Baldachin der Puschkinallee wird gekappt

Vollzug der lange geplanten Sanierung zur Unzeit

Nach der Rodung des Unterwuchses und der Fällung von ca. dreihundert Bäumen (Ahorne, Robinien, aber auch Eichen) entlang der Treptower Puschkinallee während des vergangenen Winters, was ganze vegetationsfreie Abschnitte hinterließ, geht es nun seit einer Woche den sechshundert denkmalgeschützten, größtenteils über 130jährigen Platanen an die Krone. Etliche BürgerInnen haben uns augeregt angerufen, um uns zu alarmieren, doch wir konnten immer nur entgegnen, dass die Maßnahme lange geplant und auch angekündigt worden ist.

Puschkinallee ohne Baldachin

Puschkinallee ohne Baldachin (Zur Diashow bitte anklicken!)

In Umsetzung einer von Professor Balder von der Beuth-Hochschule für Technik Berlin erarbeiteten, die Platanen individuell betrachtenden und unter Beteiligung von Naturschutzverbänden und BürgerInnen in einem Abwägungsprozess ausgewählten Sanierungskonzepts wird der einzigartige grüne Baldachin in rund 25 Meter Höhe verschwinden: die Kronen der kränkelnden, unter anderem am Massaria-Pilz leidenden Bäume werden um vierzig Prozent ausgelichtet. Die Alternative wäre nur gewesen, die Straße für den Autoverkehr zu sperren −, und diese Option befindet sich natürlich jenseits alles Vorstellbaren.

Nach unserer unmaßgeblichen Meinung gehen die Schnittmaßnahmen jedenfalls viel zu weit, ist auch von einem individuellen Herangehen wenig zu sehen und weist das Schnittgut neben kranken Starkästen auch eine Vielzahl augenscheinlich gesunder auf. Ob und wie die alten Bäume mit ihren unzähligen Wunden bei der derzeitigen hohen Luftfeuchtigkeit mit Pilzsporen und anderen Keimen klarkommen, wird sich zeigen.

Und dass ein derart gravierender Kronenschnitt ausgerechnet im Mai, also mitten in der Vegetations- und Brutperiode vorgenommen werden muss, ist uns nach wie vor völlig unbegreiflich und stößt auch bei MitarbeiterInnen des bezirklichen Grünflächenamts auf Kritik. Zahlreiche Bäume dienen Haus- und Feldsperling, Staren, Spechten, Baumläufern, aber auch Fledermäusen als Niststätte bzw. Wochenstube und vielen weiteren Arten als Nahrungs- und Rückzugsraum.

Artenschutzfachliche Begleitung

Anders als etwa im grün regierten Nachbarbezirk Friedrichshain-Kreuzberg bleibt immerhin die artenschutzfachliche Prüfung nicht der Gartenbaufirma anheim gestellt, sondern der erfahrene Biologe und Gutachter Tobias Teige vom NABU Berlin begleitet und überwacht die Arbeiten. Auch der BUND hat der Maßnahme ausgerechnet zu einer Jahreszeit, da nach Bundesnaturschutzgesetz und Bundesartenschutzverordnung nur in besonderen Ausnahmefällen Schnittmaßnahmen zulässig sind, sein Plazet erteilt −, „da ist politisch nichts mehr zu machen“, meint der umweltpolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, Stefan Ziller, und bedauert wie viele BerlinerInnen, dass die berühmte Allee nun ihren unvergleichlichen Charakter vollständig einbüßt.

Bis zum 10. Juni wird noch weiter gesägt: dann ist ein weiteres grünes Wahrzeichen Berlins dahin.

Puschkinallee ohne Baldachin

Puschkinallee ohne Baldachin (Zur Diashow bitte anklicken!)

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21 Kommentare

  1. Probaumpflege said,

    29. Mai, 2011 um 16:53

    Die beste Zeit für den Baumschnitt ist der Sommer. Wie der gut geschriebene Bericht auch aufzeigt wurde sehr viel Zeit in die Information aller Beteiligten investiert.

    Die Bäume wurden alle einzeln betrachtet und zu jedem Baum der Schnitt festgelegt, dies zeigen auch deutlich die Bilder in der Diashow.

