Vom Volks- an den Gleisdreickpark

Nachträge aus einer ereignisreichen Woche Eine drangvolle Termindichte in der vergangenen Woche, gipfelnd im Attac-Kongress Jenseits des Wachstums!? in knackevollen Hörsälen der TU, deren Mobiliar in fünfzig Jahren mit einer Behutsamkeit saniert wurde, wie wir sie uns in naturnäherer Umgebung so vergeblich wünschen, hat uns leider verhindert, in unsern Augen wichtige Ereignisse hier im Blog ausführlich zu würdigen − was allerdings zum Teil auch dem Umstand geschuldet sein mag, dass wir die Erinnerung mancher ReferentInnen an Leitmotive wie Entschleunigen, Gesundschrumpfen, Zeitwohlstand, Weniger ist mehr u.dgl. als sehr beherzigenswert empfanden. [Update: Siehe auch hier, hier und dort.] Doch im Folgenden möchten wir wenigstens noch auf einiges bezirklich Relevante eingehen. [Update: Siehe auch die Präsentation der Planungsentwürfe zum sog. Baufeld Mitte an der Flottwellstraße, was zur Vorbereitung auf die mit einer Info-Veranstaltung am 30.5., 18 Uhr im BVV-Saal, Rathaus Kreuzberg offiziell beginnenden BürgerInnenbeteiligung nützlich sein kann.]

Gutachten zum Gehölzbestand der Bunkerberge

So gehörte die Präsentation eines Zwischenstands des Gutachtens zum Großen Bunkerberg im Volkspark Friedrichshain, womit die Landschaftsarchitkektin Frau Dr. Markstein und der Baumsachverständige Nico Klöhn vom Bezirk beauftragt worden sind, zum seit längerem Erfreulichsten, dem wir im Friedrichshain-Kreuzberger Umweltausschuss beigewohnt haben, zumal vorm Hintergrund, dass es vor einem halben bis dreiviertel Jahr noch hieß, die Humusschicht auf dem Trümmerschutt sei so dünn, dass Hunderte Bäume mehr oder minder umsturzgefährdet seien, weshalb zunächst 95 aus Verkehrsicherungsgründen gefällt werden müssten und ansonsten an einem umfassenden Gehölzumbau kein Weg vorbeiführe.

Konzeption 01

Markstein-Gutachten Bunkerberge Volkspark Friedrichshain - Konzeption 01

Da die Ausschussmitglieder etlichen Fällungen inmitten der letztjährigen Vegetations- und Brutperiode nicht ohne weiteres zustimmen mochten, blieb auch die Absperrung mit Bauzäunen einstweilen stehen und, einer in Auftrag gegebenen Einzelbaumbegutachtung folgend, wurden nur jene als standunsicher beurteilten Bäume gefällt, die auf einen Weg hätten stürzen können. Insgesamt gab es ca. vierzig Fällungen: zwanzig innerhalb und zwanzig außerhalb der Absperrung. Die Forderung von engagierten BürgerInnen und BaumschützerInnen von BUND und BaL nach einem wissenschaftlichen Gutachten, das Bodenbeschaffenheit und Gehölzbestand ganzheitlich in den Blick nimmt, war bei der UMV-Mehrheit wie im AUN auf offene Ohren bzw. Türen gestoßen, da das Amt solches längst vorgehabt habe. Und heute vor einer Woche (17.5.) im UMV erfuhren nun Bezirksverordnete wie Gäste, dass, obwohl die Datenlage noch unvollständig sei, die Bodenuntersuchungen (Transektkartierung mit 35 Bohrstockaufnahmen sowie Schürfgruben) noch weit positivere Ergebnisse gezeigt habe als erwartet. Der karbonatreiche Boden sei von einer Qualität, wie sie sich in natürlichen Wäldern finde, der Schadstoffgehalt liege durchweg unterhalb der zulässigen Grenzwerte, und seine Beschaffenheit stehe in keinerlei Zusammenhang mit den Windwürfen, wie sie in der Vergangenheit unter Pappeln und Robinien vorgekommen sind. – Die These der BaumschützerInnen wurde damit aufs Eindrücklichste bestätigt.

