Senatsverwaltung stoppt HELLWEG vorläufig

Planung auf dem Yorckdreieck keine Aufwertung

Stadtrat Krömer frohlockt

Kiezspaziergang

Kiezspaziergang am 13. April 11

Kurz vorm ersten Mai-Wochenende verfügt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung laut Pressemitteilung des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg, da gesamtstädtische Interessen berührt würden, einen vorläufigen Planungsstopp für den HELLWEG-Bau- und Gartenmarkt auf dem Yorckdreieck: „Der vorgelegte Planungsentwurf ist hinsichtlich Lage, Ausrichtung und Fassadengestalt der Baukörper sowie Frei- und Grünflächengestaltung mit der anzustrebenden städtebaulichen Aufwertung des Areals und der Stärkung der angrenzenden Wohngebiete nicht vereinbar,“ heiße es in dem Schreiben der Senatsverwaltung an Baustadtrat Krömer (CDU), die insofern die Bedenken des Bezirks „mittrage“. − „Das Vorzeigeprojekt des grünen Bezirksbürgermeisters Dr. Franz Schulz hat damit einen kräftigen Dämpfer erhalten“, so Krömer schadenfroh, und er hofft, dass eine Überarbeitung der Planung noch die geforderte städtebauliche Qualität erbringt.

[Update: Bemerkenswert ist nicht zuletzt, dass SenStadt das entsprechende Schreiben, aus dem CDU-Stadtrat Krömer so genüsslich zitiert, allein an Vertreter jenes Bezirks gerichtet hat, der lediglich auf fünf Prozent der Fläche zuständig ist (→ das ehemalige Tankstellen-Grundstück), nicht hingegen an jenen, der die eigentliche Planungshoheit innehat. − Und die aufwertende, stärkende Wirkung aufs angrenzende QM-Gebiet, die von der jahrzehntelangen, von Tempelhof-Schöneberg offiziell nie monierten Nutzung des Yorckdreiecks für legalen und illegalen Auto- und Waffenhandel, Prostitution etc. ausstrahlte, samt seinem quasi exterritorialer Status  − Behördenkontakt hatte immer über einen arabischen Friedensrichter zu laufen −, will natürlich angemessen kompensiert sein.]

Bereits vor über einem halben Jahr, nämlich am 7. Oktober, hatte der Inhaber der Heimwerker-Kette, Reinhold Semer, höchstpersönlich auf einer Bürgerversammlung im ehem. Rathaus Kreuzberg, an der neben zahlreichen AnwohnerInnen aus F’hain-Kreuz- und Schöneberg-Tempelhof auch Verordnete beider Bezirke sowie Bürgermeister Schulz teilnahmen, seine Pläne präsentiert, erläutert und vor allem die Bedenken hinsichtlich der Verkehrsbelastung zu zerstreuen versucht. − Dass es bereits einen „monatelangen Streit“ zwischen den Bezirken um den Baumarkt gebe, in dem T-S nun einen Punktsieg errungen habe, wie die Morgenpost schreibt, fällt wohl unter Wahlkampf-Dramatisierung.

Das kleinere Übel

Franz Schulz war seinerzeit jedenfalls sichtlich erleichtert über die nach mehreren Runden Tischen zum Thema Fußball auf dem Gleisdreieck und einigem Hin und Her plötzlich gefundene Lösung, auf dem als Kerngebiet gewidmeten Yorckdreieck zwischen den S-Bahntrassen, das bei einer Geschossflächenzahl (GFZ) von 4,0 theoretisch eine monströse Bebauung in Europa-Center-Höhe zuließe, einen Investor gefunden zu haben, der sich nicht nur mit einem Flachbau begnügt, sondern auf dessen Dach auch die Anlage eines wettkampfgerechten Fußballplatzes erlaubt, inklusive Zugänglichkeit auch außerhalb der Ladenöffnungszeiten, den erforderlichen Einrichtungen sowie zwei Zuwegungen aufs Gelände des entstehenden Gleisdreieck-Westparks von Süden her, also von Yorckstraße und Bautzener Kiez auf Schöneberger Seite.

Damit war sowohl die Errichtung einer stadtklimatisch schädlichen „Eiger Nordwand“ mitten hinein in eine essentielle Kaltluftschneise unterbunden, als eben auch ein Teilersatz für das Fußballstadion gefunden, das ursprünglich mit zwei Spielfeldern auf den Parzellen der interkulturellen Kleingartensiedlung POG angelegt werden sollten. Dem ebenfalls interkulturellen Regionalligisten Türkiyemspor hatte der Bürgermeister schon voreilig Versprechungen in dieser Richtung gemacht und für seinen Rückzieher zugunsten des POG-Erhalts aus Richtung CDU, SPD und Landessportbund (LSB) derbe Kritik kassiert, auf Bezirks- wie Landesebene. Weitere Fussballfelder für Türkiyemspor hat der Senat auf dem Tempelhofer Feld in Aussicht gestellt.

