Berlins neuer City-Park

Von der Brachlandschaft zur Designer-Natur

Presserundgang

Presserundgang am 2.9.11 im neuen City-Park

Die Eröffnung des Gleisdreieck-Ostparks am letzten Wochenende (2./3.9.) ist in diesen ereignisreichen Zeiten fast schon wieder Geschichte, aber wir möchten nicht verfehlen, aus der Perspektive von Stadtnaturschutz, nachhaltiger Stadtentwicklung und BürgerInnenbeteiligung noch etwas Nachlese zu halten, zumal der Gestaltungsprozess ja weitergeht, nicht nur auf dem West-, sondern eben auch auf dem nun der Öffentlichkeit übergebenen Ostteil des neuen „City-Parks“.

Senatorin dankt Investoren, Planern und Bürgern in dieser Reihenfolge

Senatorin Junge-Reyer

Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer

Anlässlich des sogenannten Presserundgangs am Freitag (29.8.) sprach Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer von einem großen Tag und Erfolg für Berlin, insofern es gelungen sei, „Urbanität mit dem Bewahren von Natur zu verbinden“. Dafür dankte sie zuvörderst den Investoren von Daimler über Sony bis Deutsche Bahn und Debis −, so als hätten die freiwillig jene 24 Millionen berappt und nicht für ihre, alle Ziele von FNP, Landschaftsprogramm und Klimaschutz konterkarierende, so brachial wie nur möglich in Natur und Landschaft eingeschlagene Großbebauung des Potsdamer und Leipziger Platzes von rechtswegen als Ausgleichs- und Ersatzzahlungen leisten müssen.

Beharrlichkeit und Sturheit gewisser Beteiligter sei es zu danken, dass in langwierigen Verhandlungen die Parkfläche von 16 auf 26 Hektar erweitert werden konnte. Überhaupt kann nach Ansicht der Senatorin diese modellhafte Bürgerbeteiligung durchaus auch übertragen werden auf andere Planungs- und Beteiligungsprozesse in Berlin, in Deutschland, ja international −, doch sei zunächst eine Evaluierung vorzunehmen, was in ihrem Verlauf falsch, was richtig gelaufen sei.

Angst und bange hätte den BürgervertreterInnen an dieser Stelle werden können − die Partizipation in Sachen Ostpark war nach weitestgehend übereinstimmender Meinung der Betroffenen ein einziges Fiasko − doch schließlich ist ja Wahlkampf.

Ob z. B. die Online-Befragung nötig war, zweifelte die Senatorin, sei in Anbetracht der eher geringen Beteiligung fraglich − hier sei die persönliche Kontaktaufnahme zu den Nutzergruppen viel wichtiger. − Als seien den Resultaten von vorangegangenen Befragungen, ob virtuell oder konventionell, im Fortgang der Planung irgendwelche Bedeutung beigemessen worden!

Norbert Rheinlaender

Norbert Rheinlaender

Und Frau Junge-Reyer dankte dem Atelier Loidl nicht nur für seinen prämierten Entwurf, sondern dass es sich überhaupt der Auslobung und der Konfrontation mit den Nutzern gestellt habe [siehe auch hier]. Es sei bekannt, dass es Auseinandersetzung und Streit zwischen Bürgern und Planern, aber auch zwischen unterschiedlichen Nutzergruppen gegeben habe, und hier gelte der besondere Dank und Respekt Norbert Rheinlaender, dem „eigentlichen Motor des gesamten Prozesses“, der seine ganze Persönlichkeit und sein ganzes Wissen eingesetzt, nicht nachgelassen und sich auch nicht zurückgezogen habe, wenn er sich in Teilbereichen mal nicht habe durchsetzen können, denn Bürgerbeteiligung sei nun mal sein Lebensprogramm.