    Wir müssen uns darüber klar sein, dass ohne den Baumschnitt für Berlin diese Allee in 5-10 Jahren komplett verloren gewesen wäre. Jetzt besteht die Chance durch gezielte Pflege und Baumschittmaßnahmen diese Allee noch lange für Berlin zu erhalten und weiter zu entwickeln.

    Es ist falsch den Baumschnitt immer wieder zu verteufeln, weil er in der Stadt einfach notwendig ist. Allerding müssen die Schnitte fachgerecht durchgeführt werden und jede Baumart muss für sich betrachtet werden.

    • jürgen julius irmer said,

      8. Juni, 2011 um 20:45

      …ich bin ja eher laie auf dem gebiet, aber hatte jetzt mehrfach gelegenheit den facon-schnitt da zur kenntnis zu nehmen und befürchte, daß die platanen nach diesen eingriffen auf mittlere sicht nicht mehr zu sich kommen werden.
      ohne kronen und stark entblättert im abgasdauerfeuer, wie sollen die sich erholen?

      • BaL said,

        8. Juni, 2011 um 21:58

        Genau! Und besonders bei Altbäumen, bei denen Kronenauslichtung, Verjüngungsschnitte u. dgl. ohnehin gänzlich unterbleiben sollten, wirkt sich zumal in der Vegetationsperiode ein derart massiver Verlust an – im Vgl. zu den verholzten Teilen ohnehin verminderten – Assimilationsfläche fatal auf den Energiehaushalt aus, führt zur allgemeinen Schwächung und gerade erhöhten Anfälligkeit gegenüber Parasiten. – Time will tell…

      • baumfreund said,

        10. Juni, 2011 um 18:26

        Hätte man die Bäume nicht geschnitten, was schon lange überfällig war, wäre es immer häufiger zu Astbrüchen gekommen und es hätte sich immer mehr Totholz gebildet.

        Dieses Totholz hätte man auf jeden Fall entfernen müssen und damit die Bäume weiter in die Höhe getrieben.

        Die Bäume werden durch die schlafenden Augen wieder austreiben und schon zum Herbst ganz anders aussehen als heute. Abgase sind unsere Straßenbäume in der gesamten Stadt ausgesetzt. Bäume sind Überlebenskünstler, die wir Menschen in die Stadt geholt haben damit wir unserer Lebensumfeld verbessern. Man scheint immer wieder zu vergessen, dass wir in Berlin mit gestalteten Grünräumen leben.

        Also müssen wir bei Fehlentwicklungen auch eingreifen.

  2. jürgen julius irmer said,

    10. Juni, 2011 um 23:01

    …“bei fehlentwicklungen eingreifen“?
    vegetationswuchs kujonieren?
    baum sei froh, daß du von unsern gnaden stramm an der straße stehen darfst?
    muckst du auf (wächst etwa falsch): zack, ab die krone!
    etwas plastischer nehme ich das leben der menschen in der stadt mit der vegetation doch wahr…

    p.s.: das totholz entfernt werden muß ist völlig unbestritten, aber das was da runter kam war in vollem saft!
    (totholz entfernen wäre baumpflege und dafür reichen, von den zuständigen behörden zugegeben, die mittel nicht…)…

    • Probaumpflege said,

      11. Juni, 2011 um 8:15

      Falsch wir haben den Baum dazu verbannt an der Straße zu stehen und wenn er wegen Fehler der Menschen seinen normalen Habitus nicht ausprägen kann, muss der Mensch auch eingreifen. Ansonsten bliebe in absehbarer Zeit nur der Schnitt in einem Meter Höhe.

      Das alle Schnittmaßnehmen verteufelt wurden hatten wir schon mal in den Achtziger Jahren, das Ergebnis sind ein großer Anteil der heutigen Fällungen und kein seiner Verantwortung bewusster Baumpfleger wird trotz aller Kritik nochmals den selben Fehler machen.

      Über das Grünflächenamt zu meckern ist einfach, aber wo sind die Alternativen? Um unsere Stadtbäume zu erhalten müssen alle zusammen arbeiten und sich auch gegenseitig ernst nehmen und was ganz wichtig ist vertrauen. Dieses Vertrauen muss erarbeitet werden, dass heißt aber auch mit den Ämtern reden.

      Bevor ich hier voreilig Urteile würde ich erst mal abwarten wie sich die Bäume weiter entwickeln, hier darüber berichten und dann Schlüsse ziehen. Ober passt eine objektive Bewertung von Fakten nicht in diesen Blog ???

