Bezirksgrün said,

    28. Oktober, 2011 um 14:22

    Betr. die Nicht – „Mitsprachestadt“
    Aufgabe stellen und keine Antwort erhalten?

    147 Leute warten seit 15.09.2011 vergebens auf eine Antwort (auch auf die Fragen im Kommentar „Ergänzung“):

    http://gruene-berlin.de/da-m%C3%BCssen-wir-ran/gef%C3%A4hrdete-b%C3%A4ume-am-landwehrkanal-mangelhafte-b%C3%BCrgerinnenbeteiligung-im-bezirk

    • jürgen julius irmer said,

      28. Oktober, 2011 um 23:18

      …dann bleiben anscheinend nur noch zwei optionen übrig:
      resignation oder ein neuer typ von teilnahme und praktischer kritik, der von sich vom wundsitzen in gremien, die einen nur leerlaufen lassen wollen,absetzt…


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