Anderthalb Meilensteine geschafft!

Vom IST des Kanals bis zum IST der Schifffahrt

2. Sitzung AG Meilensteine 4. Mai 2011

2. Sitzung Arbeitsgruppe "Meilensteine"

Ende September dieses Jahres muss, wie berichtet, die WSA-Konzeption für den Entwurf Haushaltsunterlage (E-HU) nach Prüfung durch die WSD Ost im BMVBS eingereicht werden, um − die Genehmigung durchs Haushaltsreferat des BMVBS und die Billigung durchs Parlament vorausgesetzt − für die nächste Haushaltsperiode die Mittel für die Sanierung des LWK einwerben zu können. Kurz: die Zeit ist knapp und drängt, denn die Darstellung von IST- und SOLL-Zustand muss bekanntlich das gesamte System LWK umfassen und nicht nur, wie das WSA bzw. die AG LWK lange angenommen hatte, die zehn Kilometer Ufermauer in sog. Regelbauweise. Nach dem zuletzt in der 28. Forumssitzung am 4. April präsentierten Zeitplan soll es ab Mai um die „Erarbeitung des Fächers der technischen Lösungen für die Sanierung unter Berücksichtigung der am 17.05.2010 im Forum beschlossenen ‚Methodenfamilie‘“ gehen.

Namentlich die BürgervertreterInnen im Mediationsforum „Zukunft Landwehrkanal“ hatten darauf gedrungen, an der Entwicklung der Konzeption E-HU beteiligt zu werden. Eine AG Meilensteine wurde konstituiert, und deren erste Sitzung am 14.3. [siehe 2. Hälfte des Postings] hatte bei den TeilnehmerInnen einen durchaus positiven Eindruck hinterlassen: Der enge Zeitplan schien erfüllbar, wenn auch noch viel Arbeit vor AG-Mitgliedern und Mediationsforum lag, denn das SOLL muss selbstverständlich aus dessen Mitte heraus unter Anwendung des komplexen Kriterienkatalogs entwickelt werden, welche anspruchsvolle Aufgabe auch während der Sommerferien gelöst werden soll.

Ungläubiges Kopfschütteln erzeugte deshalb die Nachricht nur wenige Tage nach der letzten Forumssitzung, dass die Leiterin der Arbeitsgruppe, Frau Dr. Ernst, krankheitshalber voraussichtlich für sechs Wochen nicht zur Verfügung stehe. Als es darauf am Ende des 90. WSA-Newsletters hieß, die zweite Sitzung der AG Meilensteine am vergangenen Mittwoch, 4. Mai, müsse ausfallen, „die WSV muss diesen Termin auf einen späteren Zeitpunkt verschieben“ und drei Zeilen darunter der Termin bestätigt wurde, war die Verwirrung perfekt.

Sowohl dem Einsatz von Bürgervertreterinnen, die androhten, notfalls alleine zu tagen, als auch dem Engagement des Mediationsteams ist es zu danken, dass die von der WSD Ost in Magdeburg schon abgesagte Sitzung schließlich doch noch wie geplant stattfinden konnte. − Leider nahmen weder Denkmal- noch Naturschutz, weder Senats- noch BezirksvertreterInnen noch auch die Reeder an der Sitzung teil.

Amtsleiter springt ein

WSA-Chef Michael Scholz leitet kommissarisch die AG LWK, bis Frau Dr. Ernst am 23. Mai „wieder an Deck“ ist. Ingenieur Marcel Heier gab sich zuversichtlich: „Die Erfassung des IST-Zustands ist erreicht, wir sind aber auch schon mit dem SOLL unterwegs; den Fächer der technischen Möglichkeiten haben wir bereits angedacht. Durch den Ausfall von Frau Dr. Ernst ist natürlich etwas Zeitverzug reingekommen, doch ich sehe die Zeitschiene noch bedient.“

Heier sowie die Techniker Björn Röske und Kai Neumann haben, soweit wir das richtig sehen, hervorragende Arbeit geleistet! Sie stellten in dieser zweiten Meilenstein-Sitzung, die sich also noch einmal ausschließlich um den, so vollständig wie für die Konzeption E-HU nötig, erfassten IST-Zustand drehte, die in Aufnahme von Anregungen der BürgervertreterInnen um noch einige wesentliche Teilaspekte ergänzte, vielspaltige und weitestgehend ausgefüllte Tabelle vor. So wurden etwa Ausmaß des Kronenüberhangs, die „Rammbarkeit“ der Kanalsohle nach Härtegradstufe von 1 bis 4, die Anlegestellen mit ihren Pächtern, den jeweiligen Vertragstypen und -laufzeiten u.dgl.m. ergänzt und zusammengeführt. Wenn sich durch diese Zusammenführung bspw. bestimmen lässt, welche Abschnitte ohne Kronenüberhang weniger harte Bodenverhältnissen aufweisen und also den kostengünstigeren Einsatz einer herkömmlichen Presse zulassen, ist dies für die E-HU direkt relevant.

