Zwanzig Steine des Anstoßes weggeschafft!

Historischer Moment des Verschwindens

Befreit

Befreit

Etwas später, als ursprünglich angekündigt, dafür aber ohne weitere Schäden an der Stadtnatur anzurichten, konnten letzten Donnerstag (12.5.) entlang der Corneliusstraße am Landwehrkanal in Mitte neun ufernahen Rosskastanien und einer Linde die insgesamt zwanzig letzten, Brockelmänner geheißenen, je acht Tonnen schweren Betonklötze samt Balkenhalterung und Stammkorsetts abgenommen werden. Die Medien waren informiert, die Abendschau hatte sich interessiert, doch dann fand nur die Morgenpost die Sache eine kurze Notiz wert, was eigentlich schade ist, hält sich doch beharrlich, man muss schon sagen: die Wahnvorstellung, die Betonwürfel hätten die angeblich altersschwachen, kranken Bäume am Umsturz gehindert.

Dieseldampfer an Spundwand

Dieseldampfer an Spundwand

Für den maroden Zustand der Uferbefestigung waren die nach Meinung mehrerer Sachverständiger fürs Stadtgebiet ganz im Gegenteil erstaunlich vitalen und kerngesunden Bäume jedoch in keiner Weise ursächlich, hatten weder Wurzeln durch die Fugen getrieben noch sich als „Mauerboxer“ betätigt, sondern die für den Kanal zwar genehmigte, aber in Maß und Frequenz entschieden überdimensionierte Ausflugsschifffahrt im Verein mit absolut unzureichender Instandhaltung des denkmalgeschützten Bauwerks durch seinen Eigner, den Bund, sprich: das WSA Berlin, führte bekanntlich 2007 zur Haverie eines Mauerabschnitts ohne jeden ufernahen Baumbestand, aber mit umso mehr Schiffsverkehr.

angelupfter Brockelmann

Angelupfter "Brockelmann"

Die 2007 schon so gut wie gefällten Bäume, die dann im letzten Moment durch Widerstand des Bezirks, engagierter PolitikerInnen, vor allem aber BürgerInnen gerettet worden waren, zwangen das WSA zunächst zu einer Vollsperrung des LWK und, als sich Reederschaft und IHK mit Verweis auf horrende Verluste an Profit, ergo Arbeitsplätzen auf die Hinterbeine erhoben, griff das Amt schon aus Gründen der Gesichtswahrung zu dieser in Fachwelt wie Bezirksverwaltungen höchst umstrittenen „Sicherungsmaßnahme“. Zwanzig „standortgefährdete“ Uferbäume an besonders stark geschädigten Mauerabschnitten in Kreuzberg und Mitte sollten im Fall eines neuerlichen Uferversagens durch je zwei, also insgesamt vierzig monströse Betonquader am Stürzen auf Ausflügler zu Wasser und/oder zu Lande gehindert werden, indem sie mit ebenso vielen Balken, Eisenträgern, -halterungen und Manschetten angeschirrt wurden.

Zwischen Baum und Hecke

Zwischen Baum und Hecke

Letztgenannte dienten dem Rindenschutz und mussten während der letztlich knapp vier Wachstumsperioden mehrfach optimiert werden, um Nässestau, Schimmelbildung, Abschnürung, Parasitenbefall u.dgl. zu verhindern. Alles in allem (und noch abzüglich Rückbau!) schlägt die umstrittene Maßnahme mit einer Viertelmillion Euro zu Buche. Wie berichtet, sollen sich nach Ansicht des Bundesrechnungshofs, der sich überraschend auch die WSV angeschlossen hatte, die Bezirke nicht nur an den Kosten für die von ihnen abgelehnten Fällungen, sondern eben auch an jenen für die von ihnen nicht minder hinterfragte „landseitige Sicherung“ beteiligen. Über dieses heikle Thema wird derzeit hinter verschlossenen Türen hin und wieder verhandelt…

Bootshakeneinsatz

Bootshakeneinsatz...