Auch dem Vorsitzenden der am Runden Tisch vorm Vereinssport geretteten Kleingartenkolononie POG, Klaus Trappmann, wurde für die Bereitschaft gedankt, die Kolonie gegenüber dem öffentlichen Park zu öffnen –, und eingedenk der Spruchweisheit, dass Undank der Welten Lohn sei, werden wir uns auch weiterhin dagegen zur Wehr setzen, dass dieses Öffnen buchstäblich aufgefasst und mit der Kettensäge vollzogen wird.

Sogar auf Professor Sukopp, den Vater und großen Lehrmeister der Stadtökologie, kam die Senatorin zu sprechen und bedauerte, dass dessen Sohn verhindert war, an diesem großen Tag in Vertretung seines Vaters zu den Versammelten zu sprechen. Dass die Wirkung Herbert Sukopps, dessen bahnbrechende Entdeckungen und Erkenntnisse international vielfach Wirkung zeitigen, im Heimatland und gerade in Berlin weitgehend aufs Akademische beschränkt bleiben und er insbesondere am Slogan „Von der Brache zum Park“ und seiner aktuellen Umsetzung eher wenig Freude hätte, darf indessen als sehr wahrscheinlich angenommen werden, auch wenn Ingeborg Junge-Reyer die „Faune und Elfen“, die sie offenbar mit dem gründlich ausgetriebenen Charakter der ehemals einzigartigen Brachlandschaft assoziiert, unerschütterlich noch im sog., inzwischen von zwei überbreiten, schnurgeraden Betonpisten „erschlossenen“ Wäldchen vermutet.

Für die Senatorin (und natürlich viele, die diese untergegangene Landschaft nicht mehr kennen lernten) ist dieser Park gelungen; an die Südverbindung über die Yorckbrücken zum Flaschenhals und weiter bis zum Südgelände sei selbstverständlich gedacht und an ihre Erlebbarkeit per Fahrrad und Auto [!], auch wenn, wie gesagt, der Entstehungsprozess und die Beteiligung der BürgerInnen daran noch längst nicht zu Ende seien.

Ingeborg Junge-Reyer

Senatorin Junge-Reyer wünscht sich ständige Veränderung

Deshalb bekomme ihn Bürgermeister Franz Schulz und der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg in den nächsten drei Jahren auch noch nicht – wobei uns übrigens gar nicht bekannt ist, dass der Bezirk innerhalb der Gewährleistungsfrist die Zuständigkeit beansprucht; er will nur Eigentümer sein und bleiben. Erst, so die Senatorin, müsse man sehen, wie der Park funktioniere und sich in diesem Prozess weiterhin auf die Bürgerbeteiligung einlassen, die aufrechterhalten bleiben und als Korrektiv dienen müsse. – Für den Park, so schrieb sie auf eins der für Wünsche und Danksagungen vorbereiteten Flatterbänder, die sich die beauftragte Eventagentur von den beteiligten BürgerInnen partout nicht ausreden ließ –, für den Park wünsche sie sich, „dass er sich − wie Berlin − ständig verändern kann“, was immer das angesichts des vielen Betons auch bedeuten mag.

Franz Schulz sieht riesige Qualität

Bürgermeister Franz Schulz

Bürgermeister Franz Schulz

Der Bürgermeister von F’hain-Kreuzberg, Franz Schulz, sprach im Zusammenhang mit dem Gleisdreieckpark gleich von zwei Wundern: dass es nun mitten in der Stadt einen Park von dieser Größe gebe und dass dieses Ziel nach vierzigjährigem Kampf überhaupt noch erreicht werden konnte. Berlin sei mit dieser Fläche nicht pfleglich umgegangen, wobei nur an die Zerstörungen zu erinnern sei, welche die Baulogistik eben für die Errichtung von Potsdamer/Leipziger Platz und ungeachtet vehementen AnwohnerInnenprotests angerichtet habe, oder ans Debis-Parkhaus, womit schon die „Parkspitze“ auf den Potsdamer Platz verweise und zugleich der Grünanlage die Enge eines Flaschenhalses aufzwinge –, sparte dabei allerdings den Hinweis auf die andere Wand des „Halses“, die Bebauung der Flottwellpromenade aus.

