Berlinweites Platanen-Schinden

Von Treptow bis zum Märkischen Viertel

An der Puschkinallee wird noch bis Mitte Juli gesägt!

Vom Treptower Grünflächenamt war uns mitgeteilt worden [siehe hier und dort], dass die Beschneidung der Platanen in der Puschkinallee bis 10. Juni abgeschlossen sein soll, doch wie wir inzwischen von AnwohnerInnen erfahren haben, bezog sich diese Aussage nur auf den Abschnitt zwischen Elsenstraße und Zenner. Der Abschnitt „Am Teptower Park“ von Elsenstraße bis Matthesstraße wurde vom 11. bis 13. Juni bearbeitet, die Bäume zwischen Elsen- und Bouchéstraße waren vom 14. bis 24. dran, und entlang der Puschkinallee von Elsen- bis Eichenstraße kreischen vom 25. Juni bis noch zum 8. Juli die Kettensägen.

Allein der Lärm (durchaus auch an Wochenenden und noch bis in die Ferienzeit) raubt AnwohnerInnen − noch dazu beim Gedanken, warum es da lärmt −  den letzten Nerv.

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Naturschutzverbände halten sich in Treptow zurück

Von NABU wie BUND aber bekommt man auf Nachfrage zu hören, dass die Baumpfleger sehr wohl jeden Baum spezifisch behandeln und sich z. B. alle erdenkliche Mühe geben, auf Zugäste zu schneiden, d. h. an der Schnittstelle jenen Trieb verschonen, der die vom Baum eingeschlagene Wuchsrichtung fortführen kann, so dass der Kronenhabitus so gut es geht erhalten bleibt.

Auch werde jeweils noch genug Laub, also Assimilationsfläche für die Photosynthese belassen, so dass der Baum nicht die letzten Reserven aufbrauchen muss, um neue Blätter zu bilden.

Zu begrüßen sei doch, dass die von der Massaria-Krankheit befallenen Bäume, die manche Sachverständige anfangs gleich ganz fällen wollten, durch den Einsatz der Naturschutzverbände und der Unteren Natur- bzw. Denkmalschutzbehörde von Treptow-Köpenick  erhalten werden konnten. Sicher sehe es derzeit sehr kahl und traurig aus, doch es bestehe Anlass zur Hoffnung, dass die Platanen bereits im nächsten Jahr wieder gut austreiben und in ein paar Jahren erneut ein Dach über die Straße ausbilden. (Dieser Baldachin, der die denkmalgeschützte Allee so einzigartig machte, ist jedoch gar nicht mehr erwünscht.)

AnwohnerInnen und auch die BaL sehen das anders, sei es, was das behauptete individuelle Herangehen oder aber die Kronenreduktion um nur vierzig Prozent betrifft − dieses Maß wird vielfach großzügig überschritten (pikanterweise bspw. nicht, wenn man aus Richtung Kreuzberg über die Schlesische Straße Richtung „Am Treptower Park“ kommt: Die Bäume am Eingang in besagte Straße wurden wesentlich weniger beschnitten und hier die 40% wohl eingehalten) −, sei es, was das Ausmaß des Massaria-Befalls angeht: Der übergroße Teil der eilig geschredderten Stark- und Grobäste weist, wie schon früher bemerkt, kaum Schadsymptome auf, und Totholz findet sich überhaupt nur in sehr geringem Anteil unter dem Schnittgut.

Verstoß gegen Artenschutz-Vorschriften

Alarmierend auch der Hinweis einer Anwohnerin, dass ein langjährig hier brütendes Mäusebussard-Paar „natürlich schon längst in die Flucht geschlagen“ worden sei. − Wie uns nämlich andererseits versichert wurde, werden die Arbeiten artenschutzfachlich begleitet. Auch die zahlreichen „Revierkrähen“ sind verschwunden, und ob die vielen, gewöhnlich im Unterholz an der Puschkinallee nistenden Bodenbrüter wie Nachtigall und Rotkehlchen in dieser Saison dort ihr Brutgeschäft verrichtet konnten, darf füglich bezweifelt werden.