      • jürgen julius irmer said,

        12. Juni, 2011 um 22:54

        …stimmt, zu „objektiven bewertungen“ bin ich etwas außerstande.
        what you see is what you get ist eher meine wahrnehmung.
        ich möchte mich aber auch an keinem „kulturkampf“ beteiligen.
        dass allerdings sich der bürger das vertrauen der ämter „erarbeiten“ soll klingt genau nach der welt, die mich umgibt: Obrigkeitsstaat!
        nichts für ungut, aber der golfplatzrasen rund ums bethanien nebst vernichtung von botanischen „angsträumen“ + dem gleisdreieck-park-absurdistan,albernheiten im görlitzer park etc. macht mir das grünflächen“amt“ nicht gerade sympathischer.

        was bleibt mir anderes übrig, als abzuwarten ob die 130 jahre alten (jetzt verstümmelten) alleebäume an der puschkinallee haltung bewahren…

  3. Probaumpflege said,

    13. Juni, 2011 um 16:17

    Der Bürger soll sich nicht das Vertrauen der Verwaltung erarbeiten, sondern es muss um ein miteinander gehen.

    Auch in der Verwaltung gibt es nicht nur Engel sondern sicherlich auch viele Betonköpfe, mit denen man sich aber auseinander setzen muss sonst geht immer alles so weiter.

    Wichtig ist sich den großen Herausforderungen der nächsten Jahre zu stellen, dann man muss kein Hellseher um zu wissen, dass für die Grünpflege nicht wesentlich mehr Geld ausgegeben werden kann bzw. wird.

    Dies geht nur mit allen zusammen die unser Grün erhalten und weiter entwickeln wollen im welcher Form auch immer. Man muss hier allen Möglichkeiten gegenüber offen sein.

    Allerdings geht dies nur objektiv, mit der Mehrheit der Menschen und mit den Pflanzen bzw. Bäumen. Wenn man gegen diese Faktoren arbeitet geht es meistens schief.

  4. Baumfee said,

    13. Juni, 2011 um 16:46

    @Jürgen

    Kann Dir nur recht geben: wir mühen uns seit Jahr & Tag, mit der Verwaltung zusammenzuarbeiten und erleiden doch immer wieder herbe Rückschläge. Die BürgerInnen sind und bleiben für viele in den Ämtern offenbar nur notwendiges Übel, lästige Randbedingung, allenfalls „Kunden“ und dass wir noch nicht aufgegeben haben, wundert mich selbst oft genug.

    • Probaumpflege said,

      14. Juni, 2011 um 12:24

      Sicher ist es nicht einfach aber wahrscheinlich der richtige Weg, sonst behalten die Menschen in den Ämtern recht, die es schon immer gewusst haben, dass Bürgerbeteiligung nichts bringt.

      Ich glaube Ihr habt in den letzten Jahren einiges erreicht, was bei vielen zu einem Umdenken oder zumindest zu einem Nachdenken geführt hat.

      Wunder darf man in der Berliner Verwaltung nicht erwarten, dazu ist sie einfach zu träge.

  5. jürgen julius irmer said,

    14. Juni, 2011 um 23:20

    …der ursprung der bürgerlichen demokratie war die partizipation von allen repräsentativ am gesellschaftlichen leben in allen facetten.
    jetzt muß sich der noch restkräftige bürger ständig mit einer hartleibigen und uneinsichtigen bürokratie herumschlagen.
    heute hat man obendrein begriffen, daß auch das weiterwählen der „wutbürger“ (stuttgart 21) zu gar nichts führt.
    so bleibt einem wahrscheinlich nur noch der zivile ungehorsam zur mitgestaltung der umgebung in der man leb(t)en möchte.

  6. tom said,

    18. Juni, 2011 um 10:48

    es ist doch fatal, daß man diese bäume gerade dann so zurichtet, wenn sie in vollem saft stehen. so etwas bringen nur ignoranten fertig!

    • Probaumpflege said,

      19. Juni, 2011 um 6:07

      Nein Fachleute oder wann ist sonst der richtige Zeitpunkt um diese Bäume zu schneiden ?