Aufgrund des enormen Widerstands [siehe hier und dort], den die Kanalsohle im Bezirk Mitte dem Einbringen von stählernen Spundbohlen entgegensetzt, blieb die schnell zur Touristenattraktion avancierte Korsettierung der Bäume entlang der Corneliusstraße am längsten zu bestaunen − dabei war beim Aufstellen der Klötze im Juli ’07 von nur einer Vegetationsperiode die Rede! − und brachte die AnwohnerInnen, die, nicht gerade zu den Ärmsten zählend, die dortige Promenade auf eigene Kosten hatten anlegen lassen, angesichts ihrer jahrelangen Unbenutzbarkeit zusehends in Rage und schließlich zur Ansage, notfalls die Gerichte zu bemühen.

Mithin bestand auch unter diesem Aspekt einiger Handlungsbedarf, und namentlich den BürgervertreterInnen im Mediationsforum „Zukunft LWK“ ist es zu danken, dass dem auch durch Einsatz innovativen Geräts dann doch relativ schnell genügt werden konnte.

Bootshakeneinsatz

...zum Kronenschutz

Durch das große Bauschild nahe Herkulesbrücke, dessen Kernaussage trotz wiederholter Kritik der BürgervertreterInnen im Mediationsforum nicht abgeändert wurde, befördert freilich, indem es nur vom Ersatz der landseitigen durch eine „wasserseitige Baumsicherung“ spricht, die beschriebene abwegige Vorstellung, die teure Verspundung der Uferwand diene erneut nur dem Schutz einiger alter Bäume, sei folglich − zugespitzt formuliert − feiges Zurückweichen vorm Fanatismus einiger spleeniger Ökos. Die BürgervertreterInnen nahmen deshalb die Baubesprechung am vergangenen Donnerstag noch einmal zum Anlass, eine entsprechende Änderung des Bautafel-Texts anzumahnen, um mit den letzten Brockelmännern auch die üble Nachrede vom völlig überteuerten Baumschutz abzuräumen:

Selbst wenn nicht ein einziger Baum am Ufer stünde, müsste es, da von den XXL-Dieseldampfern „völlig zerrammelt“ (Amtsleiter Scholz) und zudem in über einem Jahrhundert vom Zahn der Zeit benagt, auch längs der Corneliusstraße saniert werden! Und die vom Mediationsforum beschlossene Verspundung macht mit der Auswahl eines stärkeren Stahls der Bohlen schon deutlich, dass es sich hier um den grundlegenden, den „primären“ Schritt hin zu einer dauerhaften Sanierung des Bauwerks handelt. Die Zuständigen beabsichtigen jetzt, da die Firma WKH sich der In-situ-Sanierung der Quaderwand widmet, weshalb das Schild noch eine Weile stehen bleiben wird, es durch das Ersetzen von Baumsicherung durch Ufersicherung doch noch zu ändern. − Besser spät als nie!

Brutgeschäft erzwingt kurzzeitigen Rückbaustopp

Corneliusbäume-Begutachtung

Corneliusbäume-Begutachtung

Als der Rückbau der Sicherungskonstruktionen vorletzte Woche mit dem Lösen der Balken von ihren Halterungen an den Stämmen beginnen sollte, war es Kai Neumann, Mitglied der WSA-Arbeitsgruppe LWK, der das Hin- und Herfliegen eines kleinen Vogels im Bereich der Schutzmanschette eines angepflockten Baums beobachtete. Ein Gartenbaumläufer, wie sich herausstellte. Zudem wurde noch Brutgeschäft von Kohlmeisen in einem, wohl in Weltkrieg II durchschossenen und damit zugänglich gewordenen Pfosten des historischen Geländers entdeckt.

Corneliusbäume-Begutachtung

Corneliusbäume-Begutachtung

Das bedeutete einen sofortigen Stopp der Arbeiten. Der „Bauleiter Baumschutz“, Dr. Barsig, benachrichtigte die Untere Naturschutzbehörde des Bezirks Mitte, eine Mitarbeiterin kam noch Freitag zum Ortstermin, und es wurde die Beauftragung einer artenschutzfachlichen Begutachtung gemäß § 44 BNatSchG veranlasst. Kurzfristig erklärte sich der Artenschutzreferent des NABU Berlin, Jens Scharon, zu einer entsprechenden Überprüfung des gesamten Baumbestands der Corneliuspromenade auf Nist- und Lebensstätten geschützter Tiere bereit.

