Die Weide an der Baerwaldbrücke

Werdegang eines Kappungsentscheids

Hängeweide an der Baerwaldbrücke

Hängeweide an Baerwaldbrücke (Fotos zum Vergrößern bitte anklicken!)

Vom Einzelfall ins Grundsätzliche

Nachdem sie am vorletzten Wochenende (3.9.) schon mal einen Façonschnitt erhalten hatte, wurde die alte, landschaftsprägende Hängeweide an der Kreuzberger Baerwaldbrücke vergangen Mittwoch gewissermaßen halbiert. Der aus zwei Stämmlingen bestehende Baum dicht an der Uferbefestigung des LWK weist laut Gutachten des Baumsachverständigen Dr. Barsig an beiden einen unterschiedlich weit fortgeschrittenen Befall mit holzzersetzenden Pilzen auf. Der stark geschädigte, bis über die Fahrrinne ragende Stämmling musste wegen des exponierten Standorts und der besonderen Sicherheitserwartung seitens der Fahrgastschifffahrt als akut verkehrsgefährdend betrachtet und gekappt werden.

Schadensklasse 4

Hinzu kam, dass der Abz Neukölln im Zuge seiner Bauwerksinspektion schon vor längerem mehrere Sackungen in der Uferböschung festgestellt hat [siehe auch die WSA-Newsletters 101 und 102], weshalb zur näheren Begutachtung bereits die Strauchvegetation zurückgeschnitten werden musste. Schon deswegen hatte es am 27. Juli einen Ortstermin mit Mediationsforumsmitgliedern und WSA-VertreterInnen gegeben. Bereits letzten Herbst war unterhalb der Weide ein Riss in der Ufermauer entdeckt worden und nach dem Kärchern der moosbewachsenen Ufermauer vor einigen Wochen hatte sich gezeigt, dass er sich verbreiterte, so dass die Schadensstelle in die höchste Schadensklasse, nämlich Skl 4 [eingeschränkte Gebrauchstauglichkeit mit der Notwendigkeit kurzfristiger Instandsetzung, vgl. auch den 103. WSA-Newsletter vom 26.8.] aufgenommen, wasserseitig mit Big Bags, landseitig mit Bauzaun temporär gesichert und unter geodätische Überwachung gestellt werden musste. Die Firma WKH hat den Riss und die offenen Fugen inzwischen zwar verfüllt, doch auch das sind nur Provisorien, denn ursächlich für Riss und Sackungen sind − nein, eben nicht die Weide, wie natürlich reflexartig von Verschiedenen geäußert, sondern − ein schadhaftes Abwasserrohr der BWB in einiger Tiefe. Allerdings wurde schon ein Sandsteinquader [Korrektur: Es handelt sich gerade um keinen Natursteinquader, sondern, wie auf dem ersten Foto (nach Anklicken) auch erkennbar, um eine Platte aus der zur Reparatur der Kriegsschäden aufgeführten Betonwand.] ein gehöriges Stück aus der Ufermauer herausgepresst.

Schadensklasse 4 an der Baerwaldbrücke

Schadensklasse 4 an der Baerwaldbrücke

Da von einer dauerhaften Sanierung dieser Stelle aus quasi externen Gründen noch länger nicht die Rede sein kann, hatte das WSA natürlich ein starkes Interesse daran, die Hebelwirkung, die der Baum besonders bei Starkwinden auf die kaputte Mauer ausübt, zu verringern, manche im SB 2 wahrscheinlich am liebsten durch Fällung, was freilich überhaupt nicht in Frage kommt! Doch durch Auslichten der Girlanden, weit mehr aber durch Abtrennen des pilzbefallenen, über den Kanal ragenden Stämmlings wurde jetzt in der Tat die Windlast erheblich verringert.

