Tempelhofer Freiheit zwischen IGA und IBA

Vergangene und kommende Talk-Runden

Die „Hauptstadt“ als „Raumstadt“ und „Sofortstadt“… und dergleichen Wortspreu, direkt aus dem Windkanal des Kreativbrainstormings herangestöbert, hat das von von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung beauftragte Prä-IBA-Team in seinem Prä- oder Vorkonzept als Titel von „Spannungsfeldern“ geprägt, um Konzepte für eine dritte Berliner IBA (Internationale Bauausstellung), albernerweise IBAerlin ZwanzigZwanzig getauft, zu entwickeln − mit dem nach dringender Nachnutzung dürstenden Tempelhofer Feld als Kristallisationspunkt, aber auch mit über die Innenstadt verteilten Projekten und Events.

Selbstredend geht’s um nachhaltige Stadtentwicklung, Strategien der Anpassung an den Klimawandel, um Klimaschutz, mithin um innovatives Bauen, das klimagerecht, energie- und ressourceneffizient ist, aber auch auf die sozialen Herausforderungen antwortet, die im genannten Vorkonzept unterm Label „Polarisierung“ firmieren.

Zwei sog. IBA-Studio-Talks fanden schon statt, konnten allerdings noch nicht allzu viel zur Konkretisierung beitragen, ließen vielmehr in Teilen des Publikums die Frage aufkommen, ob man mit der Entwicklung, geschweige Befolgung dieser Strategien, ähnlich wie im Fall jener zu Stadtlandschaft oder Biodiversität, denn überhaupt noch bis 2020 Zeit habe. Und als gäbe es andererseits in der Stadt nicht bereits eine ganze Palette gelungener Projekte klimagerechten Bauens (SenGUV hat sogar die Erstellung einer Übersichtskarte gefördert), während der Erlass und die zeitnahe Implementierung verbindlicher Regularien für in diesem Sinn zukunftsfähiges Bauen sowie die gezielte und nicht bloß finanzielle Förderung entsprechender Modellprojekte kein Thema sind. Vielmehr werden munter möglichst lukrative Klein- und Großvorhaben genehmigt, die, wenn überhaupt, auf Klima- oder gar Stadtnatur- und Artenschutz allenfalls symbolisch Rücksicht nehmen oder auch nicht, wenn, wie in der Kastanienallee 63, Prenzlauer Berg, über hundertjährige Bäume, die der Errichtung einer Immobilie im gehobenen Preissegment im Wege stehen, auf Senatsgeheiß weggehauen werden, auch wenn sich dem sogar der zuständige Baustadtrat eine Weile entgegenstellen wollte: Wenn’s ums Geld geht, müssen der bezirklichen Eigenverantwortlichkeit umgehend [Samstag morgens] die Grenzen aufgezeigt werden, von den BürgerInnen zu schweigen.

Dritter Talk, Gegenvorschläge und -veranstaltungen

Kommenden Donnerstag, 24. März, steht in der Alten Zollgarage im Flughafengebäude nun der dritte Talk an, der sich ins Spannungsfeld „Raum als Stadtkapital − Von Boulevards, grünen Inseln und Grands Intérieurs“ begeben soll.

Die BündnisGrünen haben der vom Schwanz aufgezäumten Senatsplanung eigene Vorschläge entgegengestellt, zunächst aber kritisiert, dass vor der öffentlichen Enthüllung und wirklichen Debatte eines Gesamtkonzepts schon mal mittels der im Haushalt 2010/11 bereitgestellten Planungsgelder in Höhe von 3,5 Mio. Euro Managementstrukturen festgeklopft und allein für die Erschließung des Tempelhofer Felds drei Träger mit zehn- [oder sind’s 15?] jähriger Vertragslaufzeit ernannt worden sind: die Grün Berlin GmbH für die Unterhaltung der Grünanlage, eine Planungsgesellschaft für die bereits 2017 geplante Internationale Gartenausstellung (IGA) und sodann die Tempelhof Projekt GmbH, die mit einem Vorentwurf für den Gebrauch der „Tempelhofer Freiheit“ befasst ist.

