Rettet die Bäume am Gendarmenmarkt!

Turbo-Partizipation von Gothes Gnaden eine Farce

Kommt am Dienstag, 25.1. um 16 bzw. 18 h ins Konzerthaus!

Schicksal der Ahorne geht in die entscheidenden Runde

Gendarmenmarkt

Blick durch Ahorn-Kronen auf den Dom | ©dpa

Update 21.01.: Die vier Varianten wurden, wie angekündigt, erst heute der Presse [hier + hier] und online enthüllt und sind mit derart suggestiven so genannten Abstimmzetteln bestückt [vor allem natürlich jenem  zur baumschonenden „Variante D“, die angeblich fast nur eine Latte Nachteile aufweist und 1:6 verliert], dass sich mensch jetzt nicht auch noch im Rahmen von zivilgesellschaftlicher Partizipation zu bloßem Stimmvieh degradieren lassen sollte, das nicht mal einer einzigen wirklichen Diskussion (nur Podiumsdiskussion mit anschließendem Fragenstellen!), geschweige ausreichender Zeit für einen Diskurs auf Augenhöhe zur umfassenden Meinungsbildung gewürdigt wird! (Und überdies soll’s nurmehr um die Nordseite gehen und das Schicksal der Bäume auf der zum Dom [siehe Foto] demach schon besiegelt sein…) − Bitte kommt/kommen Sie also zahlreich und massenhaft am Dienstag, 25. Januar, ab 16 oder wenigstens 18 Uhr ins Konzerthaus (ehem. Schauspielhaus) und protestiert/protestieren Sie gegen derlei gehirnwaschende Beteiligungsbeschleunigungsmasch(in)e! [Siehe auch BUND-Aufruf und Pressemitteilung.]

Hintergrund

Der angekündigte Kahlschlag hatte vergangenen Sommer einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, Spontandemos, Relax-ins, eine Welle von Solidaritätsadressen, Proteste von AnwohnerInnen, Gewerbetreibenden, Naturschutzverbänden und vielen Gästen der Stadt, und im Nu rund 23.000 Menschen veranlasst, sich gegen die geplante Fällung von knapp 130 gesunden Kugelahornbäumen auf dem Gendarmenmarkt in Mitte in die Unterschriftenlisten des Vereins Freunde und Förderer des Gendarmenmarktes einzutragen.

Für sechs Millionen Euro solle der Platz und sein schadhaftes Pflaster im Interesse von Tourismus, barrierefreiem Verkehr und Schankbetrieb ausgewechselt, umgestaltet und im Niveau abgesenkt werden, hatte Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) verlautbart. Dafür müssten die ohnehin zu niedrigen Bäume, die Baudirektorin Regula Lüscher zufolge für eine „räumlich bedrückende, beengte Atmosphäre“ sorgen und auch noch den Blick auf den Französischen Dom verstellen, sämtlich fallen.

Man werde aber neue pflanzen, größere und schönere wie ja allenthalben im Bezirk, siehe Monbijou-Park, Schinkelplatz und Friedrichswerder*, und überhaupt könne Mitte als einziger Berliner Bezirk auf eine positive Baumbilanz verweisen. − Nun ja, für 2010 soll es damit nicht mehr so weit her sein und könnte, selbst wenn dem so wäre, eine derart unwürdige Entsorgung gewachsener Stadtnatur in keiner Weise rechtfertigen, noch dazu in Zeiten, wo Anpassung an Hitzeperioden, den städtischen Klimaeffekt sowie Schutz vor Staub und Lärm dringend geboten sind, und überall sonst den Bezirken das Geld für Nachpflanzungen fehlt.

Angesichts der massiven Proteste − Lea Rosh drohte sich anzuketten! − lenkten Senatsverwaltung und Baustadtrat, schon um sein Bild in den Annalen besorgt, im August letzten Jahres schließlich ein, und Gothe versprach, Varianten erarbeiten zu lassen, „wo die Kugelbäume zum größten Teil erhalten bleiben“. − Christian Hönig, Baumreferent beim BUND Berlin, blieb schon damals skeptisch: „Ich glaube das erst, wenn ich ein Konzept sehe, aus dem hervorgeht, dass die Bäume erhalten bleiben“, sagte er der taz und wie es jetzt aussieht, war seine Skepsis nur allzu berechtigt.