Die VIVICO habe sich als eine sehr schwierige Verhandlungspartnerin gezeigt, die Ende der 90er Jahre alles außerhalb der 16 Hektar damaliger Parkfläche als Bauland beanspruchte, während der seinerzeitige Finanzsenator nicht einen Euro für zusätzliche Parkfläche habe erübrigen wollen.

Ebenso hart aber hätten die AnwohnerInnen die Position vertreten: Das kann und darf nicht sein! Als Ergebnis der jahrelang verschleppten Verhandlungen hätten wir nun Baufelder, die sich alles andere als organisch in den Park einfügen, aber gleichwohl notwendig waren, um seine Erweiterung durchzusetzen.

Dennoch sei der Park für AnwohnerInnen und Gäste ein großer Gewinn, ja eine riesige Qualität. Das Bedauern über die immensen Verluste an wertvoller Ruderalvegetation sei nur allzu gut nachzufühlen, doch in zwei Jahren, so prophezeite Schulz, werde sich der Gleisdreieckpark einer herausragenden Akzeptanz erfreuen.

„In die Freude mischt sich Frustration“

Matthias Bauer

Matthias Bauer

Für die BürgerInnen ergriff Matthias Bauer von der AG Gleisdreieck das Wort, dankte allen Beteiligten − den Planern, Verwaltungsvertretern, Ausführenden und vor allem den Vielen, die vierzig Jahre lang in Bürgerinitiativen oder als Einzelne für diesen Park gekämpft haben und so Autobahn, Riesenrad und diverse Eigernordwände aus Beton verhindert hätten, und skizzierte, ausgehend vom Streit um jenen Spielplatz an der Cherusker Straße, der den AnwohnerInnen erstmals den Blick für die Potentiale des Gleisdreiecks öffnete, die Genese der Vision der Grüntangente, die schon damals ein Stück weit über Mauer und Teilung hinausgriff.

Urbanität

Urbanität

In die Freude über die wenigstens ansatzweise verwirklichte Vision mische sich allerdings Frustration über das Verlorene: die vielen Bäume gerade hier am südlichen Ende der Ladestraße, wo sich früher die Milchrampe befand und jetzt die Tribüne auf dem großen Betonpodest, der künftigen „Aktionsfläche“, errichtet war; der Baumbestand an den Eingängen Horn-, Yorckstraße, entlang der sog. Möckernpromenade usw. Eher zufällig hätten AnwohnerInnen seinerzeit plötzlich rote Punkte auf den Stämmen entdeckt, und dann waren quasi übers Wochenende alle gefallen.

Während sich aber die Natur erholen könne, seien all die historischen Spuren, die Bahnanlagen und malerisch von Vegetation überwucherten Ruinen der Bauten unwiederbringlich zerstört und die vielen phantasievollen Projekte, Gärten, die Bewegungsbaustelle, interkulturelle Inseln etc. verschwunden. Die Planer des Atelier Loidl hätten sich als nicht flexibel genug erwiesen. Das Engagement für den Erhalt dieser strukturreichen Vielfalt aber sei nicht, wie von der Verwaltung immer wieder moniert, von einer Minderheit ausgegangen, sondern repräsentiere gerade in Berlin die Mehrheit!

Ökologische Versuchsfläche

Ökologische Versuchsfläche

Auf dem Ostpark habe die Bürgerbeteiligung definitiv nicht funktioniert. [Matthias Bauer selbst war zeitweise unter Protest aus der Projektbegleitenden Arbeitsgruppe (PAG) ausgestiegen.] − Nach Einrichtung eines Runden Tischs zum Konflikt zwischen Kleingärten und Sport und einer externen Moderation in der PAG habe die Partizipation an der Gestaltung des Westparks jedoch deutliche Fortschritte gemacht, beginnend mit einem anderen Umgang der Beteiligten untereinander. [Andere Beteiligte haben hier freilich eine dezidiert andere Wahrnehmung und beurteilen diese Fortschritte als bei weitem noch nicht ausreichend.]