Dagegen schlagen die Grünen vor, die Zukunftsgestaltung sozial benachteiligter Stadtquartiere wie das nördliche Neukölln ins Zentrum einer IBA zu stellen, mit dem ehemaligen Flughafengelände lediglich als Ergänzungsgebiet, und als Motto „Soziale Stadt im Klimawandel“ zu wählen.

Radikal radial!

Die 2009 an der TU gegründeten Initiative Think Berl!n, die, neben der Entwicklung benachteiligter Quartiere, über Themenfelder wie den Umgang mit den Potentialen der innerstädtischen Wasserlagen, der integrierten Entwicklung touristisch genutzter innerstädtischer Gebiete sowie über eine „vernetzte Betrachtung“ der Nachnutzung von Tempelhof und Tegel oder die Achse Hauptbahnhof − BBI nachdenkt, präsentierte schon letzten Herbst unterm etwas reißerischen Slogan Radikal radial! einen Vorschlag, der die „vielfachen Spaltungen zwischen Innenstadt und Außenstadt, vielleicht sogar zwischen Berlin und Brandenburg aufgreift und versucht zu lösen“.

Die grünennahe Heinrich-Böll-Stiftung plant unterm Titel IBA – Alles Tempelhof oder was? am nächsten Montag, 28. März, ihrerseits eine Podiumsdiskussion über diese verschiedenen Vorschläge und Entwürfe.

Wir möchten beide Veranstaltungen zum Anlass nehmen, um unsere Eindrücke von einer Präsentation der Tempelhof Pojekt GmbH noch nachzureichen, die bereits am 9. März im Stadtplanungsausschuss der BVV Tempelhof-Schöneberg stattgefunden hat und von den dortigen Bezirksverordneten, nun ja,  mit Zurückhaltung aufgenommen wurde.

Tempelhof Projekt im T’hof-Schöneberger Stadtplanungsausschuss

Präsentation Tempelhof Projekt GmbH

Präsentation des Tempelhof-Projekt-Teams im Rathaus Schöneberg

Da Berlin bekanntlich immer weltoffener und internationaler wird, hat dieser Entwicklung nicht zuletzt die Nachnutzung des Tempelhofer Felds zu genügen. In einem mehrstufigen Beteiligungsverfahren wurden die interessierten BürgerInnen online und offline einbezogen und wieder abgestoßen, im Call for Ideas eingegangene Nutzungsideen als unrealisierbar verworfen, um später unter gewandelter Urheberschaft wiederaufzutauchen, diverse umfängliche Planungswettbewerbe veranstaltet, und an jenem Mittwoch präsentierten nun VertreterInnen der Tempelhof Projekt GmbH − „ein Geschäftsfeld der Adlershof Projekt GmbH“ bzw. der senatseigenen Managementgesellschaft Wista mit Immobilienfachmann Gerhard Steindorf als Chef“ − im Stadtplanungsausschuss der BVV Tempelhof-Schöneberg den Masterplan für die „Gesamtentwicklung der Tempelhofer Freiheit“, sprich: für 300 ha ehemaliges Flugfeld und der monumentalen, denkmalgeschützten Abfertigungshalle von Sagebiel aus dem Jahr 1933 − mit über 300.000 m2 Bruttogeschossfläche immer noch viertgrößtes Gebäude der Welt.

Präsentation Tempelhof Projekt GmbH 01

Leitbildentwicklung bottom up?

Um kurz daran zu erinnern: Freiheit muss nicht notwendig mit Freiheit für verschiedenste Erschließungsmöglichkeiten oder mit der Luftbrücke assoziiert werden, wie die PlanerInnen suggerierten. Der Flugbetrieb hinderte auf dem fast 400 ha großen, ansonsten von menschlichen Eingriffen weitgehend verschonten Gebiet allein über hundert Brutpaaren der Feldlerche nicht, auf den ausgedehnten, nur periodisch gemähten zentralen Wiesenflächen ihre Bodennester zu bauen, während das südliche Areal Habitate für immer seltener werdende Vogelarten wie Steinschmätzer und Braunkehlchen bot. NaturschützerInnen hätten deshalb augenzwinkernd am liebsten für die Aufrechterhaltung des Flugbetriebs votiert, doch da selbst Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer noch 2007 vom später zum Unwort erklärten „Wiesenmeer“ sprach und einen ungestalteten Park mit naturnaher Nutzung des fürs Stadtklima hoch bedeutsamen Kaltluftentstehungsgebiet vorsah, durfte man hoffen.