Fragwürdige Aufgabenstellung des Baumgutachtens

Senat und Bezirk spielten, damit sich der Zorn abkühle, zunächst mal auf Zeit. Stadtrat Gothe ließ vom Sachverständigen Wolf-Dieter Hirsch ein Baumgutachten erstellen − 117 der Bäume erwiesen sich als völlig gesund − und beauftragte noch ein weiteres zum Pflasterbelag, hatten doch Leute vom Fach die Meinung geäußert, der ließe sich schon für schlappe 90.000 Euro behutsam erneuern.

Die Aufgabenstellung der Baumexpertise beeinflusste indessen schon in hohem Maß das gewünschte Ergebnis, zumal in Punkt 3, wenn es heißt: „Es soll eine Aussage zum Biovolumen der vorhandenen Bäume gemacht werden im Vergleich zu alternativen Baumarten.“ − Dass kleine Bäume weniger Biomasse haben als große, klingt fürwahr plausibel, aber den ökologischen und naturschutzfachlichen Wert eines ausgewachsenen Baumbestands sollte man durchaus noch nach anderen Parametern taxieren, etwa nach Überschirmungsgrad und Schattenwurf und damit der Wirkung aufs Mikroklima, seiner Funktion als Habitat, Nahrungsquelle und Rückzugsraum für eine Vielzahl von Vögeln und Kleintieren, vom ästhetischen und Aufenthaltswert gar nicht zu reden. Der Sachverständige aber sollte sich schon mal um die Möglichkeit der Verpflanzung Gedanken machen, konnte so jedenfalls kaum unvoreingenommen und pro Baumerhalt begutachten.

Beteiligungsfarce

Was nun aber Organisation und Durchführung der entscheidenden Veranstaltung zur BürgerInnenbeteiligung, des 4. Bürgerforums am 25.1. angeht**, bleibt uns nur Kopfschütteln: Vier Konzepte sollen von den Landschaftsarchitekten Rehwaldt ausgearbeitet worden sein: mit Nullvariante und Kahlschlag nebst paar Ersatz-Solitären als die beiden Extreme und zwei Versionen, die einige Baumreihen verschonen, dazwischen.

Einzelheiten aber werden im Web und gegenüber der Presse erst am 21. Januar enthüllt und nicht mal eine Woche später, nämlich bereits am 25.1., soll ab 16 Uhr im Foyer des Schauspielhauses Interessierten das Für und Wider der vier Konzepte erläutert werden; dann sollen nur zwei Stunden später in einer Podiumsveranstaltung um 18 Uhr ein Dutzend Delegierte kurz ihre jeweiligen Positionen darstellen können und anschließend ad hoc ein Meinungsbild erstellt werden, wie bleibt unklar, doch es gibt jedenfalls nicht mal so etwas wie eine öffentliche, geschweige ergebnisoffene Diskussion, nur den durchsichtigen Versuch, das gewünschte Resultat durchzupeitschen. − Das Abstimmungs(?)ergebnis soll dann für Baudirektorin Lüscher, Stadtrat Gothe und das Büro Rehwaldt „bindend“ sein, aber eben nicht „verbindlich“, will sagen: wirklich festgelegt sind Verwaltung und Planer dadurch noch lange nicht.

So kann Beteiligung nicht gelingen

Doch davon ganz abgesehen, verletzt dieses Vorgehen kardinale Anforderungen an eine echte zivilgesellschaftliche Partizipation, indem etwa eine frühzeitige und umfassende Information nicht stattfindet, Entscheidungsabläufe intransparent bleiben, die BürgerInnen ihre Interessen, Bedürfnisse, Wünsche und Vorschläge gar nicht erst artikulieren können und schon gar nicht in einem Diskurs auf Augenhöhe mit jenen, die doch in ihrem Dienst stehen und verpflichtet sind, fürs Allgemeinwohl zu sorgen.