Wenn sich nun allerdings dieselben Akteure − Grün Berlin und Atelier Loidl − der nächsten Brachlandschaft auf dem sog. Flaschenhals zugewandt hätten, sei das Fehlen eines Gremiums wie der Projektbegleitenden Arbeitsgruppe und damit einer institutionalisierten öffentlichen Beteiligung nicht akzeptabel. − Und im Hinblick auf die ökologische Wertigkeit dieses letzten Kleinods möchten wir auch noch an die Notwendigkeit einer unabhängigen ökologischen Baubegleitung erinnern, beginnend beim Wege- oder besser gesagt Straßenbau!

Abschließend verwies Bauer auf die in der Umgebung munter steigenden Mieten, nannte Hornstraße, Fanny Hänsel-Siedlung und Pohlstraße, wo das Land Berlin noch dazu Erbpachtgeber sei. Sicher gebe es keine einfachen Lösungen gegen die überall zu beobachtende Verdrängung der Alteingesessenen, doch ohne wohnungspolitische Maßnahmen, so Bauer unter großem Beifall, sei dieser Prozess nicht zu stoppen.

Ausgleich für Natureingriffe?

Ausgleich für Natureingriffe?

Bewilligte Aktionen

Die Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck (AGG) zeigte eine Ausstellung zur wechselvollen Geschichte eines Jahrzehnte währenden BürgerInnenengagement mit Fotos der verschiedenen Garten- und (mulit-)kulturellen Projekte und den sich wandelnden Plänen einer immer mehr von den Baufeldern eingekesselten, stetig kleiner werdenden Parkfläche, welche Schau Grün Berlin finanzierte, obwohl es darin mit dem bekannten Kettensägen-Logo symbolisiert wird. Dafür wurde der Ausstellung eine nicht eben prominente Stelle an der Backsteinwand der ehemaligen Verladehalle zugewiesen.

AGG-Ausstellung zu 40jährigem BürgerInnenengagement

AGG-Ausstellung zu 40jährigem BürgerInnenengagement (click the pic!)

Auch der Wunsch der sich an den Vorbereitungen beteiligenden Mitglieder der Initiativenplattform, zu der auch BaL und BfK gehören, Fotos des Vorher dezentral auf dem Gelände aufzustellen, wurde mit der bemerkenswerten Begründung versagt, Kinder könnten die Dachlatten, woran die Bilder befestigt werden sollten, als Waffen zum Kämpfen missbrauchen. – Die Kritik der BürgerInnen wurde mithin vom Parkgelände, als handele es sich in diesem Betracht um Sperrgebiet, und ins Abseits verbannt.

Die Massen nehmen den zugewiesenen Park in Besitz

Am Tag des Volksfests, dem folgenden Samstag (3.9.), strömten nach und nach Tausende aufs Parkgelände und wurden in bewährter Manier mit Bratwurst, Bier und Zuckerwatte verköstigt. Die AGG aber zeigte an ihrem Stand u.a. ein mit nummerierten Punkten versehenen Plan des Geländes und in einem großen Ringbuch entsprechend nummerierte Fotos.

BUND-Stand

BUND-Stand (AK Stadtnatur)

Auch der Arbeitskreis Stadtnatur des BUND Berlin, der die Verwendung der Ausgleichsmillionen namentlich für den Bau des Ostparks sehr kritisch sieht und dazu erneut eine Presseerklärung veröffentlichte, zeigte an seinem Stand Fotos des Vorher/Nachher, die mit einschlägigen Zitaten aus Protokollen, Loidlschen Erläuterungstexten etc. unterlegt waren. Besonders die mit faustgroßem Schotter [feinerer, so Grün Berlin, sei gerade nicht erhältlich gewesen − siehe Foto oben li.] belegte „ökologische Versuchsfläche“ (unterhalb des sog. Sportgleises zwischen Wäldchen und Fernbahn bzw. Fernradweg-Sackgasse), auf der die beim Abschieben des „kontaminierten“ Geländes eingesammelten und zwischengelagerten Larven seltener Laufkäfer nebst Königskerzensamen wieder ausgebracht worden sind, erregte ungläubiges Staunen bis Heiterkeit.