Eben drum sind in der Zeit zwischen 1. März und 30. September nach Naturschutzrecht Schnittmaßnahmen nur in begründeten Einzelfällen erlaubt und ein Verstoß gegen den einschlägigen § 42 BNatSchGes in den vorliegenden Fällen sehr wahrscheinlich, denn

Schlimmer kommt’s immer

Beispiel Märkisches Viertel

Bei allem wurde nämlich am Wochenende klar, dass die Puschkin-Platanen noch Glück im Unglück gehabt haben, wenn wir uns das Desaster anschauen, was entlang des Wilhelmsruher Damms im Reinickendorfer Märkischen Viertel angerichtet worden ist. Mitten in der Vegetations- und Brutperiode haben fachlich eher unbedarfte Kräfte eine Allee von knapp vierzig Platanen nach Schema F in die berüchtigten Garderobenständer verwandelt und akribisch so gut wie allen Blattwerks beraubt. Ob es im Vorfeld eine artenschutzfachliche Begutachtung gegeben hat, ist fraglich, denn höchst unwahrscheinlich, dass sich in keinem der Bäume Niststätten befunden haben.

Scharfe Kritik des BUND Berlin

Hier hat der BUND Berlin schon am Freitag eine geharnischte Pressemitteilung herausgegeben − „Platanen kaputt gepflegt“ −, deren Aussagen wir vollumfänglich unterstützen. Dreivierteln der Bäume wurden zu allem Überfluss in Missachtung einschlägiger Vorschriften und bemerkenswerter Rücksichtslosigkeit erhebliche Schäden im Wurzelbereich zugefügt, die nun − zumal bei dieser feuchtwarmen Witterung − Pilzinfektionen weit offen stehen. Infolge des fast vollständigen Verlusts der Belaubung und damit der Möglichkeit, Kohlenhydrate zu synthetisieren, können solche, aber auch bakterielle Erkrankungen weder abgewehrt noch davon befallene Teile abgeschottet werden.

Somit wurden mal wieder, um Pflegekosten zu sparen bzw. versäumte Pflege auf einen Hieb nachzuholen, vitale Bäume in Dauerpflegefälle verwandelt und ihre ökologische Funktionalität für Mensch und lebendige Mitwelt für absehbare Zeit, wenn nicht für immer vollständig zerstört, mit Ästhetik und Stadtbild gar nicht erst anzufangen, denn hier scheinen sie im Reinickendorfer Grünflächenamt, wo man die Bäume „in Form gebracht“ zu haben meint, dem Kubismus anzuhängen.

Bezeichnenderweise ist der hochkomplexe Organismus Baum vor dem Gesetz ja nur eine „Sache“ − wohlan: dann handelt es sich hier um behördliche Sachbeschädigung, die in doppelter Hinsicht zulasten der Allgemeinheit und der SteuerzahlerInnen geht. Der BUND-Baumreferent Hönig spricht mit Blick auf die Verkehrssicherheit des stark frequentierten Wilhelmsruher Damms von grob fahrlässigem Vorgehen.

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1 Kommentar

  1. M. Walsdorff said,

    5. Juli, 2011 um 9:42

    Die Platanen in der Puschkin Allee und Am Treptower Park sehen nach wochenlangen „BAUMpflegearbeiten“ derart gerupft aus, dass niemand mehr daran glauben kann, dass dies NUR wegen des angeblichen Befalls vonstatten gegangen ist.
    Eher wahrscheinlich ist die Vorbereitung einer späteren Fällung der Platanen so wie es auf dem Parkplatz Bouchèstraße Ecke Puschkin Allee vor ein paar Monaten in aller Stille vollzogen wurde.
    Hier kamen auch zunächst die „Baumpflege-Trupps“ und beschnitten das obere Blattwerk. Am nächsten Tag aber wurden drei wunderschöne und m.E. nach vollkommen gesunde Platanen einfach gefällt und der Stumpf ausgegraben, so dass niemand mehr auf die Idee kommen konnte, dass da jemals Bäume gestanden haben könnten….
    Die Anwohner des Rudolf-Kiezes betrachten die Baumpflegearbeiten und die weitern Bauarbeiten entlang der Straßen Am Treptower Park und Puschkin Allee mit großer Sorge. Schon heute staut sich die Blechlawine bis weit über das Schlesiche Tor hinaus und der Weg zum Einkaufen beispielsweise im Park-Center ist eigentlich nur noch mit einer Atemschutzmaske zu bewältigen.
    In der Hoffnung darauf dass dies hundertjährige Allee nicht gänzlich dem Ausbau der A100 zum Opfer fällt und die Verantwortlichen doch noch Vernunft annehmen…. eine Anwohnerin!


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