Konzeption 02

Markstein-Gutachten Bunkerberge Volkspark Friedrichshain - Konzeption 02

Im einzelnen verwies die Landschaftsarchitektin auf die seinerzeit gegen Hangrutschungen angelegten künstlichen Konstruktionen mit Schutzfunktion wie Steinterrassen und Stützmauern, sowie darauf, dass bei Altbäumen, die wertvolle ökologische und Habitatdienste leisten, sehr sorgfältig abgewogen werden müsse, ob sie aus Verkehrssicherungsgründen dennoch zu fällen sind, damit dies, wenn sie nicht unmittelbar an Wegen stünden und ParkbesucherInnen gefährden könnten, möglichst unterbleibt. – Die gehäuft abgängigen Graupappeln hätten dagegen mit sechzig Jahren ihren Zenit erreicht und könnten sukzessive herausgenommen werden –, doch wir neigen hier eher jener fachlichen Auffassung zu, wonach der ökologische und naturschutzfachliche Wert auch von Hybridpappeln weit besser ist als sein Ruf, und die auch eher von einer achtzigjährigen Lebenserwartung ausgeht. Und der Baum, der letztes Jahr auf eine zum Glück unbesetzte Bank stürzte, war, wie erinnerlich, eine Robinie. Frau Markstein widersprach auch der Auffassung, dass die auf den Bunkerbergen zahlreichen Ahornbäume ökologisch geringerwertig seien, denn hier handele es sich gerade nicht um die überall im Stadtgebiet anzutreffenden Spitzahorne, sondern um den auf dem Rückzug befindlichen Feldahorn.

Öffentlichkeitsarbeit und Monitoring

Markstein-Gutachten Bunkerberge VP F'hain - Öffentlichkeitsarbeit und Monitoring

Die Gutachterin riet, Bereiche der natürlichen Eigendynamik und Verjüngung zu überlassen und keinesfalls Bäume aus gestalterischen Gründen oder zur Herstellung von Sichtbeziehungen zu fällen, sondern allenfalls an vier ausgewählten Stellen das Buschwerk auszulichten. Hierzu soll im Juni das Freizeitverhalten und die Frequentierung der Bunkerberge erfasst werden. Befremdlich fanden wir Frau Marksteins Rat, an diesen Stellen z. B. Büsche Falschen Jasmins „runter zu setzen“, nicht nur weil man das den GrünpflegerInnen wahrlich nicht noch eigens zu sagen braucht, die vorzugsweise zu Beginn der Brutperiode Sträucher, wenn sie denn schon an der Reihe sind, ohne Ansehen der Art und womöglich per Kettensäge eine Handbreit überm Boden kappen, sondern weil der Gartenjasmin (Philadelphus x virginalis) nur unmittelbar nach der Blüte und auch nur, falls erforderlich, ausgelichtet, aber keinesfalls zurückgestutzt werden darf, da er auf diese Weise auch im Folgejahr die Blüte einbüßt und bei solcher Behandlung über kurz oder lang verkümmert.

Zum Zeitplan: Im Oktober soll eine vorläufige Fassung des Gutachtens vorliegen, Ende Oktober die Öffentlichkeitsarbeit beginnen und im November eine Monitoringsphase erfolgen [siehe Folien].

Vegetationsstrukturen

Markstein-Gutachten Bunkerberge Volkspark F'hain - Vegetationsstrukturen

Fraktionsübergreifend wurde die Präsentation beifällig aufgenommen, nur der BzV der CDU, Götz Müller, verlangte zu wissen, wann denn nun besagte 95 Bäume vollständig gefällt würden, damit endlich der tausende von Euro verschlingende Bauzaun verschwinden könne. Hier stellte Frau Rähm vom Fachbereich Naturschutz dankenswerterweise mal klar, dass teuer bei so einem Zaun Anfahrt, Auf- und Abbau seien, die monatliche Standmiete aber nur drei bis vierhundert Euro ausmache. Für diesen Betrag kann man gerade mal einen Baum fällen lassen. − Die Frage, warum der Baumsachverständige Hartmann beauftragt worden sei, beantwortete Baustadtrat Panhoff mit dem Hinweis, dass es dabei um eine Einzelbaumbegutachtung im Hinblick auf Verkehrssicherheit gegangen sei, nicht aber um pflanzen- und waldsoziologische sowie bodenkundliche Fragestellungen.