Nur drei Reedereien als Pächter von Landwehrkanal-Anlegern

Die ansonsten ganz unterschiedlichen und  immer detaillierter ausgestalteten Nutzungsverträge enthalten alle die Ausbauklausel, d.h. wenn der Kanaleigner, die WSV, in dieser Richtung tätig werden will, muss der Nutzer weichen. Andererseits muss er während der Nutzungszeit den gepachteten Anleger auf seine Kosten instand halten. Seit 6 Jahren wurde übrigens kein neuer Vertrag abgeschlossen, und es gibt auf den knapp elf Kilometern insgesamt nur drei verschiedene Vertragsnehmer − was uns freilich nicht weiter verwundert. Übrigens kann das WSA jederzeit und ohne Angabe von Gründen kündigen, ist dabei allerdings wettbewerbsrechtlich an eine Gleichbehandlung gebunden, darf also nicht gutsherrlich nach Gusto entscheiden, sondern wenn, dann nur en bloc, um anschließend die modifizierten Verträge mit denselben Partnern neu abzuschließen.

Das IST der Schifffahrt

Die Vermessung der gesamten Gewässersohle ist inzwischen abgeschlossen, das sog. Fahrband analog zum Straßen- oder Schienenwegebau trassiert und qualifiziert, und die von den großen Fahrgastschiffen im Regelbetrieb frequentierte Fahrrinne – das „IST der Schifffahrt“ – für den größten momentan verkehrenden Dampfer, die gut sieben Meter breite „Fortuna“ und ein weiteres Schiff, vor allem im Hinblick auf die einzuhaltenden Sicherheitsabstände durchgerechnet. Die neuralgischste Passage findet sich unterhalb der Großbeerenbrücke (die zugleich auch die niedrigste unter den Kanalbrücken), weshalb dieser Bereich als Prüfstein gilt, aber mit der Einengung der Fahrrinne durch vorgesetzte Spundwände werden noch etliche weitere hinzukommen.

Derartige Berechnungen wurden Scholz zufolge wegen unzureichender Personalkapazität am LWK noch nie angestellt, sondern stattdessen immer nur und immer mehr genehmigt: „Wir haben den Kanal zerrammelt!“ Nun macht’s eine auf GIS-Basis neu entwickelte Software möglich, und es zeigt sich, dass auf aufgrund des damit erzeugten Nomogramms die drei größten Fahrgastschiffe heute gar nicht mehr genehmigungsfähig wären.

Nicht nachhaltige Genehmigungspraxis

Offenkundig war diese Genehmigungspraxis nicht nachhaltig, und wenn sie dies künftig sein soll, darf nach den Worten des WSA-Leiters nur noch die Schifffahrt zugelassen werden, die nach dieser Trassierungsberechnung möglich ist, also konkret in Nadelöhren wie der Großbeerenbrücke auf „Marschfahrt“ [im Unterschied zur → „Manöverfahrt“] nicht den Sicherheitsbereich zum Ufer tangiert. − Hierbei handele es sich freilich noch um keine Entscheidung, sondern lediglich um Darstellung eines Zwischenstand, eine „empfehlende Beschreibung“.

In einer sich aufdrängenden Analogie muss also von der Restlaufzeit der drei übergroßen Dampfer (zumindest auf dem LWK) gesprochen werden. Außerdem ist klar, dass es für Fahrgastschiffe beim Einrichtungsverkehr und einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 6 km/h bleiben muss, auch weil bei deren Einhaltung und zweistündiger Fahrzeit von Schleuse zu Schleuse Wartezeiten vor der Schleusung entfallen. Bei einer geringeren Geschwindigkeit sind solche Schiffe nicht mehr manövrierfähig (sie muss bei der Fahrt stromab mindestens 4 km/h über der Fließgeschwindigkeit liegen).

Andererseits ist aber daran zu erinnern, dass bei 6 km/h (also Fahren im Standgas) infolge unvollständiger Verbrennung des ohnehin sehr schadstoffreichen (dafür aber steuerfreien) Schiffsdiesels die Emissionen besonders hoch sind und erst bei höherem Tempo sinken, d.h. auch unter diesem Aspekt kann nur ein Abschied vom fossilen Antrieb wirklich nachhaltig sein. − Ferner gaben Bürgervertreterinnen den generellen Hinweis, dass die Geschwindigkeitsbegrenzung tendenziell wieder überschritten werde.

