Zum Internationalen Tag des Baums 2011

Die BaL unterstützen Street-Art-Aktion des B.U.N.D.

Spreewaldplatz

Spreewaldplatz (click the pic)

Natürlich nicht nur anlässlich des Internationalen Tag des Baumes am heutigen Ostermontag haben Aktive der BaL die BUND-Aktion „Wo ist mein Baum?“ unterstützt und auf die vielen, nicht selten seit Jahren leeren Baumscheiben in innerstädtischen Bezirken wie Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln oder Tempelhof-Schöneberg wenigstens ein großes, mahnendes Fragezeichen „gepflanzt“. Etliche Leute erkundigten sich, was es mit der Aktion auf sich habe, trugen sich in die Unterschriftenlisten ein und nahmen Postkarten entgegen, auf denen fehlende Bäume mit genauer Ortsangabe gemeldet werden sollen, so dass endlich mal das Baumdefizit in seiner Verteilung auf einer Karte dargestellt werden kann. − Hier können Sie auch online die Adresse leerer Baumscheiben eingeben.

Allein seit 2001 wurden in „Europas grünster Metropole“ (Senatswerbung) rund 11.000 Straßenbäume gefällt und nicht nachgepflanzt. Um diese Zahl anschaulich zu machen, vergleicht sie Herbert Lohner, Naturschutzreferent beim BUND, mit den 16.000 Straßenbäume F’ain-Kreuzbergs: wäre das  Baum-Defizit hier konzentriert, wäre der Bezirk zu über zwei Dritteln baumfrei oder hätte, wenn man für eine Stadtstraße durchschnittlich fünfzig Bäume annimmt, 220 baumlose Straßen.

Seit mindestens zehn Jahren ist Berlins Baum-Bilanz also negativ, verliert die Stadt p. a. durchschnittlich tausend Bäume, die aus den verschiedensten Gründen gefällt werden − sei’s wegen mangelnder Verkehrssicherheit oder mangelnder Denkmal-Kompatibilität, also aus gestalterischen Präferenzen, sei’s infolge Kaputtpflege durch nicht fachkundig ausgeführte Schnittmaßnahmen unqualifizierter Billigfirmen, sei’s einfach aus Versehen.

Für Nachpflanzungen fehlt den seit Jahrzehnten unterfinanzierten bezirklichen Grünflächenämtern das Geld, denn mit dem Kauf von Stämmlingen und dem Setzen ist es ja nicht getan: Mindestens zwei, besser drei Jahre braucht so ein Jungbaum Pflege, hauptsächlich in Form regelmäßigen Wässerns, insofern die jungen Straßenbäume auf einem für sie höchst unnatürlichen Standort wachsen müssen: mit oft viel zu kleinen Baumscheiben, die noch dazu als Park-, Abstell-, Müllplatz und Hundeklo missbraucht und dadurch verdichtet und vergiftet werden; inmitten einer versiegelten, ökologisch toten Fläche, die Regenwasser in Abwasser verwandelt und auch noch Hitze abstrahlt, wenn die Sonne längst untergegangen ist. Die Wurzeln im Boden werden mitunter von austretendem Erdgas malträtiert, vor allem aber bei Bauarbeiten durch vorschriftswidrige Abgrabungen, Grundwasserabsenkung etc. geschädigt. Wegen dieser widrigen Standortbedingungen erfordert ein Straßenbaum während seiner ohnehin stark eingekürzten Lebenszeit oft Pflegemaßnahmen, die fürs Gedeihen von Waldbäumen völlig überflüssig sind. Und die alles beherrschende Frage auf öffentlichem Straßenland ist die nach der Verkehrssicherheit.