Kein Rückspiel Kleingärten und Stadtnatur vs. Fußball!

Aber nicht nur für die KleingärtnerInnen, die um ihre idyllische Ruhe-Oase inmitten des hier besonders lärmigen Großstadtgetriebes bangten −, auch für Ökologie, Stadtnatur und Artenvielfalt hätte die Anlage von Fußballfeldern in Fifa-Ausmaßen nach all den Zerstörungen auf dem Ostparkgelände und den sich auf dem Westpark anschließenden einen neuerlichen herben Verlust bedeutet, denn über die ökologische und naturschutzfachliche Wertigkeit von Kleingärten im Stadtgebiet als „Natur der dritten Art“ (Kowarik) gibt es ebensowenig ernstzunehmende Zweifel mehr wie hinsichtlich jener von Ruderal- und Brachenvegetation.

Stattdessen soll nun, wie verschiedentlich berichtet, in einem Modellprojekt „Gärten im Garten“ die Kolonie in den öffentlichen Park integriert werden und sich im Gegenzug auch dessen BesucherInnen öffnen. In letzter Zeit kreisten die Auseinandersetzung mit Grün Berlin und den Loidl-Planern in der Projektbegleitenden Arbeitsgruppe (PAG) vor allem um die Frage, ob diese Öffnung im übertragenen Sinn zu verstehen sei, also die KleingärtnerInnen durch kulturelle Angebote, Einrichtung eines Schulgartens u.dgl.m. soziale Funktionen auch nach außen übernehmen; oder im buchstäblichen und brachialen Sinn: dass also Bäume gefällt und Hecken ausgelichtet werden müssen, um „Sichtfenster“ aufzureißen, Transparenz zu schaffen und das noch immer ein wenig wie „verwunschene Gebiet“ (POG-Vorstand Trappmann) durch schnurgerade, drei Meter breite, am besten mit Stabilizer versiegelte Wege und einen großen gepflasterten „Marktplatz“ „erschlossen“ und entzaubert wird. − Die letzte Sitzung der PAG schien nach erneuter nachdrücklicher Kritik seitens der Anwohnervertreter- und QuartiersrätInnen hier doch noch eine gewisse Annäherung der Positionen gebracht zu haben, auch in Gestalt festgeschriebener Modifikationen der Loidl-Planung.

In diesem Kontext aber ist das HELLWEG-Projekt auf dem Yorckdreieck als endlich gefundener Ausweg aus einer prekären, komplizierten Gemengelage zu sehen; es als Schulzens „Vorzeigeprojekt“ zu titulieren, ist schlichte Albernheit.

Probleme mit dem Investor

Böschungsrodung für Baumarkt 03

Böschungsrodung für Baumarkt 03

Bei der Beplanung des Baufelds, von dem die paar Kleingartenparzellen sowie Tanke und Autoschrauber längst verschwunden sind, versprachen HELLWEG-Semer und Bürgermeister Schulz eine vorbildliche BürgerInnenbeteiligung. So  soll am 17.5. endlich die lange angekündigte weitere öffentliche Versammlung folgen, um die Berücksichtigung der von BürgerInnen und Bezirksverordneten vorgebrachten Kritik an Gebäude- und Freiraumgestaltung, öffentlicher Durchwegung in Richtung Park etc. in einem überarbeiteten Planungsentwurf vorzustellen.

Dessen Präsentation im Stadtplanungsausschuss der BVV Tempelhof-Schöneberg am 9. März vermochte fraktionsübergreifend die Bezirksverordneten jedoch keineswegs zu überzeugen, kulminierte vielmehr im Ausruf: „Wir wollen nicht, dass es dort aussieht wie in Gütersloh…“ Daneben wird nach wie vor eine Erhöhung des Verkehrsaufkommens der ohnehin schon bis ans Limit belasteten Yorckstraße befürchtet. „Ich sehe den Baumarkt da noch nicht“, ließ sich Stadtrat Krömer nach der Präsentation vernehmen, gehört doch ein Zipfel des Baufelds zu seinem Bezirk und verbürgt ein Mitspracherecht.