Unzeitige Auflösung des Arbeitskreises zur Nachhaltigkeit

Dies wäre ein Thema für den zu unserm Bedauern längst ergebnislos aufgelösten Arbeitskreis „Nachhaltige Wirtschaft und Schifffahrt“ gewesen, bemerkte Mediator Kessen, obschon wir es ausweislich der Protokolle seinerzeit immer wieder, wenn auch vergeblich angesprochen haben. Amtsleiter Scholz wiederum pries das Mediationsverfahren, weil es den LWK so in den Fokus der behördlichen Aufmerksamkeit gerückt habe, dass seine Sanierung nun gewissermaßen symbolische Wirkung entfalte. − Wir möchten es lieber so ausdrücken, dass ohne die massiven BürgerInnen-Proteste gegen die verfehlte behördliche Reaktion auf die Havarie am Riedel-Anleger Kottbusser Brücke: nämlich den gesamten Uferbaumbestand zur Fällung freizugeben, und die anschließende Mediation das Thema Nachhaltigkeit bei der Wasserstraßen-Unterhaltung nie so ernst genommen worden wäre und, im Unterschied zu vielen anderen Handlungsfeldern, auch konkrete Konsequenzen gezeitigt hätte.

Großer und kleiner Gleitkreis

Was die Klärung der Randbedingung Statik zum Großen und Kleinen Gleitkreis angeht, so hat die GuD Consult ihre Berechnungen für den Abschnitt Corneliusstraße sowie baumfreie Abschnitte abgeschlossen, und wenn die BAW die Resultate verifiziert hat, können sie im Gläsernen Büro am Platz der Luftbrücke eingesehen werden. In Zusammenarbeit mit Professor Weihs von der HAWK Göttingen im Rahmen eines Forschungsauftrags kam es zu einer rechnerischen Neufassung der Baumlasten: Nicht die Höhe eines Baums oder gar seine Art, sondern die Höhenlage des Lasteintrags spiele die entscheidende Rolle, d. h. die Frage, wo der Baum wurzelt. Streng genommen sind keine generalisierenden Aussagen möglich, sondern jede Ufersituation mit Baumbestand ist einzeln zu beurteilen. Wenn die BAW die Berechnungsmethode mitträgt, kann der Forschungsauftrag ggf. um die fünf verbliebenen baumbestandenen Abschnitte des Pilotprojekts erweitert werden.

Überraschung an der Corneliusstraße

Nach abgeschlossener Verspundung und Hinterfüllung der Spundwand mit Kiessand sowie Reinigung der Ufermauer per Hochdruck erneuert die Firma Wasser- und Kulturbau  Hönow (WKH), die schon am Maybachufer erfolgreich gewirkt hat, momentan die korrodierte Verfugung der Sandsteinquader. Am kommenden Mittwoch, 11.5., soll die Gartenbaufirma Pfeil unter Aufsicht des Bauleiters Baumschutz, Dr. Barsig, die Abnahme der Manschetten von den zehn letzten, seit nunmehr exakt vier Jahren angepflockten Kastanien vornehmen, damit am 12. und 13. endlich die Brockelmannschen Betonwürfel auch entlang der Corneliusstraße beseitigt werden können.

Naturierung

Allerdings können vorerst nicht alle Korsetts abgenommen werden, denn die Natur hat sie inzwischen dergestalt angenommen, dass von Vogelpaaren einzelne als Nistplatz auserkoren und mit Nestern bestückt worden sind. Gemäß § 44 Abs.1 Nr. 3 Bundesnaturschutzgesetz werden nach artenschutzfachlicher Begutachtung die erforderlichen Maßnahmen festgesetzt, um eine Störung des Brutgeschäfts oder gar Zerstörung der Niststätten zu vermeiden, doch hoffen wir gleichwohl, dass zumindest die „Brockelmänner“ termingerecht abgebaut werden können, ohne das Brutgeschehen zu beeinträchtigen. Stadtvögel zeigen ja eine gewisse Störungstoleranz.

Wir hoffen, dass dieser endlich doch noch abgeschlossene Rückbau von den Medien auch bemerkt wird,  damit nicht länger, wenn sich BaumschützerInnen andernorts für den Erhalt gerade älterer Bäume einsetzen, ihr Engagement mit Hinweis auf die alten kranken Bäume am Landwehrkanal, die durch Betonklötzer am Umfallen gehindert werden, als überzogen und spleenig dargestellt werden kann.

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