Kronenschnitt in Kreuzberg

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,

da holen die Baumpfleger die Motorsäge raus…

Kronenschnitt

Kronenschnitt im Wrangelkiez

Die so genannten Baumpflegefirmen sind wieder in den Kiezen unterwegs. „Kronenschnittarbeiten“ heißt’s auf den Schildern, die sie zur Verkehrssicherung am Straßenrand aufstellen. Auf den tieferen Sinn ihres Tuns angesprochen, Bäumen die eben erblühte Pracht herunter zu sägen, kommen wortreich die verschiedensten Erklärungen − man ist schließlich auf derlei Bürgeransprache schon vorbereitet : dass der Sommerschnitt den Bäumen viel weniger schade als der im Winter, weil sie, im Saft stehend, ihre Wunden viel schneller und besser überwallen könnten; dass die Krone umso besser gediehe, je mehr Luft und Licht sie durchfluten könne und derlei Maßnahmen viel zu lange unterblieben seien [man darf sie dann aber nicht auf einen Schlag nachholen wollen, muss dem Baum mehrere Vegeationsperioden Zeit geben, um die Eingriffe zu kompensieren]; dass Wassertriebe entfernt werden müssten [die übrigens von vorangegangenen übertriebenen Schnittmaßnahmen zeugen];  dass es um Kronenverjüngung gehe [welche Maßnahme selbstredend nur bei Alt- und Uraltbäumen überhaupt in Frage kommt] und − ach ja − dass dieser Ast zu dicht an die Fassade gewachsen sei, dieser ins Lichtraumprofil und jener gar die Gäste der Straßenkneipe unter ihm gefährde (was diese freilich nicht gelten lassen wollen, aber darum geht’s bekanntlich nicht.)

Und wie die Pflege gerade von Stadtbäumen, die zeitlebens mit für sie unwirtlichsten Lebensdingungen zu kämpfen haben, eine Wissenschaft ist, die vor allem den Baum als lebendigen, hoch entwickelten Organismus ganzheitlich betrachten, seine Aktionen und Reaktionen deuten und von jedem einzelnen lernen muss −, so ist auch, wenn sie denn notwendig wird, die richtige Schnittführung, eine hohe Kunst. Jedes Herausschneiden eines Grob- oder gar Starkastes aus der Krone, dem Assimilationskörper des dauergestressten Straßenbaus, muss in jedem konkreten Fall genau bedacht und abgewogen werden, und zwar im Hinblick darauf, wohin der Baum sich selber entwickeln will, was er selber abzuschreiben „entschieden“ hat und wohinein er seine Kraft steckt etc. Es darf bspw. nicht parallel zum Stamm geschnitten und keinesfalls dessen Rinde, deren Kambium, die zellteilende Schicht, Assimilationsstoffe und Hormone transportiert, verletzt werden; es muss immer auf Zugäste geschnitten, welche die Richtung des abgetrennten Leittriebs fortführen können, und ganze Astkränze herauszuschneiden, verbietet sich ganz und gar. Andernfalls wird der Kronenhabitus eines Baums  immer weiter verunstaltet, seine Belaubung schütter, schließlich der Baumwert (und nicht nur die im städtischen Umfeld ohnehin arg verkürzte Lebenserwartung) erheblich vermindert, wodurch seine gratis Dienstleistungen für menschliche und nicht-menschliche StadtbewohnerInnen zunichte gemacht werden. − Dass dies, wenn überhaupt einmal, als Sachbeschädigung klassifiziert und dann als bloße Ordnungswidrigkeit geahndet wird, erscheint ebenso meilenweit entfernt von den gegenwärtigen und künftigen Lebensefordernissen im heraufziehenden Jahrhundert der Städte wie die im drei, vier Jahres Turnes verwässerte Berliner Baumschutzverordnung. Mit einem Wort: Diese Form des Umgangs mit unseren Stadtbäumen ist schlechterdings nicht nachhaltig.

Größere Schnittmaßnahmen oder gar die immer beliebter werden Kappungen überstehen nur die allerwenigsten Baumarten ohne gravierende Schäden, so dass man hier endlich nicht mehr von „Baumpflege“, sondern ehrlicherweise von Salami-Fällung reden sollte.

Soweit einige  einleitende Worte zu einem Thema, bei dem sich die Menge des darüber schon Gesagt und Geschriebenen umgekehrt zur alltäglich zu beobachtenden praktischen Auswirkung verhält. Lassen wir einfach paar gestern im Kreuzberger Waldemarkiez aufgenommene Bilder für sich sprechen. Aufgeregte Anrufe bei den BaL und von uns im Bezirksamt wurden mit der höflichen Bitte beantwortet, doch in Mails den Zuständigen mitzuteilen, was es zu kritisieren gibt. „Ich gehe allerdings nicht davon aus“, hieß es, “ dass die Pflegemaßnahmen deswegen eingestellt werden…“

Dass die Bäume vor der Beschneidung ornithologisch und artenschutzfachlich auf Brut- und Niststätten untersucht werden müssen, obliegt auch im „grünen“ Bezirk F’ain-Kreuzberg nach wie vor den privaten Gartenbaufirmen, die nebenbei nicht mal auf Baumpflege spezialisiert sind. Und dass die rasierten Bäume in der trockenen Wärme durch die vielen Schnittwunden zusätzlich enorm Flüssigkeit verlieren, insbesondere aber die Jungbäume jetzt täglich ausreichend gewässert werden müssen, sollte wieder die BürgerInnen veranlassen, wenigstens „ihrem“ Straßenbaum morgens oder abends paar Eimer Wasser zu spenden. Kürzlich fiel uns direkt vor einer Autowaschanlage ein elend vertrocknender Jungbaum auf.

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