Flottwellpromenade – Baufeld Mitte

„Verzahnung von Urban und Park“

Anderntags (18.5.) im StadtPlan-Ausschuss mit aus den Nähten platzender Tagesordnung wurden gleich vier Bauprojekte verhandelt, davon drei mit der VIVICO als Bauherrin. Wir wollen uns hier nicht mit den, eine umfassende BürgerInnenbeteiligung und den siegreichen -entscheid nachgerade unverschämt ignorierendes, auf Akzeptanz und sozialen Frieden pfeifendes Vorhaben auf dem Anschutz-Areal, eben den drei „ausgreifenden Fingern“ der Daimler-Dependance mit einem vierten, 52 Meter in die Höhe gereckten, Mercedesstern gezierten nahe Oberbaumbrücke sowie andererseits der geplanten Bebauung des Geländes südlich Schillingbrücke („Maria am Ostbahnhof“) in Friedrichshain befassen [siehe dazu auch hier] − trotz diverser Modifikationen ist auch dieser Entwurf laut Carsten Joost von der Initiativkreis Mediaspree versenken nur ein weiterer „fauler Kompromiss“ −, sondern uns im folgenden auf die Planung zur Flottwellpromenade entlang der gleichnamigen Straße westlich des Gleisdreieck-Westparks konzentrieren, wo schon mal, obgleich doch Lage und Gestalt der Baukörper noch sehr im Ungefähren liegen, bekanntlich bereits vergangenen Winter vorauseilend alles Baumähnliche weitestgehend abgesägt und sicher längst in Pelletheizungen nachhaltig verfeuert worden ist.

Präsentation Flottwellpromenda - Baufeld Mitte 01

Präsentation Flottwellpromenda - Baufeld Mitte 01 (Variantengenese)

Zumal im Vergleich zum gutsherrlichen Auftreten der Protagonisten des Daimler-Projekts wirkten die PlanerInnen Petersen (sie ist auch beim Möckernkiez und Hellweg involviert), Claus Neumann („seit 30 Jahren stark in Berlin verwurzelt“) und Hegemann partizpationsfreundlich bemüht, flexibel, geradezu avantgardistisch −, doch auch Henrik Thomsen, Leiter VIVICO Berlin, der übrigens dringend eine Kommunikationsberatung konsultieren sollte, nickte wohlgefällig. Fokus der Planung ist zunächst der mittlere Teil des Baufelds an der Flottwellstraße, kurz das „Baufeld Mitte“ [nicht zu verwechseln mit dem „Urbane Mitte“ genannten auf der östlichen Seite im Bereich des Debis-Parkhauses]. Bei dem in Rede stehenden Baufeld mit 10.500 m², wofür der Rahmenvertrag eigentlich eine GFZ von 3,5 festgesetzt hat, wird diese mit Rücksicht auf die Einbettung in den umgebenden Stadt- und vor allem (West-)Parkraum bewusst nicht ausgeschöpft, sondern bei einer GRZ von 0,7 mit 2,4 deutlich unterschritten.

Präsentation Flottwellpromenda - Baufeld Mitte 02

Präsentation Flottwellpromenda - Baufeld Mitte 02 (dito)

Aus sechs Varianten haben die PlanerInnen eine Vorzugsvariante destilliert [siehe die nicht gerade gelungenen Aufnahmen, aber von der Seite und im schlecht ausgeleuchteten Raum fotografiert sich’s nun mal entsprechend (click the pic!)], wollen insbesondere keine geschlossene Bebauung, keine homogene architektonische Struktur, hatten zunächst etwas „Mäanderndes“ im Sinn, dem dann mehrere (fünf bis sieben) verschieden große U-förmige Gebäude entsprossen. Jedes soll nach Möglichkeit von einem anderen Architekten entworfen werden, auch um auf die architektonische Diversität des Umfelds zu antworten.

Präsentation Flottwellpromenda - Baufeld Mitte 03

Präsentation Flottwellpromenda - Baufeld Mitte 03

Die Traufhöhe orientiert sich an der umliegenden Bebauung, soll also ca. zwanzig Meter betragen, mit fünf, sechs Staffelgeschossen. Der Geländeversprung zum Park wird dadurch „genommen“, dass das Parterre im Souterrain liegt und mit dem ersten Obergeschoss der eigentliche Wohnbereich auf Parkniveau beginnt. Keine Vorder-, Hinterhäuser und abgeschlossene Seitenflügel und öffentliche Durchwegungen entweder in der Flucht und Breite der Straßen oder neun Meter breite „Wege“; halböffentliche und durch Barrieren (Hecken und/oder Zäune) „intime“ Grünanlagen/Gärten wechseln sich ab, aber nirgends soll der Eindruck einer Gated Communityentstehen.