Kottbusser Damm

Kottbusser Damm

Da verfängt kein Hinweis aufs allgemeine Lebensrisiko, höhere Gewalt oder der Vergleich mit dem besonderen Risiko, bspw. eine Straße zu überqueren oder in der Stadt Rad zu fahren: Wenn ein Ast den gewienerten Lack eines dicken Automobils beschädigt, ist sehr oft Schluss mit lustig und müssen sich die Bezirksämter langwierig mit Regressforderungen herumschlagen − Rechtsschutzversicherungen machen’s möglich −, und anders als die Bußgeldforderung bei ungenehmigter Fällung von Privat kann eine Schadenersatzleistung an Privat richtig teuer werden. Wenn einmal ein einzelner Mensch im Stadtgebiet tatsächlich verletzt wurde, zumeist bei Astbruch im Sturm, dient das GrünamtsmitarbeiterInnen noch Jahre später als anekdotischer Beleg für die in jedem großen Baum schlummernde latente Gefahr, was in der vielfach geäußerten Überzeugung gipfelt, „ständig mit einem Fuß im Gefängnis“ zu stehen.

Angesichts des hohen und vorm Hintergrund des Klimawandels weiter wachsenden ökologischen Werts von Straßenbäumen als Sauerstoffproduzent, Kohlendioxid-Konsument, Staubfilter, Schattenspender, Luftbefeuchter und Lärmschutz, ja als Remedium auch für die mentale Gesundheit und Aufrechterhaltung allgemeinen Wohlbefindens, welche gratis Serviceleistungen durchaus monetarisiert werden können, und der Tatsache, dass Bäume zahllosen anderen Lebensformen von Vögeln bis Mikroorganismen, von Farnen, Kletterpflanzen, Moosen bis Pilzen ein Habitat bieten, und dies durchaus auch, wenn sie krank, ja schon abgestorben sind, ist ein Perspektivenwechsel dringlich. Und mit dem Alter wächst i.d.R. der ökologische, natur- und artenschutzfachliche Wert eines Baums, und das Ersatzverhältnis von 1:1 bei einer unumgänglichen Fällung, das den Service im vollen Umfang erst der nachfolgenden Generation zugute kommen lässt, zeigt die schon lächerliche Willkür dieser Regelung.

Hinzu kommt die ästhetische Dimension, Prägung des Stadtlandschaftsbilds, was erholsam-beruhigende bis psychisch anregende Wirkungen zeitigt, doch sollte über all dem nicht der Eigenwert eines Baums als lebendiger, hochkomplexer Organismus, sein Selbstzweck unter ethischem Aspekt, nicht vergessen werden.

Kottbusser Damm

Kottbusser Damm

Andererseits stehen wir nach wie vor einer immer weiter gehenden finanziellen und personellen Austrocknung der staatlichen Institutionen gegenüber (ausgenommen, es geht um die „Sicherheit“ vor Terrorismus und Verbrechen oder gar Bankenrettung) und, weil es dafür kaum eine liquide Lobby gibt, wird ganz besonders bei den für Naturschutz und Grünflächen zuständigen Behörden, sei’s auf Bezirks- wie Landesebene, rigoros gespart. Dies wird von stetig verwässernden „Novellierungen“ des Natur- und Baumschutzrechts sowie aktuell des Baugesetzbuchs oder unseligen Verwaltungsreformen flankiert (Zusammenlegung der für Bau, Umwelt- und Naturschutz zuständigen Ämter, Verfahrensbeschleunigungsgesetz etc.) und mit stereotypen Verweisen auf leere Kassen, Haushaltslöcher und -sperren, angebliche Investitionshemmnisse, Bürokratieabbau u.dgl.m. gerechtfertigt.

Allein wenn wir sehen, wofür stattdessen hohe Summen an Steuermitteln aufgewendet, wofür Förderprogramme und Kompensations-Millionen missbraucht werden, fehlt uns der Glaube, dass die Kassen leer sind und wir seit einem Vierteljahrhundert Reallohnverzicht immer noch weiter sparen müssen, sehen vielmehr nur ein weiteres handgreifliches Symptom für den Irrweg neoliberaler Ideologie, der allen katastrophalen Fehlschlägen zum Trotz fortgeführten Privatisierung einst öffentlicher Güter und Dienstleistungen mit der Konsequenz geradezu explodierender Privatvermögen bei wachsender öffentlicher Armut und schrumpfender politischer Gestaltungsmacht.