Obwohl das Barsig-Gutachten eine eindeutige Sprache spricht und auch andere, am Ortstermin teilnehmende anwesende Sachverständige schon vom bloßen Augenschein her die Diagnose teilten − die Symptomatik ist auch nach VTA mit qualifizierter Inaugenscheinnahme und Klopfhammerbefund zu erkennnen und erfordert keine vertiefte Bestimmung durch aufwendigen Geräteeinsatz (Resistograph oder gar Impulstomographie mit dem Arbotom) −, gab es auf Seiten der BürgervertreterInnen verständlicherweise zunächst beträchtliche Vorbehalte gegen die Halbierung der landschaftsprägenden Weide und Vorschläge, sie zu sichern. Allein nach einhelliger Meinung der Fachleute wäre dies in keiner Weise möglich bzw. vertretbar gewesen. Eine Verseilung am erhalten gebliebenen Hauptstämmling hätte z. B. auch diesen und damit den ganzen Restbaum gefährdet, da Pilze unterschiedlicher Arten auch hier schon eingedrungen sind. Nach ca. zehn Jahren wird der Baum ihnen schließlich zum Opfer fallen, aber bis dahin ist er durch die den Umständen entsprechend immer noch moderate Maßnahme in seinem ökologischen Wert als Habitat, Schattenspender (→ Senkung der Wassertemperatur) und fürs Landschaftsbild gerettet.

Vermeidbare Irritationen

Gemäß neuem digitalem Baumkataster von rmk war das WSA davon ausgegangen, dass es sich um einen Baum in seiner Zuständigkeit handele, doch dann stellte sich heraus, dass der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg verantwortlich ist. Und unter Umgehung der am 21.1.08 vereinbarten Routine in Situationen von Gefahr im Verzug und kurzfristig notwendigen Maßnahmen mit Involvierung von Bäumen − nämlich einer Benachrichtigung der Mitglieder des gleichnamigen Arbeitskreises mit Einräumen einer Vetofrist und, im Fall eines Vetos binnen 24 Std., Durchführung eines Ortstermins am Folgetag −, also unter Missachtung dieses vereinbarten Prozedere wurde das Xhainer NGA sogleich tätig, beauftragte noch am vorletzten Freitag (4.9.) eine Firma, die schon am folgenden Samstag(!) loslegen sollte.

Wie so oft im Fachbereich Naturschutz und Grünflächen gab es für dieses Vorpreschen unterschiedliche Begründungen: einmal sollte es dem Terminplan der Baumpflegefirma geschuldet sein, die diese Maßnahme „zwischenschob“; dann wieder war es die unmittelbare Gefahr im Verzug, die sofortiges Handeln erzwungen habe.

Ein Übriges, den Unmut der BaumschützerInnen zu erregen, tat die Formulierung im 104. WSA-Newsletter vom 2.9., die fälschlich von „Kappung der Krone“ sprach [Korrektur siehe hier].

Ortstermin Baerwaldbrücke 19.9.11

Ortstermin Baerwaldbrücke am 19.09.11

Wie zu erwarten, protestierten also die BaL-Mitglieder im Mediationsforum und auch AnwohnervertreterInnen scharf gegenüber WSA und Mediationsteam, und so kam es am 3. September nur zum Beschnitt der Girlanden, also eher kosmetischen Maßnahmen − akute Gefahr im Verzug hin oder her. Gleichwohl wurde erst dadurch das Ausmaß der Pilzschädigung gerade im Bereich der Verankerung der beiden Stämmlinge so richtig deutlich: der Baum hatte auf seiner der Brücke zugewandten Seite über dem zersetzten Holz zur Verstärkung der Anbindung schon einen wulstartigen Strang gebildet, doch auf der abgewandten Seite war schon die Rinde zerstört und kein Heilungsversuch des Baums mehr erkennbar.

Keine fachgerechte Sicherungsmaßnahme möglich

Eine Verseilung des Stämmlings hätte, da ja elastisch, bei Sturm einen Torsionsbruch nicht verhindern können, während eine Fixierung des fraglichen Kronenteils mit „Brockelmännern“, also Betonquadern (ganz abgesehen von der Ironie) ebenfalls nicht in Frage kam, da sie ja von oben her hätte greifen müssen. Möglichkeiten einer gemäß den geltenden Normen der ZTV-Baumpflege sachgerechten Sicherung waren mithin nicht gegeben und somit die Kappung des Stämmlings leider alternativlos.

Weiden sind aber bekanntlich dazu in der Lage, schon in der folgenden Vegetationsperiode an solchen Schnittwunden üppig wieder auszutreiben, und so wird sich die Beeinträchtigung des Landschaftsbilds noch in Grenzen halten. Im Vergleich zu vielen anderen Bäumen sind Weiden generell höher bruchgefährdet, machen daraus aber eine Tugend und pflanzen sich auch auf diese Weise buchstäblich fort, was sie indessen etwa als Straßenbaum ziemlich ungeeignet macht. Für Gewässer-, Fluss- und Kanalufer wie dem LWK sind sie hingegen charakteristisch und nicht zuletzt auch von einzigartigem ästhetischem Reiz.