Die Regularien dieses Zerrbilds von Beteiligungsverfahren sind völlig unklar, werden einseitig und nach Gutdünken vom Vorhabenträger fest- bzw. zurechtgelegt und entwerten damit von vornherein das Ergebnis. Alle Erfahrung zeigt, dass Abstimmungen in Fragen der Stadtentwicklung und -gestaltung in keiner Weise zielführend sind, wenn es nämlich um die allgemeine Akzeptanz und damit den nachhaltigen Bestand der umgesetzten Konzeptionen gehen muss. Hier ist ein breiter Konsens unabdingbar. − Aber vielleicht wird ja auch gar nicht abgestimmt: wir wissen so wenig…

Kommt am 25. Januar, 16 Uhr ins Schauspielhaus!

Dennoch möchten wir an dieser Stelle BerlinerInnen wie Gäste, BaumfreudInnen und Engagierte dringend aufrufen, wenn Sie es denn einrichten können: Kommen Sie am 25.1. ab 16 Uhr ins Schauspielhaus (Eintritt ist frei!) und machen Sie ab 18 Uhr deutlich, was Ihnen einer der schönsten Plätze unserer noch Grünen Metropole und ihre zukunftsfähige Entwicklung unter echter Beteiligung ihrer BürgerInnen wert sind. Hier geht es über den reinen Baumerhalt hinaus – rund 1000 verliert die Stadt alljährlich – um den Erhalt eines einzigartigen, von so vielen über die Maßen gerühmten Ambientes, und es ist in den beiden Jahrzehnten seit der Wende wahrlich schon genug einer völlig verfehlten und überholten, bürgerInnen- und stadtnaturfernen, kulturlos-geschichtsvergessenen Metropolitanisierung geopfert worden!


*2005 zu Zeiten des Außenministers Joseph Fischer wurde in der Nachbarschaft seines Amtssitzes für das Projekt Berlin Townhouses gleich ein ganzer, nämlich der Friedrichswerdersche Grünzug plattgemacht.
**Über die Besetzung der drei vorangegangenen findet sich nichts auf der Senatsseite; von einem Kahlschlag war jedenfalls auch auf dem 3. Forum am 23.03.10 noch keine Rede.

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2 Kommentare

  1. Anne Lahr said,

    24. Januar, 2011 um 19:06

    Freunde –
    Anfang der 80er Jahre wurde der Platz schon einmal „neu“ gestaltet. Damals wurden alle jungen Bäume (Platanen) entsorgt und durch die heutigen Ahorne ersetzt. Alle Platanen – bis auf eine – landeten sonstwo.
    Mein Sohn, damals Steinmetz am Dom wollte wenigstens einen Baum retten und brachte ihn auf dem Autodach nach Hause. Wohin damit? Irgendwo einpflanzen.
    Heute steht ein prächtiger Baum zu dicht am Haus, Platanen sind keineswegs Bäume für einen Garten, weiß ich inzwischen auch.
    Ich verfolge interessiert die Situation am Gendarmenmarkt, morgen kann ich nicht dabei sein. Ansonsten – jede Unterstützung. Herzlich Anne Lahr

  2. 19. Februar, 2011 um 10:41

    Die Angst der Bäume: Baum ist nicht gleich Baum. Alter Baumbestand ist nicht durch Besenstiele mit Zweiglein zu ersetzen. Aber jeder angewurzelte Besenstiel wird in der Statistik als Baum auftauchen. Das rücksichtslose Plattmachen eines Landschaftsbildes kann nicht zugemutet werden mit den Worten .“Warte 30ig Jahre, dann ist das Landschaftsbild wiederhergestellt“. Sogar auf Usedom heißt es : Rettet die Bäume von Usedom. Auf http://www.kunsthof-usedom.de wird gezeigt: Für den Schutz alter Bäume muss eine neue ästhetische Form gefunden werden. So erhält die Angst der Bäume ein Gesicht. So in Erfurt, Dresden, Celle, Plauen, Berlin, die Liste der aktuellen Kettensägenangriffe ist nicht vollständig.


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