Präsentation Tempelhof Projekt GmbH 02

Leitthemen

Bald darauf sorgten freilich Pläne, im Rahmen einer IBA von 2010 bis 20 gleich drei neue Stadtviertel in den Randbereichen zu errichten, für Ernüchterung, vorneweg das Columbiaquartier auf Kreuzberg/Neuköllner Seite, indem durch Nachweis von Baufeldern, etwa auch für Baugruppen, 1.500 Wohneinheiten für die gut verdienende Klientel aus der Kreativwirtschaft, wie sie sich etwa im nahen Bergmannkiez findet, entstehen sollten −, so jedenfalls unsere Stadtentwicklungssenatorin.

Präsentation Tempelhof Projekt GmbH 03

Wissen und Lernen

Angesichts des Wohn- und Büroraumleerstands bei Unterversorgung der dicht besiedelten Anrainerbezirke mit Bildungseinrichtungen, Sport- und Freiflächen konnte sich bekanntlich keiner der drei für das neue Viertel erwärmen. Die Pläne verschwanden erstmal in der Schublade, ohne dass dies dem Senatsinteresse an einer solchen Entwicklungsrichtung Abbruch getan hätte.

An die IBA-Idee knüpfte sich die der Ausrichtung der Internationalen Gartenschau (IGA) für 2017, wofür die Vorarbeiten 2013 beginnen sollen. In den Altbau- bzw. „Schmuddelkiezen“ Neuköllns (Bürgermeister Buschkowsky) wuchs darob die naheliegende Befürchtung, vom versprochenen „vielgestaltigen Blumenmeer“ durch Wohnquartiere des gehobenen Bedarfs abgeschottet zu werden.

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Präsentation Tempelhof Projekt GmbH 04

Sport, Wellness und Gesundheit

Nach „Aufspüren von Ideen und bestehenden Kraftfeldern“ haben die VertreterInnen der Tempelhof Projekt GmbH sechs Leitbilder für das Mammutunterfangen entwickelt:

  1. Wissen und Lernen − Bildungsquartier Tempelhofer Damm
  2. Sport, Wellness, Gesundheit − mit Blick auf den weiter expandierenden Gesundheits- und Vorsorgemarkt
  3. Saubere Zukunftstechnologie − Demonstrations- und Kompetenzzentrum Elektromobilität (die avisierte Ansiedlung des Maschinenbauers Jonas & Redmann, der Solarmodule und Elektro-Batterien fertigt, als Vorhut
  4. Bühne des Neuen, in welchem Zusammenhang Events wie die Modemesse Bread and Butter im Flughafengebäude den Türöffner machte zur Tempelhofer Freiheit als „Zentrum des Kreativen und Ort der Innovation“
  5. Interreligiöser Dialog, symbolisiert durch die unmittelbare Nachbarschaft von Kirchturm und Minaretten − ein religiöses Begegnungszentrum auf dem Tempelhofer Feld
  6. Integration der Quartiere unterschiedlicher sozialer Milieus mit einem Wirkungszusammenhang von der Stadt aufs Tempelhofer Feld und zugleich retour.
Präsentation Tempelhof Projekt GmbH 05

Saubere Zukunftstechnologien

Wir sehen, es wurden schon einige Vorschläge aufzunehmen versucht, auch bei der Konkretisierung bestimmter Leitbild-Aspekte. So gehe es bspw. im Osten nicht nur  um Ergänzung des Wohnangebots, sondern auch um die Stabilisierung des Oderstraßenquartiers. Doch die Leitidee einer verbesserten Bürgerbeteiligung, der übrigens die IBA u.a. folgen soll, scheint in diesen Leitbildern schon abgehakt.

Bereits ab April müsse der Sportflächenbedarf angemeldet werden, um die Anlagen in den nördlichen Randbereichen zu verorten. − Mit Vivantes gebe es Gespräche zur Einrichtung eines Gesundheitszentrums.