Andererseits besteht auf dem Kanal und seinen Uferböschungen eine höhere Sicherheitserwartung wie etwa an einem See im offenen Gelände und ist es daher leider unmöglich, der Natur auch dann freien Lauf zu lassen, wenn akute oder auch nur potentielle Gefahren für Menschen drohen.

Ortstermin mit Weide, 27.7.11

Ortstermin mit Weide, 27.7.11

Wie eng oder weit man hier allerdings die Grenzen zieht, ist Abwägungsfrage, die ihrerseits von der laufenden Rechtsprechung abhängt. Absolute Sicherheit kann und wird es nicht geben und darf auch gar nicht das Ziel sein, denn schon das Anstreben ginge auf Kosten anderer Schutzgüter [wobei wir mitten in einer eminent politischen Debatte wären], doch dass mit mindestens zweierlei Maß gemessen wird, wenn es um lebendige Natur einerseits, Blech gewordenes Mobilitätsbedürfnis „freier“ BürgerInnen andererseits geht und dass ferner das sattsam bekannte Mantra, wonach die GrünamtsmitarbeiterInnen permanent mit einem Fuß im Gefängnis stehen, wenn sie nicht beim ersten Krankheitssymptom einen Baum weghauen, eben bloß eine Mär ist, steht für uns ganz außer Frage.

Welche Konsequenzen sind aus diesem Fall zu ziehen?

Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg muss − am besten gleich in der nächsten Forumssitzung, der 31. am 26. September −, zusichern, sich am Landwehrkanal und zumal im Fall von Altbäumen an die Vereinbarung des Forums bzgl. kurzfristiger Maßnahmen zu halten. Der Grünamtsvertreter hat sich hier im Laufe des Ortstermins auch durchaus einsichtig gezeigt. Es geht darum, rechtzeitig über solche Maßnahmen zu informieren, Transparenz herzustellen und eine 24stündige Vetofrist mit der Möglichkeit eines Ortstermins einzuräumen unter Beteiligung des Baumsachverständigen, der das Vertrauen der BürgerverteterInnen wie des Mediationsforums insgesamt genießt, oder, im Hinderungsfall, mit Teilnahme eines von ihm benannten Vertreters.

Das WSA wiederum hat unmissverständlich deutlich zu machen, dies nicht etwa als Präzedenzfall zu behandeln und jetzt überall dort, wo Skl 4 festgestellt wird und es ufernahen Baumbestand gibt, diesen, da in absehbarer Zeit nicht dauerhaft saniert wird/werden kann, kurzerhand verkrüppeln oder gar fällen zu lassen, um die brüchige Ufermauer zu entlasten. Die Verpflichtung des WSA und seines Chefs, Michael Scholz, zum bestmöglichen Baumschutz muss mal wieder bekräftigt werden, wiewohl im konkreten Fall die Verantwortlichkeit auf Seiten des Bezirks liegt und das Amt auch sogleich den Baumsachverständigen einschaltete, doch angesichts eines De-facto-Baustopps bei unvermindertem Ausflugsverkehr werden wir nicht lange auf vergleichbare Fälle (Skl 4 plus ufernaher Baum) zu warten haben.

Das neue digitale Baumkataster aber muss mindestens auf Stimmigkeit der Gebietsgrenzen hin überprüft und ggf. nachgearbeitet werden. Wie dem Gutachten zu entnehmen, war es gerade bei den als besonders prägend herausgestellten Weiden im vorliegenden Fall gleich in mehrfacher Hinsicht irreführend.

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1 Kommentar

  1. Anwohnerin said,

    23. September, 2011 um 12:22

    Offenbar hat man im von den Grünen dominierten Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg die im seit 2007 laufenden Mediationsverfahren verabredeten Regeln (AnwohnerInnen haben das Recht innerhalb von 24 Stunden ein Veto einzulegen und „sofort vor Ort“ einen Baumsachverständigen ihres Vertrauens den Baum begutachten lassen) immernoch nicht akzeptiert.

    Man könnte insgesamt den Eindruck gewinnen, dass auch nach vier Jahren größten deutschen Mediationsverfahren die BürgerInnenbeteiligung in der Praxis faktisch von keinem Amt ernst genommen wird. – Egal auf welcher politischen Ebene. Egal von welcher Partei die Ämter jeweils dominiert werden,


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