Baum und Strauch sind schon mal weg

Dass indessen der Investor unangekündigt und noch ohne über die entsprechende Genehmigung der Unteren Naturschutzbehörde F’hain-Kreuzbergs zu verfügen, Ende Februar rigoros das Baufeld beräumen und den gesamten Baum- und Strauchbestand sogar auf der westlichen Bahnböschung roden ließ, empörte die für Stadtnatur-, Klima- und Baumschutz engagierten BürgerInnen und führte inzwischen zu einer Anhörung von HELLWEG sowie des beauftragten Subunternehmens im Xhainer Bezirksamt , um ggf. ein Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen das für solches Vorgehen ja schon einschlägig bekannte Unternehmen einzuleiten. − Warum der Bezirk die fehlende Fällgenehmigung am 7. März dann noch nachträglich erteilt hat, obwohl die genauen Maße des Baukörpers noch gar nicht festlagen und es weder Planaufstellungsbeschluss noch Umweltbericht gab, erscheint jetzt doppelt fragwürdig, sollte SenStadt womöglich das ganze Vorhaben stoppen.

Gerodetes Yorckdreieck

Gerodetes Yorckdreieck (die Bäume hinten stehn außerhalb)

Über die Berechtigung hierzu sind wir an diesem Wochenende noch einigermaßen im Unklaren, können uns aber noch sehr gut erinnern, dass Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer während ihres, von SPD-BzV Lars Oberg initiierten Kiezspaziergangs am 13. April zur Prüfung der geplanten sechs Eingänge auf den Gleisdreieckpark aus Richtung Tempelhof-Schöneberg nicht ein einziges Wort der Kritik am Bauvorhaben verlor, sondern sich geduldig erläutern ließ, dass an dieser Stelle eine Wegeführung über den HELLWEG-Parkplatz und eine weitere über die aus Mitteln des städtebaulichen Denkmalschutzes zu sanierende Yorckbrücke 5 geplant sei, welcher Weg dann übers Dach eines ebenfalls auf dem Yorckdreieck geplanten Discounters hinweg in den Westpark verlaufen solle.

Die Senatorin sagte ungeachtet des Getöses ihrer kommunalen Parteigenossen [siehe hier und hier] im Vorfeld auch nichts Gegenteiliges, als die Anwesenden schließlich darin übereinstimmten, dass das grün regierte F’hain-Kreuzberg in punkto südlicher Parkeingangssituationen seine Hausaufgaben so weit gemacht habe und nunmehr der Nachbarbezirk Tempelhof-Schöneberg am Zug sei, indem er u.a. für eine barrierefreie Zuwegung auf die genannte Brücke von der ebenfalls an einen privaten Investor veräußerten sog. Bautzener Brache aus Sorge tragen müsse.

Was bedeutet „Aufwertung“?

Was nun die angemahnte „städtebauliche Qualität“ der Bebauung sowie die „Aufwertung und Stärkung“ der angrenzenden Wohnquartiere betrifft, darf füglich bezweifelt werden, dass die Senatsverwaltung oder die Verwaltung Tempelhof-Schönebergs dabei in nur entfernt zureichendem Maß an Dinge wie Klimaschutz, -anpassung und -gerechtigkeit, Grünflächenvernetzung oder gar Schutz „wilder“ Stadtnatur und urbaner Artenvielfalt denken. Eher geht es um Aufwertung im buchstäblich materiellen Sinn, also um hochpreisige Nachverdichtung und Quartiersveredelung, an deren Ende Verdrängung, Segregation und Gentrifizierung stehen.

Wenn nachteilige Auswirkungen der Yorckdreieck-Bebauung aufs QM-Gebiet Schöneberger Norden befürchtet werden, wird offenbar nach ganz anderem Maß gemessen als bspw. entlang der Eylauer Straße, wo gemäß B-Plan 7-1 den AnwohnerInnen auf Kreuzberger Seite die Sicht auf die vegetationsreiche Bahnbrache/den geplanten Nord-Süd-Grünzug durch eine sechsgeschossige Blockrandbebauung versperrt und ihre sommers schon jetzt besonders aufgeheizte Straße vom Zustrom kühlender Luft abgeschnitten werden soll. Vom vitalen Altbaumbestand, der dem Ziel, „das zerstörte Stadtgefüge an diesen Stellen zu reparieren“ und den offenen Blockrand der Gründerzeitbebauung zu schließen, im Wege steht, ganz zu schweigen. Das auf Antrag der SPD-Fraktion von der Tempelhof-Schöneberger BVV konsultierte Berliner Baukollegium begrüßt vorbehaltlos diese Form innerstädtischer Nachverdichtung − Berliner Klimamodelle, StEP Klima und die zu gewärtigende Minderung klimaökologischer Ausgleichspotentiale hin oder her. [Eine kritische Würdigung der Stellungnahme des Kollegiums findet sich hier.]

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1 Kommentar

  1. 16. Mai, 2011 um 18:45

    […] nicht vorhandenes Verkehrskonzept sorgt für einen vorläufigen Baustopp des Baumarktes. Auch die Infoveranstaltung hierzu wurde abgesagt. Baustadtrat Krömer stimmt […]


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