Präsentation Tempelhof Projekt GmbH 06

Bühne des Neuen

Das im Süden entstehende Gewerbegebiet bedürfe einer zusätzlichen verkehrlichen Anbindung, weshalb neben einer Brücke über die Bahntrasse der Bau eines neuen S-Bahnhofs sinnvoll erscheine. Und zur Frage, ob die geplante Bebauung die Kaltluftschneise beeinträchtige, werde es noch eine Veranstaltung geben. − Das klingt doch schon mal sehr beruhigend…

Projektleiterin Ines-Ulrike Rudolph ging auf die auf acht Hektar geplanten Zwischennutzungen ein, die auf drei Jahre begrenzt sein sollen und auch so was wie eine Rotation zwischen verschiedenen Standorten vorsehen. Dabei ist offenbar nicht nur an Biergärten und dergleichen, sondern auch an sportliche und kulturelle Nutzungen gedacht.

Skepsis überwiegt

Präsentation Tempelhof Projekt GmbH 07

Interreligiöser Dialog

Fraktionsübergreifend waren die Bezirksverordneten, wie schon angedeutet, nicht übermäßig angetan von den Darbietungen. Ralf Kühne von den Grünen erkundigte sich, wann man denn endlich den Gesamtentwicklungsplan mal zu Gesicht bekäme, bezweifelte großes Investoreninteresse hinsichtlich eines im Süden zu errichtenden Gewerbegebiets [auch Adlershof ist schließlich bei weitem nicht ausgelastet] und wunderte sich über die Zahl von 150 Gesprächen, die neben Experten und Politikern mit lokalen und gesellschaftlichen Akteuren geführt worden sein sollen. Für Tempelhof-Schöneberg stimme das jedenfalls nicht. Geld habe der Senat nicht mal zur Behebung der baulichen Mängel der bestehenden Landesbibliothek, geschweige für die Errichtung einer neuen. Kühne empfahl eine Anpassung der Visionen an die vorhandenen finanziellen Mittel. − Sein Parteikollege Oltmann forderte ein dreiviertel Jahr Zeit zum Studium der Unterlagen, bevor man sich im Ausschuss erneut mit der Gesamtplanung befasse.

Bezirksverordneter der CDU erinnert an den naturnahen Park

Präsentation Tempelhof Projekt GmbH 08

Integration der Quartiere

Auch Ausschussmitglied Olschewski (CDU) verneinte ein dringliches Planungsbedürfnis mit Hinweis auf den Umstand, dass für die nächsten fünf Jahre die Investitionsplanungsmittel ausgeschöpft seien, und verwunderte sich auch als erster darüber, dass die naturnahe Parkanlage im Zentrum mit ihrer stadtklimatisch so wichtigen Funktion eines Kaltluftentstehungsgebiets, das nun doch offenbar zu zwei Dritteln umbaut werden solle, die Präsentation kein Wort verloren habe. Auch vermisste der BzV ein schlüssiges Verkehrskonzept für Großevents im Flughafengebäude, bezweifelte gleichermaßen eine hinreichende Einbeziehung der lokalen Bevölkerung und regte an, „relativ bald eine Bürgerversammlung“ zu veranstalten, damit nicht immer nur reagiert werden könne.

Die PlanerInnen räumten ein, dass es noch gar keine Ansätze in Richtung technischer Ausführung gebe, dass die versuchsweise Konkretisierung ihrer Leitbilder aber auch eine Kostenvorausschau ermöglichen sollten, dass jedoch noch viel Diskussion nötig sei und der Prozess wohl auch erst in der nächsten Legislatur in Gang kommen könne. Die Laufzeit des Projekts sei ohnehin auf 15 Jahre veranschlagt, und allererst müsse das Steuerungsgremium mit u. a. Wowereit und Frau Junge-Reyer den Gesamtentwicklungsplan ja erstmal freigeben.

