Von der Idylle zur Müllkippe

Alltägliche Blüten rückwärtsgewandter Stadtentwicklungspolitik

Obgleich es ihre Partei und die rot-rote Koalition argen Stresstests unterzog, hielten und halten der Regierende und seine Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer am Bau des 16. Abschnitts der A 100 vom Neuköllner Dreieck bis zum Treptower Park sturköfpig fest. Wenn über den Bau der mit 130.000 Euro der lfd. Meter (420 Millionen für 3,5 Kilometer!) bundesweit teuersten Autobahn auch erst in der nächsten Legislatur entschieden wird und sich rechnerisch keine Koalition abzeichnet, die da postiv entschiede; selbst wenn IHK, ADAC und die Mehrheit der AutofahrerInnen vehement dafür sind, an der autogerechten Stadt der 1950er Jahre weiterzubauen − so dass die CDU, sonst eher gegen Formen direkter Demokratie, in diesem speziellen Fall jetzt sogar einen Volksentscheid darüber fordert −, auch wenn also dennoch der 16., geschweige der 17. A100-Abschnitt noch völlig in den Sternen stehen, wurde den PächterInnen von 314 Kleingärten in Neukölln zu November letzten Jahres gekündigt, und obschon manche vorher gedroht hatten, man bekäme sie nur im Sarg raus: die Menschen räumten blutenden Herzens, was für Jahrzehnte ihr Refugium, ihre innerstädtische Oase gewesen ist.

„Natur der dritten Art“

Andererseits haben Kleingärten und ihr Erhalt in der im Entstehen begriffenen Biodiversitätsstrategie Berlins ihren festen Platz, hat Urban Gardenening Konjuktur, werden auf gepflegten Veranstaltungen und in Hochglanz-Broschüren neben ihrem ökologischen Wert, ihren Ökosystemdienstleistungen, wie es neuerdings heißt, auch ihre sozialen und integrativen Funktionen zumal von interkulturellen und Gemeinschaftsgärten gepriesen.

Auf den genannten, vorauseilend geräumten 314 Parzellen ist es mit diesem Ökoservice freilich nicht mehr weit her. Vor einigen Monaten wurden bspw. auf einer Veranstaltung des Vereins Berlin 21 noch Konzepte für Zwischennutzungen entwickelt –, doch was inzwischen geschehen ist, zeigt deutlich, welchen Tendenzen auch mit Urban Gardening begegenet werden kann und werden muss.

Weil es eindringlicher kaum darzustellen ist, lassen wir einen der Pächter aus der Kolonie „Stadtbär“ selber zu Wort kommen (die Mails stammen allerdings schon von Ende März, sind aber nach wie vor aktuell) und verweisen ansonsten aufs Blog vom Aktionsbündniss A 100 stoppen[von wo auch unsere Bilder stammen], das zu einer Erkundungstour auf dem Gelände der einstigen Gärten einlädt am

Sonntag, 15. Mai, 15 Uhr
Kiefholz-/Karpfenteichstraße
Berlin-Treptow

Und hier nun die Mails

„Ich sende euch diese mail mal zur kenntnisnahme, habe sie letzten freitag an meine gartenfreunde verschickt, war da mal wieder im garten und war sprachlos, entsetzt, schockiert, wie es da aussieht …hab auch mit f. telefoniert, weil er ja im letzten sommer fotos hat machen lassen…das wäre der ideale zeitpunkt, die gleichen fotos noch mal zu machen, um ein vorher/nachher-bild zu haben, …von der idylle zur müllkippe, in nur drei monaten 😦

soo, der text

jaa, diese mail hat einen sehr sehr traurigen Anlass, war nämlich heute mal in unserem garten…es ist unbeschreiblich, wie schlimm da nun mittlerweile die vandlismus-welle durchgerollt ist…ich kann das nicht glauben, wie es da aussieht, aber ich hab es selbst gesehen, eben gerade erst…es ist leider ’ne wahre tatsache, …eine gigantische menge an müll, überall….blaue säcke, blaue säcke nix als blaue säcke überall…hauptsächlich vor der ehemaligen schranke, dazu sitzgarnituren, sessel, dutzende computer-bildschirme, sonstige möbel usw. usw…unfassbar schlimm sieht’s da aus,

aber,

..auf dem weg zu unseren gärten fängt das grauen erst richtig an, alle lauben sind geplündert, alle fenster blindlings zerschlagen, müll und nochmehr müll überall…alles metall rausgerissen…was nicht zu gebrauchen war, wurde zertreten, zerstört…egal wie, hauptsache kaputt.

in unserer villa kunterbunt sind die fenster auch kaputt, alles was ging umgetreten, sogar die zäune sind kaputt, weg, zerstört…liegen planlos rum, das ganze brennholz liegt wild in der gegend rum

Sinnlose Fällung

Eine der sinnlosen Fällungen

bei e. und u. isses nicht besser, nur da sind die fenster noch heile, dafür aber hängt die veranda, wo wir so oft gesessen haben, auf halb acht, weil irgendein vollidiot die stützpfeiler weggetreten hat…küchenschrank usw sind auch weg…die toilette ist nur noch ein scherbenhaufen,…kloschüssel, wasserbehälter, waschbecken…alles ab und zu bruch

bei c. und m. sieht’s ähnlich schlimm aus…alle kabel rausgerissen und abgeschnitten, fenster kaputt,

in allen lauben sind alle wasserhähne weg…alle stromzähler weg

einige bäume wurden einfach abgesägt…liegen nun da…einfach nur aus lust, um mal zu sehen wie ein baum fällt…

das ist so endlos traurig, das zu sehen…diese sinnlose zerstörung
…einfach nur so,
aus langeweile, aus lust am zerstören…ich verstehe die menschen nicht, die so etwas machen…warum…aus welchem antrieb…wie krank sind die denn eigentlich???

ich hatte ja gehofft, das wir diesen sommer einfach noch dort sein können…wenigstens zum grillen und in der sonne sitzen, aber der glaube daran schwindet seit heute gewaltig,

auch wenn die autobahn nicht…und vielleicht sogar nie gebaut wird, wäre der aufenthalt im trümmer-stadtbär ähnlich, als würde man sein zelt auf einer müllkippe aufschlagen, mit einer großbaustelle nebendran

…bin da etwas ratlos gerade 😦 “

Laut Senatens war die Kündigung rechtens und damit Schluss! Die Parzellen in Treptow kommen demnächst an die Reihe. Die aufgestellten Bauzäune,  ja die Beauftragung eines Sicherheitsdiensts: rausgeschmissenes Steuergeld. − Wer aber evaluiert denn nun mal den Verlust an Ökosystemdienstleistungen, an „Natur der dritten Art“, an Lebensqualität, gerade in einem nicht über die Maßen damit verwöhnten Bezirk?

Vermüllte Kleingärten Neukölln

Vermüllte Kleingärten Neukölln

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