Aber zurück zu unseren darbenden bzw. fehlenden Straßenbäumen. Stadtgrün ist längst ein harter ökonomischer Standortfaktor, insofern eine vegetationsreiche Umgebung nachweislich Arbeitsmoral und Leistungsmotivation befördert, ja die Lebenserwartung verlängert −, weshalb eigentlich quer durchs politische Spektrum gefordert werden müsste, dieser fatalen Tendenz sukzessiver Entgrünung unserer Straßen besonders in den dicht besiedelten, verkehrsreichen innerstädtischen Bezirken Einhalt zu gebieten. Und dass die BürgerInnen mittlerweile auch schon aus linksliberaler und „grüner“ Spektrum zu Selbsthilfe, Spenden, Patenschaftsübernahme und ähnlichem ermuntert werden, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dabei allenfalls um Symptombekämpfung gehen kann und das Grundproblem, die mangelnden Ressourcen für fachkundige Pflege, Erhalt und aktive, in Sachen Natur- und Artenschutz qualifizierte Förderung der existentiell wichtigen Stadtnatur, nicht angegangen wird.

Transpi in der Manteuffelstraße

Transpi in der Manteuffelstraße

Deshalb unterstützen die Bäume am Landwehrkanal die Forderung des BUND nach 10.000 neuen Straßenbäumen für Berlin, die Auflage eines entsprechenden Sonderprogramms sowie die Aufstockung des Grünflächenetats um wenigstens 60 Mio. Euro jährlich! Klarer Fall, dass die Mittel für Pflanzung und Pflege nicht etwa aus Sozial- oder Bildungsetat umgeschichtet werden dürfen −, aber wenn wir uns z. B. die eisern festgehaltenen Pläne des Senats vergegenwärtigen, sich (bei rückläufigem Verkehrsaufkommen) am Bau des 16. Abschnitt der A 100 vom Neuköllner Dreieck bis zur Elsenbrücke zu beteiligen, der mit 40.000 Euro der laufende Meter teuersten Autobahn der Geschichte, erkennen wir sehr deutlich die Möglichkeit ganz anderer Prioritätensetzung. Und mit Blick auf die im September anstehenden Wahlen sollten wir die programmatischen Aussagen der Parteien nicht zuletzt auch in dieser Richtung abklopfen.

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3 Kommentare

  1. Frage der Geldverteilung said,

    25. April, 2011 um 22:43

    Der Presse war bereits des öfteren zu entnehmen, dass aus den Geldern, die den bezirklichen Grünflächenämtern in Friedrichshain-Kreuzberg zur Verfügung stehen u.a. die Gehälter von StadträtInnen etc. bezahlt werden, anstatt sie konsequent für den Erhalt oder gar für die zeitgemäße Ausweitung des Stadtgrüns auszugeben.

    Vielleicht sollten diese Leute, mit deren Arbeit viele BürgerInnen sowieso seit Jahren unzufrieden sind, weniger Geld erhalten?

    Das Geld könnte dann sehr zur Freude der Allgemeinheit – und zur Freude der in der Stadt lebenden bedrohten Tierarten- in die grüne Stadtnatur investiert werden.

    • BaL said,

      29. April, 2011 um 21:22

      Etwas verspätet antworten wir mit obigem Foto eines treffenden Transpis −, doch die These, dass die StadträtInnen die chronisch knappen Grünflächenpflegemittel verknuspern, möchten wir denn doch bezweifeln…

  2. 27. April, 2011 um 7:05

    was für eine großartige aktion!!! ich werde den link weiterleiten und beim anblick leerer baumscheiben verstärkt auf die adresse achten …. hinzufügen möchte ich noch, dass in steglitz für die boulevard berlin baustelle (früheres wertheim) über 90 bäume gefällt worden sind …. eigentlich könnte man den (rest)-park auch für eine solche fragezeichen-aktion nutzen …


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