Kritische Meinungsäußerung unerwünscht

Vorher-Nachher-Installation

Vorher-Nachher-Installation

Vis-à-vis des SenStadt/Grün-Berlin-Stands aber wurde auf dem breiten Betonweg mit der Anmutung der früheren Transitstrecke eine Wand aus 25 Kartons errichtet, die aus 25 Bildteilen ein großes Foto zusammenfügten, das ein Beispiel der artenreichen Ruderalvegetation mit Goldrute, Hagebutten, Eichenschösslingen usw. zeigte (konkret den Bereich um die Gleiswaage). Diese Wand des Vorher sollte mit einem Fußball namens Grün Berlin zum Einsturz gebracht werden, wodurch der Blick aufs Nachher freigegeben wurde: den rechtwinklig durchgestylten, multifunktionalen Park.

Grün Berlin baut

Grün Berlin "baut"

Die Senatsvertreterinnen nahmen’s noch sportlich, beschwerten sich zwar darüber, dass auf dem Fußball „Grün Berlin“ und nicht „Senat“ als der eigentliche Vorhabenträger stehe und gerade der abgebildete Bereich vom Abbaggern verschont geblieben sei – die landeseigenen Grün Berlin GmbH aber handelt nun mal in Vertretung des Senats, und das Foto sollte für das stehen, was vielfältig verloren ist –, doch beschränkten sich gegenüber den BesucherInnen auf Gegenaufklärung.

Hausrecht im öffentlichen Raum

Grün-Berlin-VertreterInnen reagierten jedoch hell empört, vor allem auch, weil die zweite Überschrift des Bildes davor warnte, dass mit den geplanten 62 Millionen Euro aus Kompensationszahlungen für die Baufelder, die das Tempelhofer Feld umgürten sollen, das „Wiesenmeer“ vernichtet werde. − Die „Tempelhofer Freiheit“, wie sie die Projekt GmbH getauft hat, ist für die allermeisten wenn nicht ein Park, so doch eine wunderbare Landschaft, die − mit ihrem noch vorhandenen, für eine Metropole beispiellosen Vogelreichtum oder auch den für alle Arten von Bewegungssportarten geeigneten Start- und Landebahnen − am besten so bleiben sollte, wie sie ist.

BUND-Installation

Installation des Arbeitskreises Stadtnatur des BUND Berlin

Wurde KritikerInnen der Parkgestaltung also schon verwehrt, in der Fläche Fotos des Vorher aufzustellen, so kehrte der Geschäftsführer von Grün Berlin, Christoph Schmidt, nachdem er seinen kleinen Sohn vergeblich zum Umstürzen der Mauer anzustiften versucht hatte, den Hausherrn heraus: Der BUND habe kein Recht, diese Stelle zu nutzen, weil er dies vorher nicht ordnungsgemäß beantragt habe, und für den Fall, dass die Installation nicht umgehend entfernt würde, drohte Schmidt gar mit einer einstweiligen Anordnung.

Die BUND-Leute, einigermaßen verblüfft über dieses herrische Obrigkeitsgebaren, das nicht davor zurückschreckte, ins Grundrecht der freien Meinungsäußerung einzugreifen, noch dazu im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung, die doch auch von einer gelungenen zivilgesellschaftlichen Beteiligung künden sollte −, die BUND-Aktivisten schossen ihre Bildwand unter reger Anteilnahme des Publikums schließlich selber ein.

Diese brühköpfige Intoleranz lässt für den weiteren Umgang mit Partizipation sei’s in Flaschenhals und Nord-Süd-Grünzug, sei’s auf der „Tempelhofer Freiheit“ nichts Gutes erwarten und dementiert die Behauptungen von Lernfortschritten zumal im Umgang miteinander.

