Ortstermin Bunkerberg

Am Fällen führt kein Weg vorbei

Mäßiges Interesse der Bezirksverordneten

Bunkerberg-Begehung

Bunkerberg-Begehung am 19. Oktober 2011 Fotos zum Vergrößern bitte anklicken!

Durchaus beunruhigt über die Vielzahl unterschiedlicher Fälllisten von lfd. Nr. 1 bis 6, die das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg seit offiziellem Beginn der Fällsaison am 1. Oktober ins Netz stellte, konnte der Hinweis, dass die 89 Fällkandidaten, die im Zuge des wissenschaftlich begleiteten Gehölzumbaus auf dem Großen Bunkerberg, aber auch anderswo im Volkspark Friedrichshain herausgerechnet worden seien, ein wenig beruhigen. Und auch der im Sommer anlässlich einer Präsentation des Zwischenstands für Oktober avisierte öffentliche Ortstermin wurde letzten Mittwoch (19.10.) durchgeführt.

Schrägstand am Weg

Schrägstand am Weg

Neben VertreterInnen des Fachbereichs Naturschutz und Grünflächen, des beauftragten Sachverständigenbüros „Ökologie und Planung“, der Baumpflegefirma und verschiedener Initiativen und Vereine, von BUND und BaL, war von Seiten der BVV allerdings nur der umweltpolitische Sprecher der geschrumpften Fraktion der LINKEN erschienen, aber niemand von den anderen Parteien. Das Fernbleiben der Grünen, die wie alle anderen informiert worden waren, musste denn doch erstaunen.

Schließlich handelt es sich nach Aussage des Fachbereichsleiters Hilmar Schädel um eine, zumindest in F’hain-Kreuzberg, vollkommen neue und entsprechend ungewohnte Methode, dem vor Jahresfrist durch mehrere Windwürfe eklatant gewordenen Handlungsbedarf in dieser ältesten der Berliner Parkanlagen zu begegnen. Nachdem das Bezirksamt anfangs leider nur eine Einzelbaumbetrachtung beauftragt hatte, die pflanzensoziologische Aspekte weitgehend ausblendete, ist der danach gewählte forstliche Ansatz sowie nicht zuletzt die Sorge um Transparenz und Einbeziehung der interessierten Öffentlichkeit überaus anerkennenswert.

Naturnahe Waldrandgestaltung

Sachverständigenteam

Sachverständigenteam

Die Landschaftsarchitektin Frau Dr. Markstein und der Baumsachverständige Nicolas Klöhn erläuterten das von ihnen entwickelte Konzept, welches nun zügig angegangen bzw. weiter umgesetzt werden soll, indem innerhalb des wegen mangelnder Verkehrssicherheit seit nunmehr vierzehn Monaten eingezäunten Bereichs auf dem großen Bunkerberg 53 Bäume, überwiegend Graupappeln, fallen sollen, einerseits natürlich zur Wiederherstellung der Verkehrssicherheit − hier wurden bereits ab Februar 40 Bäume wegen Gefahr im Verzug gefällt; andererseits im Verfolgen des Leitbilds, die Entwicklung eines naturnahen, struktur- und artenreichen Wald- bzw. Waldrandbestands zu unterstützen und durch gezielte Eingriffe nach Möglichkeit zu beschleunigen.

Beginnend bei der großen Windwurf-Lichtung erläuterte Frau Markstein, dass die randständigen Bäume zur Verringerung der Angriffsfläche „abgetreppt“ werden und etwa zwanzig Prozent des Bestands einen möglichst habitusgerechten Kronenrückschnitt erfahren.

Peitschenwuchs

Peitschenwuchs überm Weg

Konkurrenzstarke Arten wie Robinie und vor allem die hybride Graupappel, die sich durch natürliche Verjüngung stark ausbreiten konnten und deren Dichtstand wegen fehlender personeller und finanzieller Ressourcen des Grünamts nie durchforstet und ausgelichtet wurde, haben im Kampf ums Licht mit extremem phototrophem Höhenwachstum häufig zur Ausbildung sog. Löwenschwänze geführt: girlandenlos-kahle, viel zu dünn und hoch aufragende Stämme mit viel zu kleinen Kronen und damit ungenügender Assimilationsfläche, um für eine adäquate Wurzelausbildung zu sorgen.

Kümmerkrone

Kümmerkronen

Viele Pappeln weisen ein (hier auch für den Laien erkennbares) ungünstiges Verhältnis zwischen Höhe und Dicke auf (HD-Koeffizient) und bieten, durch die benachbarten Windwürfe nun freigestellt, auch mit ihren kleinen Kronen Starkwinden ausreichend Angriffsfläche, um einen „langen Hebel“ zu bewegen, der noch dazu in der abschüssigen Hanglage zu einem Dominoeffekt stürzender Bäume führen könne, wenn nicht die „Segel“ noch weiter reduziert würden.