Weiterer Vorschlag: Zukunftsfähige Landwehrkanal-Sanierung und IBA

Präsentation Tempelhof Projekt GmbH 09

Tempelhofer Park - Kraftzentrum für Leitbildthemen

Abschließend möchten wir noch an einen Vorschlag aus der Anfangszeit des Mediationsverfahrens „Zukunft Landwehrkanal“ erinnern, als die BürgerInnenseite eine integrierte Gesamtplanung unterm Stich- und späteren Unwort „Masterplan“ forderte, die eben auch Projekt im Rahmen einer IBA sein könnte. Indem die Idee der Entwicklung eines solchen Gesamtplanungskonzepts als nicht zur Thematik des MV „Zukunft[!] LWK“ gehörig outgesourct wurde und sich, und von SenStadt ausgerechnet den Bezirken  aufgehalst [kommunale Selbstverantwortung! (s.o.)] offiziell im Nichts verlor (gleichwohl de facto etwa im Kriterienkatalog fortwirkt und perspektivisch auch die UVS leiten muss) und nun die Radialradikalen von „Think Berl!n“ fordern, auch die Potentiale der innerstädtischen Wasserlagen in den IBA-Blick zu nehmen, so gilt das u.E. noch viel mehr für die innerstädtischen Wasserstraßen, sowohl unter den Aspekten von Klimaschutz/Adaption an den urbanen Klimaeffekt (→ Förderung emissionsfreier Mobilität zu Wasser per Solarschifffahrt und zu Lande − Uferradwanderwege/Aufforstung des ufernahen Baum- und Gehölzbestands zum Schattenspenden, Luftfiltern, CO2-Absorbieren, O2-Produzieren etc.) und Förderung der Potentiale dieser Lebensadern nicht zuletzt für Stadtnatur- und Artenschutz.

BI/Verein BaL fragen deshalb an dieser Stelle nachdrücklich, warum der LWK im Kontext einer IBA nicht als Grüne Magistrale entwickelt werden sollte, die neben Klima- und sozioökologischer Gerechtigkeit auch den Schutz der Biodiversität als Leitthema aufnimmt?

Artenschutz erst ab 2020?

Denn es muss doch frappieren, dass neben dem Schutz des Klimas jener der Artenvielfalt bei nachhaltigem Bauen und zukunftsfähiger Stadtentwicklung nicht mal mehr auf der symbolischen Ebene eine Rolle spielt und als Leitidee überhaupt nicht vorkommt −, als wäre selbst nach verlorenem Count Down 2010 zur Eindämmung der rasanten Artenvernichtung und seiner prompten Verlängerung zum Jahrzehnt der Biodiversität bis 2020 noch immer keine Kunde von der Artenvielfalt auch und gerade im urbanen Raum und der dringenden Notwendigkeit und verdammten Pflicht ihres Schutzes zu den StadtplanerInnen gedrungen.

Stadtnatur als Randthema

Präsentation Tempelhof Projekt GmbH 10

Gesamtentwicklung der Tempelhofer Freiheit

Es ist offenbar nicht so einfach zusammenzudenken, dass einerseits das galoppierende Artensterben Konsequenz fossiler, Ressourcen verschwendender Industrialisierung (zumal der Landwirtschaft) und immer wachsender Urbanisierung ist, sich aber andererseits gerade in den größeren Städten und zumal den Metropolen in Park- und Friedhofsanlagen, Stadtwäldern und Kleingärten, vor allem aber auf Brachflächen, in Baunischen und -lücken, entlang von Bahntrassen und halbwegs naturnah belassenen Wasserläufen, Seen und Teichen ein Artenreichtum findet, der dem in Naturschutzgebieten kaum nachsteht, wenn auch natürlich mit ganz anderer Zusammensetzung und Spezifik.

Nicht von Ungefähr gibt es besonders in Berlin, u.v.a. Hauptstadt der Fledermäuse, z. B. auch mehr Nachtigallen als in ganz Bayern, bietet der infolge einer wechselvollen Geschichte wenigstens noch streckenweise nicht fugendicht sanierte Stadtraum nach wie vor auch der einstigen Allerweltsart Haussperling − aus Städten wie Hamburg oder London so gut wie verschwunden − noch immer ideale Lebensbedingungen, und auch sein Vetter, der Feldsperling, hat eine regelrechte Landflucht angetreten. Zu den über 120 Brutvogelarten im Stadtgebiet zählen seit einigen Jahren auch Sturm- und Silbermöwe! Projekte wie Artenschutz am Gebäude bzw. „Lebensraum Haus“ müssen unbedingt weitergeführt und ihre Lösungen in artenschutzgerechtes Bauen integriert werden, denn die energetische Sanierung droht sonst, Habitate von Nischen- und Höhlenbrütern, Fledermäusen etc. weiter zu vernichten.