Ausgleichsgelder für Naturzerstörung zweckentfremdet

Schattensuche auf Vegetationsinsel

Schattensuche auf Vegetationsinsel

Um abschließend eine Formulierung aus der Tagespresse aufzugreifen, kamen je länger das Fest dauerte, desto mehr „Nörgler“ und auch „Nörglerinnen“ an den Stand − solche nämlich, die das Gleisdreieck von früher kannten − und bekundeten ihr äußerstes Missfallen mit der jetzigen Gestaltung des „City-Parks“ und ihr lebhaftes Bedauern, ja Trauer und Entsetzen über den Verlust eines Stücks „wild“, d. h. ungeplant, spontan und eigengesetzlich entstandener, unkultivierter Stadtnatur. Die Folgekosten der artifiziellen Natur durch Bewässerung, Pflege und Entwicklung werden erheblich sein, einfach die Natur zu beauftragen, käme ungleich billiger, doch dann könnten ja Landschaftsarchitekten und PlanerInnen, Baufirmen und am Ende Grün Berlin selber Aufträge entgehen. Das darf nicht sein! Da zerstört man im Jahr des Waldes und der Dekade des Schutzes der natürlichen Artenvielfalt doch lieber artenreiche Brachlandschaft und löst den Biotopverbund, den im urbanen Raum herzustellen neben Fluss- und Kanalufern gerade solche Bahnbrachen prädestiniert sind, in siebzehn sogenannte Vegetationsinseln auf.

Der Tag war trotz meteorologischem Herbstbeginn heiß und sehr eindrucksvoll zu beobachten, wie viele Menschen, ob alt oder jung, die öden Rasenweiten mieden und sich in den Schatten der „Inseln“ flüchteten.

Gefährliche Wildnis

Gefährliche Wildnis

Nachbemerkung

Um der Gefahr eines fatalen Missverständnisses vorzubeugen: Wir, die Mitglieder von BI/Verein BaL e.V., die wir nur die letzten paar Jahre, als es längst nicht mehr ums Ob, sondern nur mehr ums Wie dieses Grünzugs ging, zugunsten des Erhalts des singulären Charakters dieser Brachlandschaft mittaten, sind all jenen, die sich in verschiedensten Initiativen oder auf eigene Faust kontinuierlich über diese lange Zeit hindurch gegen Autobahn, Hochbebauung, Riesenrad und allen möglichen megalomanen Wahnwitz mit kaum glaublicher Beharrlichkeit und schließlich erfolgreich entgegenstemmten, zutiefst dankbar! Ohne ihren kaum zu überschätzenden Einsatz, lange bevor von Bürgerbeteiligung und zivilgesellschaftlicher Partizipation überhaupt die Rede war, wäre jedenfalls auch dieser Freiraum längst verschlossen und versiegelt.

Es ist aber bekanntlich so, dass sich die Zeiten in atemberaubendem Tempo verändern und ganz neue An- und Herausforderungen heraufgezogen sind, denen wir uns stellen müssen, um die rapide Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen wenigstens zu verlangsamen. Das anthropozentrische Denken, das Credo von Wachstum und Verwertung um jeden Preis, der ganze Western Way of Life − das ist mit Händen zu greifen − sind schon lange furchtbar gescheitert.

Deswegen können und dürfen wir uns nicht zufrieden geben mit der brachialen Umsetzung starrer, gründlich überholter planerischer Leitbilder und Paradigmen, welche nur immer eindimensional die menschliche Nutzbarkeit ins Zentrum stellen, müssen vielmehr die Komplexität des sich weltweit ausdehnenden urbanen Raums und der stadtökologischen Problemstellungen ernst nehmen und die längst und gerade auch in Berlin erreichten Wissensstände zu diesen existentiellen Fragen aus wohlverstandenem Eigeninteresse endlich ins Praktische wenden.

Dazu gehören, neben vielem anderen, eben auch Schutz, Erhalt und Ermöglichung unkultivierter Stadtnatur und Tolerierung vernetzter Zonen urbaner Wildnis.