Am Dienstag, 10.5., inspizierte der mit Leiter, Taschenlampe und Winkelspiegel gerüstete Ornithologe jeden Hohlraum hinter den um die Stämme gegurteten Gummimatten sowie vom Boden aus auch den straßenseitigen Baumbestand, doch außer der des Baumläufers und der Meisen im Geländer fand sich keine weitere Niststätte im Umfeld, was bei über zwanzig gut belaubten Kastanien, Ahornen, Eichen und Linden recht wenig ist und vielleicht die Anbringung künstlicher Nisthilfen anregen sollte.

Steinsägen

Steinsägen

Um die Brut nicht zu gefährden, so setzte Jens Scharon fest, müssen Gummimatte und Spanngurte bis zum Ausfliegen der Jungvögel am betreffenden Baum verbleiben, doch für ein behutsames Entfernen von Drahtseilen und Balken bestehe für den Fall, das Matte und Gurte nicht verrückt oder verdreht und auch andere Beeinträchtigungen der Niststätte vermieden würden, kein Hinderungsgrund. − Dass Stadtvögel Unruhe, Staub und Lärm eine hohe Toleranz entgegenbringen, zeigte sich übrigens schon daran, dass sich sowohl Meisen wie Baumläufer vom durchdringenden Kreischen der Steinsäge, welche die WKH-Mitarbeiter − in unmittelbarer Nähe mit Freilegen von Quaderfugen befasst − auch während dieser ornithologischen Untersuchung nicht ruhen ließen, jedenfalls weniger irritiert zeigten als die Menschen.

Die Lernkurve

Klötze

Betonwürfel auf der Corneliusstraße

Mit nur dreitägigem Verzug konnte am Mittwoch das Lösen der Balken wieder aufgenommen werden. Obschon in der Baubesprechung die Abläufe genau festgelegt und vereinbart schienen, kam es bei diesem Arbeitsschritt wie auch beim anschließenden: dem Vorbeimanövrieren der Betonwürfel an den Kronen der Straßenbäume am Folgetag, zu einigen Anlaufschwierigkeiten, Problemen mit einer gewissen Hemdsärmligkeit im Herangehen und Ausschüttung von reichlich Frühstücksadrenalin −, aber die Mitarbeiter der drei beteiligten Firmen erwiesen sich dann doch als lernwillig und für die die essentielle Thematik ökologisch verträglichen Arbeitens sensibilisierbar. „Es ist halt immer eine Lernkurve“, seufzte WSA-Ingenieur Heier. Jedenfalls kam es weder zu Beeinträchtigungen des Brutgeschehens noch (weiteren) der dicht belaubten, blühenden Bäume. Die an ihnen noch vorhandenen kanalseitigen Spanngurte sollen erst im Herbst abgenommen werden, wenn Blätter nicht mehr die Sicht verdecken. [Was die Kastanien angeht, wird sie freilich schon Ende Juli das Wirken der Miniermotte wieder in den vorzeitigen Herbst schicken, doch auch mit dieser Plage scheinen weißblühende Rosskastanien im besser klar zu kommen, wenn das abgefallene Laub in Herbst und noch mal im zeitigen Frühjahr gründlich beseitigt wird.]

Strukturelle Unzulänglichkeit

Aufladen

Der letzte wird verladen

Die Koordinierung der Arbeitsabläufe und der beteiligten Firmen litt besonders am strukturellen Fehler, dass wasser- und landseitige Bereiche nicht strikt geschieden waren und so die beauftragte GaLaBau-Firma Pfeil von der Wasserbaufirma Johann Bunte als Subunternehmer verpflichtet wurde. Künftig muss unbedingt sichergestellt werden, dass die Beauftragung von Firmen, die hier idealerweise auch auf Baumpflege spezialisiert sein sollten, in die Zuständigkeit des „Bauleiters Baumschutz“ bzw. der ökologischen Baubegleitung fällt, wer auch immer diese fachlich wahrnimmt, nicht aber in die von Wasserbau-Ingenieuren.