Präsentation Tempelhof Projekt GmbH 11

Meilensteine zur zukünftigen Entwicklung

Unnötig zu sagen, dass natürlich nicht im Entferntesten jede Pflanzen- oder Tierart in Großstadt und Ballungszentrum zu überleben vermag. Neben dem Mangel an geeigneten Biotopstrukturen und ausreichend großer Lebensräume ist das gravierendste Problem vorhandener Populationen die Verinselung ihrer Habitate infolge unüberwindlicher Barrieren aller Art: Verkehrswege, Mauern, versiegelte Flächen, Störungen durch verschiedenste Formen menschlicher Eingriffe etc. −, mit negativen Auswirkungen für die Variation innerhalb des Genpools der jeweiligen Arten, deren isolierte Vorkommen sich nicht austauschen und dadurch mittelfristig wegen zunehmender Erbschäden nicht überleben können.

Insofern müssen nicht nur landesweit (→ Bundeswildwegeplan), sondern endlich auch innerstädtisch Konzepte zur Biotopverbindung, Grünflächenvernetzung und Schaffung von Verbindungsbiotopen entwickelt, erprobt und konsequent umgesetzt und nicht im Gegenteil die wenigen noch bestehenden fast täglich gedankenlos zerstört werden.

Die jahrzehntelang von engagierten BürgerInnen (BI Westtangente) verteidigte Vision der Grüntangente, aus dem schließlich die Planung eines Nord-Süd-Grünzug wenn nicht vom Potsdamer Platz, so wenigstens vom Gleisdreieck bis zum Südgelände emanierte, hat schon etliche Federn lassen müssen und soll anscheinend unter der Hand sukzessive doch noch vom intendierten Landschafts- zum metropolitanen Stadtraum mit repräsentativen botanischen Ornamenten umgeplant werden, entsprechend den Vorstellungen, wie sie im vergangenen Jahrhundert im Schwange waren.

Kampf gegen das Artensterben wird im urbanen Raum entschieden!

Präsentation Tempelhof Projekt GmbH 12

Tempelhofer Freiheit - Raum für Pionierprojekte

Demgegenüber ist inzwischen schon Gemeinplatz, dass der sog. ökologische Fußabdruck einer industriegesellschaftlichen Metropole um ein Vielfaches nicht nur über ihre, sondern über die Landesgrenzen hinweg reicht, weshalb auch in Bezug aufs Stoppen des Artensterbens nicht nur eine moralische Pflicht, sondern in wohlverstandenem menschlichen Eigeninteresse auch eine ökonomische Notwendigkeit besteht − neben dem schnellstmöglichen Einstieg in eine regenerative Kreislaufwirtschaft − den mit ihren Lebensräumen auf dem Land vernichteten Arten, sofern sie sich in den urbanen Raum flüchten können, hier in zu schützenden bestehenden oder sich eigendynamisch spontan entwickelnden Refugien Asyl zu gewähren, das so weit wie möglich planerischer Gestaltung entzogen bleibt. Die Frage der Nachverdichtung, des Baulückenschließens und gar der Umgang mit Bahntrassen und Gewässerufern ist unter diesem Aspekt sorgsam abzuwägen!

Die jüngste ornithologische Kartierung des Tempelhofer Felds hat übrigens gezeigt, dass sein Charaktervogel, die Feldlerche, mit nach wie vor ca. 120 Brutpaaren die jetzige Freizeitnutzung − Joggen, Radeln und Skaten auf den alten Rollbahnen und Taxiways, Kiting, Land Surfing usw. − offenbar toleriert. Die selten gewordenen oder gar vom Aussterben bedrohten Arten wie Steinschmätzer, Braunkehlchen oder Wiesenpieper im Süden, ein sogar eingezäunter Naturschutzbereich, der jedoch in die Nachbarschaft eines Gewerbegebiets gerät, sollen hingegen schon auf Grund der derzeitigen Publikumsfrequenz so gut wie verschwunden sein…

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