Klobürste

Klobürste

Wegen der geringen Regenerationsfähigkeit der Pappel entstehen dadurch allerdings ästhetisch wenig ansprechende „Klobürsten“ oder Telegraphenmasten −, was freilich nicht heißen soll, dass es nicht, zumal an Wegkreuzungen oder -gabelungen, eine ganze Reihe stattlicher Graupappeln gibt, die Frau Markstein (und selbstredend die BaumschützerInnen) gern erhalten sähe. Pappeln haben einen schweren Stand auch unter Baumsachverständigen und bei Grünflächenämtern sowieso. Als Straßenbaum sind sie ohne Frage nicht erste Wahl, aber „die vermeintliche Nutzlosigkeit von Hybridpappeln für Ökosysteme ist eindeutig zu widerlegen.“ (siehe Barsig 2004)

Bruchkappung

Bruchkappung

Handelt es sich um artenschutzrelevante Höhlenbäume, die also Vögeln oder Fledermäusen als Nist- oder Rückzugsstätte dienen, werden die „Problembäume“ nicht völlig gefällt, sondern zum Hochstubben gekappt. Zu Demonstrationszwecken wurden solche Kappungen in vier verschiedenen Varianten ausgeführt, wobei die Bruchkappung die naturnahste und auch ästhetisch am ehesten ansprechende sei. Die große Bruchfläche bietet holzzersetzenden Pilzen und anderen Organismen eine breite Angriffsfläche. − Der Rat, eine waagrechte Kappung oberhalb einer Bruthöhle gegen eindringende Nässe und fortschreitende Fäulnisprozesse etwa mit einem Metalldeckel abzudichten, wurde nicht aufgegriffen.

Artenreiche Verjüngung hat stellenweise schon begonnen

Naturverjüngung

Naturverjüngung: Feldahorn

Die zu „Zielarten“ erkorenen, vielerorts ebenfalls spontan aufgekommenen einheimischen Arten wie Linde, Bergulme, Feldahorn, Eiche, Esche und, seltener, Hainbuche, die, was den Feldahorn angeht, oft genauso gedrängt stehen, werden häufig von Pappeln und Robinien bedrängt und an einer gesunden Entwicklung gehindert, der bei einer Reihe von „Zukunftsbäumen“ durch Zurückdrängen dieser Konkurrenz nachgeholfen werden soll. Bei den Robinien muss das, um viele neue Stockausschläge nach der Fällung mit neuerlichem Aufkommen zu verhindern, durchs sog. Ringeln erfolgen, wobei die saftführende Rinde bis auf einen Steg entfernt wird, damit der Baum samt Wurzel langsam und allmählich abstirbt.

Totholz verbleibt am Ort

Biotopholz

Biotopholz

Ein ganz wesentlicher, sehr zu begrüßender Aspekt ist dagegen, dass ein Großteil des geschlagenen Holzes (und zwar „so viel wie möglich“) im Gelände verbleiben soll, einerseits als Erosionsschutz, Biotopholz und zur Aufrechterhaltung der natürlichen Kreisläufe, andererseits in Form von Benjeshecken zur Barrierewirkung gegen Mensch und Hund, aber auch als Winterquartier etwa für Igel, auf dass sich schließlich, wenn durch Öffnen des Kronenschirms und Lichteinfall bis zum Boden Krautschicht und Unterwuchs entwickeln konnte, auch Boden- und Heckenbrüter eine Chance haben und mit einer Struktur von Strauchgehölzen die Artenvielfalt gefördert wird. Dies kann durch Ansiedlung von Weißdorn, Goldnessel, aber auch Farnen mit geringem finanziellem Aufwand unterstützt werden. Stellenweise hat der selbsttägige Umbau in einen Hangschattwald aus Eschen- und Feldahornbeständen und einem Unterwuchs von Hasel, Himbeere bis Holunder schon begonnen.

Modell naturnaher Parkpflege?

Durchsicht

Durchsicht auf großen Teich

Es wird natürlich einige Dekaden dauern, bis auf dem großen Bunkerberg im Volkspark Friedrichshain dieses Setzen auf natürliche Verjüngung und gezielt geförderte eigendynamische Entwicklung die erwünschten Früchte getragen hat − in nächster Zeit dürfte es ganz im Gegenteil sehr kahl wirken −, doch es verheißt in unserem Bezirk gleichwohl einen Gegenentwurf zum aufgeräumten, überschaubaren und bis in den letzten Winkel erschlossenen Stadtpark, macht hoffentlich Ernst mit der Einsicht in die Wichtigkeit naturnaher städtischer Parklandschaft als Refugium gefährdeter und aus den Stangenholzäckern des Umlands längst verschwundener Arten. − Faszinierend, wie viele verschiedenartige Organismen Nikolas Klöhn an einem beliebig aufgelesenen modernden Holzstück zeigen konnte: von Nacktschnecken, Käferlarven, Spinnen und Asseln über die Vielgestaltige Holzkeule bis zum ockerfarbenen „Holzfilz“, der aus einem Dutzend unterschiedlicher (allerdings nur unterm Mikroskop auseinander zu haltender) Pilzarten besteht.

Keine Sichtachsen

Fernblicke vom Rondell auf der Kuppe des Trümmerbergs ließen sich durch bloßes Rückschneiden einiger Hecken gewinnen, doch Durchsichten im Sinn der berüchtigten Sichtachsen bspw. hinunter auf den großen Teich sollen keinesfalls festgelegt und freigehalten werden, sondern sich allenfalls zufällig ergeben.

Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen sich von der zu gewärtigenden Kritik mancher an dem „unordentlichen“ Durcheinander und Wildwuchs unbeirrbar zeigen, das Leitbild naturnaher Parkpflege umzusetzen versuchen und vor allem die nötige Qualifizierung des Personals auch mittelfristig gewährleistet bleibt.

Bunkerberg-Begehung

Begehung des Großen Bunkerbergs im Volkspark Friedrichshain am 19.10.11

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