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5 Kommentare

  1. Green said,

    7. September, 2011 um 21:13

    Was Anderes:

    Auf der BI-Webseite steht die BI-Veranstaltung im Radialsystem am 15.09. zum Mediationsverfahren „Zukunft Landwehrkanal“ fängt um
    19 Uhr an, oben auf der Agora webseite
    http://www.berlin-agora.de/1509-zukunft-des-landwehrkanals
    steht aber, sie fängt um 18 Uhr an.

    Was stimmt?

    • BaL said,

      7. September, 2011 um 21:25

      Die AGORA-Veranstaltung an Deck des Radialsystems V „Bürgerbeteiligung zur Zukunft des Landwehrkanals − Innenansichten aus Deutschlands größtem Mediationsverfahren“ am Donnerstag, 15. September, beginnt um 19 Uhr; Einlass ist ab 18 Uhr.

  2. jürgen julius irmer said,

    10. September, 2011 um 23:08

    …ja, „die riesige qualität“ sieht der liebe gute onkel dr.schulz fast überall.
    vermutlich auch auf der neuen asphaltpiste im görlitzer park (was für ein irrsinn!)…man möchte fast schon gar nix mehr sagen zu dem wahlweise junge-reyerschen oder hiesigen grünen stumpfsinn und tut`s hier doch: herr!, laß lebensnähe und geistesgegenwart regnen und laß ab von diesen gestalten;oder betreiben wir das womöglich selber?
    keine kreuzchen dorten?!das würde sie verblüffen…

    • BaL said,

      11. September, 2011 um 12:48

      Es hat ja am 12. Jaunuar zu den Hauptwegen im Görli-Wegesystem eine „Bürgerinformationsveranstaltung“ gegeben [siehe hier und hier]; ad hoc wurden Gegenvorschläge gemacht: Ortbeton, hell eingefärbter Asphalt etc., doch mit, die recht kleine Versammlung mehrheitlich überzeugenden Argumenten verworfen. Die allermeisten sprachen sich schließlich für diese „technokratisch-funktionale“ Lösung aus, die nun bei vielen Abscheu und Entsetzen erregt.

      Wir müssen im Rückblick sagen, es wurde mit Hinweis auf Zeitknappheit (Antragsfristen, „Verfallende Gelder“) auch nicht ergebnisoffen diskutiert, sondern wie so oft bereits mit festem Konzept aufgewartet und erfolgreich Akzeptanz beschafft.

      Ein Fall des sog. Paradoxons der Partizipation: Zu einem frühen Zeitpunkt, wo noch was zu ändern ist, fühlen sich nur wenige betroffen, bringen sich nicht viele ein, und dann, wenn sich die Planungen längst konkretisiert haben, womöglich schon die Umsetzung beauftragt ist, erwacht bei vielen erst der Widerstand und die Bereitschaft, sich zu engagieren, doch da ist dann kaum mehr was zu ändern. Oder kürzer: das Engagement wächst mit dem Sinken der Einflussmöglichkeiten.

  3. jürgen julius irmer said,

    13. September, 2011 um 22:04

    …das ist ja ein richtiger einwand!…mea culpa!..ich habe mich tatsächlich nicht beteiligt an der entwurfsprozedur. gründe sind:
    einerseits die naive vorstellung, daß sich unter bestimmten politischen voraussetzungen manche dummheiten an sich schon ausschließen (immer wieder weit gefehlt!),dann, daß die erfahrung zeigt:es werden einem ausufernd „varianten“ hergezeigt und zuletzt bekommt man doch nur das was offenbar längst geplant war.
    hier(vor meiner haustür) beim alfred-döblin-platz bekam man teils aberwitzige dinge gezeigt,offenbar um pläne (aus drei“ vorlagen“) durchzusetzen, die den „leitenden damen und herren“ gefielen…
    dieser görli-zinnober, diese offenkundige rennstrecke gemischt mit „jardin de luxembourg“-fantasien von ,mit verlaub, grünen spießern,
    spricht für sich allerdings selbst…


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