Präsentation Flottwellpromenda - Baufeld Mitte 04

Präsentation Flottwellpromenda - Baufeld Mitte 04

Diese Gebäudestruktur soll „Urban und Park verzahnen“. Kleinteilige gewerbliche Nutzungen in Form von Kiosken oder kleinen Nahversorgern an den Ecken, größere gewerbliche Nutzungen dort, wo die Hochbahn Lärmprobleme bereitet. Auch unter ihrem Viadukt soll womöglich etwas entstehen, aber alles ist noch überaus unbestimmt, auch was Materialien, Fassadengestaltung, überhaupt jegliches Detail angeht. Da die wie so oft überladene Tagesordnung dazu führte, dass die zahlreich erschienen und geschlagene vier Stunden durchhaltenden Gäste keine Möglichkeit, Fragen zu stellen, eingeräumt wurden, konnten, nachdem die BzVihre Fragerunde beendet hatten, nicht noch nach klimagerechter, nachhaltiger Bauweise, etwaigen Passiv- oder Plusenergie-Standards, Dach- und Fassadenbegrünung u.dgl.m. gefragt werden und auch nicht nach der Kompensation der erwähnten Fällungen.

Präsentation Flottwellpromenda - Baufeld Mitte 05

Präsentation Flottwellpromenda - Baufeld Mitte 05

Bei je 100 bis 120 m² gäbe es ca. 250 bis 280 Wohneinheiten. Jede soll über einen unterirdischen Stellplatz verfügen. Die Mieten sollen im „mittleren“ Segment liegen, Miet- und Eigentumswohnungen gemischt sein, doch konkreter wurde der dafür zuständige Hegemann nicht. Hier sei ja die Preisentwicklung bis 2014 ausschlaggebend…

Präsentation Flottwellpromenda - Baufeld Mitte 06

Präsentation Flottwellpromenda - Baufeld Mitte 06

Während die BzVnicht übermäßig kritische Fragen und Anmerkungen äußerten, verwunderten sich dann doch einzelne am Rande der Sitzung, dass mit so einer unausgereiften Variante in die für den 30. Mai als offizieller Start der BürgerInnenbeteiligung geplante Veranstaltung gegangen wird. − Wir haben da eine andere Auffassung von Partizipation, bei der den BürgerInnen gerade nicht schon voll ausformulierte Konzepte vorgesetzt werden sollten, an denen sie dann bisschen rummodifizieren dürfen.

Präsentation Flottwellpromenda - Baufeld Mitte 07

Präsentation Flottwellpromenda - Baufeld Mitte 07

Einladungsflyer Infoveranstaltung Flottwellpromenade - Baufeld Mitte

Einladungsflyer

Neben den oben aufgezählten Themen sehen wir erheblichen Bedarf, die noch sehr ungefügen, ziemlich dicht gestellten „Bauklötzer“ in der Nachbarschaft einer von ihnen eingeengten Parklandschaft weiter aufzulösen und „leichter“ zu gestalten, damit der Schöneberger Rasen nicht ab frühem Nachmittag verschattet und von westlichen Winden abgeriegelt wird, was der sympathischen Idee einer „Verzahnung von Urban und Park“ widerspräche. Hier sollte vielmehr ein wechselseitiges sich Durchdringen Leitmotiv sein und vor allem in den Gärten und Grünanlagen nicht die Wiese, sondern der hinsichtlich Vegetation strukturreichere Rahmen aufgenommen werden, auch im Hinblick auf Habitatfunktionen für die Avifauna. − Aber, wie gesagt, steht der größte Teil der Planung noch aus und die Messe ist noch lange nicht gesungen.

Alle Interessierte sind zur Infoveranstaltung Flottwellpromenade − Baufeld Mitte Montag, 30. Mai, um 18 Uhr im BVV-Saal, Rathaus Kreuzberg, Yorckstr. 4-11 herzlich eingeladen!

[Update 5.6.: Siehe den ausführlichen Bericht auf dem Gleisdreieck-Blog.]

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