Auf zwei Tage war der Abtransport der Klötze ins WSA-Außenlager nach Steglitz veranschlagt, doch da plötzlich nicht nur, wie im Vorfeld angekündigt, ein einziger sondern gleich drei Tieflader zur Verfügung standen, die mit je drei Blöcken = 24 Tonnen bestückt werden konnten, war die Sache schon Donnerstag um 16 Uhr weitestgehend gelaufen. − So hatte es denn auch sein Gutes, dass die erst für diese Zeit geladene Presse fernblieb…

Nachbehandlung der Gruben und Wiederherstellung der Grünanlage

Grubenwässern

Gruben wässern

Auf Anweisung des Baumsachverständigen wurden die wurzelumrankten Gruben, in denen die Quader gestanden hatten, zunächst locker mit früherem Aushub aufgefüllt, um die lichtempfindlichen Feinwurzeln, welche die Jahre über offensichtlich Mineralien aus dem Beton gelöst haben, jetzt nicht den UV-Strahlen zu exponieren. Jeweils ein Hektoliter Kanalwasser, der übrigens in weniger als einer Stunde und trotz gleichzeitigen Regens restlos versickert war, verhinderte ein Austrocknen.

Die weitere Behandlung der Gruben sollte indessen nach dem Vorschlag des Baumsachverständigen mehr beinhalten als ein bloßes Herstellen von Trag- und Deckschicht. Wenn man keinen gänzlichen Bodenaustausch vornehmen will, empfiehlt sich, wenigstens abgestimmt auf die Standortverhältnisse mit Wurzelraumverbesserern präparierten Mutterboden zuzusetzen sowie eine Impfung mit Vitalpilzen (Mykorrhiza), deren sich entwickelndes Geflecht symbiotisch die Nährstoffaufnahme auch der Baumfeinwurzeln sehr erleichtert.

Historische Quaderwand

Historische Quaderwand mit Kriegsspuren

Da es schon jetzt einen Kleinbaggerverkehr über die Wurzelteller hinweg gegeben hat, sollte wegen der damit einhergegangenen Bodenverdichtung eine Belüftung erfolgen und mit Lanzen Sauerstoff injiziert werden, um Laubauslichtungen in der nächsten Saison zu vermeiden.

Die Stellen, wo die Manschetten saßen, sind glücklicherweise verschattet, so dass keine Sonnenbrandgefahr auf den seit Jahren abgedeckten Rindenpartien zu befürchten ist. Ein Befall dieser Stellen mit Rindenläusen war zwar nicht massenhaft, aber doch vorhanden.

Aus Baumschutzgründen wäre sehr zu begrüßen, dass sich der Wegebau, den Pfeil nach Maßgaben des Bezirksamts Mitte vornimmt, auch nur auf die ursprüngliche Promenade bezieht, den Streifen zwischen Geländer und Bäumen aber naturnah und so, wie er sich in diesen vier Jahren entwickelt hat, belässt; insbesondere sollten nicht einfach fünf Zentimeter abgeschoben, sondern der Bereich evtl. mit einer Bürste, wie sie Straßenreinigungsmaschinen benutzen, lediglich von Schotter und Unrat befreit werden. Vor allem gilt es zu verhindern, dass abermals der Kleinbagger über die Wurzelteller der doch ohnehin immens gestressten Bäume kurvt.

Der Bauzaun bleibt nur noch bis zur Wiederherstellung von Promenade und Grünanlage stehen. − Unterdessen rückt die In-Situ-Sanierung des eigentlichen Denkmals ins Zentrum, wofür GuD Consult derzeit die Statik für den „Kleinen Gleitkreis“  berechnet und demnächst Zwischenstände vorlegt, bspw. wo mit Rücksicht auf die Wuzelverläufe evtl. Erdnägel zur Stabilisierung der Sandsteinquader platziert werden können etc.

Große Erleichterung bei allen Beteiligten, dass sich wieder ein Kreis geschlossen hat und behutsam, umweltverträglich, unter bestmöglichem Baumschutz ein Meilenstein genommen werden konnte, ganz fernab jener von WSV, BMVBS und Konzeption E-HU aufoktroyierten Reihe, und sich endlich, vier Jahre später, blühend im Mai auch die zweite Hälfte der 2007 vor der Säge geretteten Uferbäume wieder frei und ungehindert von Beton und Stahl über den LWK neigen können.

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