  7. Brita Bredel said,

    18. Juni, 2011 um 23:27

    Da ich im Plänterwald aufgewachsen bin, kenne ich dies Allee seit 43 Jahren.
    Es bricht mir das Herz!
    Gern würde ich den Ämtern und beteiligten Fachleuten vertrauen, aber bei allem, was wir in unserer Straße erlebt haben, ist das nicht möglich.
    Unsere 80-jährige Linde hatte nur eine einzige Schnittstelle und der eindringende Pilz und die ausbleibende Hilfe des Grünflächenamtes hat sie zu Fall gebracht.
    Ich mache mir große Sorgen um die Bäume.

    • Probaumpflege said,

      19. Juni, 2011 um 6:21

      Was soll ein Grünflächenamt gegen eine holzzerstörenden Pilz machen der in einen Baum eingedrungen ist und das Holz abbaut ?

  8. tom said,

    19. Juni, 2011 um 15:32

    Probaumpflege sagte,
    19. Juni, 2011 um 6:07
    Nein Fachleute oder wann ist sonst der richtige Zeitpunkt um diese Bäume zu schneiden ?

    was für eine dumme frage. zum bsp. dann, wenn sie nicht im vollen saft stehen?

    • Probaumpflege said,

      19. Juni, 2011 um 18:06

      Das wäre dann der Winter wenn der Baum die Wunden nicht abschotten kann und alle Pforten für Pilze weit offen stehen.
      Ich glaube man sollte sich mit dem Lebewesen Baum erst einmal beschäftigen bevor man über andere urteilt.
      Ach bevor ich es vergesse, Fragen sind nie dumm weil sie zum Nachdenken anregen.

  9. jürgen julius irmer said,

    21. Juni, 2011 um 22:20

    …heute nachmittag bin ich nochmal die puschkinallee vom s-bahnhof treptower park bis zum rathaus treptow `runter spaziert à la hansguckindieluft.
    das hat das grauen noch verstärkt!
    die jüngeren und straßennahen platanen hat man zu sinnlosen spottgestalten verunstaltet, die kaum noch ein blatt an sich haben (warum dieser umweg?die hätte man ganz niedermachen müssen!).
    aber das scheint sowieso eine böse tendenz zu sein:
    es hat sich herumgesprochen, daß die leute das umlegen der bäume nicht besonders goutieren, da werden sie halt verstümmelt als so eine art zwischenform.
    wer diese bäumeschinderei vertritt und verteidigt hat jedenfalls nicht meine sympathie…

    • Probaumpflege said,

      22. Juni, 2011 um 5:53

      In der Baumpflege werden nur kranke und nicht mehr Standfeste Bäume gefällt.

      Diese Schnittmaßnahmen wären in diesem Ausmaßnicht nicht notwendig gewesen hätte man bereits rechtzeitig durch Schnittmaßnahmen eingegriffen. Man muss in der Baumpflege immer im Alter teuer bezahlen für die Sünden in der Jugendphase ( nicht erfolgte Erziehungsschnitte ).

  10. tom said,

    22. Juni, 2011 um 18:48

    ich habe nichts gegen baumpflege und begrüße sie, aber die methoden sind fragwürdig: bäume ende juni zu schneiden, nachdem sie voll ausgeschlagen haben, voll im saft stehen usw. ist schlicht ignorant. und nein, es muss nicht unbedingt der winter sein.

    es gibt ja nun heutzutage leider kein richtiges verständnis mehr für bäume usw. wenn ich da lese, das jeder dieser bäume als wesen betrachtet und begutachtet wurde und danach geschnitten wurde, muß man ja nur sarkastisch lachen. schön wäre es gewesen, wenn das tatsächlich so der fall gewesen wäre…

    • Probaumpflege said,

      23. Juni, 2011 um 5:56

      Die Hauptschnittzeit beginnt im März und endet Ende November. In der Frostphase sollte man je nach Wetterlage nur die notwendigen Fällungen durchführen und Totholz entfernen.

      Es werden generell der Verkehrsraumschnitt, Pflegeschnitte und notwendige Kronenreduzierungen im Sommer durchgeführt.

      Dies ist auch für den Baum gut weil der in der Lage ist sofort die Schnittstellen abzuschotten. Genau das ist das richtige Verständnis für die Bäume.

      Wenn ich alles anzweifele muss ich auch Alternativen aufzeigen, wo sind diese?


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